Carlotta Capella hatte sich in einem Tafelservice versteckt. Zwischen Suppentassen und Saucieren gab es eine Nische, in die hatte sie sich gedrückt. Dort wurde sie von der Eingangstür nicht erkannt, und sie selbst musste die Tote nicht sehen, die direkt hinter der Kasse lag, mit verrenkten Gliedern und weit aufgerissenen Augen. Mamma Carlotta hätte es keine Minute in der Nähe dieser Augen ausgehalten. Schlimm genug, dass sie sich dem gebrochenen Blick nicht hatte entziehen können, während sie zum Telefon ging und Eriks Nummer wählte. Danach hatte sie in aller Eile die Eingangstür abgeschlossen und sich nach einem Platz umgesehen, an dem sie sich einbilden konnte, dass alles nur ein fürchterlicher Irrtum oder ein böser Traum war. Natürlich wäre sie viel lieber aus dem Laden gerannt und hätte Zeter und Mordio geschrien, aber Erik hatte ihr eingeschärft zu bleiben, wo sie war, und darauf zu warten, dass er am Tatort eintraf.

Tatort! Wie war es möglich, dass sie zu einem Geschenkartikelladen fuhr und an einem Tatort landete? Sie drückte sich noch tiefer in die Nische, bis sie die Regalwände an beiden Seiten ihres Oberkörpers spürte. Sie wurde gehalten, das tat ihr gut.

Allmählich wurde sie ruhiger. Sie war in der Lage, sich umzusehen, ohne dass ihr die leblose Gestalt Utta Ingwersens unter die Augen kam und die Blutlache, in der ihr Kopf lag. Die Perlenmuschel bestand aus einem großen und hohen Raum, der vermutlich in hellstem Licht erstrahlte, wenn die unzähligen kleinen Scheinwerfer gegen die weißen Regale leuchteten. Im hinteren Teil gab es eine zweite Ebene, eine Galerie, zu der eine steile Treppe hinaufführte. Mamma Carlotta konnte dort den Bildschirm eines Computers erkennen und in einem Regal verschiedene Aktenordner. Dort hatte sich Utta Ingwersen gestern Abend wohl mit ihrer Umsatzsteuererklärung beschäftigt.

Vor den Stufen stand ein großer Tisch, auf dem die Waren verpackt wurden, daneben die Kasse. Unter der Galerie gab es einige Glasvitrinen, die die Kostbarkeiten der Perlenmuschel enthielten: Armbanduhren, Schmuck, nautische Geräte und Swarovski-Figuren. Sämtliche Vitrinen waren mit einem Schloss gesichert, jedes unversehrt. Genau wie die Kasse.

Wie und warum war Utta Ingwersen gestorben? War sie auf der Stiege gestolpert und dann gestürzt? Carlotta mochte es nicht glauben. Aber um einen Raubmord handelte es sich offenbar auch nicht.

Stunden schienen vergangen zu sein, als endlich Autoreifen vor dem Haus quietschten. Türen schlugen, eilige Schritte kamen auf die Perlenmuschel zu. Sie reckte den Hals. »Enrico!«

So eilig rappelte sie sich hoch, dass beinahe ein Teil des Tafelservices zu Bruch gegangen wäre, weil sie mit der Schulter ein Regalbrett angehoben hatte. Dass sie das Milchkännchen, das herabpurzelte, mit einer schnellen Körperdrehung im Schoß auffing, wertete sie als gutes Zeichen. Ihr Reaktionsvermögen war wieder auf der Höhe. Und damit kehrten auch alle anderen Lebensgeister zurück. Angesichts der Hilfe, die in Form ihres Schwiegersohnes vor der Tür erschien, wurde sie schnell wieder die Alte. Sie fing schon an zu erzählen, was sich zugetragen hatte, als sie den Schlüssel noch nicht umgedreht und die Tür noch nicht geöffnet hatte.

Aber weder Erik noch Sören achteten auf ihre Worte. Mamma Carlotta wurde zur Seite geschoben, und Augenblicke später kniete Erik neben der Leiche.

»Haben Sie etwas angefasst, Signora?«, fragte Sören.

»Nur die Tür und das Telefon.« Und wieder begann sie zu berichten, wie merkwürdig es ihr vorgekommen war, dass Utta Ingwersen ihre Verabredung vergessen haben sollte. »Und dann merkte ich, dass die Tür nicht verschlossen war …«

Doch wieder hörte ihr niemand zu. Sie würde wohl später alles noch einmal erzählen müssen. Aber eigentlich war das genau richtig so. Sie wusste jetzt schon, dass es für sie sehr wichtig sein würde, so oft wie möglich zu erzählen, wie groß ihre Angst und wie gewaltig ihr Mitleid gewesen war. Nicht nur Erik, auch den Kindern, Tove und Fietje, Frau Kemmertöns, den Kassiererinnen von Feinkost Meyer, dem Bäcker und später in ihrem Dorf den Nachbarn, die auf der Piazza zusammenlaufen würden, wenn sich herumgesprochen hatte, was Carlotta Capella auf Sylt erlebt hatte. Dann erst durfte sie darauf hoffen, dass sie das Schreckliche verkraftet hatte, ohne seelischen Schaden genommen zu haben.

Wieder hielt ein Wagen vor der Tür, die Spurensicherung erschien. Erik ging Kommissar Vetterich entgegen und begrüßte ihn knapp. Während seine Leute sich die Schutzanzüge überzogen, führte Erik den Leiter der Spurensicherung zur Leiche.

»Schauen Sie sich das an«, sagte er leise und wies auf Utta Ingwersens linken Arm, der einen rechten Winkel bildete. In diesem Winkel war ein merkwürdiges Zeichen zu erkennen, drei ineinander verschlungene Doppelkreise. »Das hat augenscheinlich jemand auf den Boden gemalt«, flüsterte Erik.

Vetterich beugte sich darüber. »Der Täter?«

»Fotografieren Sie das bitte.«

»Meinen Sie, darauf wäre ich nicht selbst gekommen?«

»Und versuchen Sie herauszufinden«, fuhr Erik ungerührt fort, »welcher Stift benutzt wurde. Könnte ja sein, dass uns das weiterhilft.«

Kommissar Vetterich nickte und schob Erik und Sören beiseite. Für das, was jetzt kam, brauchte er Platz.

»Was ist mit Dr. Hillmot?«, fragte Sören. »Ist der steckengeblieben?«

»Es ist Nachsaison«, gab Erik geistesabwesend zurück. »Es gab keinen Stau in Westerland.«

Sören grinste. »Ich meine nicht, dass er im Verkehr steckengeblieben ist, sondern in seinem Kleinwagen. Irgendwann muss es doch mal passieren, das er hinter dem Lenkrad festsitzt.«

Sören neigte in Gegenwart einer Leiche zu Galgenhumor, während Erik in derselben Situation jeglicher Sinn für Humor abhanden kam. Deswegen verzog er auch keine Miene. Selbst dann nicht, als ein Wagen vorfuhr und der übergewichtige Gerichtsmediziner Mühe hatte, sich aus dem Wagen zu wuchten.

»Signora!«, rief er hocherfreut, als er Mamma Carlotta erkannte. »Wie kommen Sie an den Tatort?«

»Das wüsste ich auch gern«, sagte Erik und unterband damit die langatmigen Erklärungen, zu denen seine Schwiegermutter gerade ansetzte.

Aber die hatte das reinste Gewissen der Welt. Niemand konnte ihr vorwerfen, Utta Ingwersens Angebot angenommen zu haben, zu verbilligten Preisen bei ihr einzukaufen. Sie machte einen weiteren Versuch, Erik zu erklären, was sie gesehen, gehört, gedacht, gefühlt und vermutet hatte, aber wieder ohne Erfolg.

Erik nickte ungeduldig, als er begriffen hatte, dass ihr weder Neugier noch Einmischung in seine Arbeit vorzuwerfen war, und wandte sich an Sören: »Der Ehemann weiß anscheinend noch nicht Bescheid?« Sein Blick ging zu einer Tür mit der Aufschrift »Zum Restaurant«. Er drückte die Klinke und nickte zufrieden, als die Tür sich öffnete. Mit einer Kopfbewegung winkte er Mamma Carlotta zu sich heran. »Hier durch«, sagte er und schob sie vor sich her.

Harm Ingwersen hatte das Gesicht in beide Hände gelegt. Seine Schultern zuckten, seine Finger bebten, er schien außerstande zu sein, Erik anzusehen. Der war sicher, dass Harm zu den Männern gehörte, die seit ihrer Kindheit nicht mehr in Gegenwart anderer geweint hatten. Erik hatte großes Mitleid mit ihm und wünschte sich insgeheim, dass Vetterich untrügliche Anzeichen dafür finden würde, dass Utta von einem Einbrecher überrascht worden und für den Inhalt ihrer Kasse gestorben war. Oder Dr. Hillmot käme mit der Mitteilung, alles sähe nach einem Unfall aus: Utta sei durch unglückliche Umstände von der Galerie gestürzt und habe sich dabei tödlich verletzt.

Ob Harm Ingwersen in seiner ersten Verzweiflung daran dachte, was vermutlich hinter dem Tod seiner Frau steckte? Es würde nicht lange dauern, bis ihm klarwerden musste, warum sie gestorben war.

Erik gab sich einen Ruck. Er musste aufpassen, dass er sich nicht festfuhr, musste in alle Richtungen ermitteln, alles für möglich halten, nicht nur das, was der Anschein hergab. Vielleicht steckte hinter Utta Ingwersens Tod etwas ganz anderes als die Brutalität der Mafia?

Noch bevor Sören an der Tür zu seiner Privatwohnung hatte klingeln können, war Ingwersen ahnungslos ins Restaurant gekommen, um seine Putzfrau einzulassen. Er war durch eine Tür in der Nähe der Theke eingetreten, auf der »Privat« stand und die anscheinend in die Wohnung der Ingwersens führte. Unrasiert und ungekämmt war er, trug eine Jogginghose und ein T-Shirt und war sehr erstaunt, auf die Polizisten und eine ihm fremde Frau zu treffen.

»Hat meine Frau Sie eingelassen? Wo ist sie überhaupt?«, hatte er gefragt. Normalerweise ließ Utta die Putzfrau ins Restaurant, hatte er erklärt, damit er selbst, der oft bis tief in die Nacht im Restaurant zu tun hatte, ausschlafen konnte. Aber diesmal hatte die Putzfrau ihn telefonisch aus dem Bett geklingelt. »Sie hat behauptet, der Laden wäre verschlossen. Und noch irgendwas hat sie erzählt, was ich nicht verstanden habe. Sie redet ja nur gebrochen Deutsch.« Während er sprach, hatte er die Tür des Restaurants aufgeschlossen und eine dunkelhäutige junge Frau eingelassen, die sich in die Küche begab und kurz darauf mit dem Putzeimer klapperte. Dann hatte er den unverhofften Besuch angelächelt, aber Erik konnte beobachten, wie seine Mundwinkel zu zittern begannen und allmählich herabsanken. »Was ist passiert? Haben Sie den Kerl?«

Erik strich sich den Schnauzer glatt und räusperte sich, doch bevor er umständlich mit der schrecklichen Wahrheit herausgerückt war, hatte schon Mamma Carlotta eingegriffen. Erik wollte sie zurückhalten, sah aber bald ein, dass er selbst niemals derart einfühlsame Worte gefunden hätte. Sie schaffte es, Harm Ingwersen einerseits die volle Wahrheit zu sagen, ohne etwas zu vertuschen oder zu beschönigen, ihm aber gleichzeitig Trost zu spenden, der sich nicht auf hohle Phrasen beschränkte. Gegen seinen Willen bewunderte er seine Schwiegermutter mal wieder für ihre Emotionalität, der er sich stets unterlegen fühlte.

Nun hatten sie eine Weile geschwiegen und Harm Ingwersen seinem Schmerz überlassen. Plötzlich stöhnte er, ohne aufzusehen: »Das habe ich nicht gewollt.« Langsam hob er den Kopf. »Wenn ich gewusst hätte, dass dieses Schwein sich an meiner Frau vergreift …«

»Sie wissen, wer es getan hat?«, fragte Mamma Carlotta aufgeregt. Aber Erik brachte sie mit einer energischen Handbewegung zum Schweigen. Erschrocken legte sie eine Hand auf den Mund, als müsste sie die Worte daran hindern, unversehens aus ihr herauszupurzeln.

»Als er mir gedroht hat, habe ich nur daran gedacht, dass er mir etwas antun könnte. Er hat nie davon gesprochen, dass seine Rache auch meine Familie treffen könnte. Nie! Sonst hätte ich doch alles für den Schutz meiner Frau getan!« Seine Stimme war immer lauter geworden, schließlich schrie er: »Dieses Schwein! Sich an einer Frau zu vergreifen! Utta wusste von nichts. Sie hatte keine Ahnung, dass sie in Gefahr war. Und ich …« Er schluchzte auf und legte das Gesicht wieder in die Hände. »Und ich auch nicht«, ergänzte er dann leise.

Erik warf Mamma Carlotta vorsichtshalber einen weiteren warnenden Blick zu, ehe er fragte: »Sie glauben also, dass der Schutzgelderpresser Ihre Frau ermordet hat?«

Harm fuhr auf. »Wer denn sonst? Natürlich war er es.« Er sackte wieder in sich zusammen. »Vielleicht nicht er selbst. Der hat seine Leute, die die Drecksarbeit für ihn erledigen. Der Kerl hat nur den Auftrag gegeben …«

Erik nickte. Ja, so könnte es gewesen sein. Utta Ingwersen hatte dafür zahlen müssen, dass ihr Mann nicht bereit war, sich erpressen zu lassen. Aus seinem Mut war ihr Verderben geworden. Dieser Kerl war verdammt schnell gewesen, was dafür sprach, dass es sich um einen Profi handelte. Vermutlich hatte er geahnt, dass jemand wie Harm den Mut hatte, zur Polizei zu gehen. Und natürlich hatte er sich denken können, dass es eine Observierung und über kurz oder lang auch Personenschutz geben würde. Sämtlichen Maßnahmen war er zuvorgekommen.

Harm stand auf, ging zur Theke und goss sich mit zitternden Händen ein Glas Wasser ein. »Demnächst werde ich zahlen«, flüsterte er. »Sonst passiert Arne auch noch was. Oder Vera.«

Aufgeregt wisperte Mamma Carlotta ihrem Schwiegersohn zu: »Du hast doch gesagt, das mit der Mafia wäre eine falsche Information gewesen?«

Erik stand auf. »Du gehst jetzt besser.«

Mamma Carlotta sah ihn an, als wollte sie ihm damit drohen, nie wieder Antipasti einzulegen, damit er sie nicht wegschickte. Aber sie merkte schnell, dass Erik unerbittlich sein würde. Hier handelte es ich um eine polizeiliche Maßnahme, da hatte sie nichts zu suchen.

»Deine Zeugenvernehmung machen wir später«, ergänzte er.

Damit hatte er genau das Richtige gesagt. Dass Erik sie nicht zu den Neugierigen zählte, sondern sie eine Zeugin nannte, änderte die Sache. »Naturalmente«, entgegnete Mamma Carlotta würdevoll und machte sich auf den Weg zur Tür.

Sie wurde in diesem Augenblick aufgerissen, und Menno Koopmann, der Chefredakteur des Inselblattes, erschien auf der Schwelle. »Eifersuchtsdrama oder Raubmord?«, fragte er Erik und sah Harm Ingwersen so eindringlich an, dass der sich erhob und zur Theke ging.

Erik zögerte nur kurz, dann antwortete er: »Kann ich nicht sagen. Wir fangen ja gerade erst mit den Ermittlungen an.«

»Dann tippe ich mal auf Raubmord!« Menno Koopmann wandte sich an Mamma Carlotta: »Haben Sie etwa die Leiche gefunden?«

Diesmal war es Erik, der seine Augen sprechen ließ. Und Carlotta schüttelte gehorsam den Kopf. »Wie kommen Sie denn darauf?«

Menno Koopmann fuhr zu Erik herum. »Wer dann? Wer hat die Leiche gefunden?«

»Das werden Sie noch früh genug erfahren.« Mit Eriks Geduld war es vorbei. »Und jetzt verschwinden Sie! Sie stören die Ermittlungen.«

Er schob Koopmann hinaus und schloss die Tür erst hinter ihm, als er beobachtet hatte, wie Mamma Carlotta sich aufs Fahrrad schwang und die Käpt’n-Christiansen-Straße hinunterradelte, ohne von Menno Koopmann besonders beachtet oder gar verfolgt zu werden. Dass ein Fotograf des Inselblattes Aufnahmen vom Ladeneingang der Perlenmuschel machte, ließ sich vorerst nicht verhindern. Es konnte aber nicht mehr lange dauern, bis ein Streifenwagen mit den Kollegen eintreffen würde, die dafür sorgten, dass sich Utta Ingwersens Laden niemand mehr näherte.

Erik drehte den Schlüssel um, bevor er sich wieder Harm Ingwersen zuwandte. Der wankte mit dem Wasserglas in der Hand zu einem Stuhl, um sich zu setzen.

»Tut mir leid, Herr Ingwersen. Menno Koopmann gehört leider nicht zu den sensibelsten Zeitgenossen.«

Harm winkte mit einer müden Geste ab. »Schon gut.« Er legte beide Hände um das Wasserglas und starrte auf die Tischplatte. Erik ging zur Theke, holte sich einen Bestellblock und einen Bleistift und kehrte damit zu Harm Ingwersen zurück. Ungelenk begann er zu malen, setzte mehrmals an, riss immer wieder ungeduldig den obersten Zettel vom Block, bis er schließlich einigermaßen zufrieden war. Dann schob er Harm das Ergebnis seiner Malerei hin: drei ineinander verschlungene Doppelkreise. »Haben Sie dieses Zeichen schon mal irgendwo gesehen?«

Harm Ingwersen starrte lange auf den Block, ehe er aufsah. »Warum fragen Sie das?«

»Dieses Zeichen hat jemand auf den Boden gemalt. Direkt neben die Leiche Ihrer Frau.«

Harm schwieg so lange, bis Erik nicht mehr mit einer Antwort rechnete. Aber dann sagte er: »Ja, das Zeichen kenne ich. Der Erpresser trug einen auffälligen Ring mit diesem Zeichen! Oder es sah zumindest so ähnlich aus.«

Erik riss den Zettel ab, knüllte ihn zusammen und steckte ihn in die Hosentasche, dann wechselte er das Thema. »Warum haben Sie nicht bemerkt, dass Ihre Frau heute Nacht nicht zu Hause war?« Sehr sanft fragte er, so, als ging es nur um freundliches Interesse.

Harms Tonfall war genauso gleichmütig. »Wir haben … wir hatten unterschiedliche Lebensrhythmen. Ich war abends sehr lange im Restaurant. Wenn ich in die Wohnung kam, schlief meine Frau längst. Und wenn ich aufwachte, war sie bereits in ihrem Laden. Natürlich haben wir getrennte Schlafzimmer, sonst hätten wir uns ja ständig gestört.«

Erik verstand. »Als Sie heute Nacht in die Wohnung gingen, glaubten Sie also, dass Ihre Frau bereits schlief?«

Harm nickte. »Natürlich. So war es ja immer.«

»Die Tür zur Perlenmuschel war nicht abgeschlossen. Können Sie sich das erklären?«

Harm seufzte. »Ich habe so oft gesagt: Utta, schließ ab, wenn du außerhalb der Öffnungszeiten im Geschäft bist. Aber sie hat immer erst den Schlüssel rumgedreht, wenn sie in die Wohnung ging.«

»Wie war das gestern? Sie war doch zunächst bei der Chorprobe, oder?«

Harm dachte nach. »Stimmt, das hatte ich ganz vergessen.«

»Ist sie denn, als sie zurückkehrte, durchs Restaurant in den Laden gegangen?«

»Keine Ahnung, ich habe sie nicht gesehen.« Harm schüttelte den Kopf. »Aber das muss nichts heißen. Man ist ja ständig unterwegs, von der Küche an einen Tisch, zurück zur Theke, in den Weinkeller …« Er dachte kurz nach und schüttelte den Kopf noch einmal. »Nein, sie wird wohl direkt ins Geschäft gegangen sein. Sie musste noch irgendwas für die Steuer erledigen, das hatte sie am Nachmittag erwähnt.«

»Und sie hat nicht hinter sich abgeschlossen?«

»Sieht so aus.«

»Das war leichtsinnig.«

»Sie war keine ängstliche Person.«

»Kann es auch sein, dass sie abgeschlossen hatte und der Täter durchs Restaurant in den Laden gekommen ist?«

Harm sah Erik nachdenklich an. »Dann hätte man ihn sehen müssen.«

»Wenn er sich unauffällig verhalten hat, wenn er seriös aussah, anständig gekleidet war …«

»Den Erpresser hätte ich wiedererkannt.«

»Der war sicherlich nicht der Mörder Ihrer Frau.«

Harm seufzte auf. »Sie meinen, da kommt einer zum Essen, tut dann so, als ginge er zur Toilette …«

»Auf dem Weg dorthin kommt er an der Zwischentür vorbei, oder?«

Harm nickte, dann führte er den Satz fort: »… und geht stattdessen in die Perlenmuschel und bringt meine Frau um?«

»Dann verlässt er den Laden durch die Eingangstür, in der der Schlüssel steckte. Das könnte der Grund sein, warum sie unverschlossen war.«

»Und warum ist er nicht zurück ins Restaurant gekommen?«

»Vielleicht … weil Blut an seiner Kleidung klebte. Oder weil er zu aufgewühlt war.«

»Wir hatten keinen Fall von Zechprellerei gestern Abend.«

»Möglich auch, dass er nicht allein war. Ein anderer hat für ihn die Rechnung bezahlt.« Erik dachte an die Schuhabdrücke, die neben Henner Jesse gefunden worden waren. Abdrücke von zwei Personen. »Ein Komplize.«

Nun mischte Sören sich ein. »Können wir zusammen mit Ihren Mitarbeitern rekonstruieren, wer gestern bei Ihnen gegessen hat?«

Harm Ingwersen nickte. »Das wird nicht leicht sein. Das Restaurant war voll, obwohl die Hochsaison vorbei ist. Und es waren vor allem Touristen, die bei uns gegessen haben. Die kennt ja keiner mit Namen.«

»Wir können es trotzdem versuchen.«

In diesem Augenblick öffnete sich die Küchentür. Erik erwartete, dass die Putzfrau vor ihnen erscheinen würde, um sich zu erkundigen, ob sie nun endlich mit dem Staubsaugen beginnen könne. Aber es war eine außergewöhnlich hübsche junge Frau, die aus der Küche trat. Verblüfft sah sie Erik und Sören an, dann wandte sie sich an Harm Ingwersen. »Was ist in der Perlenmuschel los?«

Ingwersen stand auf und ging zu ihr. »Es ist etwas Fürchterliches passiert«, hörte Erik ihn sagen. »Meine Frau ist tot. Sie ist … ermordet worden.«

Erik sah, wie sich die Augen der jungen Frau weiteten und ihr Mund sich öffnete. Ehe sie etwas sagen konnte, ergriff Ingwersen ihren Arm, um sie in die Küche zurückzudrängen.

