Das Meer war an diesem Tag von einem schönen dunklen Blau. Wenn eine Woge sich aufbäumte und mit gischtigen Fingern nach der Brandung griff, entstand, kurz bevor sie zusammenbrach, ein wunderbares Grün direkt unter dem Scheitelpunkt der Welle. Erik Wolf zwang sich, immer wieder nach diesem Grün Ausschau zu halten. So konnte er sich dem Meer zuwenden und versuchen, das zu ignorieren, was hinter seinem Rücken geschah und wofür er sich am liebsten bei der kompletten Nordsee entschuldigt hätte.

Es war ein früher Sonntagmorgen. Die Hochsaison war vorbei, die Nachsaison brachte zwar noch viele sonnige Tage, aber sie begannen nicht mehr leuchtend blau, sondern grau und verhangen. Auch dieser Morgen hatte sich durch einen Dunstschleier ans Licht gedrängt, jetzt aber stand er in einem klaren Grau über ihnen, das nicht weniger schön war als das Blau des Hochsommers. Deswegen war Erik bereit gewesen, seinen ersten freien Tag nach der Ankunft seiner Schwiegermutter auf Sylt mit einem Strandspaziergang zu beginnen. Mamma Carlotta hatte es sich gewünscht, und er war gern darauf eingegangen. Sogar die Kinder hatten sich bereit erklärt, ihrer Nonna zuliebe sonntags früh aufzustehen, und sich, ohne zu murren, ihre winddichten Jacken übergezogen.

Am Kliffkieker waren sie zum Strand hinabgestiegen und wanderten nun gen Norden. Erik liebte es, wenn der Strand noch menschenleer war. Er genoss die Stille, die in Wirklichkeit alles andere als still war, liebte das Getöse, mit dem die Brandung an den Strand schlug, denn still waren sie trotzdem, diese frühen Stunden am Meer, in denen nur die Natur lärmte und alles andere schwieg.

So jedenfalls hatte Erik sich diesen Spaziergang vorgestellt. Schweigend, den Blick aufs Meer gerichtet oder in den Himmel, mal auf die Füße, um zu beobachten, wie sie sich in den Sand gruben, oder zurück, um die Spur zu verfolgen, die sich hinter ihnen aufreihte.

Die Strandspaziergänge, die er mit Lucia gemacht hatte, waren so gewesen. Seiner Frau war das Schweigen genauso schwergefallen wie ihrer Mutter, aber angesichts der Weite des Strandes und des Meeres war auch sie verstummt, hatte ihre Hand in seine geschoben und ihre Verbundenheit schweigend genossen. Damals hätte er es nie für möglich gehalten, dass einmal etwas so Zufälliges wie die kurze Unaufmerksamkeit eines Lkw-Fahrers ihre tiefe Verbundenheit zerstören könnte.

Er kniff die Augen fest zusammen, um Lucias Bild wegzudrängen. Schlimm genug, dass die Stimme in seinem Rücken ihn so sehr an Lucia erinnerte, dass es wehtat. Da half es gar nichts, die Ähnlichkeit zu leugnen, nur weil Lucia in einem Moment wie diesem geschwiegen hätte.

»Il mare! Magnifico! Wie majestätisch!«

Noch immer wandte er sich nicht um, weil er sich nicht zusätzlich zur lauten Stimme, zum Pathos und zum Tempo, mit dem die Worte seiner Schwiegermutter von der Zunge rollten, auch noch über ihre großen Gesten ärgern wollte. Und auf keinen Fall wollte er Mamma Carlotta bewundern, obwohl es schon erstaunlich war, über welchen Wortschatz sie mittlerweile verfügte. Erst recht, wenn man berücksichtigte, auf welche Weise sie die deutsche Sprache erlernt hatte: ohne Lehrbuch, ohne Sprachtrainer, ohne Vokabelhefte oder das Lernen unregelmäßiger Verben. Carlotta Capella hatte Deutsch gelernt, indem sie mit Lucia und den Kindern am Telefon redete, und hatte ihre Sprachkenntnisse verbessert, als ihr Nachbar eine Deutsche heiratete, die sich gern in ihrer Muttersprache unterhielt. Über die Grammatik lernte sie erst etwas, als Carolin beschloss, Lehrerin zu werden, an ihrer Großmutter ihr späteres pädagogisches Wirken trainieren wollte und ihr viele schriftliche Aufgaben nach Umbrien schickte, deren Lösungen sie später am Telefon gewissenhaft überprüfte.

Erik Wolf, der vierzehn Jahre jünger war als seine Schwiegermutter, war sicher, dass es ihm niemals gelungen wäre, auf gleiche Weise Italienisch zu lernen. Er konnte sich nur mühsam verständigen, wenn er in Umbrien war, obwohl Lucia sich große Mühe gegeben hatte, ihn mit ihrer Muttersprache vertraut zu machen, damit er sich mit den vielen Tanten, Onkeln, Cousins und all den anderen Mitgliedern des riesigen Capella-Clans unterhalten konnte. Er hatte es nicht geschafft. Und irgendwann war er sogar froh gewesen, dass er der Einzige war, dem es nachgesehen wurde, schweigend einer lautstarken Diskussion beizuwohnen, ohne sich einzumischen, oder einfach nur dabeizusitzen und an etwas anderes zu denken. Nach dieser Erkenntnis hatte er seine Bemühungen gänzlich eingestellt und war dankbar gewesen, dass niemand mehr versuchte, ihn in ein Gespräch zu ziehen, das ihn schon beim Zuschauen schwindelig machte.

»Dieser herrliche Strand!«, hörte er in seinem Rücken. »Ohne die vielen Strandkörbe gefällt er mir noch besser! Nur dieser graue Himmel! So etwas gibt es in Italia nicht. Und die Sonne …«

Erik hörte ein verächtliches Schnalzen. Bei allem, was Carlotta mittlerweile an Sylt liebengelernt hatte – mit der Dauer und der Kraft des Sonnenscheins war sie nie zufrieden.

»Carolina! Wird in deinem Chor auch ein Lied über das Meer gesungen?«

Nein, nicht auch das noch! Seit Carolin dem Inselchor beigetreten war und daraufhin den Beschluss gefasst hatte, später Sängerin zu werden, gab es im Hause Wolf keine ruhige Minute mehr. Dabei war auf Carolins Einsilbigkeit bis dahin stets Verlass gewesen, sie war eben ganz Eriks Tochter. Es reichte, dass Felix genauso lärmend war wie seine italienischen Vorfahren und genauso gern und laut redete wie sie. Erik war immer dankbar gewesen, dass aus Carolins Zimmer selten ein Laut drang und dass sie stundenlang schweigend neben ihm sitzen konnte.

Neuerdings aber sang sie. Sehr laut, sehr enthusiastisch und vor allem den lieben langen Tag. Wenn er sich anfänglich noch über die hübsche klare Stimme seiner Tochter gefreut hatte, so war es damit bald vorbei gewesen. Manchmal war er sogar drauf und dran, ihr zu verraten, wie wenig er daran glaubte, dass ihr Talent für eine Karriere ausreichte. Aber dann brachte er es doch nicht übers Herz und hoffte, dass ihr diese Erkenntnis irgendwann selbst kommen würde. Hoffentlich bald!

Das wiederholte er leise, als Carolin anstimmte: »Wir lieben die Stürme, die brausenden Wogen, der eiskalten Winde raues Gesicht …«

Erik sah sich um. Hoffentlich war kein Bekannter in der Nähe, der mitanhören konnte, wie Carolin gegen die Brandung ansang. Und dass jemand ihre Gesangsdarbietung beobachtete, wollte er erst recht nicht. Denn Carolin sang nicht nur sehr laut und unbekümmert, sondern machte auch vor den Posen einer Operndiva nicht halt. Kein Zweifel, die Mitgliedschaft im Inselchor tat ihrem Selbstbewusstsein gut, darüber hätte sich Erik eigentlich freuen sollen. Und seit sie wusste, dass sie bei dem sehnsüchtig erwarteten Chorwettbewerb ein Duett mit der Solosängerin bestreiten würde, war ihr Selbstwertgefühl noch weiter gestiegen. Nachdem sich herausgestellt hatte, dass sie als einziges Chormitglied Noten lesen und vom Blatt singen konnte, ärgerte sie sich nicht einmal mehr über ihren Bruder, der sich über das Volkslieder-Repertoire des Inselchors lustig machte. Nein, Carolin stand zu ihrer Entscheidung, den grünen Wald und die Vögelein darin zu besingen oder eben die brausenden Wogen.

Erik konnte nicht umhin, seine Tochter für ihre aufrechte Haltung zu bewundern. Trotzdem wäre es ihm lieber gewesen, sie hätte sich für die Musik von Amy Winehouse oder Britney Spears begeistert. Er wollte eine ganz normale Tochter, die sich so verhielt wie ihre Klassenkameradinnen. Während der paar Monate, in denen Carolin unbedingt Schriftstellerin werden wollte, hatte ihn schon ihre Schwärmerei für Günter Grass befremdet. Kein Wunder, dass Carolin so wenig Kontakt zu Gleichaltrigen hatte. Wer keine einzige CD von Tokio Hotel besaß und von Rockmusik weniger verstand als der eigene Vater, der war zum Außenseiter verdammt. Der Chorwettbewerb des Inselchors würde Carolins Beliebtheit nicht steigern. Und das Schlimmste war, dass ihr das vermutlich völlig gleichgültig sein würde.

Erik entfernte sich ein Stück, um Abstand zu seiner Tochter und seiner Schwiegermutter zu gewinnen. Er würde sich ihnen erst wieder nähern, wenn sämtliche Strophen von »Wir lieben die Stürme« heruntergesungen waren.

Erfreut stellte er fest, dass Felix ihm folgte. Dem war die Singerei noch lästiger als dem Vater, der sich immerhin einen großen Teil des Tages im Polizeirevier Westerland aufhalten durfte, während Felix dem Gesang seiner Schwester viel häufiger ausgesetzt war. Zu Hause erschlug er jedes Volkslied mit seiner Heavy-Metal-Musik, doch am Strand konnte er nichts anderes tun, als abzuwarten, bis das Lied zu Ende war.

»Ich gehe mal eben nach oben in die Dünen«, sagte Erik. »Ich hätte ganz gern ein paar Minuten meine Ruhe.«

»Ich auch«, erklärte Felix.

Erik lächelte. »Für dich kann es doch sonst gar nicht unruhig genug sein.«

»Ich kann Volkslieder aber nicht leiden.«

»Ehrlich gesagt, ich auch nicht.«

Mamma Carlotta reckte den Hals, wandte sich aber beruhigt wieder Carolin zu, als sie sicher sein konnte, dass Erik und Felix sich nicht heimlich davonmachen wollten. Sie mochte es nicht, wenn sich jemand absonderte, und holte über kurz oder lang jeden in den Kreis der Familie zurück, der sich daraus entfernt hatte. Lange konnte es nicht dauern, bis sie nach ihnen rufen und vorwurfsvoll fragen würde, ob es etwa irgendwo etwas Wichtigeres gäbe als Carolins Gesangskarriere.

Erik blieb stehen, als er das erste Dünengras niedergetreten hatte. Unten wurde mittlerweile im Duett gesungen, und er war froh, sich so weit von dieser Entgleisung entfernt zu haben, dass er notfalls behaupten konnte, das junge Mädchen und die italienische Signora überhaupt nicht zu kennen.

Er hätte es sich ja denken können, dass Mamma Carlotta von Carolins Sangesfreude im Nu angesteckt sein würde. Sie war Italienerin, und als solche sang sie von Natur aus gerne. Auch Lucia hatte häufig ein Lied auf den Lippen gehabt. Und im Haus ihrer Eltern in Umbrien hatte immer jemand gesungen, notfalls das Radio. Außerdem interessierte sich Mamma Carlotta brennend für alles, was einem Enkelkind wichtig war.

Felix stellte sich neben ihn und murmelte: »Ich bleibe dabei, dass ich Fußball-Profi werden will.«

»Sehr beruhigend«, antwortete Erik und hätte am liebsten ergänzt: Da kannst du wenigstens sicher sein, dass deine Großmutter nicht beim Training mitmachen will.

»Wenn sie schon singen muss, dann wenigstens wie Madonna. Aber nicht wie Marianne«, nörgelte Felix.

»Marianne? Wer soll das sein?«

»Marianne und Michael! Die Stars der Volksmusik! Kennst du die nicht?«

Erik schüttelte den Kopf, obwohl ihn eine Ahnung anflog, dieses Paar schon einmal auf einer Titelseite gesehen zu haben. »Warum nimmt Carolin sich diese Marianne zum Vorbild, wenn sie keinen Michael hat, der mit ihr singt?«

Felix grinste. »Du merkst mal wieder gar nichts. Michael Ohlsen singt auch im Inselchor.«

Erik zog es vor zu schweigen. Er hatte das dumme Gefühl, dass er wissen sollte, wer Michael Ohlsen war. Ach, Lucia! Sie hätte längst gemerkt, dass Carolin verliebt war, und natürlich hätte sie auch gewusst, wer Michael Ohlsen war. Erik seufzte unhörbar. Er musste wirklich mehr mit seinen Kindern reden, statt immer nur Felix’ Redestrom an sich vorbeirauschen zu lassen und froh zu sein, dass Carolin so wortkarg war wie er selbst.

Plötzlich spürte er so etwas wie Erleichterung in sich aufsteigen. »Wenn Carolin nur wegen diesem Michael im Inselchor singt, dann ist das doch was ganz anderes. Dann geht es ihr ja gar nicht um diese Volkslieder, sondern … na, eben um Michael Ohlsen.«

Er erinnerte sich, dass er sich selbst als Sechzehnjähriger zu einem Surfkurs angemeldet hatte, um einer gewissen Wiebke zu imponieren. Die Abmeldung hatte er geschrieben, noch ehe er die ersten zehn Mark für ein eigenes Surfbrett zur Seite gelegt hatte. Später war er froh, dass Wiebke an seiner Schwärmerei nicht interessiert gewesen war und sich stattdessen einem Jungen zuwandte, der schon achtzehn war und ihr mit einem Motorrad imponieren konnte. So waren ihm vermutlich viele schmerzhafte Erfahrungen auf und vor allem unter Wasser erspart geblieben.

Wenn man verliebt war, machte man eben die verrücktesten Sachen. Und wenn es sein musste, trat man sogar einem Chor bei und sang Volkslieder. Aber da eine Liebe in diesem Alter selten länger als ein paar Wochen hielt, würde sich die Sache so schnell erledigt haben wie sein eigener Wunsch, das Surfen zu erlernen.

Felix jedoch blieb skeptisch. »Was soll dadurch anders sein? Kannst du dir vorstellen, was das für ein Typ ist? Ich will nicht, dass meine Schwester mit so einem geht.«

»Was ist denn mit Michael Ohlsen?«

»Der singt nicht nur gerne Volkslieder, der sieht auch noch aus wie Florian Silbereisen. Blonde Strähnen und immer ein Grinsen im Gesicht. Wenn wir in Bayern wären, würde der ganz sicher Lederhosen tragen.«

»Florian Silbereisen?« Erik dachte verzweifelt nach. Musste er den auch kennen? Hatte er von einer Familie Silbereisen auf Sylt schon mal gehört?

In diesem Moment sagte Felix: »Guck mal, da liegt ein Schuh. Ein Männerschuh.«

Erik nickte geistesabwesend. »Tja, manchen Leuten ist der Dünenschutz eben völlig egal. Wer sich hier im Dünengras sonnt, dem geschieht es auch ganz recht, wenn er später mit nur einem Schuh über die Friedrichstraße humpeln muss.«

Unten am Wasser ließen Carolin und Mamma Carlotta erkennen, dass sie ihre musikalische Einlage abgeschlossen hatten und den Strandspaziergang fortsetzen wollten, ohne sich so auffällig zu benehmen, dass man sich für sie schämen musste.

»Vielleicht war auch jemand wütend auf einen anderen«, meinte Erik, während er im rutschigen Sand ein paar Schritte Richtung Meer machte, »und hat ihm seinen Schuh nachgeworfen.«

Aber Felix antwortete nicht, ihm schien es ausnahmsweise die Sprache verschlagen zu haben. Kein gutes Zeichen. Erik drehte sich um und sah, dass sein Sohn die Düne mit ein paar weiteren Schritten erklommen hatte und nun vornübergebeugt dastand. Die überdimensionale Jeans, die er trug, war noch weiter heruntergerutscht als beabsichtigt, und als Felix sein Käppi in eine völlig uncoole Position schob, wusste Erik, dass etwas Außergewöhnliches geschehen sein musste.

Die Schrittnaht von Felix’ Jeans baumelte wie immer zwischen seinen Kniekehlen, sonst hätte er den Mann zwischen den gespreizten Beinen seines Sohnes sehen können. Aber auch so erkannte er schnell, dass in dem Schuh, der Felix aufgefallen war, ein Bein steckte. Und dann sah er einen zweiten Schuh und ein zweites Bein. Ein weiterer Schritt, und der Mann lag ausgestreckt vor ihm.

»Das ist Henner Jesse«, sagte Felix mit zitternder Stimme. »Ist er tot?«

Erik schob seinen Sohn zur Seite und kniete sich neben Henner Jesse in den Sand. Das Gesicht des Mannes war stark verschwollen, blau verfärbt die Augenpartie, die Lippen aufgeplatzt. Blut war aus der Nase getreten, ein rotes Rinnsal war über die Schläfe gelaufen und auf dem Weg in den Sand vertrocknet. Kein Zweifel, der Besitzer der Wenningstedter Jesse-Stuben hatte eine schwere Schlägerei hinter sich.

»Ist er tot?«, wiederholte Felix mit ängstlicher Stimme.

Erik beugte sich über Jesses Brust, tastete nach seinem Puls und hob ein Augenlid. Dann schüttelte er den Kopf und zog sein Handy aus der Tasche. »Nein, er lebt noch. Wir müssen sofort Hilfe holen.«

Das kleine, spitzgieblige Haus am Süder Wung erzitterte, als Mamma Carlotta die Tür ins Schloss warf. »Der arme Mann!«

Carolin ging schweigend in die Küche, während ihre Nonna sich noch das Entsetzen von der Seele reden musste.

»Wie lange mag er dort gelegen haben? Hilflos! Mehr tot als lebendig! Madonna!«

Carolin holte die Kalbsschnitzel und den Parmaschinken aus dem Kühlschrank und suchte in der Speisekammer nach den Salbeiblättern.

»Was wäre gewesen, wenn Felice und Enrico ihn nicht zufällig gefunden hätten? Dann läge er womöglich jetzt noch da.«

Mamma Carlotta erwärmte sich an der Katastrophe, an dem grässlichen Schicksal des Opfers, der Erinnerung an den Krankenwagen, der ausnahmsweise den Strand befahren durfte, und die aufregenden Bemühungen des Notarztes. Sie zog die dicke Strickjacke aus, obwohl sie kurz zuvor noch den kalten Sommer auf der Insel verflucht hatte, und hängte sie über eine Stuhllehne. Katastrophen brachten sie ins Schwitzen.

