Die Stimme der Staatsanwältin drang so dynamisch wie eh und je durchs Telefon und auch genauso vorwurfsvoll. »Moin, Wolf! Ich hoffe, Sie ruhen sich nicht aus, bis aus Neapel das Geständnis der beiden Geldeintreiber kommt!«
Erik war empört über diese Unterstellung, aber leider kam er mit der Schlagfertigkeit von Frau Dr. Speck genauso schwer zurecht wie mit ihren Anzüglichkeiten. Daher hatte er gerade erst Luft geholt, als sie schon weiterredete.
»Ich habe Girotti übrigens vor einer halben Stunde angerufen. Es wurde Zeit, dass denen mal jemand Dampf machte. Italiener eben!«
Auch an dieser Stelle war Erik nicht schlagfertig genug, um die Staatsanwältin darauf hinzuweisen, wie ungern sich ein Ermittler von einem Außenstehenden vorhalten ließ, dass er zu langsam arbeitete.
»Giulio Alviso und Lorenzo Follini behaupten übrigens, sie hätten für den Mord an Francesco Corrado ein Alibi.«
»Was?«
»Angeblich haben sie die ganze Nacht im Gogärtchen verbracht.«
Nun ließ sie ihm Zeit genug, damit er wenigstens sein Erstaunen ausdrücken konnte. »Wirklich die ganze Nacht?«
»Möglich wäre es immerhin. Angeblich hat das Gogärtchen zwischen dem Biikebrennen und Ende Oktober so lange geöffnet, wie Gäste da sind. Open End sozusagen! Überprüfen Sie das bitte, Wolf! Wenn das Alibi bestätigt wird, können wir die beiden von unserer Liste streichen.«
»Gut, ich werde mich darum kümmern. Aber …«
»Aber?«
Erik wollte sich nicht auf den ungeduldigen Tonfall der Staatsanwältin einlassen und zwang sich, langsam weiterzusprechen, wie es seine Art war. »Aber warum sind die beiden noch am selben Tag abgehauen? Ohne eine Spur zu hinterlassen? Woher wussten sie, dass Francesco tot ist?«
»Sie wussten es nicht. Aber es gab eine Verabredung zwischen ihnen. Girotti hat mir das erklärt. Sie hatten vereinbart, dass sich jeder von ihnen alle fünf Stunden bei den anderen meldet. Als Alviso und Follini aus dem Gogärtchen zurückkamen, fiel ihnen auf, dass sie länger als fünf Stunden nichts von Corrado gehört hatten. Sie haben in seiner Wohnung nachgesehen, da war er nicht. Vorsichtshalber haben sie ihn dann noch auf dem Handy angerufen, aber er nahm nicht ab. Damit war für die beiden klar, dass Francesco etwas zugestoßen war, und sie haben getan, was für diesen Fall verabredet war: Sie verschwanden, nachdem sie sämtliche Spuren beseitigt hatten.«
»Beinahe sämtliche Spuren«, betonte Erik, der nicht unerwähnt lassen wollte, dass einige Ermittlungsergebnisse auch ihm zu verdanken waren.
Aber die Staatsanwältin reagierte nicht darauf. »Haben Sie mittlerweile die Öffentlichkeit eingeschaltet? Ich habe im Pressedienst nichts gesehen.«
»Ich habe mich dagegen entschieden«, sagte Erik mit fester Stimme. »Ich glaube nicht, dass es gut ist, wenn die Sylter Bevölkerung etwas von der Bedrohung durch die Mafia erfährt.«
»Die es nie gegeben hat!«, kam es scharf zurück.
»Trotzdem! Sie wissen doch, wie mit derartigen Reizwörtern umgegangen wird. Am Ende wird über die Mafia geredet, als hätte sie sich tatsächlich auf Sylt breitgemacht. Ich mag mir gar nicht vorstellen, was das Inselblatt schreiben würde, wenn Menno Koopmann Bescheid wüsste.«
»Aber von den Erpressungsopfern bekommen wir vielleicht wertvolle Hinweise! Und es ist nicht auszuschließen, dass der Mörder sich unter ihnen befindet.«
»Der wird sich bestimmt nicht bei uns melden.«
»Aber ein Nachbar, der von einem anderen was mitbekommen hat. So können wir vielleicht auch an die Namen derer kommen, die sich nicht melden.«
»Erfolgserlebnisse durch Denunzierung? Nein danke!«
»Der Zweck heiligt die Mittel.«
»Bis wir sämtliche Verleumdungen von den relevanten Meldungen unterschieden haben, sind wir drei Wochen älter.«
»Heißt das, Sie garantieren, dass der Fall in drei Wochen gelöst ist?«
»Wie kann ich das garantieren?« Erik wurde nervös. Wenn Sören ihm jetzt ein Stück Trauben-Nuss-Schokolade hingehalten hätte, er hätte gern zugegriffen. »Ich will nur nicht, dass sich sämtliche Opfer von Francesco Corrado wie potenzielle Tatverdächtige vorkommen. Außerdem will ich nicht für Unruhe in der Bevölkerung sorgen. Auch dann nicht, wenn die Gefahr angeblich vorüber ist.«
»Angeblich?«, fauchte die Staatsanwältin durch den Hörer. »Glauben Sie es etwa immer noch nicht?«
»Doch, doch … natürlich glaube ich es. Aber die Sylter? Werden die das auch glauben?«
Er war froh, dass die Staatsanwältin nun derart verärgert war, dass sie das Gespräch nicht fortsetzen wollte. Das Wort »angeblich« kreiste über seinem Kopf, während er sein Handy wegsteckte, und drückte ihn zu Boden. Angeblich! Wann konnte er endlich glauben, dass die Gefahr nicht nur angeblich, sondern wirklich vorüber war?
Am liebsten hätte er sich auf einer Treppenstufe niedergelassen, um dem Druck des Wortes nachzugeben. Aber in diesem Moment hörte er das Klappern von hohen Absätzen. Als hysterisches Schluchzen sich dazugesellte, wusste er, dass Giovanna ihren Neffen identifiziert hatte.
Sobald Mamma Carlottas Beine nicht mehr zitterten und ihre Atmung sich normalisiert hatte, hatte sie ihr Fahrrad geholt und war Fietje in sein Strandwärterhäuschen gefolgt. »Dort können wir ungestört reden«, hatte er gesagt. Und dort hatte er sogar eine Flasche mit einem Getränk, das er Köm nannte.
Mamma Carlotta schüttelte sich, als sie den ersten Schluck genommen hatte. »Sind Sie sicher, dass das gesund ist?«
Fietje war absolut sicher, und so ließ sie sich zu einem zweiten Köm überreden, während sie dem Strandwärter erklärte, warum sie in Käptens Kajüte eingedrungen war und die Turnschuhe gestohlen hatte, die Fietje an der Buhne 16 aus einem Papierkorb gefischt hatte. »Möglicherweise gehören sie dem Täter! Mein Schwiegersohn braucht sie, um den Mord aufzuklären.«
»Warum haben Sie ihm nicht einfach erzählt, wo er die Schuhe finden kann?«
Mamma Carlotta verschluckte sich fast an ihrem Köm. »Ich verrate doch keinen Freund! Ich will nur, dass der Mörder gefunden und bestraft wird. Wie es sich gehört!«
Fietje erhob sich von dem kleinen Schreibtisch, auf dem er Platz genommen hatte, weil Mamma Carlotta auf dem einzigen Stuhl saß, der in das winzige Strandwärterhäuschen passte. Im Schreibtisch wurde aufbewahrt, was ein Strandwärter notfalls zur Hand haben musste, alles andere hing an den Wänden des quadratischen Verschlages: Veranstaltungshinweise, Fahrpläne der Züge und Fähren, Ankündigungen von Lichtbildvorträgen, Aufforderungen zum Dünenschutz, Erklärungen zu sämtlichen Vogel- und Gewächsarten und vieles mehr, was den Kurgast interessieren könnte.
Fietje betrachtete versonnen den Tidenkalender. »Sie glauben also auch, dass Tove es gewesen sein könnte?«
Mamma Carlotta starrte ihn mit offenem Mund an. Eigentlich wollte sie empört verneinen, dann machte sie es sich einfach und pickte aus Fietjes Frage ein einziges Wort heraus. »Auch? Sie halten es demnach für möglich?«
Fietje schob seine Bommelmütze aus der Stirn. »Wenn Tove so richtig wütend ist …« Er sprach den Satz nicht zu Ende, sondern fuhr fort: »Und auf den Mafioso war er richtig wütend, das können Sie mir glauben. Jawoll!«
Carlotta glaubte ihm aufs Wort. »Allora, Fietje, jetzt sagen Sie mal: Warum haben Sie die Schuhe wirklich mitgenommen?«
Fietje zog die Mütze in die Stirn und setzte sich wieder auf den Schreibtisch. Das dauerte so lange, dass Mamma Carlotta versuchte, selbst die Antwort auf ihre Frage zu finden. »Glauben Sie etwa, Tove gehören diese Schuhe?«
Fietje nickte. »Ich dachte, ich gebe sie ihm besser zurück.«
»Sie hätten die Schuhe zur Polizei bringen müssen.«
Aber Fietje schüttelte entschieden den Kopf. »Nein, Signora! Zur Polizei gehe ich nicht freiwillig.« Ein Grinsen ging über sein Gesicht. »Muss ich ja auch nicht. Notfalls kommt sie zu mir, jawoll.«
Carlotta betrachtete ihn eine Weile, was Fietje augenscheinlich nicht behagte. Wieder einmal stellte sie fest, dass Fietje Tiensch ein gut geschnittenes Gesicht und schöne helle Augen hatte. Das Gesicht verbarg er unter einem wild wuchernden Bart und seine Augen unter zusammengezogenen Brauen. Aber Mamma Carlotta war trotzdem davon überzeugt, dass Fietje einmal ein attraktiver Mann gewesen war. Zu gerne hätte sie mehr von seinem Schicksal erfahren, hätte gern gewusst, was ihn aus der Gesellschaft entfernt hatte, sodass er dieses Leben aus zweiter Hand führte und das Leben anderer zu seinem eigenen machte.
»Haben Sie meinem Schwiegersohn die Wahrheit gesagt«, fragte sie leise, »als er Sie fragte, ob Sie in der Mordnacht etwas bemerkt haben?«
Fietje zuckte die Achseln, als hätte er die Hoffnung, Mamma Carlotta würde sich damit zufriedengeben.
»Haben Sie jemanden gesehen? Die beiden Kerle, die bei Tove das Schutzgeld abgeholt haben?«
»Nö, die waren ja in Kampen. Die ganze Nacht.«
»Sind Sie sicher?«
»Ich habe sie gegen acht ins Gogärtchen gehen sehen, und morgens um vier waren sie immer noch da.«
»Und sonst?« Seit klar war, warum Fietje die großen Turnschuhe in Käptens Kajüte abgeliefert hatte, wurde Mamma Carlotta den Verdacht nicht los, dass er viel mehr wusste, als er zugab. »Sie brauchen keine Angst zu haben, dass ich meinem Schwiegersohn etwas verrate. Er weiß ja gar nicht, dass wir uns kennen.«
»Und er soll es auch nicht erfahren, nicht wahr?«
»Es heißt, der Tote hätte eine SMS bekommen. Wissen Sie, was das ist?«
Fietje nickte. »Na klar!«
»Anscheinend hat eine Frau diese SMS geschrieben. Eine, die sich nachts mit ihm am Strand treffen wollte.«
Wieder nickte Fietje. »Kann wohl angehen.«
»Dann haben Sie vielleicht die hübsche junge Kellnerin aus der Muschel II am Strand gesehen?«
»Nicht am Strand. Sie war mit dem Fahrrad unterwegs. Sah aber so aus, als wollte sie zur Buhne 16.«
»Ganz allein? Mitten in der Nacht?«
»Tja, die ist genauso drauf wie Sie«, grinste Fietje.
»War sie wirklich allein? Oder wurde sie vielleicht von Vera Ingwersen beobachtet? Sie haben gesagt, die wäre schon häufig hinter ihrer Kellnerin hergeschlichen.«
»Diesmal habe ich sie nicht gesehen. Wenn Sie mich fragen, Signora … diese junge Kellnerin hat noch was ganz anderes auf dem Kerbholz, als ihrem Chef schöne Augen zu machen.«
Jetzt hielt es Mamma Carlotta nicht mehr auf dem Stuhl. »Glauben Sie?«, fragte sie aufgeregt, »dass sie einen Mord begangen hat?«
Fietje wartete mit einer Antwort, bis sie sich wieder gesetzt hatte. »Sie hat jedenfalls was zu verbergen«, sagte er dann. »Ich habe sie auch in der Nähe der Muschel I in Westerland schon oft beobachtet. Und immer legte sie großen Wert darauf, nicht erkannt zu werden.«
»Vielleicht trifft sie sich mit Arne Ingwersen in Westerland«, überlegte Mamma Carlotta.
»In der Nähe seines Vaters? Ganz sicher nicht.«
»Warum haben Sie meinem Schwiegersohn eigentlich nichts davon gesagt, dass Sie die hübsche Kellnerin in der Nacht gesehen haben?«, fragte Mamma Carlotta.
»Ich will mit der Polizei nichts zu tun haben. Hinterher werde ich dann zu einer Gegenüberstellung gebeten. Oder ich muss ein Protokoll unterschreiben. Und wahrscheinlich muss ich mich sogar fragen lassen, warum ich überhaupt nachts unterwegs war. Nö, Signora, das ist nichts für mich.« Er holte die Flasche noch einmal hervor, ehe er sie wieder in einen seiner Gummistiefel steckte, die so hoch waren, dass die Flasche komplett darin verschwand. »Einen Köm noch, Signora! Dann wird’s Zeit, dass wir ins Bett kommen.«
Als Erik den Wagen vor seinem Haus zum Stehen brachte, sah er die Bewegung hinter dem Küchenfenster. Seine Schwiegermutter hatte also schon nach der entfernten Verwandten Ausschau gehalten …
Schon wurde die Haustür aufgerissen, und Mamma Carlotta lief auf das Auto zu, dem Giovanna sich gerade entwand, so gut das mit ihrer engen Hose möglich war. Ein zweistimmiger Schrei erschütterte den Süder Wung. Frau Kemmertöns, die Nachbarin, sah erschrocken über die Hecke, anscheinend glaubte sie an einen Unglücksfall. Aber als sie die vielen italienischen Wörter hörte, zog sie sich beruhigt wieder zurück. Seit Mamma Carlotta regelmäßig nach Sylt kam, hatte sie sich daran gewöhnt, dass bei den Wolfs manchmal so laut geredet wurde, als litte mindestens ein Familienmitglied unter starker Schwerhörigkeit. Mittlerweile war im Nachbarhaus auch hinreichend bekannt, dass Italiener, wenn sie sich freuten, in ein Geschrei ausbrachen, das Frau Kemmertöns in ihrem Leben nur einmal über die Lippen gekommen war, nämlich als ihr Küchenherd in Flammen stand. Und seit bei den Wolfs häufig gesungen wurde, wunderte Frau Kemmertöns sowieso nichts mehr. Sie hatte sich längst wieder ins Haus verzogen, als Carlotta und Giovanna mit ihrer Begrüßung fertig waren und sich ausgiebig versichert hatten, wie sehr sie sich freuten und wie gut die andere sich gehalten hätte.