Aber Erik kam ihm zuvor. Er erhob sich gleichfalls und stellte sich neben Ingwersen. »Darf ich fragen, wer Sie sind?« Er machte eine einladende Geste zum Tisch.

Die junge Frau folgte der Aufforderung sichtlich ungern. Als sie sich neben Harm Ingwersen niederließ, hockte sie sich auf die vordere Stuhlkante, als wollte sie bei nächster Gelegenheit wieder aufspringen und das Restaurant verlassen.

»Susanna Larsen«, stellte sie sich vor. »Ich bin Kellnerin in der Muschel II in Keitum.«

»Was führt Sie hierher?«

»Ich wollte in die Perlenmuschel. Einkaufen. Ein Geschenk für meine Mutter. Aber da ist geschlossen. Und die Polizei hat alles abgeriegelt. Und da … da dachte ich …«

»Sie hat den Hintereingang benutzt«, erklärte Harm. »Der führt durch die Küche.«

»Woher kennen Sie den Hintereingang?«, fragte Erik.

Susanna Larsen fuhr sich mit einer Geste durch die langen braunen Haare, die etwas Einstudiertes hatte. »Ich habe schon oft hier ausgeholfen«, erklärte sie. »Wenn in der Muschel II nicht viel los war und sich hier jemand krankgemeldet hatte.«

»Daher kennen Sie Frau Ingwersen?«

»Nicht nur! Wir singen auch gemeinsam im Inselchor. Oder vielmehr … wir sangen. Ob das mit dem Chorwettbewerb jetzt noch was wird?«

Erik fand die Frage höchst unpassend. Ihm fiel auf, dass Sören Susanna Larsen anstarrte, als wäre ihm Angelina Jolie erschienen. Wer ihn kannte, wusste, dass er diese Schauspielerin verehrte. Und wer Susanna Larsen ansah, konnte eine gewisse Ähnlichkeit nicht verhehlen.

Erik berührte Sörens Arm, damit er sich vom Anblick der hübschen jungen Frau losriss. Es fiel ihm sichtlich schwer, aber es blieb ihm nichts anderes übrig, als seinem Chef zu folgen. Erik übersah den langen Blick, den sein Assistent zurückwarf.

»Was halten Sie von diesen drei Doppelkreisen?«, fragte er, als sie vor dem Restaurant standen. »Ist das ein Zeichen?«

Sören sah ihn derart verwirrt an, als wüsste er nicht, wovon die Rede sei. Dann riss er sich zusammen. »Was sonst? Das muss das Zeichen einer Mafia-Familie sein.«

»Damit wir ganz genau wissen, wer Utta Ingwersen umgebracht hat?«

Sören nickte, dann stutzte er plötzlich. »Warum eigentlich? Harm Ingwersen weiß es doch sowieso.«

»Eben!« Sie waren an Eriks Auto angekommen. »Warum dieses Zeichen? Ist es üblich, dass sich ein Mafia-Mörder zu seiner Tat bekennt?«

Sören schüttelte den Kopf. »Nur wenn es um rivalisierende Mafia-Familien geht. Dann will jede Familie ihre Macht beweisen.«

»Haben Sie bei der Vorbereitung auf Ihre Examensarbeit jemals von drei Doppelkreisen gehört?«

»Kann mich nicht erinnern!« Sören rüttelte an der Klinke der Beifahrertür. »Können Sie nicht endlich aufschließen?«

Erik erwachte aus seinen Gedanken, sie stiegen ein und starteten. Aber schon an der nächsten Ecke bremste Erik und fuhr rechts ran. »Warum haben wir das Zeichen nicht neben Henner Jesse gefunden?«

»Weil wir uns geirrt haben? Weil er doch kein Opfer der Mafia geworden ist?«

Erik biss sich auf die Unterlippe. »Oder weil ich das Zeichen nicht gesehen habe. Ich habe mich um ihn gekümmert und nicht weiter auf Spuren geachtet. Es war windig, das Zeichen war vielleicht schon verweht, und dann kamen die Sanitäter und haben alles zertrampelt.«

»Vorausgesetzt, es hat neben Henner Jesse überhaupt ein Zeichen gegeben«, meinte Sören.

Carlotta Capella versuchte zu fliehen – vor der Angst, vor dem Schrecken, vor dem Bild, das sie nicht verdrängen konnte: Utta Ingwersen in ihrem Blut, die weit aufgerissenen Augen, die verkrampften Hände, die vergeblich versucht hatten, das Leben festzuhalten! Carlotta fuhr, so schnell sie konnte, doch das Bild war nicht abzuschütteln. Ebenso wenig wie die schrecklichen Worte. Schutzgeld! Erpressung! Mafia! Erik hatte sie also belogen. Die Mafia auf Sylt, das war keine falsche Information gewesen. Das war Wirklichkeit!

Mamma Carlotta stieß ein bitteres Lachen aus, das ein junger Vater, dem der Ball seines Sohnes unter dem Arm wegrutschte, falsch interpretierte. Er beschimpfte Mamma Carlotta, während er den Ball verfolgte, wegen ihrer Schadenfreude und schrie ihr sogar hinterher, sie und ihre leichtsinnige Fahrweise seien schuld, und sie solle gefälligst dabei helfen, den Ball unter dem parkenden Lkw hervorzuholen …

Aber sie nahm den protestierenden Feriengast gar nicht wahr und ließ ihn schreien, ohne auf die Idee zu kommen, seine Anschuldigungen könnten etwas mit ihr zu tun haben. So schwungvoll bog sie in die Boysenstraße ein, dass es ihr beinahe ähnlich ergangen wäre wie dem bunten Gummiball des verärgerten Sylt-Touristen. Doch sie hielt sich auf dem Sattel, obwohl ihr ein Lkw entgegenkam, dessen Fahrer augenscheinlich nicht mit einer rasenden italienischen Mamma gerechnet hatte. Aber auch von seinem Ausweichmanöver bekam Carlotta nicht viel mit. Ihre Gedanken wanderten zu Tove und seiner Sorge um Fietje. Nach wie vor glaubte sie Tove kein Wort. Wenn Fietje auch sein einziger Stammgast war – darüber hinaus verband die beiden nichts als die Tatsache, dass einer wie der andere keine Freunde auf dieser Insel hatte. Und wenn Tove in diesem Fall ein gutes Wort für Fietje einlegte, dann musste die Sache einen Haken haben. Vielleicht war ihm aus ganz egoistischen Motiven daran gelegen, dass sich nicht herumsprach, was Fietje in der Nacht beobachtet hatte? Womöglich hatte Tove Angst vor Rache und wollte deshalb nicht, dass die beiden Männer, die Jesse zusammengeschlagen hatten, der Polizei ausgeliefert wurden? Ausgerechnet Tove, der stark wie ein Bär war und sich sonst vor nichts fürchtete! Angeblich war er jahrelang als Kapitän zur See gefahren und hatte sich sogar einmal nach einem Schiffbruch vor Gibraltar als Einziger schwimmend an Land gerettet. Wenn ein solcher Mann Angst hatte, musste er einen guten Grund haben.

Mamma Carlotta brauchte nur an ihren Onkel Renzo zu denken, der ebenfalls stark wie ein Bär gewesen war. Als er nach Kalabrien ging, um in Tropea ein Eiscafé zu eröffnen, wurde er prompt von der Mafia erpresst. Seinen ersten Besuch in der Heimat machte er mit einem frisch gebrochenen Nasenbein, später bewirtete er die Geldeintreiber der Mafia mit Zitronensorbet und Früchtebechern und legte ihnen das Schutzgeld unter den Teller. Dass er von da an täglich seine Frau verprügelte, um sich für seine verlorene Mannesehre schadlos zu halten, war eine andere Sache.

Mamma Carlotta schlidderte in die Friedrichstraße, auf der das Fahrradfahren verboten war, dachte aber nicht daran abzusteigen. »Die paar Meter!«, murmelte sie, als ein empörter Kunde von Fisch-Blum hinter ihr her schimpfte. Sie tat so, als fühlte sie sich nicht angesprochen, und fuhr auf die Strandstraße zu, obwohl sie wusste, dass Radfahrer auch dort nicht gern gesehen waren. Dann jedoch hatte sie die Steinmannstraße erreicht, und dort war das Fahrradfahren erlaubt. Das schnelle Fahren tat ihr gut, der Wind zwang sie, sich richtig ins Zeug zu legen. Und da körperliche Anstrengung ihr schon immer bei der Bewältigung von Schwierigkeiten geholfen hatte, ging es ihr allmählich besser.

Zu Hause wusch sie sämtliche Gardinen auf einmal, wenn sie emotional aufgewühlt war, oder räumte den Abstellraum derart gründlich auf, dass sie sich damit prompt das nächste Problem auf den Hals lud: die Verlustmeldungen aufgebrachter Familienangehöriger, die vergeblich Werkzeug, Spielsachen oder alte Fotoalben suchten. Zum Glück war die körperliche Verausgabung beim Fahrradfahren nicht halb so folgenschwer.

Am Brandenburger Platz beschloss sie, ihren Weg am Strand fortzusetzen. Der Blick aufs Meer würde sie den Blick in das Gesicht der Toten vergessen lassen. Selbstredend war das Fahrradfahren auf der Kurpromenade ebenfalls verboten, aber Mamma Carlotta ignorierte auch das. Sie blieb sogar auf dem Sattel sitzen, als aus der befestigten Kurpromenade der hölzerne Kurweg wurde. Nur dann stieg sie ab, wenn er vom Sand überweht war und das Fortkommen per Rad schwierig wurde.

Als der Weg vom Strand wegführte, blieb sie stehen und dachte nach. Sollte sie versuchen, das Fahrrad an der Wasserkante entlangzuschieben, wo der Sand feucht und fest war? Sie sah eine Weile nachdenklich in den Himmel. Tief hingen die Wolken, zum Greifen nah. Wie häufig hatten die Kinder kurz nach Lucias Tod in den Himmel geschaut und Trost gefunden, wenn die Wolken sich zur Erde senkten! Dann war ihnen ihre Mutter nahe, das glaubten sie noch heute, in Umbrien wie auf Sylt.

»Ach Lucia!«, murmelte Mamma Carlotta. »Gut, dass du nicht miterleben musst, dass deine Insel zum Opfer der Mafia wird!« Sie sah einem Wolkenfetzen nach, der sich aus einem aufgeplusterten Wolkenberg löste und wie ein transparentes Ausrufezeichen den Himmel teilte. »Vielleicht kannst du ein wenig auf Sylt aufpassen, la mia piccola?«

Sie sah dem Ausrufezeichen dabei zu, wie es sich an eine herantreibende Wolke schmiegte und in ihr aufging. Warum sie sich getröstet fühlte, konnte sie nicht sagen. Aber als sie die Lornsenstraße entlangradelte, wurde sie immerhin nicht mehr von dem totenbleichen Gesicht Utta Ingwersens verfolgt.

Der Radweg führte über den Parkplatz zur meteorologischen Station, dann an der Nordseeklinik entlang. Am Ende der Seedüne bog sie in den Hochkamp ein und stand kurz darauf vor Käptens Kajüte. Noch immer wusste sie nicht, wie sie Tove dazu bringen sollte, ihr die Wahrheit zu sagen. Ob er ihr gestehen würde, Schutzgeld zu zahlen, wenn sie ihm von dem gewaltsamen Ende Utta Ingwersens berichtete? Aber diesen Gedanken verwarf sie gleich wieder. Wenn Tove Angst hatte, dann würde sie damit nicht geringer. Im Gegenteil! Und da morgen das Inselblatt vom Tode Utta Ingwersens berichten würde, war heute wohl ihre letzte Chance, etwas aus Tove herauszubekommen.

Als die Stimmen der beiden Italiener an ihr Ohr drangen, horchte sie auf. Zwei dunkelhaarige Männer waren es, die aus der Imbiss-Stube traten. Sie trugen schwarze Anzüge über weißen T-Shirts, der eine war klein und zierlich, der andere ein großer, breiter Kerl, dessen Muskeln das Jackett zu sprengen drohten. Der Kleine warf seine Zigarette zu Boden und trat sie aus, während der Große ihn fragte, was es mit Francescos merkwürdiger Verabredung auf sich habe. Ob da eine Frau im Spiel sei? Der Kleinere lachte, antwortete etwas, was Mamma Carlotta nicht verstand, dann schlenderten die beiden den Hochkamp entlang zu ihrem etwa hundert Meter entfernt geparkten Auto.

Während sie davonfuhren, fragte sich Mamma Carlotta, warum sie den Wagen wohl nicht direkt vor Käptens Kajüte abgestellt hatten, wo genug Platz war. Und plötzlich kam ihr eine Idee …

»Moin, Signora!« Toves Laune schien noch schlechter zu sein als sonst. Er räumte lautstark die Spülmaschine aus, knallte Teller und Tassen auf die vorgesehenen Regalbretter und warf dann die Tür der Spülmaschine zu, als dürfte sie nie wieder einen einzigen Teller spülen.

»Buongiorno, Tove«, sagte Mamma Carlotta. »Un cappuccino, per favore.«

Tove warf ihr einen finsteren Blick zu. »Wieso reden Sie neuerdings italienisch mit mir?«

Carlotta tat so, als wäre ihr ein Versehen unterlaufen. »Scusi! Es war nur wegen dieser beiden Herren, die gerade bei Ihnen rauskamen. Die beiden Italiani. Sie kamen mir übrigens bekannt vor«, behauptete sie, nachdem Tove ihr etwas vorgesetzt hatte, was in ihrer Heimat niemals als Cappuccino durchgegangen wäre.

»Solche Typen kennen Sie?« Tove legte unvermittelt seine dicht behaarten Unterarme auf die Theke und beugte sich Mamma Carlotta so weit entgegen, dass sie seinen Schweißgeruch wahrnahm. Vorsichtig wich sie zurück, aber dem Geruch konnte sie nicht entgehen, wenn sie nicht vom Barhocker kippen wollte. »Diese beiden Drecksäcke kennen Sie nicht!«, erklärte er bestimmt. »Wetten?«

»Drecksäcke?«, wiederholte Mamma Carlotta freundlich. »Was ist das?«

»Halunken! Halsabschneider! Betrüger! Ganoven!«

»Ah, ladroni! Ich verstehe! Dann könnte es wirklich sein, dass ich sie kenne.«

Tove starrte sie an, als hätte sie angekündigt, ein Restaurantkritiker würde demnächst seine Imbiss-Stube heimsuchen.

»Ich glaube, die waren schon mal in meinem Dorf.«

»In Ihrem Dorf? Das sind doch mindestens … keine Ahnung, wie viele Kilometer. Aber verdammt viele.«

»Na und? Ich bin doch auch auf Sylt. Trotz der vielen Kilometer. In einem Flugzeug geht das molto rapido.«

Tove stieß sich von der Theke ab. »Als wenn ich das nicht wüsste!«

Eine vollschlanke junge Frau mit einer Weight-Watchers-Tabelle in der Hand betrat den Imbiss. Bevor sie bestellte, wollte sie darüber diskutieren, mit welcher Punktzahl das kulinarische Angebot zu Buche schlagen würde.

»Ich habe schon zehn Kilo abgenommen«, sagte sie mit einem Seitenblick auf Mamma Carlotta und erklärte in groben Zügen das Prinzip der Weight Watchers.

»Mir ist das Abnehmen ohne Punktezählen gelungen«, entgegnete Mamma Carlotta. »Mein Mann ist gestorben. Schon kurz nach der Beerdigung passten mir meine Kleider nicht mehr.«

Die junge Frau überlegte, welchen Vorteil diese Variante haben könnte, beschloss dann aber, sie auf später zu verschieben. »Ich bin ja erst seit zwei Jahren verheiratet.«

Wie immer, wenn Tove Einblick in eine fremde Welt erhielt, in der er sich nicht auskannte und die er nicht verstand, wurde er wütend. Er knallte eine Portion Pommes frites auf die Theke und fragte: »Wie viele Punkte dürfen Sie essen?«

»Höchstens vier«, antwortete die junge Frau, während sie auf ihre Tabelle starrte. »Dann habe ich noch drei Punkte fürs Abendessen.«

»Die Pommes bringen nicht mehr als dreieinhalb«, behauptete Tove und schob ihr die Pommes frites entgegen. »Höchstens! Für vier Punkte könnte ich Ihnen noch eine Currywurst dazulegen. So was kann nicht mehr als einen halben Punkt bringen.«

Nach erneutem Studium ihrer Tabelle wies die junge Frau jedoch beides zurück und entschied sich für eine halbe Portion Krautsalat, vorausgesetzt, er werde täglich frisch zubereitet und komme ohne Konservierungsstoffe aus.

Tove bestätigte beides, ohne rot zu werden, und schien es gar nicht erwarten zu können, endlich wieder mit Mamma Carlotta allein zu sein. Als es so weit war, begann er die Gläser zu spülen, die längst sauber waren, und fragte währenddessen: »Sie meinen also wirklich, Sie hätten diese beiden Kerle schon mal in Ihrem Dorf gesehen?«

Mamma Carlotta nickte. »Ich glaube, einer von ihnen ist verwandt mit Carlo Vallese, unserem Briefträger. Aber beim letzten Besuch hat er ihn aus dem Haus geworfen. Mit der Mafia will er nichts zu tun haben, hat er gesagt.«

Tove rutschte ein Glas aus der Hand, das ins Spülwasser zurückfiel. »Mafia? So was gibt’s doch nur im Kino.«

Mamma Carlotta schob ihm ihre Tasse entgegen. »Noch einen Cappuccino bitte.«

Sie beobachtete Tove scharf. Obwohl er ihr den Rücken zuwandte, während er an der Espressomaschine hantierte, war sie immer sicherer, dass ihr Gefühl sie nicht trog. Sobald Tove sich wieder zu ihr umdrehte, würde sie ihren Bluff zu Ende bringen. Er stellte ihr die Tasse hin, ohne sie anzusehen.

»Ich glaube, Carlos Verwandter hat mich erkannt«, sagte Mamma Carlotta versonnen. »Ich sollte meinen Schwiegersohn auf die beiden aufmerksam machen. Vielleicht waren die es, die sich an Henner Jesse vergriffen haben.«

Tove war derart erschrocken, dass Mamma Carlotta zum ersten Mal Zweifel hatte, ob er sich wirklich vor Gibraltar schwimmend an Land gerettet hatte. »Sind Sie wahnsinnig?«

»Wollen Sie etwa nicht, dass die beiden bestraft werden? Wenn ich Enrico erzähle, dass ich zwei Mafiosi gesehen habe, ist Fietjes Aussage nicht mehr nötig. Das ist Ihnen doch so wichtig.« Zögernd setzte sie hinzu: »Angeblich.«

Tove schob ihr geistesabwesend den Salzstreuer hin und versuchte es, als sie ihn zurückwies, mit der Ketchupflasche. Dass sie selbst nach dem Zuckertopf angelte, bekam er nicht mit. »Sie werden denken, dass ich sie verpfiffen habe.«

Mamma Carlotta rührte den Zucker in ihre Tasse, ohne Tove aus den Augen zu lassen. Dann sagte sie so ruhig, wie es ihr möglich war: »Es stimmt also? Die beiden sind Schutzgelderpresser?«

Tove schüttelte den Kopf. »Die kommen jede Woche zum Kassieren. Der Erpresser ist ein anderer.«

»Warum kann Frau Dr. Speck Sie eigentlich nicht leiden?« Sören sah seinen Chef vorwurfsvoll an, als wäre der schuld daran, dass das Polizeirevier Westerland so häufig in die Schusslinie der Staatsanwältin geriet, die ständig mit dem Finger am Abzug spielte. Und er hatte ja recht. Erik war tatsächlich schuld. Wenn es auch eine Schuld war, die ihm nicht vorgeworfen werden konnte. Genau genommen standen zwischen ihm und der Staatsanwältin ein apricotfarbener Unterrock und eine dumme Angewohnheit. Frau Dr. Speck pflegte nämlich, wenn sie nachdachte, den Rock anzuheben und die Rückseite ihrer Oberschenkel zu kratzen. Selbstverständlich nur, wenn sie allein war. Aber dann kam dieser Tag, an dem Erik zu ihr gerufen worden war, sie aber sein Klopfen nicht gehört hatte, weil die Fassade der Staatsanwaltschaft restauriert wurde, was viel Lärm verursachte. Seitdem wusste Erik von dem kleinen Geheimnis, und die Staatsanwältin war davon überzeugt, dass das gesamte Kommissariat Westerland ebenfalls davon wusste. Ein guter Grund, es Erik und seinen Kollegen immer wieder heimzuzahlen.