»Kennst du Henner Jesse, Carolina?«

»Nicht wirklich, ich weiß nur, dass ihm die Jesse-Stuben hier in Wenningstedt gehören, das ist eine Kneipe an der Westerstraße.«

»Hat der arme Mann Feinde?«

Carolin zuckte mit den Schultern. »Kann ich mir eigentlich nicht vorstellen.«

»Ob man ihn umbringen wollte?«

»Dann wäre er jetzt tot.«

»Vielleicht hat der Täter angenommen, er sei tot. Und hat ihn deshalb liegenlassen.«

»Vielleicht hat er sich nur mit jemandem gestritten.«

»In den Dünen? Mitten in der Nacht?«

Carolin dachte kurz nach. »Ja, irgendwie komisch. Der Notarzt hat gesagt, er läge schon seit Stunden dort.«

»Also hat er sich in der Nacht mit jemandem in den Dünen getroffen. Sehr merkwürdig.«

Carolin sah ihre Nonna ungeduldig an. »Vielleicht ist er einfach am Strand spazieren gegangen und überfallen worden. Wenn Papa nach Hause kommt, werden wir wissen, was vorgefallen ist.«

Mamma Carlotta holte den Fleischklopfer und ließ ihre Erregung an den Kalbsschnitzeln aus. »Arbeiten am Sonntag! La domenica muss Ruhe sein. Was für eine Rücksichtslosigkeit von dem Täter, so etwas Schreckliches ausgerechnet Samstagnacht zu erledigen! Wir müssen deinen Vater mit einem guten Essen begrüßen, um ihn darüber hinwegzutrösten, dass er heute arbeiten muss.« Sie schob Carolin die Fleischscheiben hin, damit ihre Enkelin sie mit dem Parmaschinken belegte und mit kleinen Holzspießen die Salbeiblätter darauf befestigte. Carlotta selbst nahm sich eine Knoblauchknolle vor und zerteilte sie in viele Zehen. »Wir machen Spaghetti aglio e olio als Primo piatto. Dein Vater liebt sie.«

»Aber er liebt es nicht, nach Knoblauch zu stinken.«

»Er wird die Spaghetti trotzdem essen.«

Damit hatte Mamma Carlotta natürlich recht. Und im Polizeirevier Westerland spielte es zurzeit keine Rolle, wenn der Chef den Geruch von Knoblauchzehen hineintrug. Da Mamma Carlotta immer gleich am ersten Tag ihres Aufenthaltes auf Sylt Antipasti einlegte und auch Eriks Kollegen damit versorgte, roch es in den Revierräumen ohnehin wie in einer italienischen Trattoria.

Während Carlotta den Knoblauchzehen zu Leibe rückte, bewies sie mal wieder, wie leichtfüßig ihre Gedanken von einem Thema zum anderen hüpfen konnten. »Wusstest du übrigens, dass eine der Kassiererinnen von Feinkost Meyer drei uneheliche Kinder von drei Vätern hat?«

Carolin wusste es nicht. Sie war zwar auf Sylt geboren und ging bei Feinkost Meyer ein und aus, aber davon hatte sie nie gehört.

»Und der Verkäufer, der mich gestern in der Gemüseabteilung beraten hat, kann sich nicht entschließen zu heiraten, weil seine Mutter etwas gegen seine Verlobte hat.«

»Das hat er dir erzählt?« Carolin staunte ihre Nonna unverhohlen an.

»Sì! Und dann hat er mir noch verraten, dass ein früherer Filialleiter mit zwei Verkäuferinnen gleichzeitig ein Verhältnis hatte. Obwohl er verheiratet war!«

Carlotta ließ ihre Empörung über die Untreue der Männer an dem Küchenmesser aus, das ihr nicht scharf genug war. Es wurde über den Wetzstab gezogen, als sollte damit allen Ehebrechern Angst gemacht werden.

Welche Gedankenverbindung sie nun zum Chorgesang trug, das wusste vermutlich nicht einmal sie selbst. »Wir hatten in unserem Dorf auch mal einen Chor. Meistens haben wir sonntags in der Kirche gesungen. Aber manchmal auch am Abend auf der Piazza. Und natürlich immer dann, wenn sich Touristen zu uns verirrten, die hungrig und ungeduldig waren. Signora Daniele braucht ja immer so lange, bis sie ihren Pizzaofen in Gang gesetzt hat. Wenn wir nicht währenddessen gesungen hätten, wären die Touristen längst ins Nachbardorf abgewandert.«

»Du hast in einem Chor gesungen? Das wusste ich nicht!«

»Er hat leider nicht lange bestanden, unser Chor. Signora Eduardis Mann wollte nicht, dass seine Frau ihre Zeit mit solchem Unsinn vergeudet, und hat ihr das Singen verboten. Und der Geflügelhändler wollte uns nicht mehr auf seinem Hof üben lassen, weil seine Hühner angeblich keine Eier mehr legten. Die Schwestern Tintorella haben sich zerstritten, weil eine der anderen das Solo nicht gönnte, und sind beide aus dem Chor ausgetreten. Und Signorina Manuela hat derart falsch gesungen, dass es nicht auszuhalten war. Aber niemand durfte es ihr sagen, weil ihr Vater uns, nachdem der Geflügelhändler abgesprungen war, seine Backstube zum Üben zur Verfügung gestellt hat. Als sich dann noch unsere Chorleiterin unglücklich verliebt hatte und uns nur noch schrecklich traurige Lieder singen ließ, hieß es finito für unseren Chor.« Carlotta stieß einen tiefen Seufzer aus. »Dabei habe ich immer so gern gesungen. Der Pastor hat einmal zu mir gesagt: Carlotta, Sie sollten mehr aus Ihrer Begabung machen!«

Carolin stimmte dem Urteil des Pfarrers unumwunden zu. Dann hatte sie eine Idee: »Ich könnte unsere Chorleiterin fragen, ob du mitsingen darfst, solange du auf Sylt bist!«

Mamma Carlotta fuhr zusammen, als hätte man ihr einen gewaltigen Schreck eingejagt. Aufgeregt fuchtelte sie mit dem Messer herum, sodass Carolin sich vorsichtig aus ihrer Reichweite entfernte. »Du meinst, das wird sie erlauben?«

»Fragen kostet nichts. Sie ist sehr nett, vielleicht ist sie einverstanden. Sie klagt ja ständig darüber, dass der Inselchor chronisch unterbesetzt ist. Vielleicht freut sie sich sogar über Zuwachs.«

Die Knoblauchzehen flogen in die Pfanne, das Olivenöl spritzte, das Spaghettiwasser kochte über. »Das wäre meraviglioso! Hat eure Chorleiterin eine Ausbildung? Versteht sie was vom Chorgesang?«

Carolin lachte. »Und ob! Vera Ingwersen hat früher in einem sehr bekannten Chor gesungen. Das war in München. Und später hat sie einen Kinderchor geleitet, ebenfalls in München. Einmal ist sie mit dem sogar im Fernsehen aufgetreten.«

»In München? Warum das?«

»Weil sie aus Bayern stammt. Sie hat nach Sylt geheiratet. Und sie hat sich gefreut, als ihr hier die Leitung des Inselchors angeboten wurde. Sie kann wirklich was.«

Zufrieden nahm Mamma Carlotta zur Kenntnis, dass sie ihr Talent nicht irgendwelchen Dilettanten zur Verfügung stellen würde. Und als Carolin erzählte, dass die Solosängerin des Chors sogar in jungen Jahren an einem Konservatorium Gesang studiert hatte, war sie schwer beeindruckt.

»Vera Ingwersens Schwiegermutter! Wenn sie damals nicht geheiratet und ein Kind bekommen hätte, stünde sie jetzt als Sängerin auf der Bühne. Sagt sie jedenfalls.«

Mamma Carlotta erhob sich feierlich, stellte sich zwischen Tür und Esstisch auf und reckte den Oberköper, als hätte sie schon einmal etwas von der Stütze gehört, die ein Sänger aufbaut, ehe er zu einer Arie ansetzt.

»Was soll ich vortragen, damit die Chorleiterin mich mitsingen lässt? Und damit die Solistin merkt, dass ich singen kann? Vielleicht … das Ave Maria?«

Kaum hatte sie das A anschwellen lassen, setzte in der ersten Etage ohrenbetäubender Lärm ein. Felix sorgte auf seine Weise dafür, dass seine Nonna nicht einmal zum zweiten »Maria« kam: Mit den Bässen der Heavy-Metal-Gruppe Metallica schlug er auf ihre Bemühungen ein, ihr Talent unter Beweis zu stellen.

Die Westerstraße war lang. Sie begann am Hochkamp und endete am Dünenwall, einem Weg, der in einen Strandzugang mündete. Zwischen ihm und dem Zugang am Ende der Berthin-Bleeg-Straße verlief hoch auf dem Kliff ein Holzsteg, von dem man einen herrlichen Blick übers Meer und über die Dünen hatte.

Die Jesse-Stuben lagen in der Nähe des Kapellenplatzes. Das Haus war aus dunklem Backstein erbaut, die bleiverglasten Fenster ließen wenig Licht in den Gastraum. Alles, was sich mit dem Pinsel bearbeiten ließ, war weiß gestrichen worden, besonders einladend fand Erik die Fassade trotzdem nicht. Er kannte das Lokal, hatte es aber noch nie betreten. Umso angenehmer überrascht war er nun, als er die Tür öffnete. Das Licht, das die hässlichen bleiverglasten Fenster aussperrten, war mit einem zartgelben Anstrich der Wände, mit hellem Mobiliar und orangefarbenen Tischdecken ins Haus geholt worden. Erik hatte gelegentlich Feriengäste sagen hören, in den Jesse-Stuben gäbe es den besten Kartoffelsalat der Insel, und das gebratene Fischfilet, das dazu serviert würde, sei hervorragend. Der Fischgeruch, der aus der Küche drang, machte ihm prompt Appetit. Am liebsten hätte er sich, bevor er mit Frau Jesse sprach, Kartoffelsalat und gebratenes Fischfilet bestellt und Mamma Carlotta nichts davon verraten. Für sie gehörte Kartoffelsalat zu den ganz schlimmen Entgleisungen der deutschen Küche. So etwas ihrem italienischen Essen vorzuziehen wäre eine schreckliche Beleidigung gewesen. Lucia hatte sich im Verlaufe ihrer Ehe nur ein einziges Mal dazu überreden lassen, sich an einem Kartoffelsalat zu versuchen. Und sie hatte Glück. Erik hatte den Wunsch nie wieder geäußert. Italienerinnen fehlte die richtige Einstellung zum Kartoffelsalat.

Gerade wollte Erik die Eingangstür hinter sich schließen, da hörte er aufgeregtes Fahrradklingeln. Sein Assistent Sören Kretschmer radelte den Mittelweg entlang und hielt direkt auf ihn zu. »Warten Sie, Chef! Ich komme mit!«

Sören war Mitte zwanzig, ein Sylter, der sich auf der Insel so gut auskannte wie Erik. Schlank und drahtig war er, weil er viel Sport trieb, aber sein Gesicht war flächig und so rund, dass er trotzdem untersetzt und behäbig wirkte. Die gesunde Farbe erinnerte Erik an einen frisch polierten Winterapfel.

Heute allerdings nicht. Sören sah aus wie ein zu lang gelagerter Boskop. »Ich bin erst gegen sechs ins Bett gekommen, Chef. Junggesellenabschied! Ein Wunder, dass ich das Telefonklingeln überhaupt gehört habe!«

Erik versicherte Sören sein Mitgefühl. »Ich würde jetzt auch lieber mit der Pfeife in der Sonne sitzen und aufs Mittagessen warten. Meine Schwiegermutter ist sehr verärgert, weil die Schlägerei zu einem so ungünstigen Zeitpunkt stattgefunden hat. Heute Mittag soll es Saltimbocca alla romana geben.«

Sören starrte seinen Chef an, ohne etwas zu sagen. Aber Erik ahnte, dass seinem Assistenten das Wasser im Munde zusammenlief.

»Sie hat sicherlich für Sie mitgekocht«, meinte er lächelnd. »Sie kocht doch immer für Sie mit. Aber nun müssen wir erst mal den unangenehmen Teil des Sonntags hinter uns bringen.«

Frau Jesse empfing sie in ihrem Wohnzimmer. Sie sah blass und verweint aus. »Was ist mit meinem Mann passiert?«, fragte sie statt einer Begrüßung. »Ist er tot?«

Erik ließ sich umständlich auf dem schwarzen Ledersofa nieder, das Teil einer wuchtigen Sitzgarnitur war. Sören setzte sich neben ihn, und Erik hoffte, dass Frau Jesse seine Fahne nicht bemerkte.

»Nun sagen Sie schon!«

Erik sah sie prüfend an und spürte dem Gefühl nach, das sich in seiner Körpermitte einnistete. Es war tatsächlich Ärger! Aber warum? Wahrscheinlich, weil sie ihn anstarrte, als wüsste sie bereits, was ihrem Mann zugestoßen war, als brauchte sie nur Bestätigung. Warum hatte sie sich nicht bei ihm gemeldet, als sie ihren Mann vermisste? Warum hatte sie ausgeharrt, bis er zu ihr kam, um ihr die Nachricht zu bringen, die sie augenscheinlich erwartete?

Frau Jesse hatte ihn einmal während des sonntäglichen Mittagsschlafes gestört, als ihr ein Fahrrad gestohlen worden war, und vor ein paar Wochen hatte sie ihn kurz vor Mitternacht angerufen, weil ein Gast verschwunden war, den sie der Zechprellerei verdächtigte. Warum meldete sie sich nicht, wenn ihr Mann in der Nacht nicht nach Hause gekommen war?

»Wie kommen Sie darauf, dass er tot sein könnte?«, fragte er und schämte sich nur ein ganz kleines bisschen dafür, dass er Frau Jesse zappeln ließ.

Sie war eine Frau von gut fünfzig Jahren, ihr Gesicht war ungeschminkt, aber sie hatte sich sorgfältig frisiert. Sie trug einen schwarzen Rock und eine weiße Bluse, die Kleidung, die in einem Restaurant vom Service erwartet wurde. Anscheinend hatte sie nicht die Absicht, die Jesse-Stuben geschlossen zu halten, weil ihr Mann verschwunden war.

»Er ist heute Nacht nicht nach Hause gekommen«, antwortete sie und setzte sich erst jetzt zu ihnen, als sähe sie keinen Sinn mehr darin, unruhig hin und her zu laufen.

»Wann haben Sie das bemerkt?«

»Heute Morgen. Als er nicht zum Frühstück erschien.«

»Sie haben getrennte Schlafzimmer?«

Frau Jesse nickte, als müsste sie sich dafür schämen, und blickte auf ihre Hände. Erik wartete auf die Begründung, mit der die meisten getrennt schlafenden Ehepartner aufwarteten, aber die Erklärung, dass ihr Mann schnarchte, kam nicht.

»Und warum haben Sie mich nicht gleich angerufen, als Sie Ihren Mann vermissten?«

Frau Jesse blickte nicht auf. »Ich wollte Sie am Sonntagmorgen nicht stören.«

Für diese lobenswerte Einstellung belohnte Erik sie mit der Schilderung dessen, was geschehen war. »Ihr Mann wurde in die Nordseeklinik gebracht«, schloss er. »Er ist schwer verletzt.«

Frau Jesse nickte, als hätte sie nichts anderes erwartet, dann verließ sie das Zimmer, als wollte sie nichts mehr von dem hören, was ihrem Mann zugestoßen war. Erik hörte, wie sie in der Küche herumkramte und sich dann laut und kräftig schnäuzte. Er flüsterte Sören zu: »Sie benimmt sich komisch, finden Sie nicht auch?«

Sören hatte seine Müdigkeit schlagartig abgelegt, von seinem Ärger über den sonntäglichen Einsatz war auch nichts mehr zu spüren. »Sie weiß was.«

Erik war überrascht. »Wie kommen Sie darauf?«

Sören winkte ab, weil Frau Jesse das Zimmer wieder betrat. Zu Eriks Erstaunen stand er nun auf und setzte die Befragung fort, als wäre er der Leiter der Ermittlungen. Von seiner Gestalt ging plötzlich eine solche Kompetenz und Autorität aus, dass Erik sich bereitwillig zurücklehnte und zuhörte.

»Wann haben Sie Ihren Mann zum letzten Mal gesehen?«

»Gestern Abend.« Frau Jesse knetete das Taschentuch in ihren Händen. »Kurz bevor die letzten Gäste gingen.«

»Wann war das?«

»Gegen elf. Ich bin dann hochgegangen, weil nicht mehr viel zu tun war. Mein Mann sagte, er würde den Rest erledigen.«

»Und dann? Als der Rest erledigt war?«

Frau Jesse sah Sören ängstlich an und zuckte die Schultern.

»Sie wissen nicht, wann Ihr Mann nachgekommen ist?«

Sie schüttelte den Kopf.

»Sie wissen nicht einmal, ob er überhaupt in die Wohnung gekommen ist?«

Wieder schüttelte sie den Kopf.

»Halten Sie es für möglich, dass Ihr Mann das Haus verlassen hat, nachdem er die Gaststätte geschlossen hatte? Dass er zum Strand gegangen ist?«

Auch diesmal schüttelte Frau Jesse den Kopf, allerdings erst nach kurzem Zögern und weit weniger bestimmt.

»Wie ist er dann in die Dünen gekommen?«

Erik starrte seinen Assistenten mit offenem Mund an. Sören schien zu vergessen, dass er hier die Frau eines Opfers und nicht eine Tatverdächtige vor sich hatte. Irgendwas interessierte ihn an diesem Fall ganz besonders, das spürte Erik. Sören schien sogar schon eine Meinung zu Henner Jesses Schicksal zu haben. Und da Erik selbst weit entfernt von irgendeiner Erkenntnis war, ließ er ihn gewähren.

»Kann es sein, dass Ihr Mann ein Verhältnis hat?«

Nun schien sich Frau Jesse wieder ganz sicher zu sein. Energisch schüttelte sie den Kopf, und Erik pflichtete ihr heimlich bei. Henner Jesse war auch nach seiner Einschätzung kein Mann, der eine Affäre einging. Er war ein kleiner, dicker Gastwirt, missmutig und unattraktiv. Außerdem arbeitete er hart, noch dazu ständig an der Seite seiner Frau. Selbst wenn es mit seinen Chancen beim anderen Geschlecht gut bestellt gewesen wäre, an Gelegenheiten hätte es ihm auf jeden Fall gemangelt.

Sören war inzwischen offenbar bewusst, dass sein Auftreten nicht ganz angemessen war. Er setzte sich wieder hin und ging sogar so weit, Frau Jesses Hand zu nehmen. Erik, der im Dienst noch nie die Hand irgendeiner Person ergriffen hatte, konnte kaum glauben, dass Frau Jesse sie Sören nicht wieder entzog. Aber tatsächlich schien ihr Sörens Anteilnahme gutzutun. Sie verlor einen Teil ihrer Nervosität und sah ihn dankbar an.

Sören sprach jetzt sehr ruhig, Erik fand seinen Ton sogar salbungsvoll. Er wunderte sich immer mehr.