»Wie vorteilhaft du dich verändert hast!« Giovanna betrachtete Mamma Carlotta anerkennend. »Deine Frisur, deine Kleidung! Und schlanker bist du auch geworden!« Sie schien sich zu fragen, ob Carlottas Verwandlung in Zusammenhang mit ihrer Witwenschaft stand, war dann aber taktvoll genug, diese Frage nicht auszusprechen.
Erik betrat hinter den beiden Frauen das Haus. Er hatte noch vollauf mit Giovannas Koffer zu tun, den er gerade erst über die Türschwelle gewuchtet hatte, als sein Handy klingelte.
»Sören? Haben Sie im Gogärtchen jemanden erreicht?«
»Die öffnen zwar erst um eins«, gab Sören zurück, »aber ich habe den Besitzer erwischt. Leider kann er sich nicht an Giulio Alviso und Lorenzo Follini erinnern. Jedenfalls nicht sicher. Er sagt, dass mehrere Männer in der vergangenen Nacht im Gogärtchen waren, auf die die Beschreibung passt. Aber bei keinem von ihnen kann er sagen, wann er gekommen und wann er gegangen ist. Geschweige denn, dass er ihre Namen kennen würde.«
»Wäre ja auch zu schön gewesen«, brummte Erik.
»Er will aber später seine Kellner fragen.«
»Warum nicht gleich?«
»Weil die erst vor ein paar Stunden ins Bett gekommen sind. Ich kümmere mich später darum.«
»Dann schlage ich vor, dass wir uns in der Muschel II treffen. Susanna Larsen ist die einzige, die Francesco gut gekannt hat. Außer seiner Tante natürlich, die gerade angekommen ist.«
»Hat sie Francesco identifiziert?«
»Eindeutig.« Erik lauschte auf Giovannas Stimme, sie hatte sich offenbar von ihrem Entsetzen erholt. Jedenfalls erzählte sie zurzeit nur von Dr. Hillmots schrecklichem Beruf und von ihrer Vermutung, dass das Übergewicht des Pathologen ganz sicher eine Folge seines kontaktarmen Berufslebens sei. Als Gynäkologe, so vermutete Giovanna gerade, wäre er vermutlich ein ganz schnuckeliger Typ geworden.
Erik räusperte sich umständlich. »Wir sollten noch mal mit Susanna Larsen reden. Und mit Arne Ingwersen auch. Vielleicht gibt er nun doch zu, dass er von Francesco erpresst wurde. Und womöglich kann er uns etwas erzählen, was uns weiterhilft.«
»Etwas, was sein Vater uns nicht sagen kann?«
»Den möchte ich nicht noch einmal belästigen.«
»Interessant wäre auch«, meinte Sören, »ob Vera Ingwersen etwas von den Erpressungen gewusst hat.«
»Als Täterin kommt sie nicht in Betracht. Francesco muss sich mit jemandem getroffen haben, den er gut kannte.«
»Und die Schuhgröße passt sowieso nicht. Wir suchen auf jeden Fall einen Mann.« Sören lachte leise. »Sie kennen doch sicherlich Arne Ingwersens Schuhgröße?«
Erik stöhnte auf und ging in die Küche, wo die Espressomaschine dampfte und die beiden Frauen aufeinander einredeten, als wollten sie sich in einer halben Stunde alles erzählen, was in zwanzig Jahren geschehen war.
»Sie haben recht, Sören. Wir müssen den Kerl mit den großen Füßen finden.«
Eine Stunde später sah Frau Kemmertöns sorgenvoll den Süder Wung entlang. Sie hatte ja gleich vermutet, dass die enge Hose und die hohen Absätze nicht fürs Fahrradfahren geeignet waren. Von dem kurzen Jäckchen ganz zu schweigen, das für den kalten Seewind völlig unpassend war. Wenn sie geahnt hätte, dass der italienische Gast zum letzten Mal als Schulkind Rad gefahren war, hätte sie ihr gutes Hollandrad nicht zur Verfügung gestellt. Tatsächlich kreischte Giovanna bei jeder Unebenheit auf, kam ins Schlingern, wenn sie einer Regenpfütze ausweichen wollte, und fragte erst, nachdem sie in die Westerlandstraße geschliddert war, wie bei so einem Zweirad eigentlich das Bremsen funktionierte. Im Hochkamp allerdings, der breit und schnurgerade war, gewann sie merklich an Sicherheit, und es gelang ihr, vor Käptens Kajüte die Rücktrittbremse zu benutzen und abzusteigen, ohne von ihren hohen Absätzen zu kippen.
Sie betrachtete die Imbiss-Stube mit hochgezogenen Augenbrauen. »Die sieht ja noch schlimmer aus, als du sie beschrieben hast.«
Zum Glück hatte Carlotta sich in ihrer Erinnerung nicht getäuscht. Giovanna war immer noch so loyal wie früher und hatte das Schicksal des armen Francesco für eine Weile vergessen, als sie zu hören bekam, welche abenteuerlichen Freundschaften Mamma Carlotta auf Sylt geschlossen hatte. Dass Erik davon nichts erfahren durfte, leuchtete ihr sofort ein, und sie erklärte sogar rundheraus, dass sie nicht die geringsten Probleme damit hätte, ihm notfalls auch ins Gesicht zu lügen.
»Männer wollen es ja nicht anders«, erklärte sie mit dem hochmütigen Blick der erfahrenen Frau.
Carlotta beschloss, diese Behauptung nicht zu hinterfragen, da sie ihr sehr gelegen kam. Sie war zufrieden, als Giovanna ihr jegliche Unterstützung zusicherte, und wollte dieses Wohlgefühl nicht durch lästige Fragen stören. Und gegen die Bedingung hatte Carlotta auch nichts einzuwenden: Giovanna wollte Käptens Kajüte und den Wirt unbedingt kennenlernen und ausprobieren, ob der Rotwein aus Montepulciano dort wirklich genauso gut schmeckte wie in der Heimat.
Dass sie mit dieser Frage in die Imbiss-Stube einfiel, zeugte von wenig Fingerspitzengefühl. Tove war schon beleidigt, noch ehe Giovanna ein Urteil über seinen Rotwein gefällt hatte. Fragend sah er zunächst auf Giovannas Stilettos und dann in Mamma Carlottas Gesicht.
»Das ist Giovanna, eine Verwandte von mir«, stellte Carlotta sie strahlend vor.
Doch wenn sie gehofft hatte, dass Toves Miene sich erhellen würde, hatte sie sich getäuscht. Tove war nachtragend. Wer einmal seinem Rotwein misstraut hatte, konnte ihn später noch so sehr loben, er würde nie einen bekommen, der aufs Haus ging. Mamma Carlotta war froh, dass Giovanna nicht auffiel, wie ungerecht Tove eingeschenkt hatte. Während ihr eigenes Glas randvoll war, hatte der Rotweinstand in Giovannas Glas nicht einmal die Eichmarke erreicht.
Zum Glück erschien kurz darauf eine halbe Schulklasse, die für Umsatz sorgte. Tove konnte sein gesamtes Bratwurstsortiment zu Currywürsten verarbeiten und schaufelte die Pommes frites in großen Mengen ins Fett. Damit war er derart beschäftigt, dass er dem Gespräch der beiden Frauen nicht folgen konnte. So hatte Mamma Carlotta Zeit, Giovanna die Sache mit den großen Schuhen zu erklären.
»Erik muss sie unbedingt bekommen«, sagte sie eindringlich. »Wegen der Spuren. Du ahnst ja nicht, was die Spurensicherung alles entdeckt, was für unsereins gar nicht sichtbar ist«, ergänzte sie fachmännisch. »Wenn Erik die Schuhe untersuchen lässt, weiß er anschließend, ob der, der sie getragen hat, Fußpilz hatte wie Tante Flavia oder Schweißfüße wie der alte Donato aus Pienza oder X-Beine wie mein Dino, Gott hab ihn selig.«
Giovanna war beeindruckt. »Und dann braucht er nur nach Leuten mit Schweißfüßen, Fußpilz und X-Beinen zu suchen.«
»Esatto!« Mamma Carlotta war hocherfreut. Dass Giovanna derart einsichtig war, machte die Sache wirklich einfach. So war es leicht, ihr außerdem zu erklären, dass im Zusammenhang mit den Schuhen weder Toves noch Fietjes Name fallen durfte. »Ich habe es versprochen.«
Es bedurfte noch einiger weiterer Erklärungen, aber als Giovanna hörte, dass es sich bei Fietje Tiensch um einen inselbekannten Spanner handelte, der ständig fürchten musste, seinen Job als Strandwärter zu verlieren, sah sie ein, dass ihm ein Besuch auf dem Polizeirevier nicht zuzumuten war. Außerdem stellte sich heraus, dass Giovanna ein Herz für Außenseiter hatte und schon deswegen Fietje keine Schwierigkeiten machen wollte. Toves Rolle in dieser Angelegenheit überging Carlotta großzügig, denn Giovannas Verständnis für Außenseiter würde nicht so weit gehen, dass sie einen Mann schützte, der mit dem Tod ihres Neffen etwas zu tun haben konnte.
Als Tove seine jugendliche Kundschaft abgefertigt hatte und die Jungen und Mädchen gut versorgt abgezogen waren, hatte Giovanna zu dem Thema zurückgefunden, das ihr begreiflicherweise am Herzen lag: »Der arme Francesco! Wer hätte gedacht, dass er mal so enden wird! Dabei war er doch im Grunde ein guter Junge.«
Mamma Carlotta war überrascht. »Guter Junge? Reden wir von dem Francesco, der tot in der Pathologie liegt?«
Giovanna wollte keinen Zweifel in ihr Herz lassen. »Was dein Schwiegersohn über ihn sagt, kann unmöglich wahr sein. Das Geld, das er seinen Großeltern überwiesen hat, soll aus Schutzgelderpressungen stammen? No, no! Es war so reizend von ihm, dass er Nonna und Nonno ein paar hundert Euro geschickt hat. Und demnächst sollten sie noch mehr bekommen.«
»Noch reizender wäre es gewesen, er hätte ihnen ihr Erspartes gar nicht erst geklaut.« Eigentlich handelte auch Mamma Carlotta strikt nach dem Gebot, dass über Tote nicht schlecht geredet werden durfte, aber aus einem schwarzen Schaf wurde nun mal kein Unschuldslamm, nur weil es in der Pathologie gelandet war. »Dass er ihnen das Geld zurückzahlt, ist nicht reizend, sondern das Mindeste, was man erwarten konnte.«
»Aber er wollte heiraten, eine Familie gründen«, rief Giovanna, als wäre das Beweis genug, dass Francesco seine letzten Streifzüge auf den Pfaden der Tugend gemacht hatte. »Maria hatte schon mit dem Pfarrer gesprochen. Der wollte Francesco die Beichte abnehmen, sobald er wieder in Chiusi war, und dann wäre alles in Ordnung gewesen. Basta!«
Beunruhigt stellte Mamma Carlotta fest, dass Toves Blick starr wurde, während er einen Schritt auf Giovanna zumachte und dabei unheilvoll mit der Grillzange klapperte.
Giovanna jedoch bemerkte die Gefahr nicht. Ohne auf Carlottas Bemühungen zu achten, dem Gespräch eine andere Richtung zu geben, suchte und fand sie viele Gründe, warum nicht sein konnte, was nicht sein durfte. Wie würde ihre Familie dastehen, wenn sich herumsprach, was Francesco angelastet wurde? Ganz Chiusi würde mit dem Finger auf sie zeigen. Maria würde man das Flittchen eines Mafia-Bosses nennen, obwohl sie keine Ahnung von Antonio Capras Machenschaften gehabt hatte. Bisher war ihr das Mitleid aller für den missratenen Sohn sicher gewesen, nun würde sie Verachtung zu spüren bekommen. Sogar die armen Großeltern wären nicht mehr die bedauernswerten Alten, denen der Enkel übel mitgespielt hatte, sondern von nun an womöglich schuld daran, dass aus dem Jungen nichts geworden war. Und erst Meurer-Entertainment! »Enzo wird mir womöglich die Vertretung in Italien entziehen, wenn er glaubt, dass ich etwas mit der Mafia zu tun habe.«
Nun hatte Tove genug gehört. »Sie kennen den Kerl?«, fuhr er Giovanna an, die erschrocken zusammenzuckte. »Sie sind mit dem Schwein verwandt, das mich erpresst hat?«
Giovanna atmete tief ein, und tatsächlich war Tove kurzfristig von dem abgelenkt, was sich im Ausschnitt ihrer Bluse ereignete. Aber dieser Augenblick ging schnell vorüber, Giovannas Dekolleté verlor schlagartig an Attraktivität, als sie sagte: »Wie reden Sie von meinem Neffen?«
An Toves Schläfe schwoll eine Ader an, die in einem besorgniserregenden Rhythmus zu pochen begann. »Ich bin notfalls bereit, ihn auch einen guten Jungen zu nennen, wenn Sie mir das Geld zurückgeben, das er mir abgepresst hat.«
Giovanna aber fand, dass der übel beleumundete Wirt einer schmuddeligen Imbiss-Stube ihr nichts anhaben konnte. »Selber schuld, wenn Sie auf so was reinfallen! Francesco hat einen Scherz gemacht, und Sie haben es nicht gemerkt.« Nun erlaubte sie sich sogar ein kleines arrogantes Lächeln. »Wie kann man einem jungen Mann wie Francesco Geld geben? Er hat in seinem Job gut verdient. Der hatte es nicht nötig, einen Imbissbudenbesitzer zu erpressen.«
Nun warf Tove die Grillzange weg und griff nach dem scharfen Messer, mit dem er die Bratwürste zerteilte. »Raus hier!«, sagte er gefährlich leise. »In meinem Restaurant ist kein Platz für Leute wie Sie.« Und dann wiederholte er lauter und noch weitaus gefährlicher: »Raus!«
Aber erst als er das Messer hob, schien Giovanna ihm abzunehmen, dass er es ernst meinte, während Mamma Carlotta noch immer versuchte, ihn mit beschwichtigenden Gesten zu mäßigen. »Giovanna meint das nicht so, Tove. Sie hat gerade ihren toten Neffen identifiziert. Können Sie sich vorstellen, was das bedeutet? Sie ist erschüttert, sie kann nicht glauben, was sie gesehen hat …«
»Wenn sie gemerkt hat«, unterbrach Tove, »dass ihr Neffe ein Dreckskerl war, kann sie wiederkommen. Und wenn sie mir die Kohle auf die Theke legt, die der Kerl mir abgeknöpft hat, kriegt sie einen Wein auf Kosten des Hauses. Vielleicht!«
Giovanna war es mittlerweile gelungen, vom Barhocker zu steigen, ohne die Nähte ihrer Hose überzustrapazieren. Nun stand sie sicher auf ihren Stilettos und raffte ihre Jacke vor die Brust, die sie zuvor auf den Nachbarhocker gelegt hatte.