»Es muss an meiner Nase liegen«, sagte Erik und schob Sören die Trauben-Nuss-Schokolade hin, der er diesmal unbedingt widerstehen wollte. Dann wählte er die Nummer der Staatsanwältin und erzählte ihr, was sich zugetragen hatte. Während er berichtete, gab er sich große Mühe, Frau Dr. Speck nicht merken zu lassen, dass er die These von dem Kleinkriminellen, der den Mafioso spielte, für widerlegt hielt. Er wollte tapfer sein, der Gefahr ins Auge blicken, die auf seine Insel zukam, wollte sich nicht vor ihr verstecken. Es hatte keinen Sinn mehr, die Gefahr zu leugnen, also musste man sich ihr stellen.

Das schien die Staatsanwältin zu spüren. Ihr Widerspruch blieb zwar nicht gänzlich aus, kam aber leise und unsicher daher. »Es gibt kein anderes Motiv? Raubmord scheidet aus?«

»Die Kasse ist nicht angerührt worden. Es fehlt nichts.«

»Motive im persönlichen Bereich?«

»Nein, die Ingwersens sind eine angesehene Familie. Ich werde natürlich auch in diese Richtung ermitteln, aber auf den ersten Blick ist kein persönliches Motiv zu erkennen.«

»Ein Mann stellt sich gegen die Mafia, und zur Strafe bringt sie seine Frau um?« Die Stimme der Staatsanwältin klang nun sehr nachdenklich, sie nahm die Sache offensichtlich ernst. »Warum seine Frau? Warum nicht ihn?«

»Weil er erpressbar bleiben soll. Ab jetzt wird er zahlen. Schließlich hat er noch einen Sohn und eine Schwiegertochter.«

»Es hätte Ihnen klar sein müssen, dass nicht nur Herr Ingwersen, sondern auch seine Familie gefährdet sein würde.«

Aha! Erik hätte es sich ja denken können, dass sie etwas fand, was ihm anzulasten war. »Wir wollten heute mit den Schutzmaßnahmen beginnen. Der Kerl ist uns zuvorgekommen!«

»Tja, manchmal sind die Ganoven eben schneller als die Polizei«, kam es spitz zurück.

Erik winkte nach der Schokolade. Sören verstand sofort und brach ihm ein Stück ab. Erik schob es sich in die Backe, wo es lautlos schmelzen würde, ohne dass die Staatsanwältin etwas davon merkte.

»Man könnte glatt meinen«, fuhr Frau Dr. Speck fort, »es habe sich rumgesprochen, was wir planen. Kann es sein, dass es in Westerland eine undichte Stelle gibt?«

Erik verschlug es die Sprache. Er hatte schon viel mit der Staatsanwältin erlebt, aber das war der Gipfel! »An wen dachten Sie?«, fragte er mit schneidender Stimme zurück. »An mich selbst? Oder an meinen Assistenten?«

Frau Dr. Speck schien nun zu merken, dass sie zu weit gegangen war. »Nun seien Sie doch nicht so empfindlich, Wolf. Man wird ja noch einen Scherz machen dürfen.«

Erik, der genau wusste, dass ihre Bemerkung kein Scherz gewesen war, antwortete nicht.

»Lassen Sie uns lieber überlegen, wie wir jetzt vorgehen«, fügte die Staatsanwältin an, und ihre Stimme klang versöhnlich.

»Wir müssen den Erpresser finden. Von ihm gibt es eine Personenbeschreibung. Den Mord haben sicherlich andere verübt, aber die zu finden dürfte schwierig sein. Wir haben nichts von ihnen außer ihrer Schuhgröße.«

»Aber der Erpresser wird nicht auf Sylt herumlaufen, um sich verhaften zu lassen. Er muss damit rechnen, dass Ingwersen eine Personenbeschreibung abgegeben hat.«

»Und er wird für ein Alibi gesorgt haben, damit wir ihm nichts anhaben können«, fügte Erik an. »Möglich aber auch, dass er längst wieder in Italien ist und ein anderer hier an seine Stelle gerückt ist. Dann suchen wir vergeblich.«

»Es sei denn«, ergänzte die Staatsanwältin gedehnt, »es handelt sich doch um einen kleinen Ganoven, der nur den Mafioso spielt und keinerlei Kontakte zur Mafia hat.«

Erik hätte nichts lieber getan, als diese Möglichkeit zu vertiefen und Wort für Wort wahrscheinlicher zu machen. Aber er konnte nicht mehr daran glauben und ging daher nicht auf die Bemerkung ein. »Wir werden in jedem Fall nach ihm Ausschau halten.«

»Wenn Sie ihn haben, schicke ich das MEK. Sobald wir den Hintergrund des Mannes kennen, kommt das SEK und nimmt ihn und seine Helfershelfer hoch.«

Die Staatsanwältin verabschiedete sich mit der dringlichen Ermahnung, nichts, aber auch gar nichts an die große Glocke zu hängen, was die Bevölkerung verunsichern könnte.

Nachdem Erik den Hörer aufgelegt hatte, blieb es eine Weile still im Raum. Sören kippelte trotz der schlechten Erfahrung, die er am Morgen gemacht hatte, mit seinem Stuhl hin und her. Seine Schulterprellung war schon vergessen. »Sie haben der Staatsanwältin nichts von den drei Doppelkreisen erzählt«, stellte er fest.

Erik erwiderte seinen Blick nicht. »Soll ich ihr verraten, dass wir neben Henner Jesse keine gefunden haben? Weil ich nicht darauf geachtet habe? Und die Sanitäter, als sie eintrafen, erst recht nicht? Was denken Sie, was sie mit mir macht, wenn sie glaubt, dass drei Doppelkreise zertrampelt wurden, weil keiner sie zur Kenntnis genommen hat?«

»Aber das ist doch verständlich! Es ging nur darum, Jesses Leben zu retten! Sie konnten nichts von dem Hintergrund des Verbrechens ahnen.«

»Trotzdem!« Erik starrte in die Stille, die von dem rhythmischen Klopfen des Stuhlbeins zerstückelt wurde, mit dem Sören seine Gedanken unterstützte.

»Wie stellen Sie sich eigentlich die Suche nach diesem Mafioso vor?«, fragte Sören. »Wir können niemanden um Hilfe bitten.«

»Nur die Kollegen von der Verkehrssicherheit. Die sollen in Zukunft nach unserem Erpresser Ausschau halten.«

»Und wenn sie den Kerl finden?«

»Dann müssen sie uns verständigen, damit wir ihn beschatten können. Wir müssen wissen, wo er wohnt und mit wem er Kontakt hat. Anschließend kann das MEK ihn observieren.«

Sören fing wieder an zu kippeln. »Wie wär’s, wenn wir noch mal mit Frau Jesse reden? Vielleicht ist sie nach dem Tod ihres Mannes bereit, mehr zu verraten.«

»Ich glaube es ja nicht, aber einen Versuch ist es wert.«

Sören erhob sich. »Wir könnten Enno Mierendorf zu ihr schicken. Der hat mir vor einer halben Stunde erzählt, dass er die Jesses privat ganz gut kennt. Er war mal mit ihnen zusammen in einem Kegelklub.«

»Also gut! Vielleicht ist die Jesse aufgeschlossener, wenn ein Bekannter vor ihr sitzt.«

Sören ging ins Revierzimmer, um Enno Mierendorf zu Frau Jesse zu schicken, Erik stand auf und trat ans Fenster. Wenn er den Kopf nach links neigte und einen langen Hals machte, konnte er bis zum Bahnhofsgebäude sehen. Die grünen Riesen, die auf dem Vorplatz standen, wurden gerade von einigen Kindern bestaunt, andere schleppten ihre Koffer vorbei, ohne die Skulpturen eines Blickes zu würdigen. Als sie vor Jahren aufgestellt worden waren, hatten sie für Wirbel und viele unterschiedliche Meinungen gesorgt. Mittlerweile hatte man sich an sie gewöhnt.

Harm Ingwersen war es gewesen, der den Gegnern der grünen Riesen den Wind aus den Segeln genommen hatte. Im Inselblatt war seine Meinung zu lesen gewesen, nämlich dass genau die richtigen Skulpturen ausgewählt worden seien, die jedem Reisenden auf der Stelle den richtigen Eindruck von Westerland vermittelten: zu groß, zu schräg, zu hässlich. Am Ende hatten alle Sylter einsehen müssen, dass Harm Ingwersen recht hatte. Auch wer Sylt liebte und nirgendwo anders zu Hause sein wollte, durfte ruhig zugeben, dass Westerland nicht zu den Schönheiten der Insel gehörte.

Erik wandte sich vom Fenster ab und seufzte. Ausgerechnet Harm Ingwersen! Ein Mann, der immer offen seine Meinung gesagt hatte, der sich mutig allen Schwierigkeiten entgegenstellte und für die Wahrheit focht, auch wenn sie unbequem war – ausgerechnet dieser Mann war nun für seine Zivilcourage bestraft worden. In Erik wuchs der Zorn über diese Ungerechtigkeit. Er musste alles tun, um den Mord an Harm Ingwersens Frau so schnell wie möglich aufzuklären. Und er musste dem Mann helfen, seinen Mut nicht zu verlieren. Wenn Menschen wie Harm Ingwersen sich von der Mafia einschüchtern ließen, dann war es um die Zukunft der Insel schlecht bestellt.

Auf einmal musste er lächeln. Ob er selbst damit rechnen durfte, dass ihm Felix als erwachsener Mann mit ebensolcher Liebe und Hochachtung begegnen würde wie Arne Ingwersen seinem Vater? Der Junior hatte in Keitum sofort alles stehen und liegen lassen, als er hörte, was geschehen war. Und als er die Muschel I betrat, war er wortlos auf seinen Vater zugegangen und hatte ihn in die Arme geschlossen. Harm Ingwersen allerdings schien die innige Nähe zu seinem Sohn in Gegenwart der Polizisten unangenehm zu sein, er löste sich schnell daraus. »Wir müssen jetzt tapfer sein, mein Junge.«

Erik hatte sich gefragt, wie Arne wohl die Mitteilung aufnehmen würde, dass seine Mutter gestorben war, weil sein Vater sich nicht hatte einschüchtern lassen. Wie würde er reagieren, wenn er begriff, dass seine Mutter noch leben könnte, wenn sein Vater klein beigegeben hätte? Würde es dann mit der guten Beziehung zwischen Vater und Sohn vorbei sein?

Aber Erik hatte sich umsonst gesorgt. Kein Vorwurf kam über Arnes Lippen. Er sah seinen Vater nachdenklich an, und dann sagte er leise: »Ich wollte, ich hätte auch so viel Mut.«

Erik setzte sich wieder an seinen Schreibtisch und strich so lange seinen Schnauzer glatt, bis ihm klar wurde, was das ungute Gefühl zu bedeuten hatte, das in ihm rumorte. Es war die fehlende Trauer um die Mutter. Arne Ingwersen hatte sich um seinen Vater gesorgt, war voller Mitgefühl für ihn gewesen, hatte ihn bewundert für seinen Mut, ihn bestärkt, das Richtige getan zu haben … aber Trauer um seine Mutter hatte er nicht gezeigt. Bestürzt war er gewesen, ja, betroffen und auch erschrocken. Aber traurig? Nein!

Erik wurde in seinen Gedanken durch einen Anruf des Gerichtsmediziners unterbrochen. Dr. Hillmot keuchte seinen Namen in den Hörer und brauchte dann erst mal eine Weile, um Luft zu bekommen. Anscheinend hatte er sich soeben neben Utta Ingwersens Leiche aufgerichtet. Möglich aber auch, dass er mit der Tatortarbeit bereits fertig und nun in der Gerichtsmedizin angekommen war. Die Treppe, die in die erste Etage führte, wo sein Büro lag, hatte mindestens zwanzig Stufen. Ein ewiges Ärgernis für Dr. Hillmot, das ihn einen beträchtlichen Teil seiner Arbeitszeit kostete. Denn er musste nach jeder fünften oder sechsten Stufe verschnaufen und auf dem Podest der ersten Etage mehrere Minuten um Atem ringen, bis er sich in der Lage fühlte, die Klinke seiner Bürotür nach unten zu stemmen.

»Ich verschone Sie mit Einzelheiten, mein Lieber«, pustete er in den Hörer. »Nur so viel – die Frau ist nicht an dem Sturz von der Galerie gestorben. Als sie unten ankam, war sie vermutlich schon tot.«

»Erschlagen?«

»Mit einem stumpfen Gegenstand, vermutlich aus Metall. Vetterich hat keine Tatwaffe gefunden, also hat der Täter sie wohl mitgenommen.«

»Todeszeitpunkt?«

»Ich schätze, zwischen zweiundzwanzig Uhr und Mitternacht. Einen detaillierten Bericht bekommen Sie morgen.«

»Danke, Doc.«

»Ach, noch was … in der rechten Hand der Toten habe ich ein Kettchen gefunden. Vetterich wird es Ihnen gleich vorbeibringen.«

»Ach Lucia! Nur gut, dass du das nicht mehr erleben musst!« Mamma Carlotta übergoss die Tomaten mit kochendem Wasser und starrte trübe in die Schüssel, ohne zu sehen, wie das Wasser unter den Tomaten hervorperlte und sie in träge Bewegung versetzte. »Ob es dein Vater gewesen ist, der dich rechtzeitig zu sich geholt hat? Weil er von dort oben sehen konnte, welches Unheil auf die Insel zukommt?«

Carlotta dachte kurz nach, dann rückte sie von dieser Möglichkeit wieder ab. Nein, Dino hatte, als er noch im Vollbesitz seiner geistigen und körperlichen Kräfte war, seinen Kindern beigebracht, dass Weglaufen keine Lösung war. Er hätte dafür gesorgt, dass Lucia die Kraft hatte, sich zu widersetzen. Andererseits … gegen die Mafia zu kämpfen, das hätte er sicherlich keinem seiner Kinder empfohlen. Was passierte, wenn man sich gegen sie stellte, das sah man ja an dem armen Mann, der nun damit leben musste, am Tod seiner Frau schuld zu sein.

Sie goss das Wasser von den Tomaten, die sich nun leicht häuten ließen. Tove hatte sich sehr geschämt, als er zugeben musste, klein beigegeben und gezahlt zu haben. Aber ihr Zuspruch hatte ihn aufgerichtet. »Es ist verrückt, Tove, sich gegen die Mafia zu stellen! Sie haben es ganz richtig gemacht!«

Am liebsten hätte sie ihm am Beispiel von Harm und Utta Ingwersen vorgehalten, wo es hinführte, sich mit einem Mafioso anzulegen, aber es war ihr, wenn auch nur mit großer Kraftanstrengung, gelungen zu schweigen. Erik war es wichtig, dass niemand etwas über die Hintergründe dieses Mordes erfuhr, und Carlotta gab ihm recht. Die Sylter durften nicht in Angst und Schrecken versetzt werden. Zu ihnen gehörten schließlich auch ihre Enkelkinder. »Ich werde auf sie aufpassen, Lucia, das verspreche ich dir.«

Sie hoffte, dass Lucia da oben im Himmel die Angst ihrer Mutter nicht durchschaute. Wenn Erik demnächst gezwungen sein würde, die Mafia zu jagen, in welcher Gefahr würden dann seine Kinder schweben? Würde Mamma Carlotta überhaupt eine Chance haben, die beiden zu schützen? Vielleicht musste sie Carolin und Felix mit in ihr Dorf nehmen, damit sie nicht irgendwann für den Mut ihres Vaters zahlen mussten, so wie Utta Ingwersen für den Mut ihres Mannes gezahlt hatte. »Dio mio!« Mamma Carlotta hatte sich selten so hilflos gefühlt wie an diesem Tag.

Sie würfelte die Tomaten, während sie das Olivenöl erhitzte, und versuchte, sich mit einem Lied von den trüben Gedanken abzulenken. So hatte sie es oft während der langen Jahre gemacht, die sie an Dinos Bett verbringen musste. Entweder hatte sie deutsche Vokabeln geübt, hatte Dino alle Geschichten, die ihr auf Italienisch erzählt worden waren, in deutscher Sprache wiedergegeben, oder aber sie hatte gesungen. Ihrem schwerkranken Mann war es wichtig gewesen zu fühlen und zu hören, dass sie bei ihm war, obwohl er sie schon lange nicht mehr verstand und nur noch selten reagierte. Also war es gleichgültig, ob sie deutsch oder italienisch mit ihm sprach, ob sie mit ihm redete oder ihm etwas vorsang. Hauptsache, er wusste, dass sie bei ihm war.

Dann aber hatte er einmal, in einem seiner wenigen lichten Momente, mit schwacher Stimme darum gebeten, sie möge keinen solchen Lärm machen. Und das ausgerechnet, als Carlotta etwas gelungen war, das gut und gerne eine Koloratur genannt werden konnte. Tief verletzt war sie gewesen, aber da die Wünsche eines Todkranken vor allen anderen standen, war bis zu Dinos Tod keine Melodie mehr über ihre Lippen gekommen. Erst in der Kirche, neben seinem Sarg, hatte sie wieder gesungen und sich heimlich gewundert, dass ihre Stimme nichts von dem glockenhellen Klang verloren hatte.

Die Tomatenwürfel zischten, als sie im heißen Olivenöl landeten. Mamma Carlotta holte tief Luft, um zu dem Choral anzusetzen, den sie während Dinos Beisetzungsfeierlichkeiten gesungen hatte, da hörte sie, wie sich ein Schlüssel in der Haustür drehte.

Carolins Stimme erklang: »Hallo, Nonna! Bist du zu Hause?«

»Carolina!« Mamma Carlotta war hocherfreut, wie immer, wenn sie eines ihrer Enkelkinder sah, egal, ob sie gerade aus der Schule oder von einem längeren Auslandsaufenthalt zurückkehrten. »Hast du eher freibekommen?«

Carolin betrat die Küche und zog einen blonden jungen Mann hinter sich her, den Carlotta kannte. »Michael hat mich in der Pause abgeholt. Weißt du eigentlich, dass er in der Muschel II ein Praktikum macht? Und stell dir vor, Nonna, er hat mir erzählt, dass was ganz Schreckliches geschehen ist!«

Carlottas Neugier hielt sich in Grenzen. Sie wusste, dass ihr Informationsvorsprung nicht aufzuholen war. Wie angenehm, dass sie es sich leisten konnte, sich in aller Ruhe mit der Frage zu befassen, ob Carolin etwa den Unterricht geschwänzt hatte, ob dieser blonde Junge daran schuld und ob er überhaupt der Richtige für ihre Enkeltochter war.

»Es ging nicht anders«, wehrte Carolin die strenge Nachfrage ihrer Großmutter ab. »Soll ich etwa seelenruhig Englischvokabeln lernen, während der Inselchor sich auflöst?«

Carlotta zog Michael Ohlsen, der verlegen in der Tür stehen geblieben war, an den Tisch, setzte ihn darüber in Kenntnis, dass sie eine Tomatensuppe kochte, und fragte ihn, ob er später mit ihnen essen wolle. »Die Suppe wird auf jeden Fall reichen, Antipasti sind immer genug da, und von dem Olivenrisotto mache ich eben ein bisschen mehr. Non c’è problema!«

Sie drückte Michael auf einen Stuhl. Dem Jungen war anzusehen, wie gern er stehen geblieben wäre und sich bei nächster Gelegenheit mit Carolin zusammen verdrückt hätte. Aber er hatte keine Chance. Zwar wurden ihm seine Beteuerungen, dass er in der Muschel II zum Mittagessen erwartet wurde, abgenommen, aber um weitere Antworten kam er nicht herum. Mamma Carlotta gab erst Ruhe, als sie wusste, dass Michael Ohlsen über einen Realschulabschluss verfügte, den Beruf des Restaurantleiters anstrebte und dass seine Eltern in Rantum ein kleines Lokal betrieben, in denen es auch Pizza und Spaghetti Bolognese gab.

»Nonna!«, rief Carolin verzweifelt. »Hörst du mir denn gar nicht zu? Es ist etwas Schreckliches geschehen! Willst du gar nicht wissen, was? Du bist doch sonst immer so neugierig.«

Carlotta ging zum Herd, rührte die Tomatenwürfel um und goss sie mit Brühe auf. Dafür, dass Carolin sie neugierig nannte, hatte sie eine kleine Strafe verdient. »Ich weiß es längst, Carolina!«, sagte sie würdevoll und genoss die Verblüffung im Gesicht ihrer Enkelin.