»Gibt es irgendeine Erklärung dafür, Frau Jesse, dass Ihr Mann sich nachts am Strand aufhielt?«

Nun entzog sie ihm doch ihre Hand. »Manchmal brauchte er, wenn wir das Lokal geschlossen hatten, noch ein bisschen Entspannung.«

»Und die fand er, indem er zum Strand ging?«

Sie zuckte mit den Schultern. Erik hätte schwören können, dass Henner Jesse kein einziges Mal in seinem Leben nachts zum Strand gegangen war.

»Warum nicht? Am Ende der Hochsaison ist mein Mann immer total fertig. Er hat schon seit Wochen Schlafstörungen.«

»Wegen der vielen Arbeit? Oder gibt es einen anderen Grund?«

Frau Jesse stand auf und sah auf Sören hinab. »Ich will zu meinem Mann!«

Auch Sören erhob sich. Da Frau Jesse zurückwich, hatte sie nun wohl seine Fahne bemerkt.

»Später, Frau Jesse.«

»Nein! Jetzt!« Sie ging in den Flur und kehrte kurz darauf mit einer Jacke über dem Arm zurück. »Was soll eigentlich diese Fragerei? Es liegt doch auf der Hand, was geschehen ist. Mein Mann hat einen Strandspaziergang gemacht und wurde überfallen. Haben Sie bei ihm eine Brieftasche gefunden?«

Sören sah seinen Chef fragend an, der schüttelte den Kopf.

»Da sehen Sie’s. Er wurde beraubt! Es treiben sich nachts häufig junge Leute am Strand herum, die dort lagern, grillen, saufen und anschließend ihren ganzen Dreck am Strand liegenlassen. Mein Mann hat oft darüber geschimpft. Wahrscheinlich hat er ein paar Jugendliche entdeckt und sie zur Rede gestellt.« Sie drehte sich um und ging in den Flur zurück. Anscheinend erwartete sie, dass die beiden Polizeibeamten ihr folgten. »Das waren sicherlich Drogensüchtige«, rief sie über die Schulter zurück. »Die brauchen immer Geld.«

»Sie fahren am besten schon in den Süder Wung«, raunte Erik seinem Assistenten zu, als sie die Wohnung verließen. »Ich bringe Frau Jesse in die Nordseeklinik und komme dann nach.«

Sören sah blass und mitgenommen aus, als Erik am Süder Wung eintraf. Kraftlos saß er am Küchentisch, die Hände auf der Tischplatte gefaltet, als wollte er im Schnellverfahren und in angenehmer Gesellschaft den versäumten Sonntagsgottesdienst nachholen. Als Erik die Küche betrat, richtete er sich auf und sah ihn erwartungsvoll an. Doch Erik zeigte mit einer knappen Handbewegung an, dass er später mit ihm reden wolle, nach dem Essen und unter vier Augen.

»Was ist los, Sören?«, fragte er stattdessen und gab sich so aufgeräumt, als hätte es nie einen Schwerverletzten im Dünengras gegeben. »Steckt Ihnen der Junggesellenabschied noch immer in den Knochen?«

Sören nickte vage. »Aber wenn ich Ihrer Schwiegermutter beim Kochen zusehen darf, vergesse ich glatt meinen Kater.«

Mamma Carlotta strahlte dankbar, während sie die Antipasti auf einer Platte anrichtete. Sie schien den ersten Schock des Tages verkraftet zu haben, was Erik insgeheim wunderte. Normalerweise bemühte sich seine Schwiegermutter nicht um die schnelle Bewältigung eines Dramas. Sie musste es lange drehen und wenden und sämtliche Eventualitäten und Konsequenzen erwägen. Erst wenn es ihr kein lautes »Madonna!« mehr entlockte, konnte man hoffen, dass sie bereit war, die Fakten ruhen zu lassen. Heute schien es schneller zu gehen. Anscheinend war ihr nicht aufgegangen, wie schlimm es um Henner Jesse stand.

»Du siehst erleichtert aus, Enrico! Ist der Mann doch nicht so schwer verletzt, wie es den Anschein hatte?«

Erik nickte, ohne seine Schwiegermutter anzusehen. »Er kommt wieder auf die Beine.«

»Und weißt du schon, wer ihn so zugerichtet hat?«

»Wenn er bei Bewusstsein ist, wird er es uns erklären.«

Damit war Mamma Carlotta zu seinem Erstaunen fürs Erste zufrieden. Das ließ nur einen Schluss zu: In der Zwischenzeit hatte sich eine weitere Sensation angebahnt.

Und da kam sie auch schon! »Sören war so freundlich, mich zu beraten, Enrico!«, rief sie mit leuchtenden Augen und schien zu erwarten, dass er wusste, wovon sie sprach. »Ist das nicht reizend?«

Irgendetwas hatte sich in der letzten Stunde ereignet, das noch spektakulärer war als ein zusammengeschlagener Mann am Strand. Erik wusste, dass er nicht genauer nachfragen musste – er würde in wenigen Minuten über alles genauestens Bescheid wissen. Er setzte sich und versuchte sich nicht anmerken zu lassen, wie wohl es ihm tat, sich an einem gedeckten Tisch niederzulassen. Hätte er geäußert, wie sehr er das genoss, hätte Mamma Carlottas Entzücken über eine derart emotionale Äußerung vermutlich die Antipasti vom Tisch gefegt. Womöglich müsste er sich dann sogar herzen und küssen lassen. Nur das nicht!

»Wobei konnten Sie meine Schwiegermutter beraten, Sören?«

»Bei der Auswahl des richtigen Liedes«, antwortete Mamma Carlotta an Sörens Stelle und holte die Panini aus dem Ofen, die zu den Antipasti serviert werden sollten.

»Ich wusste gar nicht, dass Ihre Schwiegermutter eine so schöne Stimme hat«, meinte Sören und sah seinen Chef an, als wäre ihm ernst, was er sagte. »Es ist nett, wenn während des Kochens gesungen wird, finden Sie nicht auch?«

Sören wusste ganz genau, was sein Chef von der Singerei hielt, die zurzeit sein Haus und seine Ruhe erschütterte. Daher glaubte Erik, aus Sörens Worten die verschlüsselte Botschaft herauszuhören, dass er ebenfalls gern von dem Gesang verschont geblieben wäre, der Qualität der Mittagsmahlzeit zuliebe jedoch vor keiner Lobhudelei zurückschreckte. Wahrscheinlich wirkte er gar nicht wegen des vorabendlichen Alkoholgenusses so mitgenommen, sondern weil er seit einer geschlagenen Stunde etwas vorgesungen bekam.

Erik schenkte seinem Assistenten ein warmes Lächeln. Die Tatsache, dass er mit seiner jähen Abneigung gegen Chorgesang anscheinend nicht allein war, tröstete ihn darüber hinweg, dass er die Hälfte dieses Sonntags mit seiner Arbeit verbringen musste.

Freundlich fragte er seine Schwiegermutter: »Und welches Lied ist nach Sörens Meinung geeignet?«

»Er hat mir vom Ave Maria abgeraten«, berichtete Mamma Carlotta, während sie die Kräuterbutter in eine Form drückte, deren Umrisse der Kuppel des Petersdoms entsprachen. »Und er hat recht. Das Ave Maria ist zu schwer, zu pompös und auch zu anspruchsvoll. Man soll sich nicht zu viel zumuten.«

Erik sah seinen Assistenten fragend an, noch immer verstand er kein Wort. Aber Sören hob nur die Schultern, als wollte er sagen: Ich kann nichts dafür.

»Sören hatte die richtige Idee!« Mamma Carlotta stellte so schwungvoll die Panini auf den Tisch, dass eins aus dem Korb hüpfte und direkt neben Eriks Teller landete.

»Dass ich nicht selber darauf gekommen bin! Ich werde natürlich ein italienisches Lied singen: ›O sole mio‹!«

Erik fuhr zusammen, als Mamma Carlotta urplötzlich in den Sopran wechselte. Dann nahm er erleichtert zur Kenntnis, dass es ihr nicht darum ging, die Mahlzeit mit ihrem Gesang zu bereichern, sondern um die Aufnahme in den Inselchor, auf die sie sich gründlich vorbereiten wollte. Erik konnte nur an eins denken: dass die Chorproben in einem Übungsraum stattfanden, der so weit vom Süder Wung entfernt lag, dass er nichts davon mitbekommen würde. Also nickte er zufrieden und bestärkte seine Schwiegermutter darin, die nächsten Abende mit dem Inselchor zu verbringen. Voll heimlicher Freude malte er sich aus, wie ruhig die Abende sein würden, die ihm bis zum Chorwettbewerb bevorstanden. Kein Heideröslein und auch kein Brunnen vor dem Tore würden in seinem Hause besungen werden.

Mamma Carlotta öffnete die Küchentür und rief ihre Enkel zu Tisch. Erik wunderte sich nur wenig darüber, dass sie ihre Namen nicht nach der Melodie von »Freude schöner Götterfunken« ins Treppenhaus trällerte.

Wenig später erschien Carolin in einem rosa T-Shirt, was Erik sehr überraschte. Normalerweise konnten ihr Kleidung und Frisur gar nicht schlicht genug sein, und jede Art von dekorativem Make-up lehnte sie rundheraus ab. Lucia war, wenn sie Carolins Kleiderschrank öffnete, oft in lautes Wehklagen ausgebrochen, weil sie mit einer Tochter gestraft war, die sich weigerte, sich zu einer reizvollen jungen Frau zu entwickeln. Carolin ließ nur Graues und Beiges an sich heran und duldete als Haarschmuck nicht mehr als das Gummiband, mit dem sie ihre Haare im Nacken zusammenraffte. Und nun ein rosa T-Shirt!

»Wow!«, machte Felix, der hinter ihr die Küche betrat. »Demnächst wird es wohl auch eine weiße Rüschenbluse sein, wie Marianne sie gern trägt. Wie wär’s noch mit einem Dirndl?«

Mamma Carlotta nahm ihm zur Strafe für diese Hänselei sein Käppi ab und versprach ihm Wasser und Brot statt Saltimbocca, wenn er es noch einmal wagen sollte, es bei Tisch auf dem Kopf zu behalten. Dann wandte sie sich Carolin zu, griff, wie sie es schon hundertmal vorher getan hatte, in ihren Nacken und zog ihre Haare aus dem Gummi. »Molto bello, dieses rosa T-Shirt! Nun noch die Haare offen! Ecco, so musst du beim Chorwettbewerb aussehen.«

Erik staunte seine Tochter an, die verlegen lächelte und zum ersten Mal, seit ihre Nonna versuchte, ihre Frisur zu verändern, darauf verzichtete, ihr Haar wieder in das Gummiband zu zwingen. Wenn er sich nicht täuschte, hatte sie sogar ein wenig Rouge aufgelegt. Er musste sich unbedingt bei nächster Gelegenheit nach diesem Michael erkundigen. Und natürlich nach der Familie Silbereisen. Ein völlig untypischer Name für Sylt. Dass ihm der noch nie begegnet war …

»Was ist mit Henner Jesse?«, fragte Felix, schnappte sich mit der linken Hand eine marinierte Paprikaschote und nutzte, während seine Nonna sich darüber empörte, die rechte Hand dafür, sein Käppi wieder auf den Kopf zu schieben. »Ist er sehr schwer verletzt?«

»Er wird durchkommen!«, beruhigte Mamma Carlotta ihn, die immer schneller im Antworten war als Erik. »Sobald er bei Bewusstsein ist, wird er deinem Vater erklären, wer ihn zusammengeschlagen hat. Und dann wird Enrico ihn verhaften, und er wird seine gerechte Strafe bekommen. Davvero, Enrico?«

Während sie die Antipasti aufspießten, die Panini zerbröselten, die Spaghetti aufwickelten, die Holzspieße aus den Kalbsschnitzeln zogen, den krossen Parmaschinken zwischen den Vorderzähnen knirschen ließen, die Panna cotta löffelten und schließlich den Espresso schlürften, warfen Erik und Sören sich gelegentlich Blicke zu, fragende, verständnisinnige, komplizenhafte. Als Erik sich dann erhob, auf seinen Magen klopfte und behauptete, er müsse noch vor dem Grappa ein paar Schritte im Garten tun, um seine Verdauung anzuregen, behauptete Sören sofort, dass auch ihm ein wenig Bewegung guttun würde.

Kaum hatten sie die Terrassentür hinter sich zugezogen, fragte Sören: »Stimmt es wirklich, dass Jesse bald wieder auf die Beine kommt?«

Erik schüttelte den Kopf. »Er ist ins Koma gefallen. Möglich, dass er überlebt, aber wie schwer seine Kopfverletzungen sind, können die Ärzte noch nicht sagen.«

»Und Frau Jesse? Ist sie dabei geblieben, dass er während eines Spaziergangs überfallen und ausgeraubt worden ist?«

Erik nickte. »Sie hat es bestimmt hundertmal wiederholt.«

»So, als dürfe niemand auf die Idee kommen, dass es anders gewesen sein könnte?«

Erik blieb neben einem Busch stehen, als wollte er mit Sören besprechen, wie er für den Herbst zu beschneiden sei. Nervös strich er seinen Schnauzer glatt, wie er es immer tat, wenn er unter Anspannung stand. »Warum haben Sie behauptet, dass Frau Jesse etwas weiß? Glauben Sie etwa, dass sie hinter dem Anschlag auf ihren Mann steckt?« Noch ehe Sören antworten konnte, fügte er an: »Dann vergessen Sie das am besten schnell wieder. Ich kenne die Jesses zwar nicht gut, aber so was ist außerhalb des Möglichen.«

Sören winkte ab. »Das weiß ich. So weit kenne ich die Familie Jesse auch.«

»Was meinen Sie dann? Frau Jesses Verhalten?«

Sören nickte, dann ging er ein paar Schritte tiefer in den Garten hinein. »Sie wissen doch, über welches Thema ich meine Examensarbeit geschrieben habe.«

Erik sah ihn erstaunt an. »Über die kalabrische Mafia! Was hat das mit diesem Fall zu tun?«

»Frau Jesses Verhalten ist typisch für Mafia-Opfer. Warum hat sie ihren Mann nicht vermisst gemeldet? Weil sie längst ahnte, was mit ihm passiert war. Aber sie schreckte vor der Lügengeschichte zurück, die sie Ihnen auftischen musste. Warum nahm sie gleich an, dass er tot ist? Weil die Mafia so mit den Leuten umgeht, die nicht spuren! Und was ist mit der Behauptung, ihr Mann mache nachts manchmal Strandspaziergänge, weil er Schlafstörungen hat? Haben Sie ihr das etwa geglaubt?«

Erik schüttelte den Kopf. »Aber Sie wollen doch nicht etwa sagen …« Er brachte es nicht über sich, den Satz zu Ende zu führen.

Sören war nun derart in seinem Element, dass er ihn sowieso nicht hätte ausreden lassen. »Warum wollte sie uns unbedingt glauben machen, ihr Mann sei das zufällige Opfer von aggressiven Jugendlichen geworden? Weil sie Angst hat, dass die Wahrheit ans Licht kommt und sie dann womöglich als Verräterin dasteht! Sie will nicht, dass es ihr genauso geht wie ihrem Mann.«

Erik legte einen Zeigefinger auf seine Lippen. Sören war in seiner Erregung immer lauter geworden. »Sie wollen wirklich behaupten, die Mafia mache sich auf Sylt breit?«

Sören senkte seine Stimme nur geringfügig. »Wir müssen diese Möglichkeit im Auge behalten. Jesse ist ein Sturkopf. Dem traue ich zu, dass er sich querstellt. Vielleicht auch nur, weil er nicht glauben wollte, was Sie ebenfalls nicht glauben wollen. Wenn Schutzgelderpresser bei ihm aufgetaucht sind, dann hat er sie vielleicht nicht ernst genommen.«

Erik merkte, dass ihm das Atmen schwer wurde. Mit einer raschen Bewegung öffnete er seinen Hemdkragen. Dann entschloss er sich, sogar seinen Pullunder auszuziehen, weil ihm plötzlich warm wurde. »Wir müssen die Staatsanwältin verständigen, wenn sich der Verdacht erhärten sollte.«

»Das wird schwer sein.« Sörens Stimme klang tröstend. Er wusste ja, wie ungern sein Chef mit der Staatsanwältin zusammenarbeitete. Wenn Erik sie anrufen musste, benötigte er manchmal eine ganze Tafel Trauben-Nuss-Schokolade zur Nervenstärkung, wie er sagte, ehe er Frau Dr. Specks Nummer wählen konnte. Und wenn das Gespräch dann beendet war, ärgerte er sich nicht nur über ihre herablassende Behandlung, sondern außerdem über die unnötigen Kalorien.

»Wenn es wirklich stimmt, was ich vermute«, überlegte Sören, »und wenn sich herumspricht, was mit Henner Jesse passiert ist, dann wird es niemanden mehr geben, der sich gegen die Forderungen der Mafia stellt. Wie sollen wir dann beweisen, dass es sie auf Sylt überhaupt gibt?«

Erik, der gerade das auf keinen Fall beweisen wollte, versuchte den Kopf in den Sand zu stecken. »Warten wir erst mal ab, Sören. Vielleicht gibt es eine ganz einfache Erklärung, wenn Henner Jesse aus dem Koma erwacht.«

Erleichtert vernahm er Mamma Carlottas Stimme. »Enrico! Sören! Was ist nun mit dem Grappa?« Dann erschrak er, weil ihre Stimme so nah war. Warum hatte er nicht gemerkt, dass sie sich während ihres Gesprächs dem Fenster genähert hatten, das von der Speisekammer nach draußen führte? Und dass es offen stand, war ihm auch nicht aufgefallen. Wie lange mochte Mamma Carlotta dort schon nach der Grappaflasche suchen?

Erik griff nach Sörens Arm und flüsterte: »Kommen Sie! Das mit der kalabrischen Mafia vergessen wir erst mal. Das wäre ja noch schöner! Die Mafia auf Sylt …!«

Sie hatten kaum die Terrassentür wieder aufgeschoben, da stand Mamma Carlotta vor ihnen. »Die Mafia? Auf Sylt?«

»Pscht!« Erik brachte sie mit einer heftigen Handbewegung zum Schweigen. »Dass die Kinder nichts davon mitbekommen!«

»Naturalmente!« Mamma Carlotta flüsterte nun so laut, dass sie ebenso gut über die Umtriebe der Mafia ein Lied hätte anstimmen können. »Dann ist also dieser arme Mann in den Dünen … Terribile!«

In diesem Augenblick waren Felix’ Schritte zu vernehmen, und Mamma Carlotta schwieg augenblicklich. So schwer es ihr auch fiel, sensationelle Neuigkeiten für sich zu behalten, niemals hätte sie etwas gesagt oder getan, was ihre Enkelkinder in Angst und Schrecken versetzte!