»Auf Kosten dieser Bruchbude?«, fragte sie hochnäsig zurück, denn sie war eine Frau, die auch in Augenblicken größter Angst das gut geschminkte Gesicht wahrte. »No! Grazie!« Sie griff in die Tasche ihres knappen Jäckchens, in dem erstaunlicherweise Platz für ein paar Münzen war, und warf sie auf die Theke. »Ich bin bessere Weine in besseren Häusern gewöhnt.«
Als Tove jedoch mit gezücktem Messer um die Theke herumkam, begann ihre Maske zu bröckeln. Den Satz, mit dem sie als Siegerin vom Platz gehen wollte, brachte sie nur mit wankender Stimme heraus. Und vorsichtshalber bewegte sie sich schon in Richtung Tür, während sie fragte: »Weiß Hauptkommissar Wolf eigentlich, dass Sie ein Motiv hatten, Francesco umzubringen? Ich werde ihm wohl einen Hinweis geben müssen. Schließlich ist er ein Verwandter von mir und …«
Erschrocken brach sie ab, als Tove ihr zur Tür folgte, fürchterlich anzusehen mit seinem hoch erhobenen Messer und der rotbefleckten Schürze. Sogar Mamma Carlotta bekam es mit der Angst zu tun, obwohl sie genau wusste, dass die roten Spritzer vom Ketchup herrührten.
»Attenzione, Tove!«, beschwor sie ihn leise, wich aber genau wie Giovanna zurück und ließ das Messer nicht aus den Augen. »Machen Sie sich nicht unglücklich! Giovanna hat es nicht so gemeint.«
»Das hat der Smutje auch gesagt«, knurrte Tove zurück, »bevor er mit durchschnittener Kehle über Bord fiel.«
»Stronzo! Malvagio! Vecchio ladrone!«, schrie Giovanna, als sie die Freiheit und Sicherheit des Hochkamps erreicht hatte, wo sie jederzeit um Hilfe rufen und mit Hilfe rechnen konnte. »Ladro sfigato!«
Tove sah Mamma Carlotta abschätzig an. »Wenn diese Frau mit Ihnen verwandt ist, dann sind Sie also auch mit dem Kerl verwandt, der jetzt tot in der Pathologie liegt. Zum Glück!«
»Versündigen Sie sich nicht!«, rief Carlotta empört. »Außerdem handelt es sich nur um angeheiratete Verwandtschaft.«
»Auch die ist in Käptens Kajüte nicht gern gesehen«, schloss Tove und schob Mamma Carlotta durch die Tür. Donnernd fiel sie hinter ihr ins Schloss.
Giovanna zupfte sich mit zitternden Händen ihre Kleidung zurecht. »Ich muss deinem Schwiegersohn recht geben, Carlotta«, sagte sie mit bebender Stimme. »Dieser Mann ist kein Umgang für dich.« Sie beugte sich vor und flüsterte: »Soll ich dir sagen, was ich sogar glaube? Dieser Kerl hat unseren armen Francesco auf dem Gewissen.«
Mamma Carlotta hätte sich eher die Zunge abgebissen, als zuzugeben, dass dieser Gedanke sie ebenfalls quälte. Statt zu antworten, drehte sie so lange den Schlüssel im Schloss ihres Fahrrades, bis Giovanna keine Antwort mehr von ihr erwartete.
»Wir sollten der Sache auf den Grund gehen«, sagte Giovanna, während sie Frau Kemmertöns’ Fahrrad auf die Straße schob.
»Du willst dich doch nicht in Eriks Ermittlungsarbeit einmischen?«, fragte Carlotta so entrüstet, als wäre ihr selbst etwas Derartiges nie in den Sinn gekommen.
»Ich denke nicht an Einmischung, sondern an Hilfe«, erwiderte Giovanna. »Aber keine Sorge, Erik wird nicht erfahren, dass du Stammgast bei diesem schrecklichen Menschen bist.«
Mamma Carlotta sah Giovanna nicht an, während sie aufs Fahrrad stieg. »Wenn du Erik erzählst, dass du Tove Griess für einen Mörder hältst, gibst du zu, dass Francesco ein Schutzgelderpresser war.«
Sie beglückwünschte sich zu diesem Geistesblitz, als sie Giovannas nachdenkliches Gesicht sah. Die ließ das Fahrrad rollen, während sie grübelte, und dachte erst ans Weitertreten, als sie umzukippen drohte.
»Allora«, sagte sie schließlich. »Sagen wir Erik zunächst mal nichts. Aber wir sollten den Wirt nicht aus den Augen lassen. D’accordo?«
Carlotta antwortete nicht. Kerzengerade saß sie auf dem Sattel und fuhr Giovanna voraus. Mochte die an ihrem durchgedrückten Rücken die Antwort ablesen, die sie hören wollte.
Susanna Larsens Zimmer war überheizt. Das schien ihr selbst aufzufallen, als Erik und Sören eingetreten waren. Sie öffnete das Fenster einen Spalt, dann lehnte sie sich an die Fensterbank, als ginge sie davon aus, dass das Gespräch nicht lange dauern würde. Diesmal bot sie den beiden Beamten nichts an, nicht einmal einen Platz.
Sie war hübsch zurechtgemacht, Erik vermutete, dass sie etwas vorhatte. Eine enge helle Hose trug sie, darüber einen knapp geschnittenen braunen Rolli und einen breiten Gürtel. Die Haare hatte sie im Nacken zusammengebunden, zwei dünne Strähnen lösten sich über der Stirn. Sogar Erik, der nichts von Haarmoden verstand, merkte, dass das beabsichtigt war.
»Was wollen Sie noch von mir?«, fragte sie ungehalten. »Ich habe Ihnen doch schon alles von Francesco erzählt.«
»Diesmal geht es um Sie«, sagte Erik und nahm Platz, ohne auf eine Aufforderung zu warten.
Sie setzte sich ihm gegenüber in einen Sessel und blickte ihn erwartungsvoll an. Sören, der sich auf einem wackeligen Hocker in Susannas Nähe niederließ, beachtete sie gar nicht.
»Wo waren Sie in der Nacht, als Francesco erschlagen wurde?« Erik sah Susanna freundlich an. »Also in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch?«, erkundigte sich Erik. »Zwischen Mitternacht und ein Uhr?«
Susanna starrte ihn an. »Was soll das?«
»Würden Sie mir bitte antworten!«
»Hatten Sie vielleicht noch Dienst?«, half Sören nach.
Susanna schüttelte den Kopf. »Dienstag war nicht viel los. Gegen elf hatte ich Feierabend.«
»Und was haben Sie dann gemacht?«
»Ich bin ins Bett gegangen. Was sonst?«
»Vermutlich allein, oder … gibt es jemanden, der das bestätigen kann?«
Susanna Larsen stand auf. Sie war blass geworden, ihre Augen waren unruhig. »Verdächtigen Sie mich etwa?«
»Francesco Corrado hat ein paar Stunden vor seinem Tod eine SMS bekommen. Anscheinend von einer Frau, die sich mit ihm am Strand treffen wollte.«
»Und da denken Sie an mich?« Susanna lachte spöttisch, aber Erik sah, dass ihre Lippen zitterten. »Ich habe Ihnen gesagt, wie ich zu Francesco stand. Niemals hätte ich mich mit ihm am Strand getroffen. Schon gar nicht nachts! Dann hätte er ja geglaubt, ich wäre scharf auf ihn.«
»Würden Sie so freundlich sein, mir Ihr Handy zu zeigen?«
Sören sah seinen Chef scharf an, als hätte er sich gern an die Stirn getippt. Natürlich war auch Erik klar, dass er auf diesem Handy nichts finden würde, was seinen Verdacht bestätigte. Wer sein Mordopfer per SMS an den Tatort bestellte, löschte die Nachricht selbstverständlich später wieder. Doch wenn sie begriff, dass sie unter Verdacht stand, würde sie vielleicht nervös reagieren. Und wer nervös war, machte Fehler.
Susanna ging zum Fernseher, neben dem ihr Handy lag. Verächtlich sah sie Erik an, als sie es ihm reichte. »Sie werden nichts finden.«
Erik sah den SMS-Speicher durch, währenddessen fragte er: »Liegt das Handy immer dort?« Er nickte zum Fernseher.
»Mal hier, mal da. Wenn ich unterwegs bin, nehme ich es natürlich mit.«
»Wo war das Handy in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch?«
»Was weiß ich! Jedenfalls hier in meinem Apartment!«
Als Erik aufblickte, erschrak er. Susanna Larsen war jetzt sehr blass. Sie atmete konzentriert, dann drehte sie sich um und stürzte aus dem Zimmer. Während Erik und Sören sich schweigend ansahen, hörten sie Susanna Larsen im Badezimmer würgen.
Schließlich sagte Erik: »Entweder sind ihr meine Fragen auf den Magen geschlagen, oder sie ist schwanger.«
Es dauerte lange, bis Susanna zurückkam. Und als sie wieder erschien, sah sie aus, als hätte sie darauf gehofft, die beiden Polizeibeamten wären in der Zwischenzeit gegangen. »Ich glaube, ich habe mir einen Virus eingefangen«, erklärte sie. »Mir ist schon seit ein paar Tagen übel.«
»Wir lassen Sie gleich allein«, gab Erik zurück. »Nur eine Frage noch … wenn Sie es nicht waren, die Francesco per SMS zum Strand bestellt hat, wer könnte es dann gewesen sein?«
Susanna zuckte mit den Schultern und sah aus dem Fenster wie ein gelangweiltes Schulkind.
»Sie wissen von keiner anderen Frau, mit der er Kontakt hatte?«
Susanna schüttelte den Kopf.
»Da er Sie unbedingt heiraten wollte, wäre ein Rendezvous mit einer anderen Frau merkwürdig. Mitten in der Nacht am einsamen Strand.«
»Er kann sich doch auch mit einem Mann getroffen haben«, gab Susanna zurück.
»Warum sollte er das getan haben?«
»Keine Ahnung!« Susanna antwortete so heftig, dass Erik zusammenzuckte. »Wenn Sie das wissen wollen, müssen Sie eben versuchen, es herauszufinden! Ich kann Ihnen da nicht helfen!«
Erik nickte, als hätte Susanna Larsen diese Worte in freundlichem Tonfall vorgebracht. »Wenn Francesco sich auf ein Treffen nachts am Strand einlässt, dürfte ihm die Person, die ihn dazu auffordert, gut bekannt sein.«
»Oder sie hat ihm etwas versprochen«, warf Sören ein, »was Francesco unbedingt haben wollte.«
»Dann aber stellte sich heraus, dass er in eine Falle getappt war«, führte Erik weiter aus. »Es hat sich also jemand mit ihm getroffen, der ihn so sehr hasste, dass er ihn töten wollte. Andererseits aber jemand, dem Francesco vertraute. Können Sie sich das erklären?«
Susanna Larsen konnte es nicht. Und sie wollte es auch nicht. Sie wollte, dass die beiden Polizisten gingen, damit sie ihre Ruhe hatte. Das sagte sie zwar nicht, aber ihre Körpersprache verriet es.
Erik kapitulierte und erhob sich. »Danke, Frau Larsen. Und … gute Besserung.«
Susanna blieb sitzen, als sie sich verabschiedeten. Es schien ihr tatsächlich nicht gutzugehen. Sie machte einen so kraftlosen Eindruck, dass Erik sie mit einer Handbewegung am Aufstehen hinderte. »Wir finden schon allein raus.«
Bevor Erik die Treppe hinabstieg, warf er einen langen Blick zu der Zimmertür, hinter der er am Vortag Carolins Stimme vernommen hatte. Diesmal drang kein Laut heraus. Carolin war in der Schule, und ihr Freund arbeitete vermutlich unten im Restaurant.
Sören wartete am Fuß der Treppe auf ihn. Er sah enttäuscht als, als er sagte: »Ich glaube, Angelina Jolie ist charmanter als Susanna Larsen.«
Erik traute sich in dieser Hinsicht kein Urteil zu, doch er hielt es für klug, Sören in seiner Auffassung zu bestätigen. »Charmant würde ich Susanna Larsen auch nicht nennen. Und was halten Sie von ihrer Glaubwürdigkeit?«
Sören zuckte die Achseln. »Vielleicht sollten wir mal mit ihrem Chef reden.«
Ein paar Minuten später standen sie vor der Tür, die in die Wohnung von Arne und Vera Ingwersen führte. Erik wollte gerade den Klingelknopf betätigen, da wurde die Tür von innen geöffnet. Vor ihnen stand ein Mann, der Erik bekannt vorkam. Ein auffallend schöner Mann, sorgfältig gekleidet und frisiert. Er wollte die Wohnung gerade verlassen und wäre beinahe mit Erik zusammengestoßen. »Huch! Nun habe ich mich aber erschrocken!«
Hinter ihm erschien Arne Ingwersen. »Wollen Sie zu mir?«
Erik nickte und lächelte ihm flüchtig zu. Dann plötzlich fiel ihm ein, woher er Arne Ingwersens Besucher kannte. Willem Jäger war es, der Besitzer der Keitumer Tanzschule, in der auch der Inselchor probte. Lucia hatte ihn vor Jahren einmal zu einem Tanzkurs überredet, aber angesichts der mühelosen Eleganz des Tanzlehrers war Erik schnell die Motivation abhanden gekommen. Er hatte sich sogar geweigert, am Abschlussball teilzunehmen, weil Lucia ihm vorgehalten hatte, wie modisch Willem Jäger stets gekleidet war, und von ihm erwartete, sich zumindest beim Abschlussball an ihm ein Beispiel zu nehmen.
Auch jetzt war Willem Jägers Kleidung makellos. Zu seiner schwarzen Jeans trug er einen rosa Kaschmir-Pulli und darüber einen langen schwarzen Mantel.