Carolin und Michael hingen an ihren Lippen, während sie berichtete, dass ausgerechnet sie es gewesen war, die die Tote gefunden hatte. »Dieses viele Blut!«, schloss sie. »Es war … terribile!« Sie stand auf und rührte angewidert in der Tomatensuppe. »Ich glaube, ich werde nichts davon essen. Madonna, die Suppe hat die gleiche Farbe wie Utta Ingwersens Blut!«

»Die esse ich auch nicht«, beschloss Carolin kurzerhand, und Michael sah so aus, als wäre er sehr froh, dass es ihm erspart blieb, Carlottas Einladung zum Essen anzunehmen.

»Wie schade um den Chorwettbewerb!«, seufzte Mamma Carlotta. »Ich hatte mich so darauf gefreut. Und auf die Chorproben!«

Michael schien längst verstanden zu haben, dass die Konversation mit der Großmutter seiner Freundin als besonders gelungen galt, wenn Neuigkeiten zu verkünden waren. Carolin lächelte ihn stolz an, als er berichtete: »Der Wettbewerb wird stattfinden. Die Chefin hat gesagt, man könne es den Chormitgliedern nicht antun, die Teilnahme abzusagen. Noch dazu, wo Sylt der Gastgeber ist!«

Mamma Carlotta sah ihn verblüfft an. »Ihre Chefin? Das ist doch … Vera Ingwersen. Ihre Schwiegermutter ist ermordet worden, und sie will mit den Chorproben fortfahren?«

Michael zuckte mit den Schultern. »Heute fällt die Probe aus, aber ab morgen wird wieder täglich geübt. Die Frage ist nur, wer den Solopart übernimmt. Die Chefin denkt darüber nach, es selbst zu tun.«

»Sie will dann diese beiden Lieder ihrer Schwiegermutter widmen«, warf Carolin ein.

»Davon erhofft sie sich bei der Jury Sonderpunkte«, ergänzte Michael und sah ein wenig geringschätzig drein. »Die Chefin ist ehrgeizig. Wenn die sich was davon verspricht, auf die Tränendrüse zu drücken, dann tut sie es.«

Mamma Carlotta war erschüttert. »Fröhliche Lieder singen, wenn tags zuvor die Schwiegermutter umgekommen ist?« Missbilligend schüttelte sie den Kopf. »In Ordnung ist das nicht.«

»Die Chefin mochte ihre Schwiegermutter nicht besonders gern«, verriet Michael. Und Mamma Carlotta hing an seinen Lippen, als er fortfuhr: »Frau Ingwersen hatte sich eine andere Schwiegertochter gewünscht. Eine Metzgertochter war ihr nicht gut genug. Aber ihr Mann hatte gleich kapiert, dass Vera für seinen Sohn genau die Richtige ist. Der braucht jemanden, der die Ärmel hochkrempelt und die Probleme anpackt.«

»Mit ihrem Schwiegervater verstand sich Vera also besser?«, fragte Mamma Carlotta.

Michael nickte. »Mit dem verstehen sich alle gut. Auch sein Sohn kam mit der Mutter nicht besonders gut aus. Mit dem Vater allerdings …« Er schnalzte mit der Zunge. »Manchmal kommt es mir so vor, als wäre es Vera Ingwersen gar nicht recht, dass ihr Mann so an seinem Vater hängt.«

»Warum nicht?«, fragte Mamma Carlotta. »Es ist doch schön, wenn ein Mann seinen Vater liebt.«

»Vera wäre es lieber, wenn ihr Mann sie um Rat fragt und nicht immer seinen Vater.« Michael verzog das Gesicht. »Wenn die Leute hören, was passiert ist, wird Harm Ingwersen sich vor lauter Anteilnahme nicht retten können.«

Mamma Carlotta nickte schweigend. Wie würden die Leute erst reagieren, wenn sie wüssten, wie es zu Utta Ingwersens Ermordung gekommen war?

Erik verstand die Welt nicht mehr. Das allein war nicht weiter schlimm, das kam des Öfteren vor, wenn seine Schwiegermutter zu Besuch war. Wenn er versuchte, ihren schnellen Gedanken und ihrem rasanten Redefluss zu folgen, begriff er nicht selten viel zu spät, wovon die Rede war, manchmal erst, wenn Mamma Carlotta und Felix in Gelächter ausbrachen und Carolin grinsend den Kopf schüttelte.

Diesmal jedoch hatte er auch nach einer angemessenen Frist noch nicht herausgefunden, warum Carolin ihn mit Tränen in den Augen einen total blöden Vater genannt, Felix sich feixend die Hände gerieben hatte und von Sören kein einziger solidarischer Blick gekommen war. Sein Assistent hatte nur stumm auf seinen Teller geblickt, während Mamma Carlotta mit vielen überflüssigen Worten versuchte, der aufgeladenen Stimmung die Explosionsgefahr zu nehmen. So, wie sie es immer tat, wenn sie familiäres Unheil witterte. Aber wie und wo war dieses Unheil entstanden? Erik war ratlos.

Dabei hatte er sich ehrlich gefreut, als er den blonden Jungen in seiner Küche vorfand, von dem Felix ihm am Strand erzählt hatte. Er würde also ausnahmsweise nicht hinter seiner Schwiegermutter zurückstehen müssen, wenn demnächst von Carolins Liebesleben die Rede sein sollte, sondern genauso vertrauensvoll mit dem Freund seiner Tochter umgehen können, wie Mamma Carlotta es vermutlich längst tat. Und er wollte von Anfang an deutlich machen, dass er nicht zu den eifersüchtigen Vätern gehörte, die dem ersten Verehrer der Tochter mit Ablehnung begegneten.

»Schön, dich kennenzulernen«, sagte er also jovial und überlegte fieberhaft, welchen Namen Felix genannt hatte, als er ihm von dem Jungen erzählte, der Carolin bewogen hatte, sich der Volksmusik zu widmen. Zum Glück fiel er ihm schon im nächsten Moment wieder ein. »Florian! Du musst mir unbedingt erzählen, woher deine Familie stammt! Der Name Silbereisen ist mir auf Sylt noch nie begegnet!«

Felix prustete in seine Suppe, der Junge mit den blonden Locken schluckte den höflichen Gruß, zu dem er zweifellos ansetzen wollte, hinunter, und Carolin brüllte ihren Vater wütend an: »Du bist total blöd! Zum Glück will er sowieso nicht bei uns essen! Wir gehen!«

Sie zerrte ihren Freund vom Stuhl, schob ihn zur Küchentür hinaus und warf sie krachend ins Schloss. Erik starrte mit offenem Mund die Tür an. Hatte er was falsch gemacht? Kannte er die Familie Silbereisen womöglich längst und hatte nun verraten, dass keins ihrer Mitglieder Eindruck auf ihn gemacht hatte? Felix’ Lob »Das hast du ja sauber hingekriegt, Papa!« konnte Erik nicht erfreuen.

Er überlegte, ob es Sinn hatte, sich nach dem Grund für das merkwürdige Verhalten seiner Tochter zu erkundigen oder ob er sich damit völlig zum Deppen machte. Er wusste inzwischen, dass sechzehnjährige Töchter eine andere Vorstellung hatten von dem, was peinlich war, als Menschen jenseits der dreißig. Und selbst wenn man es ihm erklärt hatte, war er nicht unbedingt schlauer gewesen als zuvor.

Ehe Erik zu einem Entschluss gefunden hatte, lenkte Sören das Gespräch auf die Kette, die Dr. Hillmot in der Hand der Toten gefunden hatte.

»Was für ein Mist!«, begann Sören so plötzlich zu schimpfen, als wäre er froh, etwas gefunden zu haben, was nichts mit pubertierenden Töchtern, ahnungslosen Vätern und einem gewissen Florian Silbereisen zu tun hatte.

Erik war ihm dankbar dafür. »Ich hatte auch gedacht«, bestätigte er, »dass die Kette uns zum Täter führen würde.«

Nachdem Vetterich, der Chef der Spurenfahnder, sie bei ihm abgeliefert hatte, war Erik umgehend zur Muschel I gefahren, wo Harm Ingwersen damit beschäftigt war, seinen Mitarbeitern Instruktionen für den Abend zu geben.

»Ich habe mich entschlossen«, erklärte er Erik, »das Restaurant heute Abend zu öffnen. Wie immer! Ich selbst werde nicht arbeiten, aber mein Oberkellner wird schon ohne mich klarkommen! Ich werde eine Schlaftablette nehmen und versuchen, für ein paar Stunden alles zu vergessen.«

Er war blass, auf seinem Gesicht lagen Schatten, als wäre er schlecht rasiert. Inzwischen trug er eine dunkle Jeans und ein weißes Hemd. Obwohl Harm gut zehn Jahre älter war, kam Erik sich in seiner Gegenwart schwerfällig vor, regelrecht unattraktiv. Er war froh, dass niemand seine Gedanken lesen konnte, als er insgeheim feststellte, dass Harm Ingwersen die Trauer gut stand. Seine Freundlichkeit, seinen Charme hatte er notgedrungen eingebüßt, aber der Ernst, der in seinen Augen stand, machte ihn noch anziehender, als er ohnehin war. Auch alle weiteren Gedanken, die Erik durch den Kopf gingen, hätte er niemals laut ausgesprochen: Utta Ingwersen war keine sympathische Frau gewesen, gut aussehend zwar, aber hochmütig und selbstgefällig. Hatte Harm sie womöglich wegen ihres Geldes geheiratet und wegen des Restaurants, das er führte wie sein eigenes? Erik betrachtete Ingwersen, während er ihm die Plastiktüte hinschob, die die Halskette enthielt. Es war nie etwas laut geworden von Eheproblemen, Seitensprüngen oder familiären Streitigkeiten bei den Ingwersens. Wenn über die Familie getuschelt worden war, dann immer nur darüber, dass der Sohn seinen Vater verehrte, auch die Schwiegertochter sich gut mit ihm verstand und die Mitarbeiter für ihren Chef durchs Feuer gingen, während Utta es nicht einmal geschafft hatte, zu ihrem einzigen Sohn ein liebevolles Verhältnis aufzubauen. Erik fiel es schwer zu glauben, dass Harm Ingwersen eine Frau verloren hatte, die er liebte, aber an seiner Loyalität zu ihr gab es wohl keinen Zweifel.

»Diese Kette hatte Ihre Frau in der Hand«, sagte Erik. »Es könnte sein, dass sie sie ihrem Mörder abgerissen hat, als sie sich gegen ihn zur Wehr setzte.«

Harm bewegte seinen Kopf so langsam hin und her, dass Erik nicht sicher war, ob er ihn schüttelte oder nur seine Erschütterung ausdrücken wollte.

»Haben Sie das Kettchen schon mal gesehen?«

Nun bewegte Harm den Kopf auf und ab. Kein Zweifel, er nickte.

»Sie kennen es? Sie wissen, wem es gehört?«

Harm schöpfte tief Luft. »Meiner Frau.«

Die Enttäuschung machte Erik stumm. Vor wenigen Augenblicken war es noch sein größter Schatz, das einzige mögliche Beweismittel gewesen, doch nun lag nur noch ein billiges Kettchen zwischen ihnen auf dem Tisch. Wieso überhaupt hatte Utta Ingwersen derart einfachen Schmuck getragen? Sie gehörte doch zu den Frauen, die das Exklusive liebten.

Harm schob die Plastiktüte zurück. »Es stammt aus dem Laden«, sagte er. »Vor ein paar Wochen hatte Utta diese Kettchen eingekauft und sich selbst eins davon genommen. Ehe alle weg sind, hat sie gesagt. Die Kettchen gingen anscheinend gut.«

»Hat sie es gestern Abend getragen?«, fragte Erik hilflos.

»Sie trug es seitdem ständig«, korrigierte Harm. »Ich glaube, sie hatte es zu ihrem Talisman gemacht. Utta war nicht religiös, aber das kleine Kreuz sollte sie wohl beschützen.« Er schluchzte trocken auf. »Warum hat sie es sich abgerissen?«

Erik hob die Schultern und ließ sie deprimiert wieder fallen. »Der Täter wird von hinten gekommen sein, dann hat er zugeschlagen. Der erste Schlag war vermutlich noch nicht tödlich, ihre Hände fuhren zum Hals, weil ihr die Luft wegblieb, dann kam der zweite Schlag, die Hände verkrampften sich …« Erik sprach nicht weiter.

Nach einer kurzen Pause nahm er die Plastiktüte wieder an sich. »Hat der Mafioso sich schon wieder bei Ihnen gemeldet?«, fragte er, obwohl er sich von Harm Ingwersens Antwort nichts erhoffte.

Es kam, was er erwartet hatte: »Ich möchte dazu nichts sagen.«

Erik nickte und senkte den Kopf. Er konnte Harm Ingwersen verstehen. Der Mann hatte sich einmal mit der Mafia angelegt, noch einmal würde er kein Risiko eingehen.

»Und ich möchte Sie auch bitten«, fuhr Ingwersen fort, »meinen Sohn in Ruhe zu lassen. Ich will nicht, dass Sie ihn mit Fragen belästigen, die er sowieso nicht beantworten wird.«

Erik nickte erneut. Jedem anderen hätte er gesagt, dass er sich in seine Ermittlungsarbeit nicht dreinreden lasse und persönliche Wünsche selbstverständlich nicht berücksichtigen könne. Aber hier war das etwas anderes. Wer von der Mafia erpresst wurde, konnte unmöglich zu einer Aussage gezwungen werden, erst recht nicht ein Mann, dessen Mutter soeben ermordet worden war.

Was für ein vertrackter Fall! Erik erinnerte sich mit einem Mal an einen Carabiniere, den er bei Verwandten seiner Frau kennengelernt hatte. Der arme Mann war an seinem Beruf verzweifelt und hatte sich später entschlossen, den Dienst zu quittieren, um fortan seinen Lebensunterhalt in einer Bar in Napoli zu verdienen. »Gegen die Mafia zu kämpfen«, hatte er gesagt, »ist sinnlos. Und jahrein, jahraus etwas Sinnloses zu tun, das hält niemand aus.« Allmählich verstand Erik, was er damit gemeint hatte.

Mamma Carlotta trug das dampfende Olivenrisotto auf, ohne das silberne Kettchen aus den Augen zu lassen. »Das wäre genau das Richtige für Sandra gewesen«, sagte sie. »Was meinst du, Enrico, ob diese Kettchen schon ausverkauft sind?«

»Woher soll ich das wissen?«, knurrte Erik. »Ich habe mir nicht die Auslagen angesehen, bevor ich den Tatort betrat.«

Mamma Carlotta überhörte seine Anzüglichkeit. »Was wird nun mit der Perlenmuschel geschehen?«, überlegte sie. »Wird sie geschlossen bleiben? Oder gibt es jemanden, der das Geschäft weiterführt?«

Sören schien nicht zu wollen, dass die Frau, die ihm das köstliche Olivenrisotto vorgesetzt hatte, unfreundlich behandelt wurde, und kam seinem Chef zuvor: »Soviel ich weiß, führte Utta Ingwersen den Laden allein. Aber es gibt eine Aushilfskraft, die gelegentlich einspringt. Ob die wohl in der Lage sein wird, das Geschäft allein zu betreuen?«

»Möglich, dass ihre Schwiegertochter den Laden übernimmt«, meinte Mamma Carlotta. »Dann ist er vielleicht morgen schon wieder geöffnet.«

Erik betrachtete seine Schwiegermutter kopfschüttelnd. »Du glaubst doch wohl nicht im Ernst, dass Vera Ingwersen sich morgen hinter die Ladentheke der Perlenmuschel stellt. Genau dorthin, wo ihre Schwiegermutter am Tag vorher zu Tode kam!«

Mamma Carlotta schien es durchaus glauben zu können. »Wetten, dass die Geschäfte so gut gehen wie nie zuvor? Alle werden in die Perlenmuschel kommen, um etwas über den Mord zu erfahren. Und damit sie nicht für neugierig gehalten werden, kaufen sie das eine oder andere Teil.«

Sören lächelte amüsiert, und Felix schlug vor: »Man könnte zehn Prozent Mordaufschlag verlangen!«

Erik lag ein Rüffel auf der Zunge. Aber da er es sich bereits mit seiner Tochter verdorben hatte, zog er es vor, sich die Sympathien des Sohnes nicht auch noch zu verscherzen, und schwieg.

»Ich werde sie morgen bei der Chorprobe fragen«, beschloss Mamma Carlotta, »wann die Perlenmuschel wieder geöffnet wird. Die Kette wäre genau das richtige Geschenk für Sandra.«

»Vera Ingwersen wird die Chorproben nicht fortsetzen.« Erik warf ihr einen Blick zu, der sie strafen sollte für die Unterstellung, eine Frau könne nach der Ermordung ihrer Schwiegermutter ihr Leben fortführen, als wäre nichts geschehen.

»Ich weiß, dass weiter geprobt werden soll«, erklärte Mamma Carlotta und gab sich Mühe, nicht allzu triumphierend zu klingen. »Michael hat es erzählt.«

»Wer ist Michael?«

»Carolins Freund.«

»Ich denke, der heißt Florian.«

»Eben nicht!«, rief Felix und warf die Arme zur Decke, wie es seine Mutter immer getan hatte, wenn sie auf Unverständnis traf. »Deswegen war Caro doch so sauer auf dich!«

»Du hast mir aber am Strand von einem Florian Silbereisen erzählt, ich erinnere mich genau.«

»Aber ich habe nicht behauptet, dass er Caros Freund ist. Das fehlte noch! Michael Ohlsen ist weiß Gott schlimm genug.«

Erik sah Sören an, als könnte von ihm Hilfe kommen, aber sein Assistent widmete sich mit solcher Inbrunst seinem Risotto, dass man meinen konnte, er wolle zu diesem Thema auf keinen Fall etwas beitragen. »Und wenn schon«, sagte Erik dann. »Man kann sich mal irren. Kein Grund, beleidigt davonzurauschen!«

Nach dem Essen forderte Erik seinen Sohn auf, sich den Schularbeiten zu widmen. »Wenn Carolin zurückkommt, wird sie wieder für den Chorwettbewerb üben, dann hast du keine Ruhe mehr.«

Felix, der gerade Luft geholt hatte, um sämtliche Gründe vorzubringen, die gegen die Erledigung von Schularbeiten sprachen, besann sich anders und stand auf. »Okay! Und sobald hier gesungen wird, gehe ich auf den Fußballplatz.«

Er hatte kaum die Küche verlassen, als Erik eine Miene aufsetzte, die Mamma Carlotta aufmerken ließ. So hatte er ausgesehen, als er nach Umbrien gekommen war, weil er um Lucias Hand anhalten wollte, und so ähnlich hatte er sie angeblickt, als er bei einem Besuch im Hause von Carlottas Tante Melania deren gefürchteten Kräuterlikör heimlich in die Petunien gekippt und gehofft hatte, dass seine Schwiegermutter ihn nicht verriet. Mamma Carlotta beschloss, sich einen doppelten Espresso zu gönnen. Erik wollte etwas von ihr, so viel stand fest, und sie war auf alles gefasst.

Er warf Sören einen Blick zu. Dann begann er umständlich: »Was ich noch sagen wollte … Wir müssen etwas mit dir besprechen.«

Er strich sich ausgiebig den Schnauzer glatt, dann holte er seine Pfeife und suchte lange nach dem richtigen Tabak. So lange, bis Mamma Carlotta das Warten nicht mehr ertrug.

»Geht es um die Mafia?«, fragte sie.

Erik fuhr überrascht herum. »Wie kommst du darauf?«

»Die Mafia hat die beiden Morde begangen. Stimmt’s?«

Als sie in Sörens vielsagende Miene blickte, bereute sie prompt, so voreilig gewesen zu sein. Wie sollte sie erklären, was sie von der Mafia wusste? Dass Tove ihr die Schutzgelderpressung gestanden hatte, konnte sie unmöglich preisgeben. Erstens, weil sie ihm Stillschweigen versprochen hatte, zweitens, weil Erik nichts von ihren häufigen Besuchen in Käptens Kajüte erfahren sollte, und drittens, weil er sowieso nicht für möglich halten würde, dass Tove Griess ausgerechnet sie in ein gefährliches Geheimnis eingeweiht hatte.

Prompt kam Sörens Frage: »Woher wissen Sie das, Signora?«

Erik sah Mamma Carlotta an, als hätte er sie bereits bei einer Lüge ertappt. »Ich habe dir gesagt, es stimmt nicht, dass Sylt von der Mafia heimgesucht wird. Das war ein Irrtum, habe ich dir gesagt.«

»Nur weil du mich beruhigen wolltest!«, gab Mamma Carlotta zurück. Sie hatte soeben eine Erklärung gefunden, ohne Toves Namen ins Spiel zu bringen. »Ich bin Italienerin. Jeder Italiener hat einen sechsten Sinn, wenn es um die Mafia geht.« Diese Behauptung konnte ein friesischer Polizeibeamter nicht widerlegen. Trotzdem fragte sie vorsichtshalber, ehe Erik weiter insistieren konnte: »Und warum ist es dir jetzt nicht mehr wichtig, dass ich beruhigt bin?«

»Weil wir deine Hilfe brauchen.«

Mamma Carlotta verschlug es die Sprache. Die deutsche Polizei bat sie um Hilfe? Es war immer schön, um Hilfe gebeten zu werden, sich großzügig zu zeigen und für zehnmal »per favore« hundertmal »grazie« zurückzubekommen. Aber das Glück war kaum zu beschreiben, wenn von höchster Stelle die Mitarbeit einer italienischen Mamma eingefordert wurde. Carlotta Capella, ohne die der Kampf gegen die Mafia nicht zu gewinnen war!