Felix hatte sich nach dem Mittagessen in die Gesellschaft seiner Fußballfreunde begeben, wo gelegentlich zwar das Vereinslied gegrölt, aber ganz gewiss nie ein Volkslied gesungen wurde, und Carolin hatte sich zum Üben in ihr Zimmer zurückgezogen. Da es mit der Schallisolierung im Hause Wolf nicht zum Besten stand, kam Erik und Sören der Gedanke, im Kliffkieker noch einmal in aller Ruhe über den Fall Jesse zu reden. Dass sie Mamma Carlotta allein lassen mussten, bedauerten sie zwar, versprachen aber, zum Abendessen pünktlich zurück zu sein. Erst recht, als sie hörten, dass Pizza tonno auf dem Speiseplan stand, die Mamma Carlotta mit vielen roten Zwiebeln und Kapern zu belegen pflegte.

Ärgerlich sah sie den beiden hinterher. Glaubten die wirklich, sie hätte nicht gemerkt, warum sie das Haus verließen? Der Grund lag doch auf der Hand. Sie sollte nicht erfahren, was es mit dem Überfall auf den armen Gastwirt auf sich hatte. Aber wenn tatsächlich die Mafia dahintersteckte, dann musste Erik doch wissen, dass sie ihm helfen konnte! Sie war Italienerin, sie erkannte einen Landsmann auf den ersten Blick und konnte Gespräche belauschen, die auf Italienisch geführt wurden. Hatte er daran noch nicht gedacht? Oder vertraute er ihr etwa nicht?

Am Fuß der Treppe rief sie mit leiser Stimme gegen die laut vorgetragene Behauptung an, in einem kühlen Grunde gehe ein Mühlenrad: »Ich mache einen Spaziergang!« Natürlich hatte Carolin sie nicht gehört, und Mamma Carlotta machte sich zufrieden auf den Weg. Später konnte sie reinen Gewissens behaupten, sie habe vor dem Verlassen des Hauses Bescheid gesagt. Nicht dass sie etwas gegen einen Spaziergang mit ihrer Enkelin gehabt hätte, aber mit Carolin zusammen hätte sie einen anderen Weg wählen müssen, mit einem anderen Ziel. Jetzt jedoch hatte sie beschlossen, ihre Fragen in Käptens Kajüte zu tragen, einen Imbiss, wo sie zwar nicht immer beantwortet, aber doch jedes Mal unter angenehmen Umständen erörtert werden konnten. Nicht nur, dass dort Rotwein aus Montepulciano ausgeschenkt wurde, in Käptens Kajüte ließ sich vor allem jedes kleinste Problem genüsslich drehen und wenden und von allen Seiten betrachten. Dem Wirt blieb nichts anderes übrig, als hinter seiner Theke stehen zu bleiben und sich alles anzuhören, was er erzählt bekam, und Strandwärter Fietje, der dort seine gesamte Freizeit verbrachte, war stets hocherfreut, wenn überhaupt jemand das Wort an ihn richtete. Mamma Carlotta gehörte zu den wenigen, die sein schlechter Ruf nicht scherte.

Mit großen Schritten ging sie den Süder Wung entlang. Wie schön es war, in diesem Tempo eine längere Strecke zu laufen! In ihrem Dorf ging es entweder steil bergauf oder bergab, und wer sich dort fortbewegte, ging langsam und mühevoll oder zumindest sehr vorsichtig. Herrlich, dieses ungehinderte Ausschreiten!

Sie verlangsamte ihr Tempo erst, als sie die Westerlandstraße überquert hatte. Obwohl die Hochsaison vorbei war, herrschte dort noch reger Verkehr. Und das am Sonntag! In ihrem umbrischen Dorf lagen die Gassen an einem Sonntagnachmittag verlassen da, auf Sylt jedoch war der Sonntag allen anderen Tagen gleich.

Als Mamma Carlotta in den Hochkamp einbog, ließ sie die Unruhe hinter sich. Aus einem der Häuser drang der Geruch von gebratenem Fisch, aus einem anderen sanfte Klaviermusik. Hier wohnten nicht nur Feriengäste, sondern auch Sylter. Sie liebte die Endlosigkeit dieser Straßen, die aufs Meer zuliefen und so aussahen, als würden sie direkt in den Himmel führen.

»Ach, Dino«, murmelte sie, »wenn ich dir das zeigen könnte!«

Aber er war ja schon zu krank gewesen, als Lucia sich entschloss, einem deutschen Touristen nach Sylt zu folgen. Von der Hochzeit, die in Umbrien stattfand, hatte er nichts mehr mitbekommen. Was er dachte und fühlte, konnte er am Ende nur noch mit der linken Hand ausdrücken, die unablässig nach ihrer tastete. Ruhig war er nur gewesen, wenn er wusste, dass sie neben ihm saß. An eine Reise nach Sylt war nicht zu denken gewesen, nicht einmal an Lucias Beerdigung hatte sie teilnehmen können. Weinend war sie an Dinos Bett sitzen geblieben, während Lucias sechs Geschwister die schwere Reise nach Norddeutschland antraten.

Carlotta kramte ein Taschentuch hervor und schnäuzte sich kräftig. Hatte sie genug Lebenszeit hingeblättert, um für ihre Reisen nach Sylt zu ihrem Schwiegersohn und ihren Enkeln so viel Geld ausgeben zu dürfen? Oder würde Dino ihr, wenn er es könnte, vorhalten, dass sie sein sauer Erspartes zum Fenster hinauswarf? Sie schickte einen Blick gen Himmel, mit dem sie sich rechtfertigen wollte. Immerhin hatte sie vor jedem Syltbesuch einen Friseur aufgesucht, hatte sich Lippenstift und Lockenstab angeschafft, ihre dunklen Kleider ganz hinten in den Schrank verbannt und stattdessen viel Geld für Blümchenstoffe, bunte Blusen und sogar Hosen ausgegeben. Für diesen Aufenthalt hatte sie nicht einmal vor modischen Schuhen zurückgeschreckt, die sich Sneakers nannten. Dino hätte kein Verständnis für diese Anschaffungen gehabt, aber ehe sie ihm erklären konnte, warum sie sich im Recht fühlte, wenn sie etwas tat, was sie glücklich machte, war sie Gott sei Dank an ihrem Ziel angelangt.

Der Imbiss, der sich Käptens Kajüte nannte, war in einem dunklen Haus untergebracht, das auf einem viel zu großen Grundstück stand. Der Platz hinter dem Haus hätte einen passablen Biergarten abgegeben, war aber mit Bierfässern, Getränkekisten und allerlei Gerümpel zugestellt. Die paar Meter vor der Eingangstür hätten längst gepflastert werden müssen. Ein paar Stehtische wackelten auf dem buckligen Boden hin und her. Nach regnerischen Tagen standen sie in Pfützen, während einer Schönwetterperiode im Staub.

Die Tür zu Käptens Kajüte stand weit offen, wie immer, wenn es nicht regnete und die Temperaturen deutlich über dem Gefrierpunkt lagen. An diesem Tag schien sogar die Sonne, und der Lichteinfall tat dem düsteren Ambiente der Imbiss-Stube sehr gut. Bei Regenwetter und geschlossener Tür verliehen ihr die olivgrünen Bodenfliesen, die holzvertäfelte Decke und die verklinkerten Wände das Flair eines Kohlenkellers.

Das Gesicht des Wirtes verzog sich zu einem Lächeln, als er seinen ersten Gast erkannte. »Signora! Das wurde aber auch Zeit, dass Sie sich hier blicken lassen! Ich dachte schon, Sie hätten sich eine neue Stammkneipe gesucht.«

»Buongiorno!« Mamma Carlotta liebte herzliche Begrüßungen. Wenn diese hier auch nichts mit dem lauten Hallo zu tun hatte, mit dem man sich in der Cafeteria ihres Dorfes zu begrüßen pflegte, so wusste sie doch, dass Tove normalerweise selten mehr als ein genuscheltes »Moin!« über die Lippen kam. Diese vielen Wörter, noch dazu mit einem Lächeln vorgebracht, waren also unbedingt als herzliche Begrüßung zu verstehen.

Strahlend schwang sie sich auf einen Barhocker und stellte hochzufrieden fest, dass es ihr von Mal zu Mal besser gelang, dieses ungemütliche Sitzmöbel zu erklimmen, das aber, wenn man die Unterarme richtig auf der Theke positionierte, dann doch erstaunlich bequem war. »Woher wissen Sie, dass ich schon seit drei Tagen auf Sylt bin?«

»Ich habe Sie bei Gosch an der Kliffkante gesehen. Ich hätte Sie gern angesprochen, aber Sie waren nicht allein.«

»Ja, ich war mit meiner Familie dort.«

»Zum Glück ist mir noch rechtzeitig eingefallen, dass der Hauptkommissar besser nichts davon erfährt, dass Sie bei mir Ihren Rotwein trinken.« Er verschwand in seinem Vorratsraum und kam mit einer Flasche zurück. »Aus Montepulciano! Ich habe gleich nach Ihrem letzten Besuch eine neue Kiste bestellt.«

Aber Mamma Carlotta winkte ab. »Sie wissen doch: Alkohol erst nach Sonnenuntergang!«

Doch nachdem Tove Griess ihr die vielen Ausnahmen vorgehalten hatte, die sie in Käptens Kajüte bereits zugelassen hatte, kam sie zu der Ansicht, dass es auf eine weitere nicht ankam. »D’accordo! Aber nur ein halbes Glas!«

Nachdenklich sah sie zu, wie Tove das Glas randvoll einschenkte, dann fragte sie: »Hatten Sie seit meinem letzten Besuch etwa Ärger mit der Polizei?«

Tove Griess schüttelte den Kopf. »Ein paar Anzeigen wegen Ruhestörung, das war’s auch schon. Ihr Schwiegersohn hatte wenig Arbeit mit mir.« Er warf einen Blick zur Tür, auf die Schritte zugeschlurft kamen. »Und Fietje war seit Ihrem letzten Besuch auch nicht mehr im Bau. Obwohl er dicht dran war.«

»Schnack kein dummes Zeug«, sagte der Strandwärter, der in diesem Moment die Imbiss-Stube betrat. Als er Mamma Carlotta erkannte, lüftete er die Strickmütze mit dem dicken Bommel, die er sommers wie winters auf dem Kopf hatte und eigentlich nie abnahm. Tove behauptete, er trüge sie sogar im Schlaf. »Moin, Signora!« Und zu Tove sagte er, ohne ihn anzusehen: »Mir war nichts nachzuweisen, also bin ich unschuldig, jawoll. Und nun mach mir ein Jever und schnack nicht von Leuten, die ihre Vorhänge nicht zuziehen und sich dann beschweren, dass sie gesehen werden.«

»Weil du in ihren Garten eingestiegen bist, du unverbesserlicher Spanner!«

Mamma Carlotta kannte die Streitereien der beiden zur Genüge und ging dazwischen, ehe es zu Handgreiflichkeiten kommen konnte. »Finito!«

Fietje Tiensch nickte friedfertig und schob sich neben Mamma Carlotta auf einen Barhocker. »Heute Morgen war ein Krankenwagen am Strand. Weiß Ihr Schwiegersohn schon, was sich in der Nacht dort ereignet hat?«

Ehe Mamma Carlotta antworten konnte, fuhr Tove dazwischen: »Heute Nacht? Woher weißt du das? Hast du dich bei Dunkelheit in den Dünen rumgetrieben? Schon wieder Jagd auf Liebespärchen gemacht?«

»Der Strand ist für alle da«, erwiderte Fietje. »Wenn Henner Jesse sich da mit jemandem trifft und ich beobachte das zufällig … dann kann mir keiner einen Vorwurf machen.«

Mamma Carlotta fuhr so ruckartig zu ihm herum, dass sie beinahe vom Barhocker gekippt wäre. »Er hat sich am Strand mit jemandem getroffen? Mitten in der Nacht?«

Fietje nickte. »Gegen zwölf.« Er grinste. »Geisterstunde! Aber Geister waren das nicht.«

»Mit wem hat er sich getroffen?«

Fietje hob die Schultern. »Mit zwei Typen, die weiß Gott keinen guten Eindruck machten! Also, ich hätte denen nicht mal bei Sonnenschein begegnen mögen. Aber so genau hab ich nicht hingesehen. Bin dann ja auch gleich abgehauen, jawoll.«

»Wie kannst du dann sagen, dass sie keinen guten Eindruck machten?«, mischte sich Tove wieder ein und stellte Fietje sein Jever hin.

»So was merkt man doch gleich. Wie die sich angeschlichen haben! Der arme Jesse war zu Tode erschrocken. Obwohl er auf sie gewartet hatte.«

»Das hast du auch gesehen, obwohl du gleich abgehauen bist?«

»Ich habe eben eine schnelle Auffassungsgabe«, erwiderte Fietje würdevoll.

Tove zeigte seinem Stammgast einen Vogel, aber zum Glück betrat in diesem Augenblick ein weiterer Gast das Lokal, sodass ein handfester Streit vermieden werden konnte.

Während Tove sich um die Zubereitung einer Currywurst zu kümmern hatte, fragte Mamma Carlotta nach: »Wie sahen die beiden Männer aus?« Sie neigte sich zu Fietje und flüsterte: »Dunkelhaarig? So wie … Italiener?«

Fietje sah sie überrascht an. »Sie meinen, das waren Bekannte von Ihnen?«

»No! Natürlich nicht.« Mamma Carlotta wurde nervös. »Aber … konnten Sie hören, was gesprochen wurde? Hatten die beiden einen Akzent?«

»Zu weit weg.« Fietje steckte die Nase in sein Jever und machte keinen Hehl daraus, dass ihm Mamma Carlottas Fragen lästig wurden.

Aber sie ließ nicht locker. »Wenn Sie etwas beobachtet haben, dann müssen Sie meinem Schwiegersohn davon erzählen!«

Fietje tippte sich an die Stirn. »Freiwillig zur Polizei?«

»Aber Sie können doch nicht wollen, dass diese brutalen Kerle ungestraft davonkommen!«

Statt einer Antwort bestellte Fietje ein weiteres Jever, was so viel hieß wie: Jeder muss selbst sehen, wo er bleibt.

Ein weiterer Currywurst-Kunde betrat Käptens Kajüte. Dass Tove abgelenkt war, nutzte Carlotta, um zu insistieren: »Diese Kerle müssen bestraft werden! Sehen Sie das nicht ein?«

Fietje sah es vielleicht ein, aber wichtiger war ihm, dass er selber keinen Ärger bekam.

»Was ist, wenn ich meinem Schwiegersohn nun erzähle, was Sie beobachtet haben? Dann müssen Sie mit einer Vorladung rechnen.«

Fietje trank sein Jever aus. »Und wie wollen Sie Ihrem Schwiegersohn dann erklären, warum Sie hier mit mir an der Theke sitzen und heimlich Ihren Vino trinken?«

Carlotta starrte ihn verblüfft an. »Das würden Sie ihm verraten?«

»Und Sie würden mich zwingen, eine Aussage zu machen?«

Zum Abschied legte er ein paar Münzen auf die Theke und verließ ohne ein weiteres Wort die Imbiss-Stube.

Tove sah Mamma Carlotta vorwurfsvoll an. »Sie wollen Fietje verpfeifen?«

Mamma Carlottas Erregung wurde gefährlich. Sie kippelte auf ihrem Barhocker herum, warf den Kopf, als sie das Glas austrank, so weit in den Nacken, dass sie beinahe hintenübergekippt wäre, und knallte es auf die Theke, dass Tove um seine Ausstattung zu fürchten begann. »So etwas trauen Sie mir zu? Ich will nur, dass zwei Schläger ihre gerechte Strafe bekommen.«

»Aber Fietje riskiert seinen Job! Wenn morgen in der Zeitung steht, dass der inselbekannte Spanner sich nachts in den Dünen rumgetrieben hat, kriegt er Ärger.« Tove betrachtete sie kopfschüttelnd. »Warum interessieren Sie sich überhaupt für Henner Jesse und diese beiden Kerle?«

Mamma Carlotta antwortete mit einer Gegenfrage: »Und seit wann interessiert es Sie, dass Fietje keinen Ärger bekommt?«

In diesem Augenblick stellte Tove fest, dass sein Mayonnaise-Spender dringend einer gründlichen Säuberung bedurfte. Und natürlich konnte er sich um nichts anderes kümmern, als er den Deckel abschraubte, und war zu keiner Antwort fähig, während er die Öffnung reinigte, die die Mayonnaise seit Beginn der Hochsaison nur mühsam passierte, weil irgendeine Verunreinigung sie aufhielt.

Carlotta beobachtete ihn eine Weile, und wer sie kannte, wusste, dass ihr Schweigen gefährlich war. »Es stimmt also«, sagte sie plötzlich leise.

Tove fiel auf den Bluff herein und warf den Deckel des Mayonnaise-Spenders zur Seite. »Was stimmt?«, brummte er. »Dass Fietje ein Spanner ist, wissen Sie doch. Und dass er schon jede Menge Ärger deswegen hatte, wissen Sie auch.«

»Sie wollen nicht, dass die beiden Männer, die Fietje beobachtet hat, entlarvt werden«, sagte Mamma Carlotta so ruhig, dass sie vor sich selbst Angst bekam. »Jedenfalls wollen Sie nicht, dass Ihr Name im Spiel ist, wenn sie gefasst werden.«

»Blödsinn!«, knurrte Tove.

»Es hat Sie noch nie interessiert, ob Fietje seinen Job verliert, weil er es nicht lassen kann, in fremde Schlafzimmer zu gucken.«

»Jetzt interessiert es mich eben.«

»Und außerdem interessiert Sie die Rache der Mafia«, sagte Mamma Carlotta, ehe der Mayonnaise-Spender zu Boden polterte.

Vera Ingwersen war eine patente Person. Dieser Meinung waren alle, sogar die eingefleischten Sylter, die ungern eine Frau in ihre Mitte ließen, die jeden zweiten Satz mit »gell« beendete, Dirndl trug und hartnäckig versuchte, bayerische Küche und bayerisches Ambiente auf der Insel durchzusetzen.

»Na ja, vielleicht nicht auf der ganzen Insel«, korrigierte Carolin sich selbst, während sie mit Mamma Carlotta die Braderuper Straße entlangradelte, »aber zumindest in der Muschel II.«

Haarklein erzählte sie ihrer Großmutter, wie Vera Ingwersen nach Sylt gekommen war und sich im Restaurant ihres Mannes schnell unentbehrlich gemacht hatte. Der Münchener Chor, in dem Vera vor zwei Jahren noch sang, hatte ein Gastspiel in Keitum gegeben, und Vera war auf der Insel geblieben, um ein paar Urlaubstage zu genießen. Bei dieser Gelegenheit war sie Arne Ingwersen begegnet, hatte sich Hals über Kopf in ihn verliebt und ihn schon bald geheiratet. Damit bekam die Muschel II, das Restaurant, das Arne Ingwersen soeben übernommen hatte, eine Chefin, die zwar nichts von Gastronomie wusste, aber trotzdem ihren Mann stand.

»Ihre Eltern besaßen eine Metzgerei in der Nähe von München«, erzählte Carolin weiter. »Die sollte Vera eigentlich mit ihrem Bruder zusammen weiterführen. Aber der heiratete eine Frau, mit der Vera sich nicht verstand, deswegen entschloss sie sich zu einer kaufmännischen Ausbildung.«

»So was kann man in einem Restaurant schließlich auch gut gebrauchen«, ergänzte Mamma Carlotta etwas geistesabwesend. Sie musste sich gewaltig zusammenreißen, um Carolins Erzählungen zu folgen und sie nicht merken zu lassen, dass ihr die Freude aufs Chorsingen gründlich vergangen war.