»Herr Jäger ist ein Bekannter«, erklärte Arne hastig. »Wir hatten etwas zu besprechen.«
Auch Willem Jäger wollte unbedingt erläutern, warum er einen Besuch im Hause Ingwersen gemacht hatte. »Der Chorwettbewerb, Sie wissen ja. Der Chor probt zurzeit täglich bei mir. Es gibt so viel zu bereden. Aber Vera war leider nicht da.«
Erik nickte zerstreut. Sein Blick hing noch immer am Saum von Willem Jägers Mantel. Die Schuhe, die darunter hervorsahen, waren auf Hochglanz poliert. Sie hatten abgerundete Kappen mit abgesteppten Quernähten, die den Schuh kürzer erscheinen ließen. Das war zweifellos so gewollt. Erik konnte den Blick nicht von Willem Jägers Füßen nehmen. Er trug mindestens Schuhgröße siebenundvierzig. Und da er auf sein Aussehen große Sorgfalt verwendete, litt er vermutlich jeden Morgen darunter, dass er sich diese großen Schuhe anziehen musste, die zu seiner schlanken, fast zierlichen Gestalt nicht recht passen wollten.
Sören hatte auf Arne Ingwersens einladende Geste bereits die Wohnung betreten und drehte sich erstaunt um, als er Erik sagen hörte: »Kommen Sie bitte noch mal kurz mit rein, Herr Jäger? Ich müsste etwas mit Ihnen besprechen.«
Ein paar Minuten später saßen alle vier im Wohnzimmer. Sören machte noch immer keinen Hehl aus seiner Verwunderung, Arne Ingwersen versuchte ungehalten zu wirken, weil ein Freund von der Polizei vernommen werden sollte, und Willem Jäger selbst war derart aufgeregt, dass er, bis sie endlich Platz genommen hatten, alle möglichen Gründe für seine Anwesenheit vorbrachte, von denen Erik keiner interessierte. Das Einzige, dem er Beachtung schenkte, waren Willem Jägers große Füße. Und nachdem er Sörens Blick verstohlen auf Jägers Schuhe gelenkt hatte, begriff auch der endlich, worum es seinem Chef ging.
Erik wandte sich mit besonderer Freundlichkeit an Willem Jäger: »Wir müssen ein paar Alibis überprüfen«, begann er vorsichtig. »Nicht, um eine Täterschaft zu beweisen, sondern nur, um Tatbeteiligungen auszuschließen. Reine Routine!«
Willem Jäger strich sich nervös über die Haare, womit er verriet, dass sie mit Haarspray in Form gebracht worden waren. »Es geht um den Mord an Arnes Mutter?«
Erik ließ die Frage unbeantwortet. Der Mord an Francesco war der Öffentlichkeit vermutlich nicht mehr lange vorzuenthalten, trotzdem wollte er den Kreis derer, die davon wussten, so klein wie möglich halten. Susanna hatte davon erfahren, Harm Ingwersen auch, und der hatte sicherlich seinen Sohn darüber informiert. Sogar Jens Möllers von Immobilien-Möllers wusste Bescheid, trotzdem wollte Erik, dass der Fall erst in die Zeitung kam, wenn er gelöst war.
»Wo waren Sie in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch zwischen Mitternacht und ein Uhr?«, fragte er Willem Jäger.
Der setzte zu einer Antwort an, dann stutzte er. »Aber … Arnes Mutter ist in der Nacht von Montag auf Dienstag ermordet worden.«
Erik beachtete auch diesen Einwand nicht. »Sagen Sie mir einfach, wo Sie waren.«
Willem Jäger überlegte lange, dann sagte er: »Zu Hause war ich. Im Bett.« Er sah Erik so flehend an, als wollte er in Tränen ausbrechen, falls ihm daraus ein Strick gedreht werden sollte. »Ich bin alleinstehend. Niemand kann bestätigen, was ich sage.«
»Danke«, meinte Erik lächelnd. »Das war’s auch schon.« Er sah Willem Jäger so lange schweigend an, bis der begriff, dass seine Anwesenheit nicht mehr gefragt war.
Arne Ingwersen bemerkte es ein paar Sekunden früher. Er erhob sich und sagte: »Danke für deinen Besuch, Willem.« Während er den Tanzlehrer hinausbegleitete, zischte Sören seinem Chef zu: »Und was haben wir jetzt davon?«
»Gar nichts«, gab Erik zu. »Aber es hätte ja sein können, dass Willem Jäger ein Alibi hat. Dann hätten wir uns nicht weiter um ihn kümmern müssen. Trotz seiner großen Füße! So aber sollten wir ihn uns näher ansehen.«
»Willem Jäger ist ein Sensibelchen. Der könnte nicht einmal einer Fliege ein Flügelchen ausreißen.« Sören grinste. »Und der soll einem Mann den Schädel einschlagen?«
»Sie wissen genauso gut wie ich, dass jeder Mensch zu fast allem fähig ist, wenn der Druck auf ihn groß genug ist.«
Arne Ingwersen sah verärgert aus, als er zu den beiden Polizeibeamten zurückkehrte. »Wie konnten Sie Willem nach seinem Alibi fragen? Er ist völlig fertig und glaubt, er stehe unter Mordverdacht. Hat er etwa recht, Herr Wolf?«
Erik hatte schon vor vielen Jahren gelernt, Fragen unbeantwortet zu lassen und dafür zu sorgen, dass sie nicht noch einmal gestellt wurden. »Ich gehe davon aus, Herr Ingwersen, dass Ihr Vater Sie informiert hat. Sie wissen, dass der Schutzgelderpresser in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch ermordet wurde. Und dass er geblufft hat, als er behauptete, die Mafia stehe hinter ihm, das wissen Sie sicherlich auch.«
»Und nun fragen Sie alle, die mit dem Kerl was zu tun hatten, nach ihrem Alibi?«, fragte Arne aufgebracht.
»So ist es«, entgegnete Erik.
»Aber Willem hat nichts damit zu tun«, rief Arne Ingwersen entrüstet.
»Immerhin scheint er ein Freund von Ihnen zu sein«, sagte Sören, und Erik war dankbar, dass sein Assistent die Ermittlungsmethoden seines Chefs endlich zu billigen schien.
»Sie fragen also auch die Freunde derjenigen, die was mit dem Mafioso zu tun hatten?«
»Mit dem angeblichen Mafioso«, korrigierte Erik. »Sie geben also zu, dass Sie etwas mit dem Kerl zu tun hatten?« Ingwersens Gesicht verschloss sich, aber ehe er antworten konnte, ergänzte Erik: »Wir haben von Susanna Larsen gehört, dass Sie regelmäßig Besuch von ihm bekommen haben.«
Arne starrte ihn überrascht an. »Susala? Sie haben mit ihr gesprochen?«
Erik war ebenso überrascht. »Sie kennen ihren Kosenamen?«
Arne wurde verlegen. »Sie hat ihn mir einmal verraten. Er gefiel mir.«
»Haben Sie Frau Larsen mit diesem Namen angeredet?«
»Nein, nur … nur manchmal.«
»Wenn Sie allein waren?«, fragte Sören.
Arne fuhr auf. »Worauf spielen Sie an? Glauben Sie etwa … ich hätte was mit Frau Larsen?«
Erik stellte fest, dass es auch Arne hervorragend gelang, eine Frage unbeantwortet im Raum stehen zu lassen.
»Frau Larsen kannte Francesco Corrado«, erklärte Erik, als hätte er Sörens Frage nicht gehört. »Die beiden waren Jugendfreunde. Auf Sylt sind sie sich zufällig wiederbegegnet.«
»Tatsächlich?« Arne hatte sich gefangen und war nun sehr darum bemüht, sich locker und ungezwungen zu geben. »Wie das Leben so spielt!« Nun lachte er sogar, obwohl ihm sichtlich nicht zum Lachen zumute war.
Erik betrachtete ihn sehr genau, als er fortfuhr: »Sie hat anscheinend nichts von dem wahren Grund seiner Besuche gewusst. Er hat ihr erzählt, er arbeite für einen Investor, der Restaurants aufkauft, die nicht mehr lukrativ sind.«
»Und das hat sie geglaubt?« Arne Ingwersen sah Erik kopfschüttelnd an.
Auch dies war eine Frage, die nicht beantwortet wurde. »Was wissen Sie über Susanna Larsen?«, erkundigte sich Erik stattdessen. »Ist Ihnen in letzter Zeit etwas aufgefallen an ihr? Hat sich ihr Verhalten verändert?«
Arne zuckte mit den Schultern. »Sie ist eine gute Kellnerin, mehr kann ich nicht sagen.« Er stand auf, ging zum Fenster und sah eine Weile hinaus. »Sie ist immer pünktlich und korrekt, sehr loyal …« Nun drehte er sich um. »Ich bin sehr zufrieden mit ihr.«
»Und was wissen Sie von ihrem Privatleben?«, fragte Erik. »Hat sie einen Freund? Vielleicht haben Sie mal beobachtet, dass sie von einem Mann besucht oder abgeholt wurde?«
»Nein! Nie!« Ingwersen nahm wieder Platz und schlug die Beine übereinander. »Sie singt im Inselchor, das weiß ich, weil meine Frau die Chorleiterin ist. Sie kommt aus gutbürgerlichem Elternhaus, hat einen unauffälligen Lebenslauf, mehr kann ich Ihnen nicht sagen.«
»Danke für die Auskünfte.« Erik nickte Sören zu und erhob sich. »Oh, beinahe hätte ich es vergessen …«
Arne nickte und versuchte zu grinsen. »Mein Alibi? Ich bin ein verheirateter Mann, Herr Wolf. Ich war selbstverständlich mit meiner Frau zusammen. Wenn Sie Vera fragen wollen, tut es mir leid. Sie ist heute in der Perlenmuschel und versucht, das Geschäft wieder anzukurbeln.«
»Sie haben vermutlich nach Mitternacht bereits geschlafen«, meinte Erik. »Am Dienstag war ja nicht viel los in der Muschel II, wie Frau Larsen sagt.« Er ging Arne voran zur Tür, ohne darauf zu warten, dass er seine Worte bestätigte. Dort drehte er sich noch einmal um. »Wenn jemand nachts den Personaltrakt verlässt, würden Sie das mitbekommen?«
Arne Ingwersen schüttelte den Kopf. »Das will ich auch nicht. Mein Vater hat mir geraten, immer Abstand zu halten zum Privatleben meiner Mitarbeiter.«
»Sie halten sich an die Ratschläge Ihres Vaters?«
»Ich wäre dumm, wenn ich es nicht täte«, gab Arne Ingwersen zurück. »Mein Vater ist ein Vorbild für mich.«
Erik nickte. »Ja, Menschen mit Zivilcourage werden immer seltener.« Er zögerte und beobachtete, wie Sören von einem Bein aufs andere trat. »Sagen Sie, Herr Ingwersen … war die Ehe Ihrer Eltern in Ordnung?«
Arne sah ihn ernst an. »Auch dafür bewundere ich meinen Vater. Meine Mutter war kein einfacher Mensch. Und sie hat es meinem Vater mit ihrem Egoismus nicht immer leicht gemacht. Aber er hat sich nie beklagt, er war stets loyal. Ganz im Gegensatz zu meiner Mutter. Sie hat sich oft darüber geärgert, dass mein Vater von allen gemocht wurde, während sie häufig auf Ablehnung stieß. Und immer wieder hat sie versucht, das Ansehen meines Vaters zu untergraben.«
»Inwiefern?«
»Zum Beispiel hat sie gesagt, er hätte sich ins gemachte Nest gesetzt. Und manchmal hat sie sogar behauptet, er wäre ein Schlappschwanz.« Er schüttelte nachdenklich den Kopf. »Meine Mutter konnte nicht lieben. Trotzdem hatte sie den Anspruch, geliebt zu werden. Sie hat nie begriffen, dass sie schon viel mehr bekam, als sie selbst gab, indem mein Vater immer zu ihr stand.«
Mamma Carlotta fühlte sich nicht wohl. Eigentlich machte sie gerne neue Erfahrungen, und sich etwas Unvernünftiges zu leisten, gefiel ihr, seit sie den verwegenen Entschluss gefasst hatte, sich allein in Rom in ein Flugzeug zu setzen und nach Norddeutschland zu fliegen. Aber sollten sie wirklich ein Taxi nach Westerland nehmen? Sie hoffte, dass Dino dort oben im Himmel diese Geldverschwendung guthieß. Hoffentlich bekam er mit, dass es Giovannas Geld war, das hier vergeudet wurde, und strafte sie nicht mit einem Auffahrunfall oder einer Sturmflut.
Giovanna hatte nichts davon hören wollen, mit dem Fahrrad nach Westerland zu fahren. Erst recht nicht, als sie die große Tasche in Carlottas Hand sah, in der die Turnschuhe steckten, die jemand an der Buhne 16 in einen Papierkorb geworfen hatte. Für Giovanna war es ausgeschlossen, mit einer solchen Last ein Fahrrad zu besteigen. Sie behauptete sogar, dass sie während ihrer Zeit in München ständig mit dem Taxi unterwegs gewesen sei, weil sich dort die Anschaffung eines eigenen Autos wegen der fehlenden Parkplätze nicht lohne und das S-Bahn-Fahren nicht komfortabel genug sei.
Mamma Carlotta konnte sich, als sie Vera Ingwersen begrüßte, nicht verkneifen, den Umstand zu erwähnen, dass sie mit dem Taxi hergekommen war, und sie ließ diese Bemerkung noch einmal fallen, nachdem sie Giovanna vorgestellt hatte. Doch Vera Ingwersen war nicht halb so beeindruckt, wie Carlotta es erwartet hatte. Giovanna und ihrem Talent allerdings schenkte sie ihre ungeteilte Aufmerksamkeit. Diese Tatsache versöhnte Mamma Carlotta auf der Stelle. Die Chorleiterin sah aus, als wäre ihr unversehens Anna Netrebko ins Haus geschneit, nachdem Giovanna die erste Strophe von »Amazing Grace« gesungen hatte.
»Wunderbar!«, stöhnte sie. »Wie ist es möglich, dass Sie keine Solokarriere gemacht haben?«
Das fragte sich Giovanna seit Langem, genau genommen, seit ihr die Erkenntnis gekommen war, dass sie für eine Solokarriere zu alt geworden war. »Ich habe Enzo Meurer geliebt«, erklärte sie Vera, »und war glücklich, mit ihm zusammen auf der Bühne stehen zu dürfen. Ich Schaf!«
Vera drückte ihr heftiges Bedauern aus, dann dankte sie Giovanna, dass sie bereit war, den Inselchor zu verstärken. Anschließend legte sie ihr das Programm vor und beriet mit ihr, wie ihr hervorragendes Talent zum Einsatz kommen sollte.