Sie konnte sich nur mit Mühe auf das konzentrieren, was Erik ihr umständlich auseinandersetzte. »Ich habe im Büro versucht, ein Telefongespräch mit einem italienischen Kollegen in Neapel zu führen. Es gibt dort einen Mafia-Fahnder, der sich gut auskennt. Nur … in seiner Abteilung spricht niemand Deutsch.«

Mamma Carlotta ging ein Licht auf. »Ich soll als … wie sagt man …?«

»… als Dolmetscherin fungieren«, ergänzte Sören.

Mamma Carlottas Augen begannen zu leuchten. »Dolmetscherin«, wiederholte sie ehrfürchtig. Hoffentlich vergaß sie dieses wichtige Wort nicht wieder!

»Natürlich verfügt die Polizei über Dolmetscher«, erklärte Erik, »aber bis ich in Flensburg einen angefordert habe …« Er führte den Satz nicht zu Ende.

Mamma Carlotta hielt es nicht auf ihrem Stuhl. »Gib mir die Telefonnummer, und ich rufe in Napoli an. Weißt du eigentlich, dass eine meiner Cousinen nach Napoli geheiratet hat? Damals war ihr Mann noch ein Carabiniere, aber dann hat er seinen Beruf aufgegeben und sich eine Bar in der Nähe des Hafens gekauft. Maria musste als Küchenhilfe in einem Restaurant arbeiten, um den Kredit abzubezahlen. Sie hoffte natürlich, dass die Bar schon bald gut laufen würde, damit sie ihren Job wieder an den Nagel hängen konnte, aber soviel ich weiß, arbeitet sie heute noch als Küchenhilfe. Und ihr Mann mixt die meisten Cocktails in seiner Bar für sich selbst. Wenn er nach Hause kommt, ist er immer sinnlos betrunken.«

Erik wurde ungeduldig. »Ja, ja, ich habe bei Tante Melania mit ihm gesprochen. Kurz bevor er den Dienst quittierte.« Er nahm ihr die Spülbürste aus der Hand, damit sie aufhörte, zu ihren schnellen Worten den Takt zu schlagen. »Du musst mir aber versprechen, über das Gespräch strengstes Stillschweigen zu bewahren. Kannst du das?«

Mamma Carlotta betrachtete ihn empört. »Hältst du mich etwa für eine … eine …«

»Klatschbase?«, half Erik freundlich aus. Dann fiel ihm ein, dass er es sich mit Mamma Carlotta nicht verderben wollte, und er ergänzte schnell: »Natürlich nicht! Aber du musst wissen, dass die Dolmetscher, die für die Polizei arbeiten, allesamt vereidigt sind. Daran siehst du, wie wichtig Verschwiegenheit ist.«

Mamma Carlotta hob feierlich zwei Finger. »Du kannst dich auf mich verlassen.«

»Kein Wort von der Mafia zu irgendwem! Vor allem nicht zu den Kindern! Niemand darf wissen, dass Utta Ingwersen allem Anschein nach ein Opfer der Mafia geworden ist. Es bleibt dabei – sie ist einem Raubmord zum Opfer gefallen, verstanden?«

Mamma Carlotta nickte atemlos.

»Und Henner Jesse ebenfalls!«

»Capito!«

Erik schrieb eine Telefonnummer auf. »Du kannst dich an die drei ineinander verschlungenen Doppelkreise erinnern, die der Mörder neben Utta Ingwersen auf den Boden gemalt hat?«

»Certo! In meinem ganzen Leben werde ich sie nicht vergessen.«

»Dann fragst du also den Kollegen, ob er dieses Zeichen kennt und was es zu bedeuten hat.«

»Capito!«

»Und anschließend fragst du, ob es Anzeichen dafür gibt, dass die Mafia sich auf Sylt breitmachen will.«

»Capito!«

»Und dass du meine Schwiegermutter bist, verrätst du nicht. Tu so, als wärst du eine staatlich vereidigte Dolmetscherin.«

»Capito!«

Der italienische Commissario hieß Adriano Girotti und wohnte, wie Carlotta schnell herausfand, in dem Viertel Napolis, in dem Marias Mann seine Bar betrieb. Mamma Carlotta war klar, dass ihr Schwiegersohn es anders angefangen hätte, aber sie selbst war nun mal der Ansicht, dass ein wichtiges Gespräch fruchtbarer verlief, wenn man freundliches Interesse säte, bevor man wichtige Informationen erntete.

Erik machte ungeduldige Handzeichen, während Carlotta dem Commissario erzählte, dass ihre arme Cousine als Küchenhilfe arbeitete, während ihr Mann sich Tag für Tag in der eigenen Bar betrank und es somit nie schaffen würde, den Kredit abzubezahlen, den er für den Erwerb der Bar aufgenommen hatte. Als Carlotta verriet, dass der bedauernswerte Mann einmal ein Kollege Girottis gewesen war, kamen sie zum eigentlichen Thema. Denn Adriano Girotti gestand, dass auch er sich lieber in einer eigenen Bar betrinken würde, als tagein, tagaus gegen die Mafia zu kämpfen.

Erik, dem die Vorrede viel zu lange dauerte, signalisierte, dass seine Schwiegermutter endlich zum Punkt kommen solle, aber Mamma Carlotta ließ sich nicht stören. Sie sprach italienisch! Wie also sollte Erik wissen, dass sie diese Gelegenheit nutzte, um etwas über Marias Schicksal und das ihres Mannes herauszufinden? Erik verstand kein Wort, konnte also später nichts beweisen.

Den Commissario jedenfalls interessierte das schwere Schicksal des früheren Kollegen, und er versprach, demnächst in dessen Bar einzukehren. Und in dem Restaurant, in dem Maria arbeitete, würde er seinen Hochzeitstag feiern und sie von ihrer Cousine Carlotta  grüßen. Anschließend war er umso redseliger, als es um Eriks Fragen ging. Von drei ineinander verschlungenen Doppelkreisen hatte er allerdings noch nie etwas gehört und glaubte nicht, dass sie ein mafiöses Symbol darstellten. Auch von der Verlagerung der Aktivitäten irgendeiner Mafia-Familie nach Sylt war ihm nichts zu Ohren gekommen. Da er jedoch einer Dolmetscherin, deren Cousine mit einem ehemaligen Kollegen verheiratet war, unbedingt eine Gefälligkeit erweisen wollte, versprach er, sich umzuhören und sich zu melden, wenn er etwas herausfinden sollte, was für die deutsche Polizei von Bedeutung sein könnte.

Als Mamma Carlotta den Hörer auflegte, verdrehte Erik die Augen. »Wie kann man so lange über etwas so Simples wie drei Doppelkreise reden?«

»Du hast mir eine wichtige Aufgabe übertragen«, entgegnete Mamma Carlotta würdevoll. »Und die werde ich nicht schlampig erledigen, sondern gründlich.« In aller Ausführlichkeit berichtete sie dann von Girottis Zweifeln, dass die Morde auf Sylt wirklich etwas mit der Mafia zu tun hätten. »Er kennt keine Mafia-Familie, die sozusagen ihren Stempel neben der Leiche zurücklässt. Und das Symbol der drei Doppelkreise ist ihm ebenfalls nicht bekannt.«

Erik sah seinen Assistenten ratlos an, Sören erwiderte den Blick genauso ratlos. »Irgendwelche neuen Erkenntnisse von der Spurenfahndung?«, fragte Erik.

Sören schüttelte den Kopf. »Und Dr. Hillmot hat auch nichts gefunden, was uns weiterhelfen kann.«

»Aber er bleibt dabei, dass Utta Ingwersen auf ihrem Stuhl gesessen haben muss, als der Schlag auf ihren Schädel niederging«, sagte Erik nachdenklich. »Komisch eigentlich, dass sie nicht aufgestanden ist, als jemand in ihren Laden kam.«

»Vielleicht hat sie es nicht bemerkt«, gab Sören zurück.

Erik nickte. »Er hat sich angeschlichen, sie war in ihre Steuerunterlagen vertieft …«

»Andererseits ist die Treppe, die zur Galerie hochführt, aus Holz. So eine Treppe knarrt immer.«

»Aber sie hat es nicht gehört.«

»Oder … sie hat den Täter gekannt, hat sich nur kurz umgesehen und mit der Arbeit weitergemacht.«

Erik starrte seinen Assistenten an. »Sie meinen, Utta Ingwersen kannte den Mafioso?«

Sören dachte kurz nach, dann schüttelte er den Kopf. »Nein, das kann ich mir eigentlich nicht vorstellen.«

In diesem Augenblick klingelte Eriks Handy. Enno Mierendorf war am anderen Ende. »Er ist gesehen worden! Auf der Friedrichstraße! Vor Leysieffer! Er trinkt dort Kaffee, zusammen mit einer jungen Frau.«

Mamma Carlotta saß am Küchentisch und starrte auf Carolins unangetasteten Teller. Sie verstand genauso wenig wie Erik, warum die Enkelin derart empfindlich reagiert hatte. War es denn so schlimm, einen Jungen versehentlich mit einem falschen Vornamen anzusprechen?

Sie war froh, als Felix in die Küche kam. »Felice! Was ist los mit deiner Schwester? Dieser Irrtum deines Vaters – was war daran so schlimm?«

»Na, hör mal! Wer mich mit Florian Silbereisen verwechseln würde, der wäre für mich auch gestorben!«

»Warum?«

»Weil der Typ total uncool ist.«

»Uncool? Was bedeutet das?«

»Na … uncool eben. Versuch nicht, das Wort im Lexikon zu finden, da steht es nicht. Jeder weiß auch so, was uncool ist.« Er warf sich auf einen Stuhl und legte ein Schulbuch auf den Küchentisch. »Nonna! In Italien habt ihr doch auch Matheunterricht, oder?«

Mamma Carlotta nickte. »Naturalmente!«

»Auch damals schon, als du zur Schule gegangen bist?« Er sah sie an, als wäre das mindestens hundert Jahre her.

Mamma Carlotta erinnerte sich, dass sie im Kopfrechnen immer eine der Schnellsten gewesen war, und nickte noch einmal.

»Okay, dann hör mal zu: Die Quersumme einer zweistelligen Zahl ist dreizehn. Die Zehnerziffer ist um zwei kleiner als die doppelte Einerziffer. Wie heißt die Zahl?« Felix blickte auf. »Wie habt ihr das in Italien gerechnet?«

Mamma Carlotta starrte ihn mit offenem Munde an. Da Felix selten erlebte, dass es seiner Nonna die Sprache verschlug, ging er wohl davon aus, dass sie über die Lösung der Aufgabe nachdachte, und sah sie erwartungsvoll an. Als sie noch immer schwieg, half er nach: »X plus y ist dreizehn, das müsste die erste Gleichung sein. Aber die zweite?«

Entschlossen sprang Mamma Carlotta auf. »Ich mache mir Sorgen um Carolina. Sie hat nicht zu Mittag gegessen. Ist einfach verschwunden! Wenn ihr nun was zugestoßen ist!« Schon lief sie in den Flur, wo ihre Jacke am Garderobenhaken hing.

»Was soll ihr schon zugestoßen sein?«, rief Felix ihr nach. »Sie wird mit Michael in die Muschel II gefahren sein und ihm dort seine Wunden lecken.«

Mamma Carlotta steckte den Kopf zur Küche herein. »Ich werde nach ihr sehen und dafür sorgen, dass sie deinem Vater verzeiht.«

»Und was ist mit meiner Matheaufgabe?«

»Allora, Felice … das ist alles schon so lange her …«

Die Luft war klar und frisch, als sie die Braderuper Straße entlangradelte. An ihrem Ende bog sie rechts ab und wurde prompt von einer Bö erfasst. Tief beugte sie sich nun über den Lenker, um dem Wind wenig Angriffsfläche zu bieten, sodass sie nicht einmal Augen für das imposante Munkmarscher Fährhaus hatte. Sie blickte erst auf, als das Wahrzeichen Keitums, die Kirche St. Severin, in Sicht kam. Aus dunklem Backstein war der Turm, weiß verputzt das Kirchenschiff, mit einer Kreuzblende unter der Dachkante. Sie gefiel ihr, weil sie sich nicht in den Himmel reckte, sondern verwurzelt schien, dem Boden sehr nahe. Als sie das Fahrrad vor der Muschel II abstellte, fragte sich Mamma Carlotta, wie sie Carolin eigentlich finden sollte. Und wie würde ihre Enkeltochter reagieren, wenn die Großmutter plötzlich vor ihr stand? Aus leidvoller Erfahrung wusste sie, wie undankbar pubertierende Kinder der Sorge ihrer Eltern und Großeltern begegneten. War es richtig, beim Oberkellner nach Michael Ohlsen zu fragen? Oder würde der Junge dann in Verdacht geraten, sich durch private Besuche von der Arbeit ablenken zu lassen? Oder würde man ihn suchen und ihn bei dieser Gelegenheit dabei ertappen, dass er mit seiner Freundin zusammen war, statt zu arbeiten?

Mamma Carlotta trat unsicher von einem Bein aufs andere. Warum war sie überhaupt hergekommen? War sie nicht eigentlich nur vor der Matheaufgabe geflüchtet und dem Bekenntnis, über Bruchrechnung und Dreisatz nie hinausgekommen zu sein? Während sie vor der Eingangstür des Restaurants auf und ab ging, bemühte sie sich, wie eine Sylttouristin auszusehen, die auf ihren Begleiter wartete, um in der Muschel II ein spätes Mittagessen einzunehmen. Unauffällig lenkte sie dann ihre Schritte zum Garten des Lokals. Auf der Stelle wirkte sie wie eine interessierte Jubilarin, die ihren runden Geburtstag im Garten der Muschel II zu feiern gedachte.

Mit den Händen auf dem Rücken wanderte sie zwischen den Hecken entlang und betrachtete mit bewundernden Blicken das Ambiente. Dabei horchte sie genau hin, damit ihr kein verdächtiges Geräusch entging, weder das Seufzen eines Mädchens, das sich von seinem Vater nicht verstanden fühlte, noch die besänftigende Stimme eines Jungen, der versuchte, die Situation für seine Zwecke zu nutzen. Ein Mädchen, das mit seinen Eltern haderte, war schnell bereit, etwas zu tun, was diesen missfallen würde. Es konnte also nicht falsch sein, wenn die Großmutter Augen und Ohren offenhielt.

Auf die Stimmen wurde sie erst aufmerksam, als sie um eine Hecke herumgegangen war und das Fenster sah, das einen Spaltbreit offenstand.

»Dein Vater! Immer nur dein Vater!«, hörte sie eine Frau sagen, die der Stimme nach Vera Ingwersen sein musste. »Wann wirst du endlich erwachsen und triffst deine eigenen Entscheidungen?«

»Ich lasse mich gern von meinem Vater beraten! Warum soll das falsch sein?« Das konnte nur Veras Mann sein.

»Du musst dich endlich abnabeln, Arne! Es wird Zeit!«

»Was hast du neuerdings gegen meinen Vater?«

»Gar nichts! Im Gegenteil! Du solltest wissen, wie sehr ich ihn mag. Aber die Muschel II gehört uns, nicht deinem Vater!«

»Wir haben sie ihm zu verdanken. Er hat sie uns geschenkt.«

»Du bist sein einziger Sohn, irgendwann wirst du sowieso alles erben. Kein Grund, ihm so schrecklich dankbar zu sein.«

»Du verstehst einfach nicht, was er mir bedeutet. Ich wollte, ich wäre so wie er. Du ahnst ja nicht, wie mutig er ist.«

»Erzähl’s mir.«

»Ich will darüber nicht reden.«

Mamma Carlotta sah nun einen dunklen Anzug am Fenster, erschrocken wich sie zurück. Aber Arne Ingwersen blickte nicht hinaus, sondern drehte dem Garten den Rücken zu.

»Das hätte ich mir denken können!« Veras Stimme klang bitter. »Wann redest du überhaupt noch mit mir? Wenn es ums Geschäft geht, ist dein Vater dein Ansprechpartner, und wenn es ums Privatleben geht …«

Mamma Carlotta sah, dass Arnes Hand zum Fenstergriff tastete, als suchte er Halt.

Nach kurzem Zögern fuhr Vera fort: »Ich frage mich oft, was du denkst und fühlst. Aber ich erfahre es nicht. Mir vertraust du dich nicht an.«

Arnes steifem Rücken war anzusehen, dass seine Frau auf ihn zugetreten war.

»Warum, Arne? Mit wem redest du, wenn du Sorgen hast?«

Nun entfernte sich Arne vom Fenster, wahrscheinlich flüchtete er zur Tür.

»Ist sie jünger als ich? Hübscher? Schlanker?«

Die unerschütterliche Vera, die überall im Leben ihren Mann stand, war eifersüchtig! Auf ihren Schwiegervater und anscheinend auch auf eine Frau, mit der ihr Mann sie betrog. Mamma Carlotta war erschüttert. Da sah man es mal wieder: Männer waren undankbar. Statt glücklich mit einer Frau zu sein, die so viel leistete wie Vera, sahen sie sich nach einer Jüngeren, Hübscheren, Schlankeren um. Mamma Carlotta schnalzte missbilligend mit der Zunge. »Scandalo!«

Da drang Veras Stimme erneut in den Garten. »Kenne ich sie? Kann es sein, dass sie bei uns arbeitet? Gib’s zu!«

»Jetzt reicht’s aber!«, brüllte Arne Ingwersen unvermittelt los. »Deine Eifersucht ist wirklich unerträglich!«

Vera stand ihm in nichts nach. »Dann geh doch zu Papi und heul dich bei ihm aus!«

Eine Tür fiel donnernd ins Schloss, Arne Ingwersen war vor den Vorwürfen seiner Frau geflüchtet. Mamma Carlotta machte eine Bewegung am Fenster aus und zog sich hastig zurück. Von Vera wollte sie auf keinen Fall im Garten entdeckt werden. Wie sollte sie ihre Anwesenheit hier erklären?

Schritt für Schritt wich sie zurück, darauf bedacht, kein Geräusch zu verursachen. Erst als sie sich in Sicherheit wähnte, drehte sie sich um und wollte loslaufen … doch gerade in diesem Augenblick startete jemand hinter einer Hecke in der gleichen Absicht in dieselbe Richtung. Einer, der ungesehen entwischen wollte. Der Zusammenprall ließ sich nur vermeiden, weil Carlotta ihre neuen Sneakers mit den rutschfesten Sohlen trug – ganz im Gegenteil zu ihrem Unfallgegner Willem Jäger, der Schuhe mit glatten Ledersohlen an den Füßen hatte. Er schlidderte beim Versuch, die Kollision zu vermeiden, in Mamma Carlottas Seite. Dass er versuchte, sich an etwas festzuklammern, was ihm Halt bot, durfte man ihm nicht verübeln. Und da Mamma Carlotta über Willems sexuelle Orientierung informiert war, unterstellte sie ihm keinen Annäherungsversuch. Sie fing ihn einfach auf, sorgte dafür, dass er seine Nase aus ihrem Dekolleté nahm, entfernte seine Hände von dem, was ihn gehalten hatte, und war froh, dass sie kein leichtes Sommerkleid, sondern eine dicke, wetterfeste Jacke trug.

»Signore! Sie haben es aber eilig!«

Willem Jäger ordnete mit bebenden Fingern seine Frisur. »Ich wollte eigentlich nur kondolieren. Aber dann wurde mir plötzlich schwindelig … Es ist ja so schrecklich, was mit Arnes Mutter geschehen ist!«

»Molto terribile!«, bestätigte Mamma Carlotta und hätte sich gern in Einzelheiten über all das Schreckliche ergangen, wenn sie nicht vollauf damit beschäftigt gewesen wäre, Willem Jägers attraktives Gesicht zu bestaunen, das sich vorsichtig von ihr entfernte. Nie zuvor war ihr ein Mann begegnet, der seine Wimpern tuschte und die Wangen puderte.

»Plötzlich wurde mir regelrecht übel«, haspelte Willem Jäger weiter, »und ich dachte, es ist besser, erst mal ein wenig Luft zu schnappen. Beim Gespräch über diesen entsetzlichen Mord wäre es womöglich noch schlimmer geworden. Weiß der Himmel, was sich dann in meinem Magen-Darm-Trakt abgespielt hätte. Und außerdem habe ich ja so nah am Wasser gebaut …« Willem Jäger entfernte sich, während er weiterredete, Schritt für Schritt und brachte schließlich eine letzte Erklärung für seine Anwesenheit vor, die nicht besser war als alle vorangegangenen: »Inmitten der Natur fällt es leichter, mit schweren Schicksalsschlägen fertig zu werden.« Dann drehte er sich um und verschwand.

Kaum war sie allein, fiel Mamma Carlotta wieder ein, dass sie nicht in diesem Garten angetroffen werden wollte. Also folgte sie Willem Jäger eilig. Der hatte es anscheinend aufgegeben, den Ingwersens zu kondolieren, denn er lief am Eingang der Muschel II vorbei und ging mit großen Schritten die Straße hinunter.

Nachdenklich blickte sie ihm nach. Was hatte Willem Jäger wohl wirklich im Garten der Muschel II gewollt? Mamma Carlotta beschloss, sich eine Tasse Tee in der Keitumer Teestube zu gönnen, die ihr Frau Kemmertöns neulich sehr ans Herz gelegt hatte, und über das Geschehene nachzudenken. Dass Willem Jäger Trost in der Natur gesucht und auf die Erholung seines Magen-Darm-Traktes gehofft hatte, wollte sie nicht glauben. Warum also diese Rechtfertigungen?