Beim Radeln durch die herrliche Sylter Landschaft, beim Blick über die weiten Wiesen und in die weißgrauen Wolken, die über sie hinweghetzten, kreisten immer wieder dieselben Gedanken in ihrem Kopf: Was wird aus dieser wunderschönen Insel, wenn sich die Mafia hier breitmacht? Muss Erik dann einem großen Kommissariat vorstehen, das viele Mitarbeiter braucht, weil der Kampf gegen die Skrupellosigkeit sonst nicht zu gewinnen war?

Sie starrte am Turm der Keitumer Kirche hoch, ohne aufzunehmen, was Carolin ihr von der St.-Severin-Kirche erzählte. »Früher hat Sylt mal elf Kirchen gehabt! Aber von denen sind nur St. Martin in Morsum und St. Severin erhalten geblieben. Angeblich wurde diese Kirche schon 1240 urkundlich erwähnt. Damals war Sylt viel größer und noch keine Insel.«

Während Mamma Carlotta das Gesicht zu einer ehrfürchtigen Grimasse verzog, dachte sie nur an das eine: Ihre Enkelkinder würden nicht in Ruhe und Sicherheit aufwachsen können. Wie die Mafia mit den Polizisten umging, die sie bekämpften, war ja bekannt. Und dass sie auch deren Familien nicht verschonten, wusste in Italien jedes Kind.

»Sylt ist erst 1362 durch eine große Sturmflut zur Insel geworden, Nonna. Damals wurden große Teil von Sylt weggerissen, die die Insel vorher mit dem Festland verbunden hatten.«

Mamma Carlotta nickte geistesabwesend. »Vielleicht solltest du doch Lehrerin werden?«

Doch Carolin blieb bei ihrem Plan, eine Karriere als Sängerin einzuschlagen. Während sie weiterfuhren, legte sie ihrer Nonna dar, wie sie sich das vorstellte. Und da ihre Pläne eindeutig in die Kategorie der Luftschlösser gehörten, hatte Mamma Carlotta kein schlechtes Gewissen, dass sie nur mit halbem Ohr zuhörte.

Was würde Erik überhaupt tun können? Das Schweigen der Opfer, die lieber zahlten, als um ihr Leben fürchten zu müssen, sorgte überall dafür, dass die Mafia ihre Ziele erreichte. So würde es auch auf Sylt geschehen. Wenn sogar ein Mann wie Tove, der sonst vor nichts Angst hatte, verhindern wollte, dass zwei Verbrechern das Handwerk gelegt wurde, war es schlimm um die Zukunft dieser Insel bestellt.

Sie wurde erst aus ihren trüben Gedanken gerissen, als Carolin vor ihr auf den Parkplatz eines Restaurants einbog. »Vera hat gesagt, wir sollen vor der Probe hier vorbeikommen. Dann kann sie in Ruhe mit dir reden«, erklärte sie, während sie ihr Fahrrad abstellte.

Mamma Carlotta betrachtete das lang gestreckte weiße Gebäude. Die Fenster waren klein und quadratisch mit Butzenscheiben, dunkelrote Eriken wuchsen in den Blumenkästen, dazwischen war kräftiges Efeu gepflanzt worden, dessen lange Ranken fast bis zur Erde reichten. Über der Eingangstür stand in sanft schimmernden Leuchtbuchstaben »Muschel II«.

Ein elegant gekleidetes Paar trat auf die dunkle Glastür zu, die sich genau im richtigen Moment öffnete, sodass Mamma Carlotta einen Blick auf festlich eingedeckte Tische, blitzendes Silber, funkelnde Gläser und gelangweilt herumstehende Ober erhaschte, die besser gekleidet waren als ihr Dino zu seiner eigenen Hochzeit.

Erschrocken griff sie nach Carolins Strickjacke. »Müssen wir da wirklich rein, Carolina?«

Carolin sah sich erstaunt zu ihr um. »Warum nicht?«

Mamma Carlotta fuhr mit beiden Handrücken von der Stirn zu ihren Knien. »Ich bin nicht danach angezogen.«

Carolin lachte. »Wir wollen doch da nicht dinieren, Nonna! Nur ins Büro, wo Vera auf uns wartet. Gemeinsam mit ihr gehen wir dann zur Probe.«

Da Carolin selbstbewusst das Restaurant betrat, wollte ihre Großmutter ihr nicht nachstehen. Und als gleich der erste Ober, der Carolin anscheinend kannte, sie mit einer kleinen Verbeugung begrüßte und zur Tür des Büros wies, richtete sich Mamma Carlottas Selbstvertrauen wieder auf. Die letzten Meter auf den weichen Teppichen genoss sie sogar.

Vera Ingwersen war wirklich eine patente Person. Ohne Zweifel wäre sie auch das Aushängeschild der elterlichen Metzgerei gewesen. Sie verkörperte alles, was Frische, Sauberkeit und Gesundheit ausmachte. Ihr rundes Gesicht wurde von einem hellblonden Pagenkopf umrahmt, ihre Wangen waren rosig, ihre Augen glänzten. Das blitzsaubere Dirndl war gut gefüllt, ihre Hüften rundeten sich unter dem Band der Schürze, und die weißen Rüschen am Ausschnitt garnierten das, was man in ihrer Heimat »Holz vor der Hüttn« nannte. Vera Ingwersen gehörte zu den Frauen, die noch mit einer fiebrigen Erkältung oder einem Magen-Darm-Katarrh kerngesund aussehen.

Sie begrüßte Carlotta freundlich und bot ihr einen bequemen Sessel an, der vor ihrem Schreibtisch stand. Carolin hockte sich auf die Fensterbank. Es sah so aus, als hätte sie schon öfter dort gesessen, wenn es mit der Chorleiterin etwas zu besprechen gab.

»Ihre Enkelin hat mir erzählt«, begann Vera lächelnd, »dass Sie gern singen, eine schöne Stimme haben und auch schon Erfahrung im Chorgesang.«

Zu den ersten beiden Punkten nickte Mamma Carlotta bekräftigend, den dritten ließ sie unkommentiert. Kleine Übertreibungen zählte sie zwar nicht zu der Sünde der Lügen, aber ausdrücklich bestätigen wollte sie die Erfahrung mit ihrem Chor, der kaum ein Vierteljahr bestanden hatte, nun doch nicht.

Vera Ingwersens Gesicht nahm einen bekümmerten Ausdruck an. »Der Inselchor wird immer kleiner. Allein in der letzten Woche kamen vier Krankmeldungen. Und das kurz vor dem Chorwettbewerb! Der Sopran besteht nur noch aus drei Sängerinnen. Die Chöre aus Niebüll und Flensburg sind doppelt so groß wie der Sylter Inselchor. Die singen uns glatt an die Wand.« Sie legte beide Unterarme auf den Schreibtisch und beugte sich vor, sodass ihr Dekolleté sich noch um einiges eindrucksvoller präsentierte. »Im Klartext: Ich bin für jede Stimme dankbar, vor allem im Sopran. Vorausgesetzt natürlich, es ist eine Stimme, die sich in unseren Chor einfügt und die sauber singt. Und natürlich eine Sängerin, die sicher im Repertoire ist. Das ist zum Glück einfach, die Melodien der Volkslieder prägen sich schnell ein.«

Mamma Carlotta versicherte, dass das längst geschehen sei. »Carolin übt so viel zu Hause, dass ich mittlerweile alle Melodien kenne und die meisten Texte auswendig kann.«

»Obwohl Sie Italienerin sind?« Vera nickte anerkennend. »Wunderbar! Dann werden wir ja gleich sehen, wie Sie sich einfügen. Wenn es klappt, können Sie beim Chorwettbewerb mitmachen. Ansonsten würde ich mich freuen, Sie als regelmäßige Gastsängerin begrüßen zu dürfen. Wir haben mehrere Feriengäste, die dem Chor als Gastsänger beigetreten sind.« Sie beugte sich vertraulich vor. »Der Inselchor hat nur ein Ziel: Spaß am Gesang. Daran ändert auch der Wettbewerb nichts. Ob wir gewinnen oder verlieren, ist eigentlich egal. Aber dadurch hat das regelmäßige Üben ein Ziel bekommen! Das fördert die Motivation.«

Mamma Carlotta versicherte strahlend, einer solchen Motivation bedürfe es bei ihr eigentlich nicht, und machte sich bereit, um der Chlorleiterin ihren klaren Sopran vorzuführen.

Doch Vera Ingwersen winkte ab. »Nicht nötig. Ich vertraue auf Carolins Einschätzung.«

Carolins Gesicht rötete sich vor Freude, und Mamma Carlotta betrachtete ihre Enkelin stolz. »Ja, Carolin kennt sich aus. Schließlich möchte sie später mal Sängerin werden.«

»Ich könnte mir vorstellen, dass sie in ein paar Jahren die Chorleitung übernimmt«, wich Vera aus. »Sie kann nicht nur Noten lesen, sondern auch vom Blatt singen. Mit dem Dirigieren hat sie es auch schon versucht, als ich krank war. Und ich muss sagen … alle Achtung!«

Mamma Carlottas Stolz erreichte prompt schwindelerregende Höhen. Bevor sie jedoch auf alle weiteren Vorzüge Carolins hinweisen und auch gleich sämtliche Talente ihrer anderen Enkelkinder zur Sprache bringen konnte, sah Vera auf die Uhr. »Meine Schwiegermutter muss jeden Augenblick kommen. Dann können wir aufbrechen. In einer Viertelstunde beginnt die Probe.«

Als hätte sie auf ihr Stichwort gewartet, betrat eine Frau das Büro. Nein, Mamma Carlotta korrigierte sich heimlich: Eine Dame war es, die hereinkam. Und wieder korrigierte sie sich: Nein, sie war nicht hereingekommen, sie hatte einen Auftritt. Einen winzigen Augenblick war sie in der Tür stehen geblieben, als wollte sie das Einsetzen das Beifalls abwarten, dann begann ihre Rolle mit den Worten: »Störe ich?«

Vera erhob sich und machte Mamma Carlotta mit ihrer Schwiegermutter bekannt. »Ein neues Chormitglied, wie ich hoffe. Utta Ingwersen, unsere Solosängerin!«

Das also war die Dame, die auf einem Konservatorium Gesang studiert hatte. Mamma Carlotta schüttelte ihr, stumm vor Überwältigung, die Hand.

»Haben Sie auch die Gesangskarriere der Familie zuliebe aufgeben müssen?«, fragte Utta Ingwersen und strich sich mit einer eindrucksvollen Geste die glatten kurzen Haare zurück.

Mamma Carlotta hätte am liebsten bejaht und sich erst später überlegt, wie diese Übertreibung zu rechtfertigen war, brachte es dann aber doch nicht über sich. Und kurz darauf musste sie feststellten, dass Utta Ingwersen an ihrer Antwort ohnehin nicht interessiert war. Diese Frage war nur das Stichwort für den Monolog, der folgte: Eigentlich hätte sie Karriere machen können, aber ihr Vater hatte das Studium nur bewilligt, wenn sie sich bereit erklärte, anschließend das Restaurant zu übernehmen. Dann hatte sie zwar einen Ehemann gefunden, der in diese Verpflichtung eingesprungen war, der aber ebenso dagegen war, dass sie als Sängerin Karriere machte. Und dann war sie Mutter geworden, und der Traum von der Karriere war ausgeträumt. »So ist aus meinem Talent ein Hobby geworden, und beruflich habe ich mich mit einem Geschenkartikelladen begnügen müssen.«

Utta Ingwersen seufzte, während sie ihrer Schwiegertochter und Carolin zum Ausgang folgte. »Es ist tragisch, dass man als Frau sein ganzes Leben der Familie opfern muss. Erst dem Vater, dann dem Mann und schließlich dem Kind.«

Dazu fiel Mamma Carlotta nichts ein. Mitleidsäußerungen für eine Frau mit dem Privileg, ein eigenes Geschäft zu führen und überdies in einem Chor als Solosängerin aufzutreten, wollten ihr nicht so ohne Weiteres über die Lippen kommen.

In diesem Augenblick öffnete sich in ihrer Nähe eine Tür, auf der »Nur für Personal« stand, und eine junge Frau trat heraus. Sie mochte Ende zwanzig sein, war auffallend schlank und braun gebrannt. Ihr schmales Gesicht wurde von riesigen dunklen Augen dominiert, das braune lange Haar hatte sie straff zurückgekämmt und am Hinterkopf festgesteckt. Zu einer weißen Leinenhose trug sie ein weißes Top und darüber eine weiße Jeansjacke. Der auffällige braune Modeschmuck machte aus den schlichten Einzelteilen ein raffiniertes Outfit. Eine junge Frau, die nicht nur sehr hübsch war, sondern es auch verstand, ihre Schönheit zur Geltung zu bringen.

Sie lächelte, als sie Vera und Utta Ingwersen sah. »Na, dann wollen wir mal!« Anscheinend gehörte auch sie zum Inselchor und wollte sich ihnen anschließen.

Mamma Carlotta wunderte sich insgeheim über Vera Ingwersens Reaktion. Sie, die doch angeblich froh war über jedes Chormitglied, warf der jungen Frau nur einen kurzen Blick zu und erwiderte den Gruß nicht. Da die junge Frau augenscheinlich nicht nur Mitglied des Inselchors, sondern auch Angestellte der Muschel II war, schien es mit dem Betriebsklima nicht besonders gut bestellt zu sein.

Vor der Tür wurden sie von einer Stimme zurückgehalten. »Vera!«

Ein auffällig gut aussehender Mann war ihnen gefolgt. Groß und schlank, mit einem schmalen, intelligenten Gesicht und dunklen Haaren, die er sorgfältig nach hinten gegelt hatte. Er bedachte Utta Ingwersen mit einem knappen Lächeln. »Hallo, Mutter!« Dann wandte er sich seiner Frau zu. »Hast du an die Weinbestellung gedacht?«

Vera nickte. »Den Barolo 2004! Die Bestellung ist heute Morgen rausgegangen.«

»Hast du mit Papa darüber gesprochen?«

»Warum?«

»Ich hätte gerne zuerst seine Meinung eingeholt.«

Ehe Vera antworten konnte, mischte sich seine Mutter ein. »Warum muss dein Vater zu allem seinen Senf dazugeben?«

Arne Ingwersen sah sie an wie ein kleiner Junge, der unbedingt das rote Gummibärchen und nicht das grüne will. »Ich verlasse mich nun mal gern auf seinen Rat.«

»Die Muschel II gehört dir«, entgegnete seine Mutter mit scharfer Stimme. »Harms Rat ist in der Muschel I gefragt. Du musst deine Entscheidungen endlich allein treffen.«

Ohne ein weiteres Wort drehte Arne Ingwersen sich um und ging ins Restaurant zurück. Vera warf ihrer Schwiegermutter einen undefinierbaren Blick zu. Carlotta hatte das Gefühl, dass die eine etwas ausgesprochen hatte, was die andere sich versagte und deshalb nicht hören wollte.

Erik betrat die Polizeistation Westerland mit der Zeitung in der Hand. »Moin!«, sagte er, ohne aufzusehen.

Eine Antwort bekam er nicht, denn sowohl Obermeister Rudi Engdahl als auch Polizeimeister Enno Mierendorf telefonierten und nickten ihm nur flüchtig zu.

Erik las den Artikel zu Ende, während er seine Jacke über den Haken neben der Tür hängte und die Tasche auf den Stuhl stellte, um ihr Pfeife und Tabak zu entnehmen. Er rauchte nie in seinem Büro, hatte seine Pfeife aber trotzdem gern griffbereit.

Als er sich an seinem Schreibtisch niederließ, legte er die Zeitung zufrieden beiseite. Das Inselblatt hatte berichtet, was er der Redaktion gestern Abend verraten hatte: Ein Sylter Gastwirt war am Strand überfallen und ausgeraubt worden. Wenn sich Menno Koopmann, der Chefredakteur, bis heute Mittag nicht gemeldet hatte, dann war diese Meldung für ihn nicht bedeutsamer als der Wetterbericht. Auch bei den Meteorologen würde er heute nicht anrufen, um nachzufragen, ob hinter dem angekündigten Tief etwas steckte, was seinen Lesern vorenthalten werden sollte.

Auf Eriks Schreibtisch lag der Bericht der Spurensicherung. Die Schuhspuren von fünf Menschen hatte Kommissar Vetterich mit seinen Leuten gefunden. Die des Opfers natürlich und die von Erik und Felix, außerdem aber noch Spuren von zwei weiteren Personen. Beide hatten Turnschuhe der Marke Adidas in den Größen vierundvierzig beziehungsweise fünfundvierzig getragen. Deren Sohlenrelief war so auffällig , dass die Schuhmodelle leicht zu ermitteln gewesen waren.

Erik ließ den Bericht sinken. Immerhin wussten sie nun, dass Henner Jesse von zwei Personen, von zwei Männern vermutlich, niedergeschlagen worden war. »Und was bringt uns das?«, murmelte Erik. »Nichts!«

Die Spur der beiden Schuhpaare war nicht weit zu verfolgen gewesen. Ihre Besitzer hatten den Holzsteg betreten, der an der Kliffkante entlangführte, so viel stand fest. Aber da nach der Tat viele Stunden vergangen waren, hatten sich die Spuren schon bald unter den Verwehungen verloren.

Bis gegen zehn Uhr durchforstete Erik das Intranet der Polizei nach Informationen über mafiöse Umtriebe in Deutschland, dann lehnte er sich zurück und starrte an die Decke. Plötzlich war er sich nicht mehr so sicher, dass Sören recht hatte. Im internen Informationsnetz der Polizei fand sich kein einziger Hinweis darauf, dass ausgerechnet auf Sylt mit der Mafia gerechnet werden musste. Klar, sie arbeitete flächendeckend, aber es gab auch in Deutschland Landstriche, die weitgehend verschont blieben. Erik hätte bis zu diesem Tag seine Hand dafür ins Feuer gelegt, das Sylt dazugehörte. Vielleicht hatte Frau Jesse doch recht, und das Inselblatt berichtete genau das, was sich zugetragen hatte?

Als Sören gegen elf den Kopf zur Tür hereinsteckte, bekam er von seinem Chef zu hören, dass er die These von der Mafia verworfen habe. Gegen zwölf jedoch sah alles wieder ganz anders aus. Da nämlich meldete Rudi Engdahl einen Besucher: »Harm Ingwersen von der Muschel I in Westerland.«

Erik nickte erfreut, stand auf und reichte Harm Ingwersen die Hand. »Ich glaube, es ist das erste Mal, dass Sie mich besuchen!« Er wies auf den Stuhl, der vor seinem Schreibtisch stand. »Zechprellerei? Oder Schlimmeres?«

»Schlimmeres«, antwortete Harm Ingwersen ernst.

Erik erschrak. Harm Ingwersen sah sehr besorgt aus, und allein die Tatsache, dass er sich selbst herbemühte und keinen seiner Angestellten schickte, zeigte an, dass sein Besuch einen außergewöhnlichen Grund haben musste.