Mamma Carlotta sah sich derweil in der Perlenmuschel um. Sie mied den Blick nach oben zur Galerie, von der Utta Ingwersen gestürzt war, und verbot sich auch, die Stelle näher zu betrachten, an der sie in ihrem Blut gelegen hatte. Ihre ganze Aufmerksamkeit galt den Vitrinen mit dem Modeschmuck. Jedes Teil nahm sie zur Hand, das nur entfernte Ähnlichkeit mit dem Kettchen aufwies, das sie ihrer Schwiegertochter zum Geburtstag schenken wollte. Doch jedes Mal legte sie es enttäuscht zurück. Die Kette mit dem Kreuz, die Utta Ingwersen getragen hatte, war nicht darunter.
Sie trat von einem Bein aufs andere, während Giovanna und Vera in Vorfreuden schwelgten, und mischte sich erst ein, als Vera abschließend jubelte: »Wir werden Sie ganz groß rausbringen! Es würde mich nicht wundern, wenn wir mit Ihnen den Wettbewerb sogar gewinnen!«
Mit der gebotenen Bescheidenheit, aber doch so, dass ihr Anliegen nicht übergangen werden konnte, bat Carlotta: »Können Sie mir zeigen, wo die Ketten mit den Kreuzen liegen? Sie wissen doch, ich wollte meiner Schwiegertochter eine schenken.«
Vera Ingwersen fiel sofort ein, wovon sie sprach, und Mamma Carlotta rechnete es ihr hoch an, dass sie sich am Morgen gründlich im Sortiment ihrer Schwiegermutter umgesehen hatte. »Ich habe sogar die Lieferscheine kontrolliert. Nirgendwo bin ich auf die Kettchen gestoßen!«
Mit dieser Auskunft hatte Mamma Carlotta nicht gerechnet. »Aber Ihr Schwiegervater hat es gesagt«, beharrte sie. »Seine Frau habe die Kettchen für den Laden bestellt und sich selbst eins davon genommen, weil es ihr so gut gefiel.«
Vera Ingwersen hob ratlos die Schultern. »Wie gesagt, ich habe nichts gefunden. Auch nicht in den Bestellungen, den Abrechnungen und den Lieferpapieren. Vielleicht haben Sie etwas falsch verstanden?«
Mamma Carlotta wusste genau, dass sie alles richtig verstanden hatte, aber wie sollte sie das beweisen? Im Übrigen kam es darauf ja auch gar nicht an. Wichtig war nur, dass die Kette das richtige Geburtstagsgeschenk für Sandra gewesen wäre und sie nun sehen musste, dass sie etwas anderes fand, das genauso hübsch und geeignet war. Wirklich sehr ärgerlich!
In diesem Moment erschien Kundschaft, die Vera Ingwersens ganze Aufmerksamkeit beanspruchte. Touristen, die die Umrisse der Insel Sylt als Autoaufkleber haben wollten, andere, die sich umständlich eine Teetasse mit der Aufschrift ›Westerland ahoi!‹ aussuchten, und eine Nachbarin, die nur gekommen war, um sich darüber zu wundern, dass Vera den Laden geöffnet hatte. »Aber Sie haben ja recht, das Leben geht weiter! Und Geschäft ist Geschäft!«
Währenddessen half Giovanna, nach einem Kettchen mit einem Kreuzanhänger zu suchen, aber sie war genauso erfolglos. Immerhin gelang es ihr, Mamma Carlotta von einem anderen Geschenk zu überzeugen: einer zierlichen Brosche in Form einer Möwe. Giovanna war sicher, dass Sandra, die noch nie im Leben eine Möwe gesehen hatte, dieses Geschenk schätzen würde. Aber noch während Mamma Carlotta bezahlte, beklagte sie, dass die Kette mit dem Kreuz nicht mehr zu haben war.
»Ich werde in allen Katalogen nachsehen«, versprach Vera. »Und wenn ich die Kette nachbestellen kann, nehme ich die Brosche natürlich zurück.«
Mamma Carlotta war vorerst besänftigt. Sie beobachtete Vera Ingwersen, die die Brosche als Geschenk verpackte und dabei genau auf der Stelle stand, an der ihre Schwiegermutter ihr Leben ausgehaucht hatte. Entweder war sie gemütsarm oder einfach nur geschäftstüchtig – zumindest merkte man ihr keinerlei Gefühlsregung an. Womöglich hatte Vera ihre Schwiegermutter so wenig gemocht, dass ihr Tod ihr nicht besonders naheging. Schließlich hatte niemand Utta Ingwersen richtig gern gehabt, während ihr Mann von allen geschätzt wurde.
Da öffnete sich die Zwischentür, die ins Restaurant führte, und Harm Ingwersen erschien. Er begrüßte Giovanna und Carlotta mit geschäftsmäßiger Freundlichkeit und wandte sich dann an Vera: »Kommst du klar? Hast du alles gefunden, was du brauchst?«
Vera blickte nicht auf, während sie murmelte: »Alles bestens.«
Harm Ingwersen sah seine Schwiegertochter prüfend an. Dass sie so kurz angebunden reagierte, schien ihm nicht zu gefallen. Nervös drehte er den Briefumschlag hin und her, den er in Händen hielt.
Mamma Carlotta bewunderte ihn heimlich. In ihrem Dorf waren die Männer über fünfzig entweder dickbäuchig und feist oder mager und runzelig. Selbst der Bürgermeister, der schon von Amts wegen auf ein gepflegtes Äußeres zu achten hatte, zumindest wenn er seinen Pflichten nachkam, sah in seinem dunklen Anzug nicht halb so gut aus wie Harm Ingwersen. Die gut sitzende schwarze Hose bewies, dass er schlank und trainiert war, das offene helle Hemd zeigte einen fast faltenfreien Hals.
»Wenn du Fragen hast, weißt du ja, wo du mich findest«, sagte er, ehe er sich anschickte, die Perlenmuschel wieder zu verlassen.
Vera nickte auch diesmal, ohne aufzusehen. Und ihr Ton war abweisend, als sie ihm nachrief: »Weißt du etwas über die Ketten, die Utta bestellt hatte? Die mit dem Kreuzanhänger? Eine davon hat sie angeblich selbst getragen, als sie …«
Harm Ingwersen unterband mit einer strikten Handbewegung die Fortführung des Satzes. »Ich weiß nicht, was du meinst.«
Vera wies mit einer nachdrücklichen Geste auf Mamma Carlotta, als wäre ihr selbst jede Erklärung zu lästig. Erst jetzt schien Harm Ingwersen aufzugehen, dass er die Schwiegermutter des Hauptkommissars vor sich hatte, die am Tatort gewesen war, als seine tote Frau gefunden wurde. Carlotta wäre es lieber gewesen, Vera hätte ihm erklärt, um welche Kette es ging. Sollte ausgerechnet Carlotta Capella den armen Mann an die schrecklichsten Augenblicke seines Lebens erinnern?
»Ist nicht so wichtig«, stotterte sie. »Ich habe mich ja für die Brosche entschieden. Die ist auch sehr hübsch.«
Aber Vera wollte die Sache nicht auf sich beruhen lassen. »Es kann noch nicht lange her sein, dass Utta die Ketten bestellt hat. Sonst wäre mir so eine Kette an ihrem Hals aufgefallen. In den Unterlagen des letzten Vierteljahres habe ich nichts gefunden. Keine Bestellung, keinen Lieferschein, keine Rechnung.«
Harms Gesicht hatte sich, während sie sprach, verhärtet, von der Freundlichkeit, mit der er Vera angesprochen hatte, war nichts übrig geblieben. »Was weiß ich!«, gab er gereizt zurück. »Ich habe mich nie um den Laden gekümmert.«
»Vielleicht hättest du es tun sollen.« Seine Schwiegertochter gehörte anscheinend zu den Menschen, denen es die Laune verdarb, wenn das Alphabet oder die Chronologie nicht eingehalten wurden. »Wenn Utta ihre Buchführung so schlampig gemacht hat, werde ich Monate brauchen, bis hier alles wieder seinen normalen Gang geht.«
»Wozu haben wir einen Steuerberater?« Harm Ingwersen schenkte Giovanna und Carlotta ein Lächeln, das nicht mehr war als das kurze Heben seiner Mundwinkel, dann verschwand er wieder ins Restaurant.
Giovanna beugte sich an Carlottas Ohr. »Verdammt attraktiv, der Mann! Und wie man hört, ist er wieder zu haben?«
Mamma Carlotta starrte sie entrüstet an, während Giovanna scheinheilig die Schals betrachtete, die in der Nähe der Eingangstür aufgestapelt waren. Noch ehe Carlotta ihre Empörung in angemessene Worte gekleidet hatte, öffnete sich die Tür zum Restaurant erneut, und Harm Ingwersen erschien ein zweites Mal auf der Bildfläche. Mit großen Schritten ging er zu Vera, die damit beschäftigt war, dem Päckchen mit der Brosche eine Schleife umzubinden. »Nun hätte ich beinahe vergessen, warum ich gekommen bin«, sagte er und legte den Umschlag neben die Kasse, den er schon bei seinem ersten Erscheinen in der Hand gehalten hatte. »Der wurde im Restaurant für dich abgegeben.«
Vera betrachtete ihn stirnrunzelnd. »Das hat sich ja schnell rumgesprochen, dass ich fürs Erste in der Perlenmuschel anzutreffen bin.« Sie legte den Umschlag beiseite und fuhr mit dem Verpacken des Geschenks fort. Als sie es Mamma Carlotta entgegenstreckte, sah sie selbst nicht sehr zufrieden aus. »Recht so?«
Mamma Carlotta bedankte sich herzlich und sah zu, wie Vera Ingwersen das Päckchen in eine hübsche kleine Tragetasche steckte. Währenddessen fiel ihr Blick auf den Umschlag, der noch immer unbeachtet neben der Kasse lag. Er war mit dem Namen Vera Ingwersen und der Adresse der Muschel I beschriftet. Einen Absender trug er nicht.
Carlotta ging zu Giovanna, die noch immer mit den Schals beschäftigt war. »Können wir los? Ist alles erledigt?«
Giovanna lächelte. »Wir haben wegen der Chorprobe alles besprochen. Aber wir sollten heute Nachmittag noch einmal das ganze Programm durchgehen. Zusammen mit Carolin.«
Carlotta nickte bestätigend. »Die wird sich freuen.«
Davon war auch Giovanna überzeugt. »Da ich nun meine Stimme schonen muss, werde ich mir einen Schal zulegen, um meinen Hals warm zu halten.«
Sie schlang sich ein schwarzes Ungetüm um, das nicht nur ihren Hals, sondern auch ihr Kinn und ihr großzügiges Dekolleté wärmen würde. Während Carlotta sie in dieser sinnvollen Anschaffung bestärkte, beobachtete sie Vera Ingwersen, die gerade den Briefumschlag öffnete, den ihr Schwiegervater ihr gebracht hatte. Mamma Carlotta sah, dass ihre Augen sich weiteten und ihr Blick sich nicht von den wenigen Zeilen lösen konnte, mit denen das Briefblatt bedeckt war. Schließlich ließ sie sich auf den Hocker sinken, der neben der Kasse stand. So, als könnte sie sich nicht auf den Beinen halten.
Sören bestand darauf, sich hinters Steuer zu setzen, denn Erik verließ die Muschel II derart nachdenklich, dass zu befürchten war, er würde im zweiten Gang nach Westerland zuckeln, weil seine schweren Gedanken sich nicht mit einer zügigen Fahrweise vertrugen. Kaum saßen sie im Auto, fragte Sören: »Warum haben Sie Arne Ingwersen nach seinem Alibi gefragt?«
Erik zuckte die Achseln. »Ein Motiv hat er. Er wusste, dass Francesco für den Tod seiner Mutter verantwortlich ist.«
»Darüber haben wir schon gesprochen«, antwortete Stören heftig. »Francesco hat sich nicht von einem seiner Opfer per SMS an den Strand bestellen lassen, davon sind wir ausgegangen. Mitten in der Nacht und dann noch allein! Er hätte seine beiden Geldeintreiber mitgenommen, das wäre das Mindeste gewesen! Aber noch wahrscheinlicher: Er wäre nicht zu diesem Treffen gegangen. Sogar die Staatsanwältin ist dieser Meinung!«
»Und was, wenn Arne Ingwersen das Handy seiner Kellnerin benutzt hat? Wenn er die SMS in ihrem Namen geschrieben hat?«
»Wie soll er an ihr Handy gekommen sein?«
»Vielleicht hat er einen Zweischlüssel und ist in Susannas Wohnung eingedrungen, während sie im Restaurant arbeitete. Oder … er hat ein Verhältnis mit ihr, und sie hat ihm ihr Handy zur Verfügung gestellt.«
»Puh!«, machte Sören. »Gibt’s Anhaltspunkte dafür, dass die beiden was miteinander haben?«
»Immerhin kannte er ihren Kosenamen.«
»Bleiben aber noch die Abdrücke der großen Turnschuhe. Arne Ingwersen hat kleine Füße.«
»Aber Willem Jäger hat sehr große. Und er ist mit Arne Ingwersen befreundet.«
»So gut, dass er für ihn einen Mord begeht?«
»Vielleicht ist Willem Jäger auch erpresst worden.«
Sören stellte erschrocken fest, dass es ihm genauso ging wie seinem Chef: Auch er nahm den Fuß vom Gas, weil es ihm plötzlich schwerfiel, sich auf beides zu konzentrieren, aufs Autofahren und auf seine Gedanken. Er gab erst wieder Gas, als die grüne Ampel am Teespeicher in Sicht kam.