Schwer hing der Himmel über dem Meer. Es war von einem dunklen Grau, die Gischt auf den Wellen das einzig Helle an diesem frühen Morgen. Sogar der Strand war finster. Oder kam es ihm nur so vor, weil er den Blick nicht von der Blutlache nehmen konnte, die sich um den Kopf des Opfers ausgebreitet und den Sand schwarz gefärbt hatte? Die Scheinwerfer, die die Spurensicherung aufgestellt hatte, waren so grell, dass alles andere umso finsterer war.

Erik unterdrückte ein Gähnen, was Sören gar nicht erst versuchte. Er riss den Mund so ungeniert auf, als wollte er sagen, dass es in der Nähe einer so unanständigen Tat nicht darauf ankam, sich anständig zu benehmen. Unruhig ging er hin und her. »Wann können wir endlich loslegen?«

Erik antwortete nicht. Mit Vetterich, dem Chef der Spurenfahndung, war nicht zu spaßen, wenn ihn jemand bei seiner Arbeit störte. Wer ihm eine Spur zertrampelte, konnte sich auf etwas gefasst machen. Nach der Feststellung, dass dem Mann, der dort oben im Dünengras lag, nicht mehr zu helfen war, hatte er niemanden mehr in die Nähe der zahlreichen Spuren gelassen.

»Fußabdrücke satt«, hörte Erik ihn knurren. »Hier waren entweder mehrere Täter am Werk oder mehrere Zeugen oder mehrere Leute, die den Mann gefunden haben.«

Erik schüttelte heimlich den Kopf. Dass Vetterich, der altgediente Spurenfahnder, nach wie vor von Fußabdrücken sprach, wenn er in Wirklichkeit Schuhabdrücke meinte, amüsierte ihn immer wieder. Früher hatte er ihn oft provozierend gefragt: »Sie glauben also, dass der Täter barfuß war?« Aber mittlerweile verkniff er sich diese spitze Bemerkung.

Erik wandte sich zu Enno Mierendorf um.»Können Sie etwas über die Stimme des Anrufers sagen?«

Mierendorf zuckte mit den Schultern. »Keine junge Stimme. Männlich. Jemand von hier, würde ich sagen.«

»Warum?«

»Weil er so sprach und weil er sich gut auskannte.«

»Haben Sie einen bestimmten Verdacht?«

Enno Mierendorf steckte die Hände in die Jackentaschen und wiegte sich hin und her. »Wenn das man nicht wieder Fietje Tiensch war!«

Erik lächelte leicht. »Der Spanner?«

Mierendorf nickte. »Der traut sich nicht, seinen Namen zu nennen. Der will sich nicht fragen lassen, was er nachts am Strand zu suchen hat.«

»Ist der Anruf aufgezeichnet worden?«

Wieder nickte Enno Mierendorf. »Wie alles, was über den Notruf reinkommt.«

»Dann werden wir schnell feststellen, ob Fietje es war, der den Toten entdeckt hat.« Erik griff nach dem Absperrband, das im Wind knatterte. Vetterich hatte darauf bestanden, die Grenzen des Tatorts zu markieren, obwohl zu dieser frühen Morgenstunde der Strand menschenleer war.

»Brauchst du eine Plane?«, rief Mierendorf die Düne hoch.

»Nur wenn der Regen heftiger wird«, kam es zurück. »Im übrigen bin ich gleich fertig. Und der Doc auch!«

Erik beobachtete, wie Dr. Hillmot sich aus dem Sand hochwuchtete, dann wandte er sich wieder an Enno Mierendorf. »Kennen Sie den Toten? Haben Sie ihn schon mal gesehen?«

Mierendorf schüttelte ungeduldig den Kopf. »Ich hab’s Ihnen doch schon gesagt … Er lag auf dem Bauch. Auf dem Gesicht! Ich habe ihn nicht umgedreht. Bei der klaffenden Kopfwunde gab es keinerlei Hoffnung, dass er noch leben könnte. Und dann dieser Blutverlust …!«

»Ja, ja.« Erik winkte ab.

Geduld gehörte eigentlich zu seinen Stärken, aber diesmal konnte er es nicht abwarten, endlich in das Gesicht des Mannes zu sehen, der dort oben tot im Dünengras lag. Er hatte dafür gesorgt, dass Vetterich zunächst nach den Doppelkreisen Ausschau hielt, doch der Spurenfahnder hatte in der Nähe des Toten nichts gefunden, was diesem Symbol auch nur ähnlich war. Also hatte der gewaltsame Tod vielleicht gar nichts mit der Mafia zu tun? Und es gab keinen Zusammenhang mit den beiden anderen Todesfällen? Erik konnte nicht sagen warum, aber er glaubte es nicht. Oder hoffte er nur, dass dieser dritte Tote ihn weiterbrachte in seiner Ermittlungsarbeit? Er brauchte dringend einen Erfolg. Das Inselblatt hatte zum Glück noch nicht Lunte gerochen, aber die Staatsanwältin rief mehrmals täglich an, um zu hören, was er herausgefunden hatte, und drohte jedes Mal mit dem Einsatz einer Sonderkommission, wenn er nicht endlich vorankäme.

Sören schien die gleichen Gedanken zu haben wie sein Chef. »So ein Pech aber auch, dass wir den Kerl gestern nicht erwischt haben«, schimpfte er leise.

Mierendorf ging sofort in die Verteidigung. »Ich konnte nichts dafür.«

»Weiß ich doch«, gab Erik gereizt zurück. Er war es leid, sich immer wieder Mierendorfs Ausflüchte anzuhören. Natürlich konnte der nichts dafür, dass der dunkelhaarige, südländisch aussehende junge Mann verschwunden war, als Erik in der Friedrichstraße auftauchte. Der Verkehrspolizist, dem er aufgefallen war, glaubte, seiner Pflicht mit der Meldung Genüge getan zu haben. Niemand hatte ihn angewiesen, den Mann zu verfolgen, den er an einem der Stehtische vor dem Café Leysieffer entdeckt hatte.

Mit einer vagen Geste zeigte er zum Hotel Roth. »Da irgendwo ist er verschwunden.«

Ob er das Hotel betreten hatte oder in die Ladenpassage eingebogen war, die hinter dem Hotel entlangführte, das konnte er nicht sagen. Und von der jungen Frau, mit der der Mafioso Kaffee getrunken hatte, wusste er auch nicht viel zu berichten. Sie sei sehr hübsch gewesen, das war alles, was Erik erfuhr. Nicht einmal, was die Haarfarbe betraf, wollte sich der Verkehrspolizist festlegen. »Irgendwas zwischen Blond und Braun!« Aber lange Haare habe sie gehabt, da war er ganz sicher. Und sie hatte sich ziemlich plötzlich verabschiedet und war eilig in Richtung Bahnhof gelaufen. Der Mafioso hatte daraufhin einen Geldschein auf den Stehtisch gelegt, ihn mit dem Aschenbecher beschwert, damit er nicht davonflog, und war in die entgegengesetzte Richtung gegangen, ohne darauf zu warten, dass die Bedienung den Geldschein kassierte. Während Sören drauf und dran gewesen war, dem Kollegen von der Verkehrssicherheit die Dienstmütze abzureißen und darauf herumzutrampeln, hatte Erik sich damit getröstet, dass der Mafioso immerhin noch auf Sylt war. Und da er einmal gesehen worden war, konnte es gut und gerne ein zweites Mal geschehen.

»Oder kann es sein, dass er durch Ihr Auftauchen gewarnt worden ist?«, hatte er eindringlich gefragt.

Aber der Verkehrspolizist schwor Stein und Bein, sich ganz unauffällig verhalten zu haben, während sein Kollege ebenso unauffällig zum Streifenwagen gegangen sei und das Kommissariat Westerland verständigt habe.

Erik beobachtete, wie Vetterich und Dr. Hillmot den Toten umdrehten. Nun endlich winkte Vetterich ihn zu sich hinauf. Sämtliche Spuren waren gesichert.

Trotz seiner Ungeduld stieg Erik langsam die Düne hoch. Sören, der den Tatort gerne gestürmt hätte, kannte seinen Chef und blieb hinter ihm, so schwer es ihm auch fiel. Er hatte längst gelernt, dass Bedächtigkeit nicht nur zu Eriks Temperament gehörte, sondern auch zu seiner Ermittlungsarbeit. Er stürzte sich niemals auf einen Fall, er näherte sich ihm.

Dr. Hillmot bat Vetterich, das Gesicht des Toten von Sand und Blut zu befreien, damit er sich selbst nicht noch einmal bücken oder gar auf die Knie niederlassen musste. Ohne ein Anzeichen von Unruhe wartete Erik darauf, dass Vetterich den Blick auf das Gesicht des Toten freigab, während Sören nervös von einem Fuß auf den anderen trat.

»Die Tatwaffe könnte dieselbe gewesen sein wie bei Utta Ingwersen«, sagte Dr. Hillmot. »Keine Anzeichen von Gegenwehr. Der Mann scheint ebenfalls von hinten überrascht worden zu sein. Der Tod ist vor etwa vier Stunden eingetreten. Vielleicht fünf.«

»Also ist er zwischen Mitternacht und ein Uhr erschlagen worden?«, meinte Sören.

In diesem Augenblick gab Vetterich den Blick auf die Leiche frei. Das Gesicht des Mannes war nun gut zu erkennen. Erik hörte, wie Sören scharf die Luft einsog. Und in diesem Moment stellte Vetterich fest, dass es auch hier das Symbol der drei Doppelkreise gab. Nur ganz anders.

Mamma Carlotta starrte auf den Zettel, den sie auf dem Küchentisch gefunden hatte. Und plötzlich war sie ganz sicher, dass das Telefon zu nachtschlafender Zeit geklingelt hatte. Sie erinnerte sich, dass sie versucht hatte, sich aufzurichten und die Beine über die Bettkante zu schwingen. Aber dann war sie wieder zurückgesunken, wollte erst mal Kraft sammeln … und war vermutlich gleich wieder eingeschlafen, weil das Klingeln ein Ende gehabt hatte. Das konnte nur bedeuten, dass Erik schneller gewesen war als sie und das Gespräch angenommen hatte. Das musste auch der Grund sein, warum er noch vor Sonnenaufgang aus dem Hause gegangen war und nur diese kurze Nachricht zurückgelassen hatte. Und dass er schneller am Telefon gewesen war als seine Schwiegermutter, konnte wiederum nur bedeuten, dass er schlaflos im Bett gelegen hatte. Vermutlich, weil er sich große Sorgen um seine schöne Insel machte, nach der die Mafia ihre gierigen Klauen ausstreckte.

Wenn er schon vor Tagesanbruch angerufen wurde, bedeutete das womöglich, dass ein weiterer Mord geschehen war? Der arme Erik hatte doch die anderen beiden Todesfälle noch gar nicht aufgeklärt! »Dio mio!«

Mamma Carlotta hätte gern mit Carolin in aller Ausführlichkeit die unangenehme Lage ihres Vaters erörtert, aber leider war ihre Enkelin noch immer nicht gut auf ihren Erzeuger zu sprechen. Sie war ohne jede Anteilnahme und fand den Fleck auf ihrem neuen Pulli viel eklatanter als die gestörte Nachtruhe ihres Vaters. »Wie kriege ich den wieder raus?«

Mamma Carlotta seufzte heimlich. Carolin wusste eben nichts von der Gefahr durch die Mafia, sonst hätte sie mehr Verständnis für ihren Vater.

»Tu was, Nonna! Heidelbeermarmelade!«

Mamma Carlotta seufzte noch einmal, diesmal laut und vernehmlich. »Zieh den Pulli aus. Heidelbeerflecken lassen sich am besten mit Joghurt entfernen. Ein bis zwei Stunden einwirken lassen, dann mit lauwarmem Wasser nachspülen! Das hat meine Nonna schon so gemacht.«

Carolin überließ ihrer Großmutter dankbar ihren Pulli und suchte geeigneten Ersatz heraus. Dabei war sie anscheinend ihrem Bruder in die Quere gekommen, der sich lauthals darüber beschwerte, dass man in diesem Haus nie ausschlafen könne, auch wenn man erst zur dritten Stunde Unterricht habe.

Als Carolin in die Küche zurückkehrte, hatte sie wieder einen ihrer unauffälligen grauen Pullover angezogen, aber immerhin trug sie dazu eine bunte Glasperlenkette. Mamma Carlotta betrachtete ihre Enkelin wohlwollend. Carolins Haare fielen seidig glänzend auf die Schultern, das leichte Rouge, das sie aufgelegt hatte, ließ sie gesund und strahlend aussehen. Was so ein bisschen Verliebtsein nicht alles veränderte!

»Ich war gestern Nachmittag in der Keitumer Teestube«, begann Mamma Carlotta vorsichtig. »Frau Kemmertöns hat gesagt, dort müsste man unbedingt gewesen sein.«

»Stimmt!« Carolin rückte ein wenig vom Tisch ab und beugte sich dann vor, um in ihr Marmeladebrötchen zu beißen, ohne dass ihr Pulli Schaden nahm.

Mamma Carlotta verrieb eifrig den Joghurt auf dem Heidelbeerfleck. »Ich hatte gehofft, dich und deinen Freund in Keitum zu treffen. Wir hätten dann zusammen Tee trinken können. Oder … oder seid ihr gar nicht nach Keitum gefahren?«

»Doch, sind wir.«

»Und was habt ihr gemacht?«, fragte Mamma Carlotta, obwohl sie wusste, dass solche direkten Fragen nicht beliebt waren.

Aber Carolins Antwort kam ganz unbekümmert: »Wir waren in der Muschel II. Ich wollte mit Vera reden, und Michael war bereit, mich zu unterstützen.«

»Wobei?«

»Ich möchte beim Chorwettbewerb Uttas Part übernehmen.«

»Aber dein Freund hat doch erzählt … wie hieß er noch gleich?«

»Jedenfalls nicht Florian Silbereisen«, antwortete Carolin patzig.

Mamma Carlotta merkte, dass sie sich auf rhetorischem Glatteis bewegte, und beschloss, vorsichtig zu sein. »Ach ja, Michael hat erzählt, dass Vera den Solopart selbst übernehmen möchte.«

»Ich glaube, dass sie sich zu viel vorgenommen hat. Was ist, wenn ihr mittendrin die Tränen kommen?«

Mamma Carlotta hielt das auch für wahrscheinlich. »Aber meinst du wirklich, dass du das kannst?« Sie setzte sich zu Carolin. »Singen, so ganz allein, vor einem großen Publikum?«

Carolin sah sie vorwurfsvoll an. »Glaubst du etwa nicht an mich?«

Mamma Carlotta, die in die Fähigkeiten ihrer sämtlichen Enkelkinder großes Zutrauen hatte, antwortete hastig: »Sì, sì! Naturalmente!« Dann erhob sie sich, um sich einen weiteren Espresso zu kochen und um Carolin nicht zu zeigen, wie bang ihr bei dem Gedanken wurde. »Natürlich bist du begabt«, behauptete sie. »Und da du mal Sängerin werden willst …«

»… muss ich sehen, dass ich Konzertpraxis bekomme. Zumindest im Finale will ich Uttas Solo singen.«

Mamma Carlotta pustete in die dampfende Espressotasse. »Und was sagt Vera dazu?«

»Sie hatte keine Zeit. Ein wichtiges Gespräch mit ihrem Mann.«

Mamma Carlotta betrachtete die Wände der Küche, als dächte sie darüber nach, ob sie gestrichen werden müssten. »Und was habt ihr dann gemacht, Michael und du?«

»Wir haben ein Duett geübt. Für den Wettbewerb.«

»Aber das Programm steht doch längst.«

»Nicht mehr! Hast du vergessen, dass unsere Solosängerin ausgefallen ist? Unser Programm hat ein paar Lücken.«

»Und du willst sie füllen? Mit einem Solo und einem Duett?« Mamma Carlottas Stimme sollte optimistisch und triumphierend sein, aber sie wusste, dass sie doch nur verzagt klang.

Carolin dagegen schien sich ihrer Sache sehr sicher zu sein. »Michael will übrigens auch Sänger werden. Vielleicht stehen wir später mal gemeinsam auf der Bühne.«

Bei der Aussicht, eine berühmte Sängerin in der Familie zu haben, wäre Mamma Carlotta gern in Jubel ausgebrochen, aber in diesem Fall versagte ihr der Optimismus. Sie musste unbedingt das Thema wechseln, um Carolin nicht zu verunsichern. »Wo habt ihr das Duett geübt?«

»In der Muschel II. Michael hat dort ein Zimmer.«

Mamma Carlotta fiel nichts anderes ein, als sich um einen dritten Espresso zu kümmern. Mochte ihr auch der Kreislauf versagen, dieser Sache musste nachgegangen werden. So unauffällig wie möglich! Also am besten mit dem Gesicht tief über einem dampfenden Kaffee.

Sie selbst war in Carolins Alter gewesen, als Dino sie überredet hatte, sich mit ihm in einer Berghütte zu verstecken. Vom Fenster aus hatten sie beobachten können, wie Carlottas Mutter sie suchte, und sich köstlich darüber amüsiert, dass sie nicht entdeckt wurden. Später hatte Carlotta oft gedacht, es wäre besser gewesen, ihre Mutter hätte verhindert, was dann in der Hütte geschah. Nicht dass sie mit Dino unglücklich geworden wäre! Nicht dass sie ihren Erstgeborenen weniger geliebt hätte als die sechs, die nach ihm kamen! Nein, Gott bewahre! Trotzdem wäre es nicht schlecht gewesen, wenn das eheliche Glück erst zwei, drei Jahre später begonnen und ihre Jugend ein wenig länger gedauert hätte.

Hatten Carolin und Michael wirklich ein Duett geübt? Sie selbst hatte damals ihrer Mutter weisgemacht, mit Dino bei der Weinlese die Zeit vergessen zu haben. Wer also sagte ihr, dass Carolin es mit der Wahrheit genauer nahm als sie selbst im Alter von sechzehn Jahren?

»Papa wird sich noch wundern«, sagte Carolin. »Wenn wir erst mal berühmt sind, wird er es nicht mehr wagen, Michael Florian Silbereisen zu nennen.«

»Das war ein Versehen! Er hat es nicht böse gemeint.«

Carolins Augen waren von einem Moment zum anderen voller Tränen. Zornig warf sie ihr Marmeladebrötchen auf den Teller und sprang auf. »Der macht sich über Michael lustig. Das ist so was von gemein!«

»Jeder Mensch kann sich mal irren«, versuchte es Mamma Carlotta noch einmal. »Ich darf gar nicht daran denken, wie oft die alte Bernina mich mit dem Namen meiner Schwester anredet, nur weil ich ihr ähnlich sehe. Nehme ich ihr das übel? No!«

Aber sie erreichte ihre Enkeltochter nicht mehr. »Ihr seid alle total ätzend«, schrie Carolin und rannte aus der Küche. Kurz darauf fiel die Haustür donnernd ins Schloss.

Kopfschüttelnd blieb Mamma Carlotta zurück. Was war nur in das Kind gefahren? Warum reagierte sie auf Eriks kleines Versehen so gereizt?

Felix betrat die Küche. Obwohl er Carolins Abgang mitbekommen hatte, war er fern von jeder Anteilnahme. »Was hat sie denn?«

»Wenn ich das wüsste!«, seufzte Mamma Carlotta.

»Egal!« Felix schnappte sich ein Brötchen und tunkte es in die Heidelbeermarmelade. »Wenn sie heult, ist das immer noch besser, als wenn sie singt.«

»Verstehen Sie das?«, fragte Sören, während sie über die Holzstege durch die Dünen zurück zum Parkplatz gingen. »Der Mafioso wird an der Buhne 16 erschlagen, und wieder finden sich die drei Doppelkreise. In diesem Fall auf seinem Ring.«

»Von dem hatte uns schon Harm Ingwersen erzählt«, erinnerte Erik.

»Als Utta Ingwersen umgebracht wurde, hat der Täter dieses Zeichen hinterlassen, um dem Ehemann zu zeigen, warum seine Frau sterben musste.«

»Womöglich haben sie es bei Henner Jesse auch so gemacht, aber wir haben es nicht gemerkt. Oder vielmehr … ich habe es nicht gemerkt.«

Sören ging großzügig über Eriks Ergänzung hinweg. »Nun aber wird der Erpresser selbst umgebracht …« Er blieb plötzlich stehen und starrte in die Dünenlandschaft. Sie hatte längst ihre herbstliche Färbung angenommen, auch das Heidekraut war dunkel geworden. In die Senken hatte sich ein feiner Nebelschleier gelegt. »Ist der Tote überhaupt der Erpresser?«

Auch Erik war stehen geblieben. Er schien auf das Rufen der Strandvögel zu lauschen, auf das Wogenrauschen hinter den Dünen, auf das Wispern des Dünengrases. »Sie haben ihn nicht erkannt?«, fragte er schließlich. »Er sieht genauso aus, wie Harm Ingwersen ihn beschrieben hat. Und dann der Ring … auch den hat er so beschrieben.«

»Wir werden ja sehen, wie Ingwersen reagiert, wenn wir ihm das Foto des Toten vorlegen.«

»Glauben Sie, dass auch dieser Mord auf das Konto der Mafia geht?«

»Auf wessen Konto sonst?«

Erik strich ausgiebig seinen Schnauzer glatt, dann steckte er die Hände in die Manteltaschen und ging plötzlich so schnell weiter, dass Sören Mühe hatte, ihm zu folgen. »Wenn der Mörder des Mafiosos gewusst hat, dass Utta Ingwersens Mörder neben der Leiche drei Doppelkreise hinterlassen hat, dann hätte er es hier genauso gemacht.«

»Ja, dass die Doppelkreise fehlen, könnte tatsächlich bedeuten, dass wir es hier mit einem anderen Täter zu tun haben.«

»Könnte sein, dass dem Mafioso die anderen Morde untergeschoben werden sollen. Deswegen die Doppelkreise neben Utta Ingwersens Leiche, als Hinweis auf seinen Ring.«

»Aber der ist dahintergekommen und musste deshalb auch dran glauben.«

Erik blieb so plötzlich stehen, dass Sören um ein Haar gegen ihn geprallt wäre. »Finden Sie es nicht auch merkwürdig, dass der Tote kein Handy bei sich hatte?«, fragte er, noch ehe er sich zu Sören umgedreht hatte.