Ingwersen senior war ein gepflegter, gut aussehender Mann von Mitte fünfzig. Er stammte aus Norden, lebte aber seit knapp dreißig Jahren auf Sylt, seitdem er geheiratet und das Restaurant seines Schwiegervaters in Westerland übernommen hatte. Seiner Frau hatte er damit die Last von den Schultern genommen, selbst in den elterlichen Betrieb einsteigen zu müssen, und ihr Vater war froh gewesen, dass mit dem richtigen Schwiegersohn sein Restaurant erhalten bleiben würde. Für seinen Sohn Arne, der seinem Vater nacheiferte, hatte Harm Ingwersen vor Kurzem ein Restaurant in Keitum eröffnet. Aus dem Stammhaus, der Muschel in Westerland, wurde die Muschel I, Arnes Restaurant bekam den Namen Muschel II.

Die Ingwersens gehörten zu den Sylter Familien, die das Gesicht der Insel prägten. Harm Ingwersen spendete stets großzügig, wo Not am Mann war, und legte sich auch mit Politikern und Investoren an, wenn er um das Wohl seiner Insel fürchtete.

»Ich möchte Anzeige erstatten«, sagte er mit fester Stimme. »Und zwar gegen einen Schutzgelderpresser.«

Erik starrte ihn mit offenem Mund an. »Schutzgeld? Wollen Sie damit sagen …« Also doch! Sören hatte recht gehabt!

»Die Mafia erpresst mich. Und sicherlich nicht nur mich. Vor ein paar Tagen ist ein junger Italiener bei mir erschienen.«

»Hat er sich selbst als Mitglied der Mafia bezeichnet?«

Ingwersen nickte. »Ich habe ihn erst mal ausgelacht. Da kann ja jeder kommen und behaupten, er wäre von der Mafia.« Er sah auf seine perfekt manikürten Hände. »Aber ich gebe auch zu, dass ich eingeschüchtert war. Ich hätte gleich zu Ihnen kommen müssen. Aber … ich hatte Angst.«

Erik nickte verständnisvoll. »Und warum jetzt?«

»Der Kerl hat gesagt, ich würde schon sehen, wohin das führt, wenn ich ihm nicht glaube. Es gäbe einen Gastwirt, der auch nicht einsehen wolle, dass man es ernst meine. Ich könne demnächst in der Zeitung lesen, was mit dem passiert.«

»Henner Jesse!«

»Ich habe gestern Abend gehört, dass er schwer verletzt in die Nordseeklinik eingeliefert wurde. Und heute Morgen habe ich in der Zeitung gelesen, was geschehen ist.«

»Dass er überfallen und ausgeraubt wurde«, ergänzte Erik.

Ingwersen warf ihm einen prüfenden Blick zu. »Aber das stimmt nicht. Oder?«

Erik zuckte die Achseln. »Seine Frau ist davon überzeugt.«

»Sie hat Angst, das ist verständlich.«

»Und Sie? Sie haben keine Angst mehr?«

Harm Ingwersen hob die Schultern, als könne er sich zu einem Ja nicht durchringen, und ließ sie fallen, weil ihm das Nein genauso schwer über die Lippen kam.

»Sie wissen, welches Risiko Sie eingehen, wenn es sich bestätigen sollte, dass wir es mit der Mafia zu tun haben?«

Harm presste die Lippen zusammen, dann entgegnete er: »Ich bin bereit, es einzugehen.« Er erhob sich und trat ans Fenster. Anscheinend war es um seinen Mut doch nicht so gut bestellt, wie er Erik weismachen wollte. »Sie haben mir heute Nacht die Fenster der Lagerräume eingeschlagen«, sagte er nach einer Weile.

»Woher wissen Sie, dass das die Leute waren, die Sie erpressen?«

»Ich bekam heute Morgen einen Anruf. Demnächst wären die vorderen Fenster dran. Ich könne mir ja ausrechnen, wann ich selbst dran sei, wenn ich nicht zahlen will.« Plötzlich fuhr er herum, Verzweiflung stand in seinem Gesicht. »Wo soll das hinführen? Ich lasse mich doch nicht von solchen Halunken erpressen! Die kriegen mich nicht klein! Mich nicht! Ich werde auf keinen Fall zahlen!«

Erik erhob sich und trat zu ihm. So sehr ihn Ingwersens Haltung beeindruckte, ihm war nicht klar, ob der Gastronom wirklich wusste, worauf er sich einließ. »Ich muss jetzt die Anzeige aufnehmen.«

Harm Ingwersen nickte. »Deswegen bin ich hier. Lieber lasse ich mich von denen abknallen, als den Rest meines Lebens in Angst zu verbringen.«

»Das ist sehr mutig von Ihnen, Herr Ingwersen.« Erik öffnete die Tür und rief nach Sören. »Sie können mir sicherlich eine Personenbeschreibung des Erpressers geben?«

Harm Ingwersen nickte. »Ich habe ihn mir genau angesehen.«

»Hervorragend!« Erik hatte sich noch nie so hilflos gefühlt wie in diesem Moment. Ein Kampf gegen die Mafia? War er dem überhaupt gewachsen?

»Wie sieht’s mit der Muschel II aus?«, erkundigte er sich. »Wird Ihr Sohn auch erpresst?«

Harm zögerte. »Es kommt mir so vor. Arne ist in letzter Zeit sehr nervös. Aber ich will ihn nicht fragen. Und beeinflussen will ich ihn erst recht nicht. Er muss selbst wissen, wie er damit umgeht. Man darf niemanden zwingen, mutig zu sein. Außerdem habe ich Angst um meinen Sohn. Ich will nicht schuld daran sein, dass ihm etwas zustößt.«

Der Tag hatte unter einem kalten Licht begonnen, das sich noch immer nicht erwärmt hatte. Es war ein Tag ohne Farben. Der Sommer war schon zu verbraucht, um noch zu leuchten, der Herbst noch zu jung, um mit seinen Farben über das Ende des Sommers hinwegzutrösten.

Mamma Carlotta wanderte durch den Garten, die Noten, die sie am Abend zuvor von Vera Ingwersen bekommen hatte, fest an ihre Brust gedrückt. Sie fror. Und als könnten auch die schwarzbraune Haselnuss oder die Reisenden hoch auf dem gelben Wagen eine Gänsehaut bekommen, schob sie die Noten unter ihre Jacke und legte die Arme fest darüber. Wichtig fühlten sie sich an, und wichtig fühlte sie sich selbst, seit man sie ihr ausgehändigt hatte.

Sie hatte nie gelernt, Noten zu lesen, aber dass die auf den oberen Linien für höhere Töne standen als die, die sich auf den unteren tummelten, war ihr klar gewesen. Nun aber wusste sie auch, dass eine Note, die oben ein kleines Fähnchen trug, kürzer gesungen wurde als die, denen das Fähnchen fehlte. Faszinierende Erkenntnisse, die sie gern mit jemandem geteilt hätte.

Sie warf einen langen Blick in den Nachbargarten. Zu dumm, dass Frau Kemmertöns halbtags in der Kurverwaltung arbeitete und nicht zu Hause war. Am Nachmittag hatte sie zwar immer viel zu tun mit ihrem Haushalt und den Ferienwohnungen, die sie vermietete, aber Mamma Carlotta hätte darauf keine Rücksicht genommen und ihr trotzdem erzählt, wie bewundernswert die Arbeit einer Chorleiterin war, die sämtliche Stimmen im Kopf haben musste, mit der linken Hand die Frauenstimmen und mit der rechten die der Männer dirigierte, bis am Ende sämtliche Stimmen zu einem großen Akkord zusammenfanden. Eine berauschende Erfahrung! Mamma Carlotta hatte bei jedem Schlussakkord eine Gänsehaut bekommen. Welch ein Glück, dass bis zum Chorwettbewerb jeden Abend geübt werden sollte!

Von dem Solo, das Utta Ingwersen zum Besten gegeben hatte, war sie allerdings enttäuscht gewesen. Von einer Frau, die an einem Konservatorium Gesang studiert hatte und nach eigenen Angaben ein verhinderter Opernstar war, hätte sie mehr erwartet. Doch als Utta Ingwersen zu »Amazing Grace« angesetzt hatte, musste Mamma Carlotta an Arianna Spira, die Haushälterin des Notars, denken, die bei einem Dorffest dieses Lied gesungen hatte und mit viel Beifall bedacht worden war. Sie war überzeugt davon, dass Ariannas Sopran keineswegs so schrill gewesen war wie Utta Ingwersens. Wenn deren Talent für eine große Karriere ausgereicht hätte, dann hätte man Arianna raten sollen, den schlecht bezahlten Job beim Notar an den Nagel zu hängen.

Mamma Carlotta wurde in ihrer Ansicht bestätigt, als in ihrer Nähe jemand flüsterte: »Die kann froh sein, dass ihre Schwiegertochter den Chor leitet.«

Es war die junge Frau aus der Muschel II, die sich ihnen eigentlich hatte anschließen wollen, als sie zur Chorprobe in der Tanzschule Jäger aufbrachen, es dann aber vorgezogen hatte, mit einem Abstand von zehn Metern hinter ihnen herzugehen.

»Still, Susanna!«, zischte eine andere zurück. »Du hast dir oft genug den Mund verbrannt.«

Mit Carolin hätte sie beim Frühstück gern ausführlich den Abend Revue passieren lassen, hätte über Vera Ingwersens Fähigkeiten als Chorleiterin gesprochen, über das Gesangstalent ihrer Schwiegermutter, über die hübsche Susanna, und dann wäre sie ganz unauffällig auf den blonden Jungen zu sprechen gekommen, der Carolin am Ende der Chorprobe etwas zugetuschelt hatte, was Mamma Carlotta zu ihrem größten Leidwesen nicht verstanden hatte. Nicht entgangen war ihr jedoch Carolins verlegenes Lächeln. Ihre Enkeltochter hatte sich also verliebt! Und dass ihre Nonna darüber genauestens unterrichtet werden musste, verstand sich wohl von selbst!

Doch Carolin musste früh zur Schule aufbrechen. Felix’ Unterricht begann zwar erst zur zweiten Stunde, aber ihren Enkelsohn hätte Carlotta schon auf dem Stuhl festbinden müssen, damit er sich anhörte, wie wohl sie sich als Teil des Inselchors gefühlt hatte. Auch Erik war zurzeit nicht als geduldiger Zuhörer einzuplanen, er war in Gedanken stets bei dem Fall Jesse.

Da sich bei den Kemmertöns’ noch immer nichts regte, musste sie wohl nach einer anderen Gelegenheit suchen, ihr übervolles Herz auszuschütten. Die Kassiererinnen bei Feinkost Meyer hatten leider zu wenig Zeit für ausführliche Plaudereien, und ein Besuch auf dem Friedhof und der Blick auf Lucias Grabstein war einfach nicht dasselbe wie der Blick in das Gesicht eines Menschen, dessen Augen interessiert auf sie gerichtet waren.

Zu Hause in Umbrien hätte sie nur ein paar Schritte durch ihre Gasse machen müssen, bis sie auf die Nonna einer anderen Familie gestoßen wäre, die sich hocherfreut alles angehört und kommentiert hätte, was Carlotta Capella auf der Seele lag. Aber da die Sylter nicht einmal bei schönstem Sonnenschein vor ihren Häusern saßen, blieben nur Tove Griess, der Wirt, vor dem Erik sie immer wieder warnte, und Fietje Tiensch, dessen Leben so leer war, dass er es mit den Erlebnissen anderer Menschen füllen musste.

Also brachte Carlotta die Notenblätter ins Haus, die zu kostbar waren, um in Käptens Kajüte getragen zu werden, und machte sich auf den Weg. Doch leider wartete eine weitere Enttäuschung auf sie. Vor Toves Theke herrschte der Ausnahmezustand. In die Imbiss-Stube war ein männlicher Kegelclub aus dem Ruhrgebiet eingefallen, den man kurz vorher aus einem Bistro geworfen hatte, weil man das Grölen und die üblen Witze leid gewesen war. So musste Tove sich nun etwas über arrogante Sylter Gastwirte anhören, die vom derben Frohsinn einfacher, aber herzlicher Männer nichts verstanden. Daher hatte er am Zapfhahn alle Hände voll zu tun und natürlich keine Zeit, sich mit Carlottas Erlebnissen aus dem Inselchor zu beschäftigen.

Also setzte sie ihren Weg zum Strand fort. So hatte es sicherlich auch Fietje gemacht, als er, wie jeden Tag, bei Tove sein erstes Jever trinken wollte. Doch das Strandwärterhäuschen am Ende der Seestraße war leer. Entweder hatte Fietje keinen Dienst, oder er sah am Wenningstedter Strand nach dem Rechten, oder aber er nahm es mit seinen Pflichten mal wieder nicht so genau und trieb sich irgendwo herum, wo ihm fremde Menschen das Leben zeigten, an dem er selbst nicht mehr teilhatte.

Missmutig stieg Mamma Carlotta die Treppe zum Strand hinab und wanderte zur Wasserkante. Zugegeben, der Blick aufs Meer entschädigte für den Mangel an Kommunikation, aber er machte ihr gleichzeitig das Herz schwer. Hätte sie Erik doch nie von der Mafia reden hören! Wie sollte man unter diesen Umständen den wunderschönen Anblick genießen?

Verspielt war das Meer heute. Nur weit draußen gab es die hohen, gleichmäßigen Wellen. Sobald sie sich dem Strand näherten, kräuselten sie sich, kamen wie eine ausgelassene Horde daher, winkten mit ihren Gischtkrönchen und warfen sich dann übermütig auf den Sand. Beinahe kam es Mamma Carlotta so vor, als kicherten sie.

Beim Anblick der verspielten Wellen musste sie an Willem Jäger denken, den sie am Abend zuvor zum ersten Mal getroffen hatte. Einen solchen Mann hatte sie noch nie kennengelernt. Als sie die Tanzschule betraten, kam er mit kleinen Schritten auf sie zugelaufen und rief: »Da seid ihr ja, ihr Süßen!«

Er begrüßte jede von ihnen mit Bussi-Bussi, behauptete, es sei total süß, dass nun eine Italienerin den Chor bereichere, und die italienische Lebensart sei ja sowieso das Süßeste, was es gäbe … dann lief er voraus, um zu kontrollieren, ob der Toilettenraum für seine Süßen in einwandfreiem Zustand war. »Meine kleinen Ballettratten nehmen das nicht immer so genau!«

Mamma Carlotta starrte ihm nach. Sie war sicher, nie zuvor einen schöneren Mann gesehen zu haben. Willem Jäger war von kleiner, zarter Statur. Seine schmalen Hüften steckten in einer hautengen schwarzen Lederhose, darüber bauschte sich ein weißes Hemd. Dunkle Augen hatte er und schwarzes Haar, das sich zu seinem größten Bedauern über der Stirn bereits lichtete. Das tat aber seiner Attraktivität keinen Abbruch, wenn er es selbst auch nicht glauben mochte. Das Schönste an ihm war vermutlich sein Lächeln. Es verriet viel von seiner Warmherzigkeit und von dem ehrlichen Bemühen, den Nächsten so zu lieben wie sich selbst. Zum Dank dafür wurde auch er geliebt. Von seinen Ballettschülerinnen, die er am Nachmittag im ersten Stock seiner Tanzschule im Spitzentanz unterrichtete, und von den Jugendlichen, die am Abend bei ihm Standard- und lateinamerikanische Tänze lernten. Von den erwachsenen Mitgliedern der diversen Tanzkreise ganz zu schweigen.

Carolin stieß ihre Großmutter an, während sie hinter Willem Jäger die Treppe in den Ballettsaal hinaufstiegen, der abends dem Inselchor zur Verfügung stand. »Was starrst du ihn so an?«

Carlotta konnte ihren Blick nur mit Mühe von dem Tanzlehrer lösen, der gerade eine weitere seiner Süßen herzte und ihr versicherte, dass sie heute besonders süß aussähe.

»Der ist so … anders.«

Carolin grinste. »Schwul eben.«

»Was ist das? Schwul?«

»Pscht! Nicht so laut! Sonst denkt er noch, du machst dich über ihn lustig.«

»Warum sollte ich das tun?«

Mittlerweile waren sie im Ballettsaal angekommen, wo die anderen Chormitglieder warteten. Vera zählte sie besorgt.

»Wo ist Rosi?«

»Schwanger!«

»Kein Grund, mit dem Singen aufzuhören.«

»Aber ihr ist ständig übel.«

Vera seufzte. »Wenn das so weitergeht, werden wir am Chorwettbewerb nicht teilnehmen können, weil wir die Mindestzahl der Sänger nicht erreichen, die ein Chor braucht.« Sie wandte sich lächelnd Carlotta zu. »Zum Glück haben wir Zuwachs bekommen.«

Mamma Carlotta wurde gebeten, sich vorzustellen und über ihre Erfahrungen im Chorgesang zu berichten, sodass sie nun doch nicht ohne ein paar gewaltige Übertreibungen auskam, damit niemand auf die Idee kam, sie für eine Dilettantin zu halten. So aber freuten sich alle, dass eine italienische Mama zur Rettung des Chors angetreten war.

Während Vera die Noten sortierte, die an diesem Abend geprobt werden sollten, tuschelte Mamma Carlotta ihrer Enkelin zu: »Nun sag schon! Was ist mit dem netten Herrn Jäger?«

Carolin wandte sich sichtlich ungern von dem blonden Jungen ab, der ihr gerade etwas ins Ohr geflüstert hatte, was ihr ein aufgeregtes Kichern entlockte. »Ich sag doch, er ist schwul!«, zischte sie. »Er liebt keine Frauen, sondern Männer! So was dürfte man auch in Umbrien schon gehört haben.«

Damit hatte sie recht. Trotzdem war Mamma Carlotta konsterniert. Ein derart schöner und netter Mann – und dann so was! Ob es Sinn hatte, ihm ins Gewissen zu reden, damit er seine Einstellung noch einmal überdachte?

Darüber grübelte sie noch immer nach, obwohl Carolin ihr später auf dem Heimweg dringend davon abgeraten hatte, sich dieses Problems anzunehmen, das für Willem Jäger keins war. Aber Carolin war ja noch so jung. Was wusste sie schon vom Leben und von der Liebe? Andererseits … vielleicht war es tatsächlich besser, sich nicht um Willem Jäger zu kümmern, sondern stattdessen lieber ein Auge auf diesen blonden Jüngling zu haben, der sich den ganzen Abend in Carolins Nähe herumgedrückt hatte. Die erste Liebe eines jungen Mädchens war etwas so Wichtiges, da durfte man nichts dem Zufall überlassen. Carolin hatte keine Mutter mehr, die über das Glück ihres Kindes wachen konnte, also musste ihre Großmutter sich darum kümmern. Wie gut, dass das Chorsingen ihr zu dieser Chance verhalf. Wenn Michael Ohlsen ihre Enkelin unglücklich machen wollte, dann würde sie es zu verhindern wissen. Dafür waren Großmütter da!