»Mit dieser Susala stimmt was nicht«, sagte Erik, als sie die Ampel hinter sich gelassen hatten. »Sie behauptet, sie habe Francesco auf Abstand gehalten. Er aber hat gesagt, er wolle ein deutsches Mädchen heiraten. Und wie es aussieht, kommt dafür nur Susanna Larsen infrage.«
»Vielleicht fand Francesco sich derart unwiderstehlich, dass er davon ausging, Susala über kurz oder lang rumzukriegen. Italiener sind so.«
Erik winkte ab. »Oder sie hat uns belogen.«
Nun kam rechts das Polizeirevier in Sicht, Sören drosselte das Tempo. »Sie meinen, die beiden waren doch zusammen?«
Erik nickte. »Sie steckten unter einer Decke. Meine Schwiegermutter soll heute Mittag bei Girotti anrufen, damit der Alviso und Follini fragen kann. Wenn die Larsen mit Francesco gemeinsame Sache gemacht hat, müssen die beiden davon wissen.«
Sie fuhren in den Hof des Polizeireviers, blieben aber noch im Wagen sitzen. »Glauben Sie, dass Arne Ingwersen auch etwas mit den Erpressungen zu tun hatte?«
Erik schüttelte den Kopf. »Kann ich mir nicht vorstellen.«
»Sollten die beiden tatsächlich was miteinander haben, dann weiß Arne nicht, was seine Geliebte treibt? Und dass er eine Kellnerin beschäftigt, die mit der Mafia zusammenarbeitet?«
Erik sah seinen Assistenten strafend an. »Das Wort Mafia will ich nicht mehr hören.«
»Sorry!« Sören sah verlegen zu Boden. »Ist mir nur so rausgerutscht.«
Erik nickte, als hätte er vollstes Verständnis. »Arne Ingwersen wird Susanna Larsen erzählen, dass wir uns nach ihr erkundigt haben. Vielleicht war das ein Fehler. Sie wird nun gewarnt sein.«
Und wieder saßen sie im Taxi. Diesmal fand Mamma Carlotta diesen Umstand sogar noch weitaus gewagter, denn der Weg von der Perlenmuschel zum Polizeirevier wäre sogar zu Fuß leicht zu bewältigen gewesen. Zunächst hatte Giovanna auch Interesse an einem Bummel über die Friedrichstraße, dann aber war sie von Bedenken heimgesucht worden, als sie sich ihres Schuhwerks bewusst wurde. Und dann erfuhr sie, dass es im Hause Wolf ein Mittagessen geben sollte, das, wie es sich in Italien gehörte, aus Antipasti, Primo piatto, Secondo und Dolci bestehen sollte. Daraufhin bat sie Vera, ein Taxi zu rufen. »Das schaffen wir nur, wenn wir keine Zeit vergeuden.«
»Aber ich habe schon alles vorbereitet«, machte Mamma Carlotta einen letzten Versuch, der Vernunft zum Sieg zu verhelfen.
Doch als Giovanna nichts davon hören wollte, ergab sie sich in ihr Schicksal. Nur allzu gern, wie sie sich heimlich eingestehen musste. Das Taxi ließ zwar so lange auf sich warten, wie jemand, der gut zu Fuß war, bis zum Kirchenweg benötigt hätte, aber Mamma Carlotta fiel das Warten leicht, weil sie genug damit zu tun hatte, Vera Ingwersen zu beobachten. Sie war wie ausgewechselt, seit sie den Brief gelesen hatte. Blass war sie, ihre Hände zitterten, als sie der nächsten Kundin einen gläsernen Seelöwen einpackte, und an einer Unterhaltung mit Giovanna und Mamma Carlotta war sie nicht mehr interessiert. Tief beugte sie sich über irgendwelche Geschäftspapiere, damit sie nicht angesprochen wurde, nachdem die Kundin ihr Souvenir aus dem Geschäft getragen hatte. Aber ihre Augen bewegten sich nicht, sie starrte auf einen Fleck, als wollte sie sich irgendwo festhalten. Und als erneut ein Kunde an die Kasse trat, stützte sie, als sie aufstand, ihre Fäuste auf das Einwickelpapier, als wollte sie dafür sorgen, dass der Brief, den sie darunter geschoben hatte, sicher aufgehoben war.
Giovanna hatte anscheinend nichts von der Veränderung bemerkt, die mit Vera Ingwersen vorgegangen war. Sie stellte sich, bis das Taxi kam, vor einen Spiegel und probierte aus, wie der Schal, den sie gekauft hatte, am besten wirkte. Und dann hatte sie sowieso keinen Blick mehr für Vera Ingwersen. Denn am Schaufenster der Perlenmuschel ging eine junge Frau vorbei, die Giovanna alles andere vergessen ließ. »Susala!«
Sie warf den Schal über ihre Schulter, winkte Vera einen flüchtigen Gruß zu, rief: »Bis heute Abend!« und stand auch schon vor der Tür.
Susanna Larsen war stehen geblieben und lächelte Giovanna fragend entgegen. Erst als die mit ausgebreiteten Armen vor ihr stand, erkannte sie, in wessen Armen sie landen sollte. »Giovanna! Bist du wegen Francesco hier?«
Prompt wurde aus dem Jubel, zu dem Giovanna gerade ansetzte, ein tiefer Seufzer. Aber da auch italienische Trauernde die Weisheit kannten: »Das Leben geht weiter!«, war schnell ein Grund gefunden, sich trotzdem ausgiebig über das Wiedersehen zu freuen.
»Wie lange habe ich dich nicht gesehen, Susala! Und trotzdem sofort wiedererkannt! Du bist ja noch hübscher geworden! Was für eine Freude wäre es gewesen, wenn Francesco dich als seine Braut heimgebracht hätte.« Giovanna trat einen Schritt zurück, um Susanna genauer zu betrachten.
»Braut?« Susannas Lächeln erstarb, sie versuchte, Giovanna zu korrigieren, aber die ließ ihr keine Chance.
»Der Hauptkommissar behauptet zwar, dass du Francesco nicht heiraten wolltest, aber das ist doch ein Irrtum, vero? Francesco hat gesagt, der Name seiner Braut wäre eine Überraschung! Und wie wir überrascht gewesen wären! Wie glücklich!«
Sie drückte Susanna noch einmal an sich. Aber nur kurz, dann löste sich Susanna nachdrücklich aus ihrer Umarmung. »Woher kennst du Herrn Wolf?«
Das war der Augenblick, in dem das Taxi um die Ecke bog. Hastig erläuterte Giovanna die verwandtschaftlichen Verhältnisse, dann rief der Taxifahrer aus dem Fenster: »Haben Sie einen Wagen bestellt?«
Giovanna löste sich schweren Herzens von Susanna, nur die Aussicht, sich am Abend bei der Chorprobe wiederzusehen, verlieh ihr die Kraft, das Taxi zu besteigen, das mit quietschenden Reifen losfuhr, kaum dass die Tür geschlossen war. Giovanna benötigte die gesamte Dauer der Fahrt, um den wundersamen Umstand zu bewältigen, dass sie Susala bereits getroffen hatte, obwohl sie erst am Abend damit gerechnet hatte. In leuchtenden Farben malte sie sich die Zukunft aus, die mit Francesco gestorben war. Wie sie in Chiusi die Verlobung gefeiert hätten! Dass die Hochzeit das größte und wichtigste Ereignis im Umkreis gewesen wäre! Und dass Susala selbstverständlich trotzdem ab jetzt zur Familie gehörte, da sie ja eigentlich so etwas wie Francescos Witwe sei. Von der halsbrecherischen Fahrweise des Taxichauffeurs bekam sie nichts mit. Möglicherweise fühlte sie sich einfach nur wie zu Hause, denn wenn dieser Taxifahrer auch eine echter Friese war, sein Fahrstil war eindeutig italienisch.
»Aber Enrico sagt, Susala habe Francesco nicht heiraten wollen«, erinnerte Mamma Carlotta, der es schwerfiel, Giovannas Euphorie zu dämpfen, die es aber absolut notwendig fand, dass Giovanna der Wahrheit ins Gesicht sah. Francesco war noch immer das schwarze Schaf der Familie. Die Tatsache, dass er Heiratsabsichten gehegt hatte, änderte daran nichts!
Doch Giovanna verteidigte ihre Sicht auf die Dinge, bis sie den Bahnhof passierten. »Susala wird ihre Gründe haben. Vielleicht bestreitet sie, dass sie Francesco heiraten wollte, weil sie nicht mit dem Mord in Zusammenhang gebracht werden will. Und mit dem, was Francesco angeblich getan hat. Wenn sich das alles geklärt hat und der Mörder gefasst worden ist, dann wird sie uns die Wahrheit sagen.«
Mamma Carlotta war froh, dass Giovanna italienisch gesprochen hatte und dem Taxifahrer so verborgen geblieben war, dass es im Fond seines Wagens um Mord und Totschlag und sogar um Schutzgelderpressung ging. So setzte er sie vor dem Polizeirevier Westerland ab in der Annahme, sie wollten dort einen Diebstahl melden oder einen Vermieter, der ihnen eine unzumutbare Ferienwohnung angeboten hatte.
Mamma Carlotta stieg aus und wartete, bis Giovanna den Fahrer bezahlt hatte. Dann fragte sie: »Was machte Susala eigentlich vor der Perlenmuschel?«
Giovanna zuckte mit den Schultern. »Vielleicht hatte sie in der Muschel I etwas zu erledigen. Oder sie wollte in der Perlenmuschel einkaufen.«
Mamma Carlotta schüttelte den Kopf. »Das glaube ich nicht! Vera Ingwersen und Susala sind sich nämlich nicht grün. Und soll ich dir sagen, warum?« Carlotta liebte es, vor einer sensationellen Mitteilung eine kleine Pause zu machen, um die Spannung zu steigern. Dann platzte sie heraus: »Weil Susala ein Verhältnis mit Arne Ingwersen hat!«
Und mit einem Mal, während Giovanna sie noch ungläubig anstarrte, war ihr klar, was in dem Brief gestanden hatte, den Vera Ingwersen bekommen hatte. Mit ihm war ihr der Beweis geliefert worden, dass ihr Mann sie mit seiner schönen Kellnerin betrog. Ja, so musste es sein! Wahrscheinlich hatte Vera bis zu diesem Augenblick noch darauf gehofft, dass sie im Irrtum war. Nun aber hatte ihr jemand mitgeteilt, dass alle Hoffnung vergeblich war, dass sie sich überlegen musste, wie mit dem Beweis umzugehen war. Ob sie ihrem Mann verzeihen wollte oder ob sie auf Sylt alle Zelte abbrechen und nach München zurückkehren sollte.
Sören sah unzufrieden aus, als er Eriks Büro betrat. »Im Gogärtchen wollte sich niemand festlegen«, brummte er ärgerlich. »Kann sein, dass Alviso und Follini dort waren, während Francesco ermordet wurde, kann aber auch nicht sein. Möglich, dass sie die ganze Nacht da waren, kann aber auch sein, dass sie schon früh gegangen sind. Niemand weiß es genau.«
Erik winkte ab. »Ärgern Sie sich nicht. Ich glaube, das Alibi der beiden ist gar nicht so wichtig. Die stecken hinter dem Tod von Jesse und Utta Ingwersen, aber der Mord an Francesco hat einen anderen Hintergrund.« Er lächelte Sören an, als wollte er dessen schlechte Laune weglächeln. »Ich habe gerade mit Vera Ingwersen telefoniert.«
»Und?« Sören schien nicht besonders interessiert zu sein.
»Sie hat das Alibi ihres Mannes nicht bestätigt. Die beiden haben in jener Nacht getrennt geschlafen, weil sie sich vorher gestritten hatten.«
Nun war Sören tatsächlich beeindruckt. »Arne Ingwersen? Vorstellen kann ich es mir nicht. Sein Vater spielt den Helden und zeigt den Erpresser an, und er … er schlägt ihm den Schädel ein?« Sören schüttelte den Kopf. »Sorry, das glaube ich einfach nicht.«
»Vielleicht hat sein Motiv gar nichts mit den Erpressungen zu tun? Vielleicht heißt das Motiv Susala.«
»Eifersucht?«
»Schon möglich. Jedenfalls sollten wir Arne Ingwersen im Auge behalten. Ich bin sicher, dass wir den Täter und auch das Motiv hier auf Sylt finden und nicht in Italien.«
»Warum sind Sie da so sicher?« Sören ließ sich auf einem Stuhl nieder und demonstrierte, dass Negativerlebnisse irgendwann verblassen können. Er fing schon wieder an zu kippeln. »Nur weil wir nicht mehr an die Mafia glauben müssen?«
Erik verzog nachdenklich das Gesicht. »Der dritte Mord ist anders als die beiden zuvor. Und denken Sie an die Abdrücke der großen Schuhe. Die haben wir bei den anderen beiden Toten nicht gefunden.«
Enno Mierendorf erschien und legte einige Faxe auf den Tisch. »Alles, was ich über Willem Jäger gefunden habe!«
Erik und Sören vertieften sich in die Unterlagen, während Mierendorf kurz zusammenfasste: »Willem Jäger ist der einzige Sohn rechtschaffener Eltern. Durchlief die Schule ohne Schwierigkeiten bis zur Mittleren Reife. Als er seinen Abschluss machte, hatte er bereits sein Coming-out hinter sich. Alle wussten, dass er schwul war, seine Eltern nahmen es relativ gelassen. Er wollte Tänzer werden, fand aber wohl ziemlich schnell heraus, dass sein Talent für die große Karriere nicht reichte. Nach ein paar Engagements an kleinen Theatern beschloss er deshalb, Tanzlehrer zu werden. Seine Eltern stellten ihm das Kapital für eine Tanzschule in Hannover zur Verfügung. Dort brach er aber irgendwann seine Zelte ab, weil er sich unglücklich verliebt hatte. Willem Jäger zog daraufhin nach Flensburg und übernahm dort eine Tanzschule, die aus Altersgründen vom Vorbesitzer verkauft worden war. Doch der Laden lief nicht gut, nach zwei Jahren entschloss sich Jäger, nach Sylt zu gehen. Auch deshalb, weil hier sein damaliger Freund wohnte, mit dem er zusammenzog. Ein Barkeeper aus dem Hotel Vier Jahreszeiten. Aber die Beziehung hielt nicht lange. Seitdem lebt Willem Jäger allein.«
»Ein unbeschriebenes Blatt«, sagte Sören und drückte Enno Mierendorf die Unterlagen wieder in die Hand.
»Das muss nichts heißen«, meinte Erik. »Vielleicht hat er eine Leiche im Keller, von der niemand was weiß.«
»Aber Willem Jäger ist kein Killertyp«, wandte Sören ein. »Der schlägt keinem Mann den Schädel ein. Schon gar nicht, um einem Freund einen Gefallen zu tun.«
»Er könnte in eigenem Interesse gehandelt haben.«
»Weil auch er von Francesco erpresst wurde?«
»Das wäre ein Motiv.«
»Aber wir hatten doch gesagt …«
»Ja, ja«, unterbrach Erik. »Es ist unwahrscheinlich, dass Francesco sich mit einem Erpressungsopfer getroffen hat.«
Sören schwieg eine Weile, nur das rhythmische Klack-Klack des Stuhlbeins war zu hören. Dann sagte er nachdenklich: »Vielleicht sollten wir doch versuchen, Francescos sämtliche Opfer auf Sylt zu finden. So, wie die Staatsanwältin es vorgeschlagen hat.«
Erik hätte gern energisch abgewehrt, aber leider hatte er keinen vernünftigen Gegenvorschlag parat. Der Gedanke, mit dem Chefredakteur des Inselblattes einen Aufruf zu entwerfen, gefiel ihm nach wie vor nicht. Aber nur so waren sämtliche Geschäftsleute der Insel zu erreichen, die der Schutzgelderpressung zum Opfer gefallen waren. Er mochte sich gar nicht vorstellen, wie das Denunziantentum blühen würde, wie sie gezwungen sein würden, sich mit Mutmaßungen, Verdächtigungen, falschen Behauptungen auseinanderzusetzen, wie sie die nächsten Wochen damit zu tun haben würden, die Spreu vom Weizen zu trennen, das Wahre vom Unwahren, das Mögliche vom Unmöglichen. Bis dahin würden die wichtigsten Spuren verwischt sein, und viel kostbare Zeit wäre verloren.