»Wahrscheinlich hat der Mörder es ihm abgenommen.«

»Warum?«

»Um die Identifizierung zu erschweren. Oder um sich selbst nicht zu verraten.«

»Das würde bedeuten, dass es vorher einen telefonischen Kontakt zwischen dem Mörder und seinem Opfer gegeben hat.«

»Das ist anzunehmen«, meinte Sören. »Die beiden kannten sich sicherlich. Womöglich haben sie sich telefonisch an der Buhne 16 verabredet. Das Strand-Bistro ist ein guter Treffpunkt. Der Täter konnte sich dort verstecken und auf sein Opfer warten.«

»Der Tote war sicherlich nur ein kleines Rädchen der Mafia. Vielleicht hat er einen Fehler gemacht und musste dafür mit seinem Leben bezahlen. Zum Beispiel … er hat Utta Ingwersen umgebracht oder umbringen lassen, ohne die Genehmigung von ganz oben zu haben. Und dann ist er noch so dumm gewesen, die Insignien seiner Mafia-Familie zu hinterlassen.«

»Er wurde also aus Rache getötet?«

»Könnte sein!« Erik sah so aus, als wäre er mit keiner seiner Theorien wirklich einverstanden. Missmutig brummte er etwas, bis er wieder verständliche Worte von sich gab: »Idiotisch, diese Doppelkreise! Harm Ingwersen wusste sowieso, wer seine Frau auf dem Gewissen hat. Frau Jesse brauchte auch keinen besonderen Hinweis. Ist diese Spur für uns gelegt worden? Soll die Polizei wissen, was demnächst auf Sylt abgeht? Wird die Mafia bald bei uns im Polizeirevier erscheinen?«

Sören ging nicht weiter darauf ein. »Grund zur Rache hätten auch seine Opfer. Sylter Geschäftsleute, die sich nicht mehr von ihm erpressen lassen wollen.«

»Wer würde so dumm sein, sich mit der Mafia anzulegen? Jedes Kind weiß, dass die Mafia sich nichts gefallen lässt, ohne Vergeltung zu üben. Die beiden Geldeintreiber sind auf der Insel! Sie würden den Mörder des Mafiosos liquidieren, ohne mit der Wimper zu zucken.«

»Dazu müssten sie erst mal wissen, wer der Mörder ist. Oder die Mörder. Sind die beiden Geldeintreiber es vielleicht gewesen? Vielleicht hatten sie mit dem Mafioso Streit!«

»Wir müssen aufpassen! Von unseren Ermittlungen darf nichts nach außen dringen. Keine Selbstjustiz auf der Insel!«

Sören berührte sanft den Arm seines Chefs, damit er endlich weiterging. Und tatsächlich setzte sich Erik langsam in Bewegung.

»Wie stellen Sie sich eigentlich unsere Ermittlungen vor?«, fragte Sören. »Bei den Sylter Geschäftsleuten nachfragen, ob sie auf Schutzgelderpressungen eingegangen sind? Das geht wohl nicht.«

Wie es aussah, hatte Sören keine Antwort zu erwarten. Der Holzsteg führte nun durch eine Senke, die mit Wasser gefüllt war. Danach ging es auf Sandwegen weiter. Sie bewegten sich im Gleichschritt voran, beide sahen zu Boden.

»Eins der Mafia-Opfer kennen wir«, sagte Sören nachdenklich. »Oder vielmehr … zwei!«

Wieder blieb Erik abrupt stehen. »Sie meinen Harm Ingwersen?«

Sören nickte. »Und seinen Sohn. Beide hätten Grund, sich zu rächen.«

Erik schüttelte so langsam den Kopf, als wäre er eigentlich zu schwer dafür. »Harm Ingwersen ist kein Mörder«, sagte er dann. »Er ist ein grundanständiger Mensch. Das hat er doch bewiesen.«

»Und sein Sohn?«

»Der ist viel zu schwach für einen Mord. Außerdem … wie sollte es einem der beiden gelungen sein, den Mafioso nachts an den Strand zur Buhne 16 zu locken?«

Sören sah seinen Chef mit offenem Mund an. »Noch dazu ohne seine Bodyguards!« Er seufzte tief auf. »Nein, das können wir vergessen.«

Die Vorspeise war fertig und musste nur noch eine Weile durchkühlen. Zufrieden schob Mamma Carlotta die Fischpastete in den Kühlschrank, dann betrachtete sie den Ort ihres Wirkens mit dem angenehmen Gefühl, gut vorbereitet zu sein. Für die Pasta alla rucola hatte sie die Salatblättchen schon verlesen und gewaschen, für das Hauptgericht das Pouletfleisch zerschnitten und die Sardellenfilets zerkleinert, und sogar der Ricottapudding stand bereits im Wasserbad. Es war alles getan, damit ihr armer Schwiegersohn, der in aller Herrgottsfrühe aus dem Bett geholt worden war, mit einem guten Mittagessen entschädigt wurde. Einen Cappuccino in Käptens Kajüte hatte sie sich redlich verdient.

Sie schlüpfte in die winddichte Jacke, die eigentlich Erik gehörte, die er ihr aber bei jedem ihrer Besuche zur Verfügung stellte, griff nach dem Einkaufsbeutel und verließ das Haus. Während sie in Richtung Westerlandstraße ging, atmete sie die kalte, klare Luft ein. An der Einmündung wollte sie sich nach links wenden, blieb jedoch wie angewurzelt stehen. Ein dunkler Mercedes, der sich anscheinend in der Fahrtrichtung geirrt hatte, versuchte rückwärts in den Süder Wung zu setzen, um dann zu wenden. Das schien dem Fahrer eines alten, verbeulten Lieferwagens gar nicht zu gefallen. Er hatte das Manöver wohl zu spät durchschaut und wurde zum scharfen Bremsen genötigt. Wütend riss er die Tür auf und brüllte ein paar Beschimpfungen über die Westerlandstraße: »Fischkopp! Touristenpack!« Dann sah er, dass seine Rüpelhaftigkeit für helle Empörung gesorgt und damit ihr Ziel erreicht hatte, und gab wieder Gas. Während der Fahrer des dunklen Mercedes noch unter Schock stand, entfernte sich der Lieferwagen kreischend.

Kopfschüttelnd sah Mamma Carlotta dem alten Vehikel hinterher, das Richtung Dorfteich ratterte. Es war rostrot, hier und da mit brauner Farbe ausgebessert worden und hatte einen grünen und zwei ockergelbe Kotflügel. Die seitliche Beschriftung bestand nur noch aus wenigen Buchstaben: TENS KAJÜ! Nach der Hauptsaison hatte Tove sich eigentlich ein neues Auto anschaffen oder zumindest seinen alten Lieferwagen neu lackieren lassen wollen. Aber vermutlich musste er aufgrund der neuen finanziellen Belastungen, über die er nicht einmal laut schimpfen konnte, diese Pläne auf Eis legen.

Mamma Carlotta zögerte, dann bog sie rechts in die Westerlandstraße ein. Den Weg zu Käptens Kajüte konnte sie sich sparen. Anscheinend war dort noch geschlossen, und da in Toves Laune mal wieder Sturmflut herrschte, würde es dort auch nicht besonders gemütlich werden. Da war es wohl besser, ihm heute aus dem Weg zu gehen.

Der Bäcker, bei dem Carlotta das Brot kaufen wollte, das zur Fischpastete gereicht werden sollte, hatte sich während der Hauptsaison den Beinamen »Steh-Café« gegeben und in seinem Verkaufsraum drei Stehtische aufgestellt, wo er Getränke ausschenkte und Kuchen oder belegte Brötchen servierte. Also würde sie ausnahmsweise dort ihren Cappuccino zu sich nehmen und sich vom Bäcker erzählen lassen, wie es seiner Schwester in der Türkei ging, ob sie dort glücklich war oder oft Heimweh hatte. Für Unterhaltung würde also gesorgt sein.

Gegenüber von der Touristeninformation gab es eine Boutique. Carlotta hatte schon einige Male die Auslagen bewundert, sich jedoch jedes Mal zu der Ansicht durchgerungen, dass das Flugticket genug Geld verschlungen habe und weitere Ausgaben nicht zu verantworten seien. Dass sie trotzdem die Boutique ansteuerte, lag daran, dass eine junge Frau davor stand, die Mamma Carlotta bekannt vorkam: eine sehr attraktive Frau, schlank, langbeinig, mit schimmernden braunen Haaren und so vollen Lippen, dass man glauben konnte, hier sei der Natur auf die Sprünge geholfen worden. Carlotta hatte schon von solchen Maßnahmen gehört, konnte aber nicht glauben, dass auch Susanna Larsen ihre Schönheit solchen Manipulationen verdankte.

Leider betrat sie gerade die Boutique, obwohl Mamma Carlotta sie gerne noch vor dem Schaufenster angesprochen hätte. So aber blieb ihr nichts anderes übrig, als ihr zu folgen, wenn sie herausfinden wollte, was die Kellnerin der Muschel II verbarg. Und das wollte Carlotta Capella unbedingt! Es musste ja einen Grund dafür geben, dass Vera Ingwersen ihre Angestellte nicht mochte. Und nach dem Gespräch, das Mamma Carlotta am Vortag belauscht hatte, konnte sie sich denken, welcher Grund das war. So interessant solche Vermutungen auch waren, Gewissheiten waren einfach besser. Und da Carlotta einen siebten Sinn hatte, wenn es um Amore ging, betrat sie hinter Susanna Larsen die Boutique ohne den geringsten Zweifel, dass sie den Laden mit neuen Erkenntnissen wieder verlassen würde. Vielleicht sogar mit einer Idee, wie Vera Ingwersen zu helfen war! Dieser Gedanke beschwingte Mamma Carlotta. Eine betrogene Ehefrau zu unterstützen, das war ein löblicher Grund und viel besser als blanke Neugier.

Sie sah sich um, als suchte sie etwas Bestimmtes, dann ging sie zu dem Ständer mit denOberteilen in Größe sechsunddreißig, den Susanna Larsen gerade in Augenschein nahm. Den Fingerzeig der Verkäuferin, die Mamma Carlotta zum Warenangebot in Größe vierundvierzig winken wollte, übersah sie geflissentlich.

Zum Glück wurde Susanna Larsen schnell auf sie aufmerksam, und prompt wurde sie von einem Schwall freudiger Überraschung übergossen: »Wir kennen uns! Sie singen auch im Inselchor! Und wir haben uns in der Muschel I gesehen, kurz nachdem Utta Ingwersen …« Mamma Carlotta senkte die Stimme. »Sie wissen schon.«

Ja, Susanna Larsen wusste Bescheid und die Verkäuferin anscheinend auch. Einzelheiten waren ihr jedoch offenbar noch nicht zu Ohren gekommen, denn sie kam unauffällig näher, damit sie keine Neuigkeiten verpasste.

Mamma Carlotta kam auf Vera Ingwersen zu sprechen und fühlte sich in sämtlichen Verdachtsmomenten bestätigt, als sich Susanna Larsens Miene plötzlich verschloss. Schließlich wusste sie, wie Menschen reagierten, wenn sie ihre Gefühle nicht verraten wollten! Sie benahmen sich wie Schwerhörige, sobald von demjenigen die Rede war, mit dem sie etwas Verbotenes verband. So wie Vera Ingwersen und ihre Angestellte waren auch Rosella Luciano und Micaela Rossa, die in Rosellas Alimentari-Laden Wurst und Käse verkaufte, miteinander umgegangen. Carlotta hatte schon Bescheid gewusst, noch ehe sie gesehen hatte, wie Micaela mit Rosellas Mann beim Dorffest hinter den Büschen verschwand. Das junge Mädchen hatte unermüdlich Mortadella aufgeschnitten und Parmesan gerieben, wenn die Rede auf die Ehe ihrer Chefin gekommen war. Zum Glück hatte der untreue Ehemann sich später besonnen und dafür gesorgt, dass Micaela zu ihren Eltern nach Milano zurückkehrte und eine andere Verkaufshilfe eingestellt wurde. So war es Rosella erspart geblieben, ihren Ehemann der Untreue zu überführen. Carlotta hoffte, dass auch Vera Ingwersen dieser Beweis zu ersparen war.

Ob sie wohl durchblicken lassen sollte, dass Susannas Verhältnis mit Arne Ingwersen kein Geheimnis mehr war? Vielleicht würde Susanna dann schnurstracks zu Arne gehen und auf eine Entscheidung drängen! Und der würde sich selbstverständlich für seine tüchtige Frau entscheiden, ohne die es mit der Muschel II schnell bergab gehen würde. Die Affäre würde dann ein Ende haben und Susanna vermutlich die Insel verlassen, um woanders ihr Glück zu suchen.

Carlotta versuchte es mit einem Loblied auf Vera Ingwersen, auf ihre Fähigkeiten als Chorleiterin, ihr gutes Aussehen und ihren unermüdlichen Fleiß und wurde erneut bestätigt: Mehr als ein kurzes Nicken hatte damals auch Micaela nie zustande gebracht, wenn ihr Rosellas Gutmütigkeit vorgehalten wurde. Als Mamma Carlotta dann noch Arnes ungewöhnliche Attraktivität erwähnte, war sie sich ganz sicher, dass Veras Eifersucht einen guten Grund hatte: Susanna gab mit einem nachlässigen Schulterzucken vor, noch nie zur Kenntnis genommen zu haben, dass Arne ein außergewöhnlich gut aussehender Mann war. Genauso hatte Micaela reagiert, wenn in ihrer Gegenwart darüber geredet wurde, dass der Mann ihrer Chefin ein beträchtliches Vermögen auf der hohen Kante hatte. »Es muss schrecklich sein, die Mutter auf diese Weise zu verlieren«, schloss Mamma Carlotta.

Endlich antwortete Susanna nicht mit einer Geste oder einer hingeworfenen Bemerkung, sondern mit einem vollständigen Satz. »Er hatte kein gutes Verhältnis zu seiner Mutter.«

»Trotzdem war sie doch seine Mutter! Und es ist immer schrecklich, la mamma zu verlieren. Und dann noch durch Mord!«

Zum Glück gab in diesem Moment die Verkäuferin ihre Zurückhaltung auf, kam noch einen Schritt näher und schob auf einem Ständer die Pullover hin und her, als wollte sie für Ordnung sorgen. »Ich bin mit Arne zur Schule gegangen«, verriet sie. »Alle Mädchen waren verrückt nach ihm. Seinem Vater laufen ja heute noch die Frauen nach.«

Nun zeigte sich, dass die Verkäuferin, die auf der Insel geboren war und ein friesisches Naturell hatte, plaudern konnte wie eine Italienerin, während Susanna Larsen sich einer weißen Winterjacke zuwandte und dem Gespräch den Rücken zukehrte.

»Arne hätte gern einen künstlerischen Beruf ergriffen«, erzählte die Verkäuferin. »Ein eigenes Restaurant wollte er nie. Mitarbeiterführung, das war nichts für ihn, Schreibtischarbeit erst recht nicht. Small Talk mit den Gästen, das ist auch nicht sein Ding.«

»Hat sein Vater ihn etwa gezwungen?«, fragte Mamma Carlotta, während Susanna Larsen zu den Kostümen und Hosenanzügen schlenderte.

Die Verkäuferin wehrte empört ab. »So etwas würde Harm Ingwersen niemals tun. Nein, Arne durfte sich frei entscheiden. Und ich glaube, er hat es nie bereut, dass er sich für das Restaurant entschieden hat. Vera nimmt ihm alle unangenehmen Arbeiten ab, und sein Vater hilft ihm mit seiner Erfahrung. Vor allem ist der Vater zufrieden mit seinem Sohn. Das war Arne immer sehr wichtig.«

»Und seine Mutter?«

»Die hat in der Familie nie eine große Rolle gespielt. Utta redete nur von sich und ihrem angeblichen Talent.« Die Verkäuferin zog die Mundwinkel herab und beugte sich vertraulich an Mamma Carlottas Ohr. »Dabei weiß ich aus zuverlässiger Quelle, dass eine Köchin der Muschel I gekündigt hat, weil Utta Ingwersen jeden Mittag bei geöffnetem Fenster Tonleitern sang. Das Fenster lag direkt neben der Küche.« Sie nahm Susanna den schwarzen Hosenanzug ab, der so exklusiv war, dass er von fachmännischer Hand zurückgehängt werden musste. »Aber Harm Ingwersen hat sich nie was anmerken lassen. Er war absolut loyal. Wenn der Inselchor auftrat, saß er mit Arne immer in der ersten Reihe.« Die Verkäuferin wandte sich an Susanna Larsen. »Habe ich recht? Sie singen doch auch im Inselchor.«

Susanna nickte bestätigend, und Mamma Carlotta gelang es hinzuzufügen, dass auch sie seit Kurzem zu den Chorsängern gehörte. Aber leider konnte sie auf diesen wichtigen Umstand nicht näher eingehen, weil Susanna nach einem rosa Rollkragenpullover der Firma René Lezard fragte und darum bat, sie zu verständigen, sobald er geliefert worden sei.

Die Verkäuferin sicherte es ihr zu und sah Susanna Larsen nach, als sie den Laden verließ. Dann sagte sie verächtlich: »Erstaunlich, dass die sich René Lezard leisten kann. So eine Kellnerin verdient doch noch weniger als unsereins.«

Sören brauchte Nervennahrung. Die war bei ihm rabenschwarz, scharf und salzig und färbte die Zunge und sogar die Zähne dunkel. Angeblich hatte sie dafür gesorgt, dass er seinerzeit die Abschlussprüfungen ohne körperliche und seelische Spätfolgen überstanden hatte, und da der aktuelle Fall ihn stark an diese Zeit erinnerte, glaubte Sören, dass ihm Salmiakpastillen auch jetzt dabei helfen würden, durchzuhalten und zu einem guten Ergebnis zu kommen. »Der Kiosk hat dänische Lakritze«, sagte er, »und herrlich weiche Salmiakpastillen, die im Mund zu einem knetbaren schwarzen Klumpen werden!« Er sah darüber hinweg, dass Erik sich vor Ekel schüttelte. »Die aus der Apotheke sind so hart, dass man sie nur lutschen kann. Das ist nur der halbe Genuss.«

Erik schüttelte sich noch einmal. »Als ich Kind war, hieß es, Lakritz würde aus Ochsenblut hergestellt.«

Sören war nur kurz verunsichert. »Das kann ich mir nicht vorstellen«, sagte er dann, und da er glaubhaft versichern konnte, dass Salmiakpastillen sein Denken positiv beeinflussten, hatte Erik nichts dagegen, dass sein Assistent zum Kiosk am Ende der Käpt’n-Christiansen-Straße lief. Erik begleitete ihn sogar dorthin und beschloss, als er die lange Schlange der Wartenden sah, ein paar Minuten am Strand allein zu sein.

Er stieg die hölzerne Treppe hoch und war kaum auf dem Kamm der Düne angekommen, als er schon die Befreiung spürte, für die es sich immer lohnte, einen Blick aufs Meer zu werfen. Der Wind griff nach ihm, als hätte er ihm aufgelauert, und schlug ihm eiskalte Böen um die Ohren, als er ihm das Gesicht hinhielt.