Sie war so in ihre Grübelei versunken, dass sie gar nicht merkte, wie Fietje zu ihr trat. Daher erschrak sie heftig, als plötzlich eine Stimme sagte: »So in Gedanken, Signora?«

»Fietje! Sie sind wirklich ein Meister im Anschleichen!«

Der Strandwärter trat von einem Bein aufs andere, als hätte er etwas Wichtiges mitzuteilen. Schließlich druckste er: »Was ich noch sagen wollte, Signora … ich werde Ihrem Schwiegersohn natürlich nichts verraten. Das mit dem Vino in Käptens Kajüte, meine ich. Jawoll!«

Mamma Carlotta war erleichtert. Dass nun ein Zugeständnis von ihr erwartet wurde, gefiel ihr zwar nicht, aber sie wusste, dass ihr nichts anderes übrig blieb. »Wenn das so ist, verrate ich natürlich auch nicht, wo Sie sich in der letzten Nacht rumgetrieben haben!«

Kurz darauf wurde Fietje zu aufgeregten Eltern gerufen, deren Kind in eine spitze Muschel getreten war. Erst in diesem Augenblick fiel Carlotta ein, dass sie die Gelegenheit versäumt hatte, Fietje vom Inselchor zu erzählen. Außerdem musste sie endlich irgendwo loswerden, dass Vera sie am Ende der Probe gelobt hatte. Musste sie etwa nach Umbrien telefonieren oder warten, bis sie auf ihrem Dorfplatz über ihre Erlebnisse in Deutschlands kaltem Norden berichten konnte?

Sören schob seinem Chef eine Tafel Trauben-Nuss-Schokolade hin. »Rudi hat kürzlich einen größeren Vorrat angelegt. Damit Sie nicht jedes Mal zum Bäcker laufen müssen, bevor Sie mit der Staatsanwältin telefonieren.«

Erik wusste nicht, ob er sich darüber freuen oder ärgern sollte, von seinen Mitarbeitern derart durchschaut zu werden. Schließlich grummelte er: »Es ist doch gut, Kollegen zu haben, die mitdenken.«

Er genehmigte sich ein großes Stück und bestand darauf, dass auch Sören sich bediente. Dann fühlte er sich tatsächlich wundersam gestärkt und wählte die Nummer der Staatsanwältin.

Sie begrüßte ihn kurz angebunden: »Moin, Wolf! Was gibt’s?«

Erik entschloss sich, genauso knapp zu schildern, was ihn bewegte. Als er fertig war, wusste er, dass die Staatsanwältin selber in keinster Weise bewegt war.

»Das glauben Sie doch selbst nicht, dass die Mafia sich auf Sylt breitmachen will!«

»Alles spricht dafür.«

»Alles? Was denn? Dass irgendein Kleinkrimineller den Mafioso spielt?«

»Wir wissen nicht, ob es so ist. Wir kennen ihn ja nicht, diesen … Kleinkriminellen.«

»Dann finden Sie erst etwas über ihn heraus. Aber behalten Sie Ihren Verdacht für sich, bis Sie mehr wissen. Auf keinen Fall darf die Bevölkerung beunruhigt werden.« Sie spuckte ihm ein verächtliches Lachen ins Ohr. »Mafia! Die Leute machen sich ja gleich in die Hosen, wenn sie das Wort nur hören.«

»Harm Ingwersen ist jedenfalls in großer Sorge, und er ist ein vernünftiger Mann, der sich nichts vormachen lässt.«

»Ich bin sicher, dass er kein großes Risiko eingeht, wenn er sich weigert zu zahlen. Der Möchtegern-Mafioso wird ihm vielleicht noch ein paar Fenster einwerfen, aber dann klein beigeben und ihn in Ruhe lassen.«

»So wie bei Henner Jesse?«

»Wer sagt denn, dass der mit diesem sogenannten Schutzgelderpresser was zu tun hat? Womöglich betrügt der seine Frau, wollte sich mit seiner Geliebten nachts am Strand ein bisschen amüsieren und hat den Fehler gemacht, seine Brieftasche mitzunehmen. Das erklärt auch das Verhalten seiner Frau.«

»Aber Herr Ingwersen sagt, der Erpresser hätte vorher darauf hingewiesen, dass einem Gastwirt, der ebenfalls nicht zahlen wollte, etwas zustoßen wird.«

»Menschen, die Angst haben, verstehen vieles so, wie es ihnen die Angst vorgaukelt. Das wissen Sie doch selbst!«

Erik konnte Sörens intensiven Blick plötzlich nicht mehr ertragen. Anscheinend wartete sein Assistent darauf, dass er der Staatsanwältin Dampf machte und sie von der großen Gefahr überzeugte, die auf Sylt zukam. Aber Erik verspürte nach Frau Dr. Specks Worten eine seltsame Erleichterung und war froh, dass er nicht mehr an die große Gefahr glauben musste. Sören hatte sich vermutlich, ohne es selbst zu wissen, an dem Thema seiner Examensarbeit berauscht. Sicherlich hätte er nie damit gerechnet, all das, was er während der Vorbereitung auf sein Examen gelernt hatte, jemals in der Praxis anwenden zu dürfen. Aber wenn Frau Dr. Speck nichts von Schutzgelderpressungen auf Sylt wusste und nie davon gehört hatte, dass eine solche Gefahr auf deutsche Nordseeinseln zukam, dann war vielleicht wirklich nichts dran. Ihre Idee, dass ein Kleinkrimineller sich als Mafioso ausgegeben und für Angst und Schrecken gesorgt hatte, gefiel Erik viel zu sehr, als dass er etwas dagegen einwenden wollte.

»Herr Ingwersen hat eine genaue Beschreibung des Erpressers abgegeben«, sagte er, weil er unter Sörens Blick das Gespräch nicht so schnell beenden konnte. Sein Assistent durfte nicht den Eindruck haben, dass sein Chef sich von persönlichen Ängsten leiten ließ.

»Kommen Sie nicht auf die Idee, die Personenbeschreibung im Inselblatt zu veröffentlichen. Ich will, dass die Sache unter dem Tisch gehalten wird. Bloß kein Aufsehen! Wie gesagt …«

»… die Bevölkerung darf nicht beunruhigt werden, schon klar.« Erik versuchte, seiner Stimme einen selbstbewussten Klang zu geben. »Aber ich gehe davon aus, dass wir den Kerl auch ohne Suchanzeige erwischen. Ingwersen wird uns anrufen, wenn er sich bei ihm meldet.«

Die Staatsanwältin unterbrach ihn mit spöttischer Stimme. »Der Kerl meldet sich vorher an? Dann ist er dümmer, als die Polizei erlaubt, und ganz sicherlich kein Mafioso.«

Erik korrigierte sich. »Ingwersen wird uns anrufen, nachdem er Besuch von ihm bekommen hat. Wir können die Muschel I observieren, dann werden wir ihn schnell haben, wenn er das Restaurant wieder verlässt.« Erik merkte, dass er am liebsten zu einem weiteren Stück Trauben-Nuss-Schokolade gegriffen hätte. »Wie sollen wir uns dann verhalten? Festnehmen? Oder ihn erst mal beobachten, um an eventuelle Hintermänner zu kommen?«

Frau Dr. Speck dachte kurz nach. »Nein, nicht festnehmen«, sagte sie dann. »Besser, wir wiegen ihn erst mal in Sicherheit, sonst können wir ihm am Ende nichts nachweisen. Wenn Sie ihn haben, rufen Sie mich an. Dann werde ich dafür sorgen, dass ein Mobiles Einsatzkommando nach Sylt geschickt wird. Das MEK wird den Kerl dann rund um die Uhr beobachten. So werden wir schon merken, ob wirklich die Mafia dahinter steckt.«

Sören sah Erik deprimiert an, als er aufgelegt hatte. »Sie hat Ihnen nicht geglaubt?«

Erik schüttelte den Kopf. »Sie könnte recht haben. Harm Ingwersen ist auf einen Ganoven reingefallen, der ein guter Schauspieler ist. Er hat erfolgreich den Mafioso gespielt.«

»Und Henner Jesse? Wer hat den krankenhausreif geprügelt?«

»Das muss nicht dieser angebliche Mafioso gewesen sein. Jesse ist vielleicht aus ganz anderen Gründen nachts zum Strand gegangen.« Erik stand auf und klopfte Sörens Schulter. »Nun gucken Sie nicht so enttäuscht. Oder wäre es Ihnen etwa lieber, wenn aus unserer Insel ein Mafia-Nest wird?« Über Sörens Schulter griff er nach einem weiteren Stück Schokolade. »Sorgen Sie dafür, dass die Muschel I überwacht wird! Ich rufe Ingwersen an, damit er Bescheid weiß.«

»Und dann?« Sören sah seinen Chef mit gerunzelter Stirn an. Eriks unerwartete Dynamik war ihm suspekt.

»Dann fahren wir zur Muschel II nach Keitum. Vielleicht erfahren wir von dem Junior mehr.«

»Sie glauben, auch die Muschel II wurde von dem Mafioso heimgesucht?«

»Davon bin ich überzeugt. Wer den Vater erpresst, wird vor dem Sohn nicht haltmachen.«

Arne Ingwersen sah seinem Vater sehr ähnlich, an Attraktivität überbot er ihn sogar. Aber ihm fehlte die Souveränität. Zwar gab auch Arne sich selbstbewusst, aber es schien, als ahmte er seinen Vater nach, als wäre der echte Arne Ingwersen ein anderer als der, den er präsentierte. Ein Sohn im Schatten seines Vaters? Mit einem Vorbild, das er nie erreichen würde?

Arne Ingwersen führte die beiden Beamten in sein Büro. Als er hörte, dass sein Vater soeben im Kommissariat Westerland eine Anzeige erstattet hatte, wurde sein Blick unstet.

»Sie haben auch Besuch von dem Schutzgelderpresser bekommen?«, erkundigte sich Erik.

Arne sah ihn eine Weile schweigend an, dann schüttelte er langsam den Kopf. »Ich weiß nicht, wovon Sie reden.«

Erik nickte, als hätte er seine Frage mit Ja beantwortet. »Sie wollen sich dazu nicht äußern?«

»Ich bin doch nicht lebensmüde.«

»Wir hatten gehofft, von Ihnen weitere Informationen zu bekommen.«

»Tut mir leid.«

»Aber Sie geben zu …«

»Gar nichts gebe ich zu«, unterbrach Arne Ingwersen ihn. »Ich bin nicht so mutig wie mein Vater. Ich wollte, ich wäre es, aber … ich bin es nicht.« Er griff nach seinem Jackett, das über einem Stuhl hing, und zog es über. »Sie erfahren von mir nichts, Herr Wolf!«

Als sie die Muschel II verließen, brummte Sören unwillig: »Das hätten Sie sich denken können.«

»Wenigstens wissen wir jetzt, dass er auch erpresst wird.«

»Er und vermutlich viele andere auch, die es ebenfalls nie zugeben werden.«

Beinahe hätten sie das Telefonklingeln nicht gehört, denn sie probten einen Shanty, der unbedingt laut gesungen werden musste. Carolin hatte ihrer Nonna erklärt, dass dieses Lied Optimismus ausstrahlten sollte und geradeheraus, natürlich und frisch über die Lippen zu kommen hatte. Also legte Carlotta ihren gesamten Optimismus in ihre Stimme und sang so frisch, natürlich und laut, dass es selbst bei geschlossenen Fenstern im ganzen Süder Wung zu hören war.

Felix behauptete mehrmals, die Nachbarn hätten sich über den Lärm beschwert, aber nachdem jede dieser Verlautbarungen als plumper Versuch entlarvt worden war, eine künstlerische Darbietung zu unterbrechen, reagierten weder Mamma Carlotta noch Carolin mehr darauf. Gegen das Gebrüll von Metallica kamen sie ohne Weiteres an, weil Felix vorsichtiger geworden war, nachdem ihm am Tag zuvor ein Lautsprecher seiner Stereoanlage durchgeknallt war.

Wenige Minuten später flog die Haustür donnernd ins Schloss. Die beiden Sängerinnen überzeugten sich mit einem Blick aus dem Fenster davon, dass Felix keinen terroristischen Anschlag plante und wohl auch keine Selbstmordabsichten hegte, sondern vor ihren Sangeskünsten kapituliert hatte. Er trug sein Trikot, hatte einen Lederball auf den Gepäckträger seines Fahrrades geklemmt und floh vor dem Gesang zum Fußballplatz.

»Va bene«, sagte seine Großmutter.

Das war der Moment, in dem ihnen das Telefonklingeln auffiel. Mamma Carlotta hastete zum Apparat und nahm den Hörer ab. »Pronto!«

»Endlich«, sagte Erik. »Ich wollte schon wieder auflegen.«

»Carolin und ich waren sehr beschäftigt.«

»Mit Kochen?«, fragte Erik hoffnungsvoll.

»Ja, ja … das natürlich auch.«

»Was gibt’s heute Abend?«

»Eine … Minestrone vielleicht?«

Es entstand eine Pause. Anscheinend nahm Erik an, seine Schwiegermutter stünde am Anfang einer längeren Aufzählung. Aber als sie schwieg, sagte er schnell: »Wunderbar! Deine Minestrone ist ja unvergleichlich. Vielleicht noch … ein paar selbst gebackene Panini?«

»Scusi, Enrico! Aber du hast wohl die Chorprobe heute Abend vergessen. Ich werde frisches Brot vom Bäcker holen. Va bene?«

»Natürlich!« Erik lachte ein wenig verkniffen. »Unser Bäcker hat gutes Brot. Soll ich auf dem Nachhauseweg welches besorgen?«

»Nicht nötig, Enrico! Ich habe dem Bäcker versprochen, heute noch selbst vorbeizukommen. Er will mir ein Rezept von seiner Schwägerin geben, die in der Türkei lebt. Couscous-Salat! Er behauptet, er schmecke wunderbar!«

Erik schien darüber nachzudenken, ob sie wirklich von dem Bäcker redete, an den er dachte, da fragte Mamma Carlotta: »Hast du angerufen, um mich nach dem Abendessen zu fragen?«

Erik schrak zusammen. »Natürlich nicht. Ich rufe an, um dich zu beruhigen. Die Meldung, dass Sylt von der Mafia heimgesucht wird, war falsch. Eine Ente. Ein Irrtum.«

Wenn Erik auf einen Ausruf der Erleichterung gehofft hatte, wurde er enttäuscht. Nach längerem Schweigen brachte Carlotta mühsam ein »Davvero?« heraus. Sie konnte nicht glauben, was ihr Schwiegersohn sagte, so schön es auch klang. Wenn die beiden Kerle, die Fietje nachts am Strand beobachtet hatte, nicht zur Mafia gehörten, warum wollte Tove dann verhindern, dass man sie festnahm? War es ihm wirklich nur um Fietje und seinen Job gegangen? Mamma Carlotta hätte es gerne geglaubt, aber es gelang ihr nicht.

Voll schwerer Gedanken legte sie nach ein paar Abschiedsworten auf und hörte so nicht mehr, wie Erik seinen Assistenten fragte: »Wussten Sie, dass unser Bäcker eine Schwägerin hat, die in der Türkei lebt?«

Sören zuckte die Schultern. »Woher sollte ich das wissen?«

»Meine Schwiegermutter weiß es.«

Mamma Carlotta war wie immer als Erste auf den Beinen. So war es in Umbrien, und so war es auch auf Sylt. Die ersten zehn Minuten des Morgens genoss sie sogar die Stille um sich herum, dann aber sehnte sie das Erwachen der anderen Familienmitglieder herbei, auch das war in Umbrien genauso wie auf Sylt.

An diesem Morgen allerdings war der Wunsch nicht besonders ausgeprägt. Das Ende des Alleinseins konnte der Anfang unangenehmer Fragen sein. Hoffentlich würde Carolin als Erste bei ihr in der Küche erscheinen! Dann konnte Mamma Carlotta, noch bevor Erik dazukam, in Erfahrung bringen, wie er auf das späte Heimkommen seiner Schwiegermutter reagiert hatte und ob mit Vorwürfen zu rechnen war, weil Carolin beim Einsetzen der Dunkelheit ohne großmütterlichen Schutz von Keitum nach Wenningstedt geradelt war. Möglicherweise würde Erik beruhigt sein, wenn er hörte, dass ein kräftiger junger Mann seine Tochter auf dem Weg beschützt hatte, möglich war aber auch, dass Erik ihr genau das vorwerfen würde. Carolin war noch nie verliebt gewesen! Wie also sollte Mamma Carlotta wissen, wie ihr Vater auf den ersten Mann in ihrem Leben reagierte?

Nur gut, dass reichlich Eier im Haus waren und jede Menge von dem durchwachsenen Speck, den Erik so gern zum Rührei aß. Mamma Carlotta beeilte sich, die Pfanne auf den Herd zu stellen. Wenn der Duft des kross gebratenen Specks durchs Haus zog, standen die Chancen, dass ihr verziehen wurde, auf jeden Fall besser.

Es war aber auch unmöglich gewesen, der netten Plauderei aus dem Wege zu gehen, die sich nach der Chorprobe angebahnt hatte. Für die Chorleiterin und ihre Schwiegermutter schien es Gewohnheit zu sein, sich anschließend an die kleine Bar zu setzen, die Willem Jäger unterhielt. Als sich dann noch die Paare des Tanzkreises dazugesellten, war im Nu eine fröhliche Runde beisammen, der Mamma Carlotta sich unmöglich entziehen konnte. Der nette Herr Jäger hatte sie sogar ausdrücklich gebeten, sich dazuzusetzen, und von Utta Ingwersen war sie regelrecht genötigt worden. Warum sie Wert auf Carlottas Gesellschaft legte, stellte sich bald heraus. In dem neuen Chormitglied hatte sie jemanden gefunden, der sich anhörte, was bei allen anderen längst Fluchtreflexe auslöste: die Karriere, die sie der Familie geopfert hatte.

Während die anderen sich witzige Geschichten erzählten, zu denen Mamma Carlotta gerne die eine oder andere beigetragen hätte, ließ sich Utta Ingwersen darüber aus, wie entbehrungsreich das Leben der Frauen im Allgemeinen und das ihrige im Besonderen sei. Von dem Zorn, der in Mamma Carlotta heranwuchs, bemerkte sie nichts. Und der Frage, wie sie sich über ein so bequemes und sicheres Leben beklagen könne, entging sie nur, indem sie Mamma Carlotta ein freundliches Angebot unterbreitete.

Die hatte gerade erwähnt, dass ihre Schwiegertochter, die Frau ihres ältesten Sohnes Guido, bald Geburtstag hatte. »Sandra wünscht sich, dass ich ihr etwas von Sylt mitbringe. Sonst bekommt sie ja immer Stoff für ein Kleid, den sie sich selbst im Laden von Signorina Augusta aussuchen kann. Aber diesmal will sie unbedingt ein Souvenir von Sylt.«

»Dann kommen Sie doch morgen früh bei mir vorbei«, hatte Utta Ingwersen vorgeschlagen. »In meinem Laden werden Sie schon was finden. Wir können auch jetzt noch in den Laden gehen, wenn Sie Zeit haben. Ich habe sowieso heute Abend noch dort zu tun. Die Umsatzsteuererklärung! Morgen habe ich einen Termin bei meinem Steuerberater.« Und tuschelnd hatte sie hinzugefügt: »Ich gebe Ihnen Prozente.«

Das hatte den Ausschlag geben! Für einen großzügigen Nachlass war Carlotta bereit, sich Utta Ingwersens sämtliche verpassten Gelegenheiten noch einmal anzuhören. Mit der Umsatzsteuererklärung wollte sie sie zwar allein lassen, aber am nächsten Morgen würde sie gleich um neun vor der Tür der Perlenmuschel erscheinen, um etwas Hübsches für Sandra auszusuchen. Dann blieb noch genug Zeit, um in Käptens Kajüte einzukehren und Tove auf den Zahn zu fühlen. Es wurde Zeit, dass er ihr verriet, warum er so nervös geworden war, als sie die Mafia erwähnt hatte.