»Es bleibt dabei«, sagte er. »Wir suchen einen Mann mit großen Füßen.«
Er stockte, sah Sören erschrocken an, dann lauschten beide zur Tür. Im Revierraum gab es Aufruhr. Irgendetwas Außergewöhnliches war dort im Gange. Laute Stimmen waren zu hören, Stühlerücken, Rudi Engdahls leises Lachen, Enno Mierendorfs fröhliches »Moin, moin!«, dann weibliches Gekicher, die hellen Stimmen von zwei Frauen, die immer näher kamen …
»Was wollen die hier?«, stöhnte Erik.
Die Miene, mit der er Giovanna und seine Schwiegermutter begrüßte, war nicht gerade freundlich. Das änderte sich allerdings, als Mamma Carlotta ihm ihre Tasche hinhielt und ihm den Inhalt zeigte. »Diese Schuhe haben wir gefunden. Wir dachten, wir sollten sie dir sofort bringen.«
Turnschuhe in Größe siebenundvierzig! »Woher habt ihr die?«
Mamma Carlotta schien es wichtig zu sein, selbst den Bericht zu übernehmen. Sie brachte Giovanna, die ebenfalls zum Reden ansetzte, mit einer Geste zum Schweigen. »Also, das war so …« Sie ließ sich auf einem Stuhl in Eriks Büro nieder und sah sich um. »Habt ihr keinen Kaffee?«
Sören erhob sich, riss die Tür auf und schrie nach Kaffee. Ein paar Augenblicke später erschien Rudi Engdahl mit einer Thermoskanne und zwei Kaffeebechern, die vom vielen Benutzen und flüchtigen Ausspülen dunkel beschlagen waren.
Eriks Fingerspitzen trommelten unruhig auf der Schreibtischplatte herum, bis er endlich erfuhr, was seine Schwiegermutter zu berichten hatte: »Giovanna wollte zu dem Ort, wo ihr Neffe den Tod gefunden hat«, begann sie theatralisch. Den flinken Blick, den sie Giovanna zuwarf, bemerkte Erik nicht. »Wir sind also zur Buhne 16 gefahren und haben dort ein paar Gedenkminuten für Francesco eingelegt.«
Erik glaubte ihr jedes Wort. Das war genau die Art, wie Italienerinnen mit einem Trauerfall umgingen. Er selbst hätte sich niemals freiwillig an der Stelle aufgehalten, an der Lucia tödlich verunglückt war. Schlimm genug, dass er jedes Mal dort vorbeikam, wenn er nach Niebüll fuhr. Aber anhalten und eine Gedenkminute einlegen? Niemals!
»Allora, und als wir zurückkamen«, erzählte Mamma Carlotta weiter, »fielen uns diese Schuhe auf. Sie steckten in einem Papierkorb auf dem Parkplatz. Und ich habe gleich daran gedacht, dass es neben Francescos Leiche Abdrücke von sehr großen Turnschuhen gab. Könnte doch sein, dass es diese waren.«
Erik betrachtete die Sohle. Ja, seine Schwiegermutter könnte recht haben. Das Sohlenrelief zeigte ein feines Muster, das aus einem engen Gitter bestand, und in der Mitte der Sohle, wo sie schmaler wurde, gab es einen Kreis mit zwei Außenlinien. Ja, die Abdrücke neben Francescos Leiche konnten von diesen Schuhen stammen.
Wortlos griff Erik zum Telefonhörer, obwohl er wusste, dass Mamma Carlotta auf überschwängliches Lob wartete. »Vetterich? Kommen Sie doch mal her. Hier gibt es ein Fundstück, das kriminaltechnisch untersucht werden muss.«
Mamma Carlotta konnte sich nicht konzentrieren. Giovanna und Carolin waren in ihrem Element, aber sie selbst hatte schon dreimal ihren Einsatz verpasst und die zweite Strophe mit der dritten verwechselt.
»Wenn das so weitergeht«, hatte Carolin ihre Großmutter getadelt, »werden wir deinetwegen beim Chorwettbewerb einen schlechten Platz belegen.«
Mamma Carlotta hatte die Rüge an sich abtropfen lassen. Wem so schwere Gedanken im Kopf herumgingen, der konnte nicht darüber jubilieren, dass es tagte und der Sonne Morgenstrahl alle Kreatur weckte. Carolins Gesicht hingegen leuchtete. Sie nahm sämtliche Anregungen auf, die Giovanna ihr gab, ahmte sie nach, wo es möglich war, und trug sogar die auffällige Kette, die Giovanna ihr geschenkt hatte, obwohl sie so gar nicht zu ihr passte. Carlotta begriff schnell: Carolin hatte ein neues Vorbild gefunden.
»Der Vögel froher Frühchoral begrüßt des Lichtes Spur …«
Felix riss die Tür auf, ein Schwall Heavy-Metal-Musik drang mit ihm in die Küche.
»Es singt und jubelt überall, erwacht sind Wald und Flur …«
»Haben wir Cola?«
»Wem nicht geschenkt ein Stimmelein …«
Felix bewegte die flache Hand vor seinem Gesicht hin und her. »Stimmelein! Ihr habt sie ja nicht mehr alle!«
»… zu singen froh und frei …«
Carolin und Giovanna ließen sich nicht stören, weder von Felix’ Erscheinen noch von der lauten Musik, ja nicht einmal von seinem Rülpsen, nachdem er die Colaflasche abgesetzt hatte, die er nach lautstarkem Klappern im Kühlschrank gefunden hatte. Sie sangen weiter, als gäbe es in dieser Welt keine störenden kleinen Brüder. Mamma Carlotta kam nicht umhin, sie für ihre Beharrlichkeit zu bewundern. Sie selbst hätte Felix gern zurechtgewiesen und Giovanna und Carolin um eine Pause gebeten, aber da ihr Versuch zu vermitteln wohl nichts bringen würde, ließ sie es sein. Sie wartete, bis Felix die Küche verlassen hatte, dann stimmte sie wieder in den Gesang mit ein: »Zuletzt erschwingt sich flammengleich …«
Aber in Wirklichkeit konnte sie an nichts anderes denken als an Kommissar Vetterichs Anruf. Noch vor dem Dessert hatte er sich gemeldet. Zwar war seine Untersuchung noch nicht abgeschlossen, doch er konnte trotzdem schon eine interessante Mitteilung machen: In der Spitze des Schuhs hatte er Wattereste gefunden. Anscheinend hatte jemand die Turnschuhe ausgepolstert, jemand, der kleinere Füße besaß und keine Abdrücke in seiner eigenen Schuhgröße hinterlassen wollte.
Mit Eriks Freude war es vorbei gewesen. »Da ist also jemand mit viel zu großen Schuhen zum Strand gekommen, hat sie mit Watte ausgestopft, damit er nicht aus den Schuhen herausfällt, hat Francesco erschlagen, ist zurückgekehrt und hat die Schuhe in den Papierkorb geworfen.«
»Weil er nicht damit rechnete, dass zwei aufmerksame Italienerinnen sie finden und mitnehmen würden«, hatte Sören ergänzt, der nicht mitansehen konnte, wie enttäuscht Mamma Carlotta war. »Nun wissen wir wenigstens, dass es keinen Sinn hat, nach einem Mann mit großen Füßen zu suchen.«
»Und wir wissen, dass der Mord kaltblütig geplant war.«
»Die dritte Strophe noch einmal!«, rief Carolin, und Mamma Carlotta stimmte gehorsam ein: »Aus Wald und Feld, aus Bach und Teich, aus aller Schöpfung Kreis …«
Obwohl es so aussah, als hätte Eriks Arbeit einen Rückschlag erlitten, war Mamma Carlotta froh gewesen, dass der nette Willem Jäger nicht mehr als Täter infrage kam. Und vor allem war sie erleichtert, dass sie sich auch um Tove keine Gedanken mehr zu machen brauchte. Sie musste jetzt nur noch dafür sorgen, dass er nicht erfuhr, wo die Schuhe geblieben waren, die Fietje ihm vom Strand mitgebracht hatte. Und natürlich durfte ihm niemals zu Ohren kommen, dass man ihm einen Mord zugetraut hatte. Sie musste so bald wie möglich wieder einen Besuch in Käptens Kajüte machen. Aber natürlich allein! Tove musste einsehen, dass er ihr nicht anlasten konnte, mit Francesco verwandt gewesen zu sein. Und sie konnte von ihm verlangen, dass er die Antipathie, die er für Giovanna empfand, nicht auf sie übertrug.
Gerade als Carolin vorschlug, sich nun den Blümelein zu widmen, die längst im Mondschein schliefen, störte Felix die außerplanmäßige Chorprobe erneut. Er erschien mit dem schnurlosen Telefon in der Küche und drückte es seiner Schwester ans Ohr. »Für dich!« Die Blümelein mussten allein weiterschlafen, das Telefongespräch hatte Vorrang. Carolin saß mit staunenden Augen da, während sie zuhörte. Zunächst wirkte sie sehr betroffen. »Oh, das tut mir leid!« Dann aber änderte sich ihre Miene, und Röte stieg in ihre Wangen. »Glaubt sie wirklich, dass ich das kann?« Am anderen Ende redete jemand lange und eindringlich, dann sagte Carolin: »Gut, wenn sie es möchte, mache ich es natürlich. Wird sie denn zum Chorwettbewerb wieder gesund sein?« Sie nickte mehrmals, dann verabschiedete sie sich: »Danke, Herr Ingwersen. Und liebe Grüße an Vera.« Sie blickte ihre Großmutter an, als hätte sie ein Telefonat mit Andy Borg vom Musikantenstadl geführt. »Dass sie mir das zutraut!«
»Was ist passiert?«
»Vera ist krank. Irgendwas mit dem Kreislauf, sagt ihr Mann. Sie kann die Chorprobe heute Abend nicht leiten.«
»Zwei Tage vor dem Wettbewerb?«, stöhnte Giovanna. »Das ist ja schrecklich.«
»Aber ich darf sie vertreten«, meinte Carolin strahlend, die angesichts dieses Vertrauensbeweises nicht viel Mitleid mit Vera aufbringen konnte. »Weil ich die Einzige bin, die richtig Noten lesen kann. Außerdem hätte ich eine natürliche Autorität, meint sie, und ein gutes Gefühl für die Wirkung eines Chorliedes.«
»Das hat sie auch gesagt?«, staunte Mamma Carlotta.
Carolin nickte. »Ich soll mir alle Unterlagen, die ich für heute Abend brauche, aus der Muschel II holen. Am besten, wir fahren eine Stunde früher zur Chorprobe, dann kann ich mich noch vorbereiten.«
Mamma Carlotta nickte bereitwillig, aber Giovanna winkte ab. »Ich habe noch zu tun. Meurer-Entertainment Italia muss weiterlaufen. Ich muss noch etwas mit Enzo besprechen. Aber zur Chorprobe werde ich pünktlich da sein.«
»Findest du den Weg nach Keitum?«, fragte Carolin.
»Wenn die Taxifahrer auf Sylt keine Idioten sind, müsste es klappen.« Giovanna sah grinsend zwischen Carolin und Mamma Carlotta hin und her. »Habe ich euch schon gesagt, dass ich eine Überraschung für euch habe?«
Mamma Carlotta schüttelte den Kopf. »Was ist es?«
»Wenn ich es verrate, ist es ja keine Überraschung mehr.«
Carolin blickte beseelt aus dem Fenster und sagte langsam und nachdenklich: »Ich habe auch eine Überraschung für euch.«
»Und die willst du ebenfalls nicht verraten?«, fragte Mamma Carlotta.
»Doch! Ich will nicht mehr Sängerin, sondern Chorleiterin werden.«
»Ich finde, Sie sollten netter zur Ihrer Schwiegermutter sein!« Sören sah seinen Chef vorwurfsvoll an. »Dass es nichts mehr bringt, nach dem Mann mit den großen Füßen zu suchen, dafür kann sie nichts. Wir müssen froh sein, dass sie die Schuhe gefunden hat. Nun wissen wir, dass uns jemand vorgegaukelt hat, der Mörder wäre ein Mann mit großen Füßen. Dafür sollten Sie ihr dankbar sein.«
Sie hatten am Postgebäude an der Kjeirstraße halt gemacht, wo es eine Bäckerei mit einem Stehcafé gab. Erik hatte sich geweigert, seinen Espresso zu Hause einzunehmen, weil direkt nach dem Mittagessen die Vorbereitungen für die Chorprobe begannen, die Carolin leiten sollte. »In einem kühlen Grunde« wollte Erik auf keinen Fall bleiben, das hatte er laut und unmissverständlich verkündet – aber wenig Eindruck hinterlassen.
»Dann eben nicht«, hatte Giovanna ungerührt entgegnet.
Erik wünschte, er hätte darauf bestanden, sie im Strandhotel unterzubringen. Seit ihrer Ankunft wurde in seinem Hause noch häufiger, noch lauter, noch durchdringender gesungen. Dass er seine Ruhe haben wollte, wenn er heimkam, interessierte niemanden: Giovanna nicht, Carolin aus Prinzip nicht, ja, nicht einmal Mamma Carlotta! Erik musste schon froh sein, dass sie bereit gewesen war, für ihn noch einmal bei Adriano Girotti in Neapel anzurufen.
»Anscheinend hatte Susala wirklich nichts mit Francescos Machenschaften zu tun«, meinte Erik, während er mit Sören an einem Stehtisch stand und seinen Kaffee schlürfte.