Harm Ingwersen hatte nur einen kurzen Blick auf das Foto geworfen. »Ja, das ist der Schutzgelderpresser!«, hatte er erklärt. Diesmal hatte er die Polizeibeamten in seiner Wohnung über dem Restaurant empfangen. Er hatte sie in einen Wohnraum geführt, der karg, aber sehr elegant möbliert war. Schwarze Ledersofas standen in der Nähe der Balkontür auf hellen Bodenfliesen, davor ein riesiger quadratischer Glastisch auf einem flauschigen hellgrauen Teppich. Ein angrenzender Raum, dessen Tür offen stand, war voller Bücherregale, in der Mitte prangte ein schwarzer Flügel. »Heißt das, jetzt ist Schluss mit den Erpressungen?«, hatte Harm Ingwersen gefragt. »Oder wird ein anderer an seine Stelle treten?« Er hatte auf das Foto gezeigt und dann schnell den Finger zurückgezogen, als hätte er Angst, den toten Mann zu berühren. »Ist er von einem seiner Opfer umgebracht worden? Oder von der Mafia selbst?«

Ruhig hatte Erik geantwortet: »Wir wissen es nicht. Wir kennen ja nicht einmal seinen Namen. Zunächst müssen wir seine Identität feststellen. Dann können wir uns ein Bild machen von seinen Plänen, seiner Stellung in der Mafia und hoffentlich auch von dem Motiv des Mörders.«

Durch das Klingeln seines Handys wurde Erik aus seinen Erinnerungen gerissen. Vetterich war am anderen Ende. »Wir haben die Fußabdrücke ausgewertet.«

»Und? Wieder die Adidas-Schuhe in Größe vierundvierzig und fünfundvierzig?«

Vetterich stieß ein Grunzen aus, von dem Erik wusste, das es mit »Nein« zu übersetzen war. »Um den Toten herum gab es unzählige Abdrücke, aber die meisten waren alt. Sie stammten wohl von Spaziergängern, die sich am Tag dort aufgehalten haben. Zwei Arten von Abdrücken überlagerten die anderen: Die einen waren die des Toten. Er hat relativ kleine Füße, Schuhgröße zweiundvierzig, und trug Trekkingschuhe mit einem starken Sohlenrelief. Die anderen Abdrücke sind glatter, stammen von einer unauffälligen Sohle. Aber etwas fällt auf: Es handelt sich um Schuhe in Größe siebenundvierzig. Sie brauchen also nur einen Täter mit großen Füßen zu suchen.«

Erik starrte in den Sand, der zertrampelt war von unzähligen Abdrücken. »Haben Sie die Spur verfolgen können?«

»Nicht weit. Nur so viel kann ich sagen: Der Mann ist den Weg zur Düne hochgegangen, dort ist seine Spur noch zu verfolgen, obwohl wir alle auch diesen Weg genommen haben. Aber auf den Holzplanken ist die Spur leider nicht mehr zu erkennen. Allerdings ist der Täter auf Nummer sicher gegangen. Wir haben eine Besenspur ausgemacht. Anscheinend hat er einen Besen hinter sich hergezogen, um seine Spur auf jeden Fall zu verwischen.«

»Und später? Der Weg zum Parkplatz ist wieder ein Sandweg.«

Vetterich bedauerte. »Keine Spuren mehr.«

Sören sah sehr zufrieden aus, als er vom Kiosk zurückkehrte. Er hatte die Backen voller Salmiakpastillen und gab Schmatzgeräusche von sich, die Erik nicht behagten. Aber da er an Sörens Behauptung, dieser schwarze Klumpen in seinem Mund täte der Ermittlungsarbeit gut, nicht zweifeln wollte, schwieg er lieber.

Er warf einen Blick auf die Uhr. »Haben Sie eigentlich schon gefrühstückt?«

Sören zuckte mit den Schultern, was wohl bedeuten sollte, dass er sich, nachdem das Telefon ihn aus dem Schlaf gerissen hatte, einen Kaffee gekocht hatte, um wach zu werden, und sich irgendetwas in den Mund geschoben hatte, was in seiner Küche herumlag. Das war immerhin mehr, als Erik in den Magen bekommen hatte. »Wir haben die Wahl. Entweder, wir gehen ins Luzifer zu einem späten Frühstück und überlegen dort, wie wir weiter vorgehen, oder wir fahren nach Hause und sehen nach, wie weit meine Schwiegermutter mit dem Mittagessen ist.«

Sören entschied sich ohne zu zögern für die zweite Variante. Sie schwiegen, bis sie in die Maybachstraße eingebogen waren und das Rathaus passierten. Dann fragte Erik: »Wie weit ist Rudi Engdahl mit seiner Arbeit? Hat er herausgefunden, wer am Abend, als Utta Ingwersen umgebracht wurde, in der Muschel I gegessen hat?«

Sören schüttelte den Kopf. »Zwei oder drei Sylter, die über jeden Verdacht erhaben sind, alle anderen waren den Kellnern unbekannt. Touristen eben! Niemand hat sich auffällig verhalten. An südländisch aussehende Männer kann sich keiner erinnern. Es ist auch niemandem aufgefallen, dass jemand den Tisch verlassen hat und nicht wiedergekommen ist.«

»Und natürlich hat auch keiner beobachtet, dass sich jemand in die Perlenmuschel schlich«, ergänzte Erik bitter.

»Schade, dass Mierendorf von Frau Jesse nichts erfahren hat. Aber sie bleibt bei ihrer ersten Aussage. Die Brieftasche ihres Mannes ist angeblich verschwunden, sie hat die Kreditkarten sperren lassen.«

Erik umrundete den Kreisverkehr am Norderplatz so langsam, als traute er seinem Reifenprofil nicht. Und als sie die ersten Häuser Wenningstedts erreichten, fuhr er nicht schneller als dreißig.

»Wir werden einen Telebildabgleich machen. Kümmern Sie sich bitte darum! Schicken Sie das Bild des Toten ans Bundeskriminalamt, die gleichen es dann mit allen Interpol-Dienststellen ab.«

»Vielleicht können wir den Fall ganz nach Italien abschieben?«, fragte Sören hoffnungsvoll. »Henner Jesse wurde ein Opfer der Mafia, Utta Ingwersen ebenfalls, und nun hat’s den Schutzgelderpresser selbst erwischt. Das ist ein Fall für die Mafia-Jäger, nicht für uns!«

»Er fällt aber in unsere Zuständigkeit«, entgegnete Erik, »und mir wäre es lieber, wir könnten den Fall lösen, bevor die Staatsanwältin uns eine Sonderkommission vor die Nase setzt.«

Das Haus lag ruhig da, die Kinder waren noch in der Schule. Als Erik die Tür aufgeschlossen hatte, stellte er enttäuscht fest, dass aus der Küche kein Laut drang. Er sah seinen Assistenten bedauernd an und hob die Schultern. »Sieht so aus, als hätte meine Schwiegermutter noch nicht mit uns gerechnet.«

»Kein Wunder«, gab Sören zurück. »Es ist noch nicht mal zwölf.«

Dann aber hörten sie das Geräusch. Es drang aus dem Keller, das war leicht auszumachen. Beunruhigt stellte Erik fest, dass die Kellertür, die aus robustem Stahl war und durch die kaum ein Laut drang, geschlossen war. Lucia hatte im ersten Jahr ihrer Ehe dort unten einmal um Hilfe geschrien, weil ihr im Wäschekeller eine Maus begegnet war, und Erik hatte es nicht gehört, weil auch an jenem Abend die Kellertür geschlossen gewesen war. Was an dieser Tür nicht scheiterte, war laut, sehr laut. Oder aber von einer Frequenz, die sich überall durchsetzte.

»Was mag das sein?«, flüsterte Erik.

Mamma Carlotta war gekränkt. Sehr gekränkt sogar! Da konnte Erik noch so oft versichern, er hätte es nicht so gemeint. Eine Künstlerin zu verspotten, das war unverzeihlich. Erik konnte von Glück sagen, dass die Vorbereitungen fürs Essen schon weit fortgeschritten waren, sonst hätte Mamma Carlotta sich ernsthaft überlegt, die Küche zu bestreiken. Für Sören hätte es ihr zwar leidgetan, der sich immerhin Mühe gab, seinen Fehler wiedergutzumachen, aber auch sein breites Grinsen war ihr nicht entgangen und dass er mühsam ein Lachen unterdrückte, genauso wenig. Also wäre der Verzicht auf die Fischpastete auch für ihn eine gerechte Strafe gewesen.

»Die Waschküche hat nun mal die beste Akustik«, erklärte sie immer wieder. »Und Vera hat gesagt, wir müssen lernen, frei heraus zu singen.«

Das hatte sie getan. Frei heraus mit dem Leid der zwei Königskinder! »Gefühle zeigen!«, hatte Vera auch gesagt. Also hatte sie das schrecklich tiefe Wasser besungen, als sollte sie selbst darin ertrinken. Und gerade als die falsche Nonne die Kerzen auspustete, mit denen die Königstochter ihrem Liebsten den Weg weisen wollte, hatte ihr Schwiegersohn plötzlich die Tür zur Waschküche aufgeschoben und sich erkundigt, ob er den Arzt holen solle, er mache sich Sorgen. Mamma Carlotta war beleidigt. Tödlich beleidigt!

Sie knallte die Fischpastete auf den Tisch, ohne auf das heuchlerische Lob zu hören, das sie erntete, warf das Ciabatta-Brot und ein Messer daneben und erkundigte sich mit keiner Silbe danach, warum Erik bei Nacht und Nebel das Haus hatte verlassen müssen. Dass sie sich nicht für die Arbeit ihres Schwiegersohnes interessierte, würde ihn genauso kränken, wie sie von seinem Spott gekränkt worden war. Ärgerlich war allerdings, dass sie damit auch sich selbst strafte, denn natürlich hätte sie gern gewusst, ob ein neuer Mord auf der Insel geschehen war, der Erik um seine Nachtruhe gebracht hatte.

Aber ihr war auf die Schnelle einfach nichts anderes eingefallen, womit sie ihm zeigen konnte, wie tief verletzt sie war. Während sie das Olivenöl erhitzte und an den Knoblauchzehen ihre Wut ausließ, gab sie sogar vor, sich kein bisschen für das Gespräch der beiden Männer zu interessieren, die über einen Toten redeten, der bei der Buhne 16 im Dünengras gefunden worden war.

Die Sardellenfilets machten gerade Anstalten, sich aufzulösen, bedurften also größter Aufmerksamkeit, da fiel Mamma Carlotta ein, dass sie für die Füllung der Tomaten hart gekochte Eier brauchte. Pouletfleisch und Stangensellerie waren bereits vorbereitet, aber da die Eier nicht nur hart gekocht, sondern auch erkaltet sein mussten, ehe sie gehackt werden konnten, wurde es höchste Zeit, sich um sie zu kümmern.

Wenn Carlotta Capella zornig war, wurden ihre Bewegungen unkoordiniert, wenn sie es eilig hatte, hetzten ihre Augen schon zum zweiten Handgriff, wenn der erste noch nicht ausgeführt war. Sobald sie gleichzeitig wütend und in Zeitnot war, musste man sich vor ihr in Acht nehmen, vor allem wenn sie mit heißem Öl und kochendem Wasser hantierte.

Sören zuckte ängstlich zusammen, als Mamma Carlotta die Eier aus dem Kühlschrank holte und gleichzeitig in der Pfanne rührte, in der einige Sardellenfilets um ihre Aufmerksamkeit bettelten, um eine Havarie kam er aber trotzdem nicht herum: Mamma Carlotta bückte sich, noch während sie die Kühlschranktür schloss, um ein Rucolablättchen aufzuheben, das ihr unter die Füße geraten war. Sören sah eine Kollision mit ihrer Kehrseite auf sich zukommen, die er unbedingt vermeiden wollte, und rückte rasch den Stuhl nach hinten. Dabei landete ein Stuhlbein auf dem Fuß seines Chefs. Der schrie auf, kippte den Stuhl nach vorn und damit seinen Assistenten in die Arme von Mamma Carlotta.

Die war erschrocken herumgefahren, als sie merkte, was sich hinter ihrem verlängerten Rücken abspielte. Dabei rutschte das Foto des Toten aus Sörens Brusttasche und fiel Mamma Carlotta auf die nagelneuen Sneakers.

Im selben Moment war ihr Ärger auf Erik und Sören vergessen, die Sardellenfilets und die Eier ebenfalls. Mit bebenden Händen nahm sie das Foto zur Hand und betrachtete das bleiche, leblose Gesicht, die blau umschatteten Lider, den farblosen Mund.

»Der Mann ist heute Morgen tot aufgefunden worden«, sagte Erik, der seiner Schwiegermutter das Foto gern wortlos abgenommen und weggesteckt hätte. Doch da er sie auf keinen Fall noch einmal kränken wollte, ließ er es ihr und ergänzte vorsichtig: »Der Fall darf noch nicht an die Öffentlichkeit. Ich kann mich doch auf deine Verschwiegenheit verlassen?«

Aber Mamma Carlotta hörte seine Worte nicht. Und sie hatte die schwere Beleidigung, die Königskinder, die Pasta alla rucola und auch die Pomodori luculli vergessen, als sie sagte: »Das ist Francesco.«

Sören warf seinem Chef einen intensiven Blick zu, während er an seiner Seite die Treppe hinaufstieg. Seine Augen fragten: Glauben Sie wirklich, dass wir ihr das zumuten können? Und er wirkte nicht ruhiger, als Eriks Augen antworteten: Wird schon gehen. Es muss einfach sein.

Zum Glück hatte Mamma Carlotta sich nach dem ersten Schreck schnell wieder beruhigt und schritt nun aufrecht und gefasst vor ihnen die Treppe hoch. Das Entsetzen war, während sie erzählt hatte, Stück für Stück von ihr abgefallen, am Ende war nur noch eine vage Ähnlichkeit zwischen Francesco und dem toten Mann übrig geblieben. Sie wiederholte es ein ums andere Mal: »Ich habe ihn selten gesehen, er war ja nur ein angeheirateter Verwandter. Außerdem ist er seit Jahren verschwunden. Niemand weiß, was aus ihm geworden ist. Und eigentlich kann es ja auch gar nicht sein! Ein solcher Zufall!«

Aber Erik merkte, dass sie sich selbst beruhigen wollte. Ein Mitglied der Familie Capella war ermordet worden? Nein, das durfte nicht sein. Da mussten sich Gründe finden, die dagegen sprachen. Mamma Carlotta fand viele, aber nicht einer davon konnte Erik wirklich überzeugen.

Dann fiel ihr etwas ein, was Erik missmutig machte, weil er diese Idee gern selbst gehabt hätte. »Ich rufe in Chiusi an. Wie lange habe ich schon nicht mehr mit Giovanna und Maria telefoniert! Es wird höchste Zeit, dass ich mich mal wieder bei ihnen melde. Und dabei werde ich ganz unauffällig nach Francesco fragen. Wenn ich dann höre, dass er wieder in Chiusi aufgetaucht ist, wissen wir, dass ich mich getäuscht habe. Wenn nicht …« Diesen Satz sprach sie nicht zu Ende, sondern stöhnte: »Dio mio!« Dann begab sie sich auf die Suche nach der Telefonnummer von Maria, einer früheren Nachbarstochter, die Carlottas frisch verwitweten Cousin geheiratet und den missratenen Sohn Francesco mit in die Ehe gebracht hatte.

Der Ärger über die Kränkung war vergessen, Mamma Carlotta besaß sogar die Freundlichkeit, sich zunächst um die Pasta alla rucola zu kümmern, damit Erik und Sören beschäftigt waren, während sie telefonierte. Damit, dass dieses teure Ferngespräch nicht in fünf Minuten zu erledigen war, fand Erik sich schon ab, bevor die italienische Telefonnummer gewählt worden war, ebenso damit, dass Mamma Carlotta nicht zügig zum Thema kommen würde. Natürlich wurde zunächst ausgiebig bejubelt, dass man nach so langer Zeit wieder etwas voneinander hörte, dann kamen die Erörterungen über den Gesundheitszustand jedes Familienmitglieds, über zu erwartende Eheschließungen, über Seitensprünge und zu befürchtende Scheidungen, über unerwartete Schwangerschaften und bedauerliche Todesfälle …

Erik und Sören aßen schweigend ihre Nudeln. Sie merkten erst auf, als zum ersten Mal der Name Francesco fiel, und bemühten sich, von Carlottas Gesicht abzulesen, was sie über das schwarze Schaf der Capellas zu hören bekam. Eriks Hoffnung fiel schnell in sich zusammen, denn die entzückte Miene seiner Schwiegermutter und ihr helles Gezwitscher ließen darauf schließen, dass es Francesco gutging, dass er zu einem anständigen Lebenswandel zurückgefunden und all seine Sünden bereut hatte.

Seine Mutter Maria hatte viele Tränen um ihn geweint, wie Mamma Carlotta ihnen vor dem Telefonat berichtet hatte. Anscheinend kam der Junge ganz auf seinen Vater, der ein verantwortungsloser, ja sogar krimineller Kerl gewesen war. Allerdings auch ein sehr charmanter, gut aussehender, sodass Maria trotz aller Warnungen auf ihn reingefallen war und sich Hoffnungen gemacht hatte, über kurz oder lang seine Ehefrau zu werden. Dass er nichts dergleichen im Sinn hatte, zeigte sich, als Maria schwanger wurde. Der Vater ihres Kindes verschwand über Nacht und ließ nie wieder etwas von sich hören. Ihre Bemühungen, seinen Aufenthaltsort herauszufinden, um Alimente von ihm zu bekommen, verliefen im Sande. Maria war froh, als Carlottas Cousin ihr einen Heiratsantrag machte und sie endlich die Familie bekam, die sie sich gewünscht hatte.

Francesco lebte zu diesem Zeitpunkt bei seinen Großeltern, da Maria gezwungen gewesen war, den Lebensunterhalt für sich und ihren Sohn zu verdienen und keine Zeit für die Kindererziehung hatte. Ihre Eltern führten eine kleine Pension in der Nähe von Chiusi, dort war Francesco aufgewachsen. Die Großeltern hätten die Verantwortung für den schwer erziehbaren Enkel gern abgegeben, als Maria heiratete, aber da Francesco schon bald die Erfahrung machte, dass sein Stiefvater sich nicht auf der Nase herumtanzen ließ, lehnte er es ab, bei seiner Mutter und ihrem Ehemann zu leben. So mussten sich die armen Großeltern weiterhin mit dem Jungen rumplagen, der ständig die Schule schwänzte, in Schlägereien verwickelt war, immer wieder beim Diebstahl erwischt wurde und nicht einmal davor zurückschreckte, seinen eigenen Großeltern ins Portemonnaie zu greifen. Dann war er eines Tages verschwunden und mit ihm sämtliche Ersparnisse der armen Alten. Die hatten seit vielen Jahren Geld zur Seite gelegt, um endlich ihre Pension modernisieren zu können, nun standen sie vor dem Nichts.

Aber mittlerweile schien sich etwas geändert zu haben. Mamma Carlotta gab anerkennende Laute von sich, sagte mehrmals »caspita«, was, soviel Erik wusste, »Donnerwetter!« hieß, und verabschiedete sich anschließend mit so viel Gekicher, dass daraus nur ein Schluss zu ziehen war: Francesco war ein guter Junge geworden und hatte in Chiusi eine Familie gegründet. Erik schob die Hoffnung beiseite, der Identität des Toten auf die Spur zu kommen. Wäre ja auch zu schön gewesen!

Doch kaum hatte Mamma Carlotta das Gespräch beendet, fiel ihr das Lächeln aus dem Gesicht. Erik hatte die Absicht gehabt, sie an die hart gekochten Eier zu erinnern, mit denen die Tomaten gefüllt werden sollten, aber als sie sich schwer auf einen Stuhl fallen ließ, vergaß er die Eier sofort wieder. »Hast du mit der Mutter gesprochen? Was hat sie gesagt?«

Carlotta schüttelte benommen den Kopf. »Giovanna war am Apparat. Du weißt doch, die mal mit dem deutschen Schlagersänger zusammen war und lange in München gelebt hat.«

Längst hatte Erik sich daran gewöhnt, dass seine Schwiegermutter von Leuten redete, die er angeblich kannte, deren Namen ihm aber völlig fremd waren. In diesem Falle flog jedoch tatsächlich eine Erinnerung an ihn heran. Die Aufregung war seinerzeit groß gewesen, als es hieß, Giovanna selbst könne in Kürze Starruhm genießen. Denn der Schlagersänger hatte sie zu einer seiner Background-Sängerinnen gemacht, und Giovanna war von da an häufig im Fernsehen zu bewundern gewesen. In Umbrien wartete man seitdem darauf, dass ein Produzent kommen, Giovanna entdecken und sie nach vorn ins Rampenlicht holen würde. Was daraus geworden war, konnte Erik nicht sagen. Wenn er es sich genau überlegte, hatte er weder von Giovanna noch von dem Schlagersäger in den letzten Jahren etwas gehört.

»Giovanna ist Marias Schwester, also Francescos Tante«, erklärte Mamma Carlotta. »Er hat sich vor Kurzem bei der Familie gemeldet. Jahrelang war er verschwunden und nun …« Sie rang nach Luft, als hätte sie ihren gesamten Atemvorrat im Gespräch mit Giovanna verbraucht. »Vor ein paar Wochen hat er angerufen, stell dir das vor, Enrico! Obwohl niemand mehr daran geglaubt hat, scheint doch noch etwas aus ihm geworden zu sein. Er arbeitet regelmäßig, hat er erzählt, und verdient gut. Er hat seinen Großeltern sogar schon einen Teil des Geldes erstattet, das er ihnen gestohlen hat. Und den Rest will er ihnen auch bald schicken.«

Erik runzelt die Stirn. »Leben die beiden Alten noch?«

»Naturalmente! Sonst hättest du doch längst eine Nachricht bekommen und wärst zur Beerdigung nach Chiusi gefahren!«

Erik beugte sich über den Pastateller und versuchte ein paar Rucolablättchen aufzuspießen. Nach Lucias Tod hatte er sämtliche Todesanzeigen, die ihn erreicht hatten, unbeachtet zur Seite gelegt. Nie im Leben wäre er auf die Idee gekommen, zu einer Beerdigung nach Chiusi zu fahren.

»Francesco hat sogar erzählt, dass er heiraten will. Er ist schrecklich verliebt. In eine Deutsche! Stell dir das vor!«

Erik zuckte zusammen. »Soll das heißen …?«

»Er ist in Deutschland, ja!«

»Wo in Deutschland?«, fragte Sören aufgeregt.

»Das wusste Giovanna nicht.«

»Dann könnte es also sein«, stellte Erik fest und strich sich ausgiebig den Schnauzer glatt.