Sie hörte Eriks Schritte schon auf der Treppe, noch ehe das Olivenöl heiß war. Und dann seine Stimme: »Wir treffen uns in der Nordseeklinik!«

Er klappte sein Handy zusammen, während er die Küche betrat, warf einen sehnsüchtigen Blick zur Pfanne, wünschte zerstreut einen guten Morgen und ging zur Espressomaschine. »Zum Frühstücken habe ich keine Zeit.«

»Ist was passiert?«, fragte Mamma Carlotta erschrocken.

»Henner Jesse ist aus dem Koma erwacht.«

»Er hat im Koma gelegen? Du hast gesagt, es wäre nicht so schlimm, und er würde bald wieder auf die Beine kommen!«

»Ja, ja …« Erik begann zu stottern. »So sah es zunächst aus. Aber dann ist er eben ins Koma gefallen.«

»Das hast du mir nicht erzählt!« Mamma Carlotta war empört. Jemand, dem Jesses Schicksal so naheging wie ihr, hatte es verdient, über alle Veränderungen in seinem Gesundheitszustand informiert zu werden.

Erik wurde ärgerlich. »Jedenfalls ist er jetzt aus dem Koma erwacht. Der Arzt sagt zwar, er ist noch nicht vernehmungsfähig, aber wir versuchen es trotzdem.« Er zog die Tasse unter der Espressomaschine weg und trank sie leer, während er zur Tür ging. »Hattest du einen netten Abend beim Inselchor?«

»Sì, es war sehr schön.«

»Prima! Dann bis später!« Als er die Küchentür öffnen wollte, bemerkte er, dass er die Tasse noch in der Hand hielt, und brachte sie zurück. »Grüß die Kinder!«

Damit fiel die Küchentür ins Schloss, kurz darauf auch die Haustür.

»Va bene«, sagte Mamma Carlotta.

Die Nordseeklinik empfing ihre Besucher mit einer breiten Auffahrt, die an einer Schranke endete. Erst als Erik seinen Dienstausweis gezückt und sein Anliegen vorgebracht hatte, wurde ihm gestattet, das Torhaus zu passieren und bis zum Eingang der Klinik vorzufahren.

Sören sah unzufrieden aus. Vermutlich war er mit dem köstlichen Gedanken aufgewacht, dass der Tag nicht mit einem Kanten Brot vom Vortag beginnen würde, sondern mit einem reichhaltigen Frühstück bei Mamma Carlotta. Und dann der Anruf des Chefs, der ihn direkt in die Nordseeklinik beorderte!

»Hätten wir das nicht nach dem Frühstück erledigen können?«, brummte er.

»Sie hätten wirklich die Nerven gehabt, erst ausgiebig zu frühstücken?«, fragte Erik zurück. Und er sah es Sören an der Nasenspitze an: Ja, er hätte kein Problem damit gehabt. »Wer weiß, wie lange das dauert! Und danach steht uns vermutlich wieder eine Diskussion mit der Staatsanwältin bevor!«

»Die soll mir mal bloß nicht blöd kommen!« Sören schien entschlossen zu sein, Erik konsequent mit Verdrießlichkeit dafür zu bestrafen, dass ihm sein Frühstück entzogen worden war. »Die war es doch, die es nicht geschafft hat, schon gestern Leute für die Observierung bereitzustellen.«

»Sie wird nicht Ihnen, sondern mir blöde kommen«, korrigierte Erik, während sie auf den Eingang der Nordseeklinik zugingen. »Und leider habe ich zugestimmt, als sie fragte, ob es früh genug sei, heute mit der Observierung zu beginnen.«

»Wer konnte auch ahnen, dass der Kerl gestern schon wieder bei Ingwersen auftaucht?«

Gegen acht war es gewesen, als Eriks Handy klingelte. Harm Ingwersens Stimme klang aufgeregt, er redete fahrig und atemlos. »Er war da! Verdammt, ich habe Ihre Leute aber nicht gesehen.«

»Die Observierung beginnt erst morgen«, sagte Erik erschrocken. »Das habe ich Ihnen doch gesagt.«

»Dann ist er Ihnen also durch die Lappen gegangen? Verdammt, verdammt! Er wird nicht noch einmal kommen.«

Erik zwang sich zur Ruhe. »Wie ist er bei Ihnen erschienen? Zu Fuß? Mit dem Auto? War er allein? Haben Sie ihn beobachten können, als er Sie verließ?«

Ingwersen beruhigte sich allmählich. »Ich habe ihn nicht hereinkommen sehen. Ich war im Restaurant beschäftigt, aber dann wollte ich ein Telefonat führen … und da stand er neben meinem Schreibtisch und grinste mich an.«

»Was hat er gesagt?«

»Er hat mich gefragt, ob ich mir die Sache noch mal überlegt hätte. Wenn ja, würde er ab dem nächsten Ersten seine Leute zum Kassieren schicken.«

»Und? Was haben Sie ihm geantwortet?«

Harm Ingwersen schien sich erst fangen zu müssen. Als er fortfuhr, klang seine Stimme gepresst. »Ich habe ihm klipp und klar erklärt, dass ich mich nicht erpressen lasse. Dass er von mir keinen Cent bekommt.«

Und wieder war Erik voller Bewunderung für diesen aufrechten, mutigen Mann. Hoffentlich würde er nicht irgendwann für seine Tapferkeit bezahlen müssen! »Aber Sie haben nicht verraten, dass Sie bereits Anzeige erstattet haben?«

»Nein! Wie verabredet!«

»Was passierte dann?«

»Er zog einen Schlagring aus der Jackentasche, stülpte ihn sich über und hielt ihn mir vor die Nase.«

»Er hat Sie bedroht?«

»Er wollte mir zeigen, dass er zu allem bereit ist. Ich solle mir nicht einbilden, hat er gesagt, dass ich davonkomme. Wenn ich glaubte, er meine es nicht ernst, dann würde ich bald erfahren, wie ernst er es meint.«

»Und dann?«

»Dann drehte er sich um und ging.«

»Sind Sie ihm nachgelaufen?«

»Ich bin zu einem Fenster gegangen. Von dort kann man den Eingang überblicken. Er überquerte den Parkplatz, als wäre er zu Fuß gekommen. Aber dann sah ich, dass am Straßenrand ein Wagen wartete. Der Motor wurde gestartet, kurz bevor er den Wagen erreichte.«

»Er war also nicht allein.«

»Nein, im Wagen hat jemand auf ihn gewartet.«

Erik schreckte aus seinen Gedanken auf, als Sören nach seinem Arm griff. »Wir können hier nicht einfach reinlaufen. Wir müssen uns anmelden.«

Er drückte auf einen Klingelknopf, kurz darauf öffnete sich die Tür der Intensivstation leise knarrend. Mit dem gleichen Geräusch schloss sie sich wieder hinter ihnen. Stille empfing sie. Eine Stille, die aus dem Surren, Klopfen, Saugen und Atmen von Maschinen bestand. Hinter einer der Türen war die Stimme einer Krankenschwester zu hören, eine andere antwortete mit einem hellen Lachen. Bevor sie sich entschlossen hatten, an eine der Türen zu klopfen, öffnete sich die erste, und ein Arzt trat auf den Gang. »Die Herren von der Polizei?«

Erik nickte. »Wie geht es Herrn Jesse?«

Der Arzt warf einen langen Blick durch eins der großen Fenster, hinter denen Menschen lagen, die durch Maschinen und Geräte am Leben erhalten wurden, ehe er antwortete: »Er ist vor ein paar Minuten gestorben. Nur drei Stunden, nachdem er aus dem Koma erwacht war.«

Mamma Carlotta radelte über die Westerlandstraße. Der Wind fuhr ihr entgegen, ein frischer Wind mit eiskalten Spitzen. Aber sie hielt ihm lachend das Gesicht hin. So unheimlich ihr der Wind bei ihrem ersten Besuch auf Sylt gewesen war, so herrlich fand sie es jetzt, sich von ihm treiben zu lassen. Und genauso schön war es, sich ihm entgegenzustemmen und die eigene Kraft mit seiner zu messen. Je öfter sie an die lähmende Hitze dachte, die auch jetzt noch über ihrem Dorf in Umbrien stand, desto mehr genoss sie den kalten Wind und die klare Luft.

Lucia hatte früher oft darüber gesprochen, aber ihre Mutter hatte sich nicht vorstellen können, dass ein Mensch, der glühende Tage, laue Nächte und die Lautlosigkeit der Hitze gewöhnt war, es sich bei Kälte, rauem Wind und tosender Brandung wohl sein lassen konnte. Jetzt verstand sie es bei jedem ihrer Besuche besser. Lucia hatte diese Insel liebengelernt, weil sie ihre Heimat geworden war.

Die Bebauung von Wenningstedt endete, der Radweg führte nun zwischen der Straße und einem weiten Heidefeld hindurch, das bis zu den Dünen reichte. Kurz hinter dem Norderplatz machte sie wie immer halt an dem Geschäft, das die wunderbaren Strandkörbe anbot, an denen sie sich nicht sattsehen konnte, dann folgte sie der Norderstraße weiter bis zum Rathaus.

Es war kurz vor neun. In der Strandstraße rüstete man sich für den kommenden Tag. Manche Türen öffneten sich bereits, und Ständer mit Sonderangeboten wurden auf die Straße gestellt, in anderen beschäftigte sich der Ladenbesitzer noch hinter geschlossener Tür mit der Kasse, damit sie bei Geschäftsbeginn einsatzbereit war. Mamma Carlotta schob ihr Fahrrad durch die Straße, obwohl es kaum Passanten gab, die sie hätte stören können. Nur ein paar Verkäuferinnen hasteten ihrer Tätigkeit entgegen, einige verschlafene Zeitungskäufer traten aus dem Laden neben dem Hotel Stadt Hamburg. Wer in einer Ferienwohnung Urlaub machte, lief mit einer Brötchentüte über die Strandstraße oder direkt aufs Café Wien zu, um dort zu frühstücken.

Hinter dem Café wechselte sie zur Friedrichstraße, überquerte sie und schwang sich wieder auf den Sattel. Die Bismarckstraße führte geradewegs auf die Käpt’n-Christiansen-Straße, wo die Muschel I lag. In das Restaurant integriert war die Perlenmuschel, der Geschenkartikelladen von Utta Ingwersen. Sie hatte ihr am Vorabend alles genau erklärt.

Das Stammhaus der Ingwersens glich der Muschel II in Keitum aufs Haar. Auch die Muschel I war weiß getüncht, hatte dunkle Fensterrahmen, und die Butzenscheiben bestanden aus getöntem Glas, genau wie die Eingangstür. Die Perlenmuschel war Teil des Gebäudes, setzte sich aber deutlich ab durch ein niedrigeres Dach, große Schaufenster und eine eigene Eingangstür.

Es war fünf nach neun, als Mamma Carlotta ihr Fahrrad abstellte. Hinter den Schaufenstern brannte kein Licht, im Laden rührte sich nichts. Sie kontrollierte die Öffnungszeiten, die auf einem kleinen Schild neben der Tür vermerkt waren. »Montag bis Freitag neun bis achtzehn Uhr! Na also!«

Mamma Carlotta betrachtete die Auslagen und wartete. Hübsche Accessoires führte Utta Ingwersen in ihrem Laden, ausgefallenen Modeschmuck, Porzellan, Stoffe, Kuscheltiere, Blumenvasen … ein buntes Durcheinander. Als Mamma Carlotta sich sattgesehen und schon das eine oder andere für Sandra ins Auge gefasst hatte, war es zehn nach neun. Noch immer war es dunkel im Laden, nach wie vor rührte sich nichts.

Mamma Carlotta trat von einem Bein aufs andere. Was sollte sie tun? Unverrichteter Dinge nach Hause fahren? Nein, das kam nicht infrage! Eine Ladeninhaberin hatte pünktlich ihr Geschäft zu öffnen! Das war ja noch schöner! In Deutschland nahm man es mit der Pünktlichkeit sehr genau, also konnte man auch erwarten, dass ein Geschäft rechtzeitig geöffnet wurde. In ihrem Dorf war das was anderes. Signora Tamigi öffnete ihren Wäscheladen immer erst, wenn sie den Abwasch erledigt hatte, keine Minute früher. Gab es viel abzuwaschen, mussten die Kunden eben ein wenig warten. Und wenn sie Liebeskummer hatte, dann blieb der Laden sogar tagelang geschlossen. Aber das war nicht weiter schlimm, denn jeder wusste ja, dass Signora Tamigi hinter ihrem Laden wohnte. Dann klopfte man an ihre Tür, betrat durch den Hintereingang das Geschäft und suchte sich aus, was man brauchte. So etwas wäre bei einer Frau wie Utta Ingwersen undenkbar gewesen.

Als sich nach fünf weiteren Minuten noch immer nichts tat, griff Mamma Carlotta nach der Klinke. Sie war sicher, die Tür verschlossen vorzufinden, doch zu ihrem Erstaunen ließ die Klinke sich bewegen, und die Tür schwang auf. »Hallo?«

Niemand antwortete ihr.

»Ist jemand da?«, versuchte sie es noch einmal, doch wieder kam keine Antwort. Dunkel und kühl lag der Verkaufsraum vor ihr, die elektronische Kasse sah sie mit finsterem Display an.

Mamma Carlotta trat ein, ließ die Tür aber geöffnet. Sie wollte nicht mit der Stille in dem Laden allein sein, wollte sich nicht in dem Dämmerlicht einschließen und vor allem nichts Verbotenes machen. Solange die Tür geöffnet blieb, war sie nicht unerlaubt hier eingedrungen, sondern hatte den Laden lediglich aufgeweckt. Schritt für Schritt wagte sie sich voran, und die Stille, die sie umfing, wurde ihr immer unheimlicher.

Sören hatte schon eine Tafel Trauben-Nuss-Schokolade hervorgeholt, aber noch weigerte sich Erik, zuzugreifen. Er wollte nicht vor diesem Fall und seinen Dimensionen kapitulieren. So jedenfalls wäre es ihm vorgekommen, wenn seine Reaktion auf Henner Jesses Tod der unverzügliche Anruf bei der Staatsanwältin gewesen wäre. »Was hat sich verändert durch Jesses Tod?«, fragte er verzweifelt.

»Wir haben es nicht mehr mit Körperverletzung zu tun«, antwortete Sören, »sondern mit fahrlässiger Tötung oder Körperverletzung mit Todesfolge, womöglich sogar mit Totschlag oder Mord.«

»Hängt davon ab, ob Henner Jesse in einem Handgemenge was abbekommen hat oder ob er gezielt zusammengeschlagen wurde. Ob sein Tod billigend in Kauf genommen wurde oder ob man ihn sogar töten wollte.«

»Damit niemand es wagt, sich gegen den Schutzgelderpresser zu stellen.« Sören saß auf dem Stuhl vor Eriks Schreibtisch und kippelte damit hin und her. Diese Angewohnheit hatte Erik ihm noch nicht austreiben können, obwohl er es schon oft versucht hatte. Ihm fiel das Nachdenken schwer, wenn er ständig in Sorge sein musste, dass Sören in den nächsten Augenblicken rücklings ins Zimmer fallen würde.

Er entschloss sich, die Wand anzustarren, während er überlegte. »Und wenn es ein eifersüchtiger Ehemann war, mit dessen Frau Henner Jesse ein Verhältnis hatte?«

Sören würdigte seinen Chef keiner Antwort. Diese Möglichkeit erschien ihm genauso absurd wie Erik.

»Welche Indizien haben wir?«, fragte Erik weiter. »Zwei Paar Turnschuhe der Marke Adidas. Das war’s. Können wir es wagen, den Todesfall an die große Glocke zu hängen? Die Bevölkerung aufrufen, uns Beobachtungen zu melden? Nach Zeugen suchen? Frau Jesse befragen?«

»Ich wäre gern dabei gewesen«, meinte Sören versonnen, »als der Arzt ihr die Todesnachricht überbrachte. Wie sie wohl reagiert hat?«

Doch Erik hörte ihm nicht zu. »Die Staatsanwältin glaubt nicht an die Mafia, also können wir diesen Todesfall so behandeln wie alle anderen. Aber was ist, wenn sie sich irrt? Und wenn wir beide dann in die Schusslinie der Mafia kommen?«

Sören sah ihn beunruhigt an. »Ich habe nicht im Kopf, wie viele Polizistenmorde allein auf das Konto der kalabrischen Mafia gehen.«

»Und was ist mit Harm Ingwersen? Mit der Observierung sind wir zu spät gekommen. Wie sollen wir den Kerl erwischen, der ihn erpressen wollte? Und was ist, wenn es Ingwersen über kurz oder lang so geht wie Jesse?«

»Vielleicht genehmigt die Staatsanwältin Personenschutz.«

»Ob das reichen wird?«

»Wir müssen mit anderen Gastwirten reden. Vielleicht finden sich welche, die bereit sind, auszusagen.« Nun stellte Sören seinen Stuhl sogar auf ein einziges Bein, indem er sich an der Schreibtischkante festhielt.

Erik wandte den Blick erneut ab und strich seinen Schnauzer glatt, wie er es immer tat, wenn er in Sorge war. »Die Bevölkerung darf nicht verunsichert werden. Es wird Unruhe geben, wenn sich herumspricht, dass die Mafia sich hier breitmacht. Die Angst wird grassieren.«

»Die, die bisher schweigend gezahlt haben, werden diese Angst schon kennen.«

»Aber es wäre verdammt peinlich, wenn sich herausstellt, dass die Staatsanwältin recht hat und ein kleiner Ganove sich als Mafioso aufspielt.«

Ein Moment der Stille trat ein, Sören kippelte weiter mit seinem Stuhl, Erik glättete sich den Schnauzer, als würde er dafür bezahlt. Beide atmeten erleichtert auf, als das Telefon klingelte und sie aus ihren schweren Gedanken geweckt wurden.

Eriks Gesicht verlor den grüblerischen Ausdruck nicht, als er abnahm und sich meldete. Dann wurde seine Miene schlagartig ungeduldig. »Warum rufst du mich im Dienst an?«

Plötzlich saß er kerzengerade da. »Was sagst du?«

Sören, der erneut versuchte, sein Denk- und Kombinationsvermögen auf einem einzigen Stuhlbein zu trainieren, wurde aufmerksam. Und als er dann hörte, was geschehen war, passierte zum ersten Mal das, was Erik ihm schon oft prophezeit hatte: Er fiel rücklings ins Zimmer.