»Das hätten Alviso und Follini gewusst«, bestätigte sein Assistent. »Aber wie Sie schon sagten … der Mord an Francesco hat vielleicht gar nichts mit den Erpressungen zu tun.«
Erik nickte schwer, schwieg, starrte nach draußen auf die Straße und strich ausgiebig seinen Schnauzer glatt. »Ich bin ratlos, Sören«, sagte er schließlich. »Ich weiß gar nicht mehr, wo wir ansetzen sollen. Alviso und Follini haben gestanden, das hat Girotti vorhin meiner Schwiegermutter berichtet. Aber nur den Totschlag an Henner Jesse. Mit dem Mord an Utta Ingwersen wollen sie nichts zu tun haben.«
Sören winkte ab. »Das hatten wir doch schon. Das eine war Totschlag und das andere Mord. Einen Mord gesteht man erst, wenn einem nichts anderes übrig bleibt. Oder war es vielleicht Francesco selbst, der Utta Ingwersen umgebracht hat?«
Ein dunkler Wagen hielt auf dem Parkstreifen vor der Bäckerei, und der Chefredakteur des Inselblattes, beladen mit vielen Briefen, ging ins Postgebäude. Erik sah ihm nachdenklich hinterher. »Glauben Sie, dass Arne Ingwersen den Tod seiner Mutter gerächt und Francesco umgebracht hat?«
»Oder Vera Ingwersen hat den Tod ihrer Schwiegermutter gerächt?«, fragte Sören zurück.
»Oder Willem Jäger hat als Freund der Familie den Erpresser beseitigt?«
»Hatten wir nicht gesagt, Francescos Tod muss nichts mit den Erpressungen zu tun haben?«
»Richtig! Aber was kommt als Motiv infrage?«
»Liebe und Eifersucht! Die klassischen Mordmotive!«
»Wer liebt wen, und wer war eifersüchtig?«, fragte Erik.
»Arne Ingwersen liebte seine Kellnerin und hatte Angst, sie an den Jugendfreund zu verlieren.«
»Dann hat Susala also gelogen, als sie behauptete, sie habe mit Francesco nichts mehr am Hut gehabt?«
»Gelogen hat sie, weil sie ahnt, wer Francesco umgebracht hat. Arne Ingwersen!«
»Sie will ihn nicht verraten. Aber warum nicht?«
»Weil er ihr leidtut. Weil sie sich mitschuldig fühlt.«
Wieder entstand Stille. Draußen hupte ein empörter Autofahrer, weil ein anderer ihm einen Parkplatz vor der Nase weggeschnappt hatte, und die Verkäuferin erklärte einem Kunden mit einer Lebensmittelallergie die Zutaten des Bienenstichs.
»Wie wär’s«, meinte Sören, »wenn wir heute Nachmittag zu Frau Jesse fahren würden? Sie sollte endlich wissen, dass der Tod ihres Mannes aufgeklärt ist.«
Erik nickte. »Und wenn mir bis morgen nicht eingefallen ist, wie ich diesen Fall löse, dann gehe ich zur Staatsanwältin und bitte sie um den Einsatz einer Sonderkommission.«
Sören sah ihn unglücklich an. »Wenn Sie das tun, werden Sie bei ihr unten durch sein.«
Erik zuckte die Achseln. »Immer noch besser, als mit dem Gedanken zu leben, dass ein Mörder frei herumläuft, dem ich nicht auf die Schliche gekommen bin.«
Der Wind war am frühen Nachmittag eingeschlafen, seitdem war die Luft milde und trug den Geruch des Spätsommers über die Insel. Eigentlich war er schon verloren gegeben worden unter den eiskalten Böen, die mit spitzen Fingern nach allem griffen, was vom Sommer übrig geblieben war. Nun aber war zu spüren, dass der Herbst noch nicht die Herrschaft übernommen hatte, dass er noch darum kämpfte, sie dem Sommer abzunehmen. Hoch aufgerichtet konnten sie nach Keitum fahren, mussten sich nicht klein machen, sich nicht gegen den Wind stemmen.
Arne Ingwersen wirkte nervös, als er Mamma Carlotta und ihre Enkelin begrüßte. Zum Glück hatte er nichts gegen die Anwesenheit Mamma Carlottas einzuwenden. Es schien ihm sogar zu gefallen, dass Carolins Eifer so weit ging, dass sie sich die Unterstützung ihrer Großmutter gesichert hatte.
Er führte sie ins Büro, öffnete einen Schrank und zog eine Schublade hervor. »Hier bewahrt Vera alles auf, was den Inselchor betrifft«, sagte er zu Carolin. »Ich hoffe, du kommst klar. Leider muss ich weg, und Vera liegt im Bett und kann nicht aufstehen. Ihr Kreislauf ist am Boden. Ihr wird schwindelig, wenn sie sich erhebt. Sie muss strikte Bettruhe einhalten.«
»Ist es so schlimm mit ihr?«, fragte Mamma Carlotta mitfühlend und dachte an den Brief, den Vera erhalten hatte.
Arne nickte. »Aber sie hat Medikamente verschrieben bekommen und meint, dass sie morgen wieder auf den Beinen ist.«Er ging zur Tür und wies noch einmal auf die herausgezogene Lade. »Vera hält große Stücke auf dich, Carolin. Sie meint, du wirst das schon machen. Die Noten für den Wettbewerb liegen in der blauen Mappe.«
Carolin machte sich darüber her und stellte alles zusammen, was sie für die Chorprobe brauchte. Es war ihr anzusehen, dass das Lob ihrem Tatendrang einen kräftigen Schub versetzt hatte.
Währenddessen sah Mamma Carlotta sich um. Sie ging zum Fenster, betrachtete den gepflegten Garten und dachte daran, wie sie dort Zeuge eines Streits zwischen Arne und Vera Ingwersen geworden und am Ende auf Willem Jäger gestoßen war. Warum er sich wohl wirklich im Garten aufgehalten hatte? Vielleicht hatte er die Ingwersens belauscht und es nicht zugeben wollen?
Sie wanderte gedankenvoll an den Regalen entlang, in denen die Akten in Reih und Glied standen. Vera hatte sie so weit wie möglich nach hinten geschoben, damit vor ihnen Platz für gerahmte Fotos war. In der Mitte stand das größte, eindrucksvollste, das Hochzeitsfoto: Vera in einem karamellfarbenen Brautkleid mit einem Mieder, das an ihre zahllosen Dirndl erinnerte. Wie ein Sahnebonbon sah sie aus, rund, appetitlich, lecker. Daneben ihr attraktiver Mann, groß und schlank, ernst, von einer Schönheit, neben der eine Frau schon froh sein konnte, wenn sie zum Anbeißen aussah, so wie Vera. Zum ersten Mal, seit Mamma Carlotta die beiden kannte, fiel ihr auf, dass sie ein ungleiches Paar waren. Tatsächlich passte die bildhübsche Susala besser zu Arne Ingwersen als seine bodenständige Ehefrau. Ob Arne sich für Vera nur deshalb entschieden hatte, weil sie gut fürs Geschäft war? Und weil sein Vater, dessen Rat ihm über alles ging, ihn zu dieser Verbindung ermutigt hatte?
Hinter dem Hochzeitsfoto standen mehrere Ordner mit der Aufschrift «Bewerbungen«. Zwischen H–K und N–P gab es eine Lücke. Der Ordner mit den Bewerbungen L–M war entnommen worden. Also der, in dem auch die Bewerbung von Susanna Larsen abgeheftet sein musste. Mamma Carlotta sah sich um und fand ihn sofort: Er stand auf einem schmalen Sideboard neben dem Fenster, wo auch Prospekte lagen und einige Entwürfe des Mittagsmenüs.
Während Carolin eine Melodie vor sich hinsummte und mit kleinen Gesten dazu dirigierte, arbeitete Mamma Carlotta sich unauffällig zu dem Ordner vor und schlug ihn auf. Zuoberst war die Bewerbung eines Kochs mit dem Namen Dennis Landmann abgeheftet, weiter ging es mit Ben Mehring und Gaby Mensing. Die Bewerbung von Susanna Larsen fehlte.
»Hoffentlich denke ich daran, dem Bass rechtzeitig die Einsätze zu geben«, sagte Carolin, ohne den Blick von den Noten zu nehmen. »Vera sieht die drei immer schon zwei Takte vorher scharf an, damit sie aufpassen und nicht von ihrem Einsatz überrascht werden. Ob ich das auch schaffe?«
»Naturalmente«, gab Mamma Carlotta unkonzentriert zurück.
Carolin sah auf und bemerkte, dass ihre Großmutter die Schublade von Veras Schreibtisch aufzog. »Nonna, was machst du da? Du kannst doch nicht in Veras Schreibtisch herumschnüffeln.«
»Ich schnüffle nicht, ich ermittle!« Mamma Carlotta sah mit einem Blick, dass ihr Gefühl sie nicht getäuscht hatte. In der Schublade lag Susanna Larsens Bewerbung, als hätte Vera Ingwersen sie noch vor Kurzem angesehen.
»Das Ermitteln ist Papas Sache, nicht deine!«
»Ich helfe ihm eben, wo ich kann.« Mamma Carlotta zog die Bewerbung hervor und schlug sie auf.
»Leg das sofort wieder zurück!« Carolin machte Anstalten, ihrer Nonna den Hefter aus der Hand zu reißen. »Das geht dich nichts an.«
Mamma Carlotta gab sich einsichtig und schlug die Bewerbungsmappe wieder zu. »Ist ja schon gut.«
Beruhigt wandte Carolin sich ab und widmete sich erneut den Noten. Sie griff nach einem Bleistift und fügte Zeichen ein, damit sie während der Probe nichts vergaß. »Gut, dass ich schon mal dirigiert habe«, murmelte sie. »Das ist nämlich gar nicht so einfach.«
Diesmal nahm sie die Zustimmung ihrer Großmutter zur Kenntnis, ohne aufzublicken, daher sah sie nicht, dass Mamma Carlotta die Bewerbung ein zweites Mal aufgeschlagen hatte. Carolin wurde erst wieder aufmerksam, als sie einen erstickten Schrei hörte.
»O Dio! Com’è possibile?«
Erik beugte sich tief über seinen Kaffee, Sören machte es genauso. Und beide kehrten sie dabei der Brot- und Kuchentheke den Rücken zu, wo ein Mann stand und nach einem belegten Brötchen verlangte. »Eine Hälfte mit Käse, die andere mit Leberwurst.«
Käsebrötchen waren vorrätig, aber die zweite Brötchenhälfte musste erst zubereitet werden. Währenddessen sah sich der Mann in der Bäckerei um … und erkannte die beiden Polizeibeamten trotz ihrer Bemühungen, sich unsichtbar zu machen.
Sören bemerkte als Erster, dass ihre Tarnung aufgeflogen war. Er richtete sich auf und sagte: »Ich fahre dann mal nach Wenningstedt in die Jesse-Stuben.«
Menno Koopmann, der Chefredakteur des Inselblattes, stellte sich prompt an seinen Platz. »Hallo, Wolf! Prima, dass ich Sie hier treffe. Sonst wäre ich in einer Viertelstunde zu Ihnen ins Revier gekommen!«
Dort hätte ich dich rauswerfen können, hier nicht, dachte Erik grimmig und trank seine Tasse leer, um zu zeigen, dass sein Aufenthalt in dieser Bäckerei beendet war.
»Was ist eigentlich mit den beiden Raubmorden?«, fragte Menno Koopmann. »Man hört nichts, man sieht nichts, die Staatsanwältin gibt keine Pressemitteilungen raus …«
Dass Menno Koopmann einen guten Draht zu Frau Dr. Speck hatte, machte ihn für Erik keineswegs sympathischer. In diesem Fall jedoch schien es ein Vorteil zu sein. Dass der Chefredakteur die Sylter Polizei noch nicht mit Fragen zu den Todesfällen Jesse und Ingwersen bestürmt hatte, konnte nur daran liegen, dass die Staatsanwältin ihn zurückgehalten hatte. Und anscheinend wusste er auch nichts von Francesco Corrados Tod. Erstaunlich, dass diese Neuigkeit noch nicht zu ihm durchgesickert war.
Erik entschloss sich, auf jegliche Wahrheitsliebe zu pfeifen. »Wir stehen kurz vor einer Festnahme«, behauptete er.
Koopmann überhörte den Ruf der Verkäuferin, die ihm seine zweite Brötchenhälfte geschmiert hatte. »Was meinen Sie mit ›kurz davor‹? Sie wissen also, wer es war? Aber Sie haben den Kerl noch nicht erwischt?«
Erik betrachtete sein grobes Gesicht, das schlecht rasierte Kinn, die kleinen schlauen Augen, die grobporige Nase, dann entschloss er sich, freundlich zu sein. »Die Morde wurden von Italienern begangen«, erklärte er. »Die beiden haben sich in ihre Heimat abgesetzt. Aber die Auslieferung erfolgt in Kürze, dann werden wir bald mehr wissen über den Tathergang.«
»Wieso sagt die Staatsanwältin mir das nicht?«, fragte Menno Koopmann entgeistert.
»Weil die Sache nicht an die große Glocke gehängt werden soll, bevor wir die Kerle wieder in Deutschland haben«, antwortete Erik. »Und ich rate Ihnen dringend, vorher keine Silbe davon zu drucken.«
Koopmann grinste. »Und was kriege ich dafür? Eine Exklusivstory?« Er schrieb mit der rechten Hand eine Schlagzeile in die Luft. »Hauptkommissar Wolf packt aus! Die Leser des Inselblattes erfahren es aus erster Hand!«
»Geht in Ordnung.« Erik trug seine Tasse zu dem Geschirrwagen, der für die Aufnahme des benutzten Geschirrs bereitstand.
So schnell und glimpflich war ein Treffen mit Menno Koopmann noch nie abgelaufen. Unter anderen Umständen hätte Erik niemals eine Frage an ihn gerichtet, die privater Natur war, aber Koopmann war naturgemäß immer gut informiert und kannte Hinz und Kunz auf Sylt. Daher blieb Erik auf dem Weg zur Tür an der Theke stehen, wo der Chefredakteur gerade seine belegten Brötchen in Empfang nahm. »Eine Frage noch, Herr Koopmann … haben Sie schon einmal von einer Familie Silbereisen auf Sylt gehört?«
Koopmann starrte ihn an. »Auf Sylt? Nö! Ich kenne nur Florian Silbereisen. Aber der kommt aus Bayern!«
Erik war überrascht. Aus Bayern stammte der Junge? Erstaunlich, dass ihm gar kein Dialekt aufgefallen war!
Bevor er weiterfragen konnte, fügte Menno Koopmann an: »Singen kann der wie kein Zweiter! Also, ich finde den Jungen großartig.«
»Und … persönlich?«
Koopmann zuckte die Achseln. »Persönlich kenne ich ihn nicht. Aber ich finde, das ist ein sympathischer Bursche!« Er lachte. »Warum fragen Sie mich das?«
»Nur so!« Erik fühlte sich leichter, als er die Bäckerei verließ. Zwar gab er sonst nichts auf Koopmanns Meinung, aber in diesem Fall gefiel sie ihm so sehr, dass er zu ignorieren beschloss, von wem sie stammte. Er war erleichtert, dass es jemanden gab, der Carolins Freund sympathisch fand. Dass er gut singen konnte, hatte er sich schon gedacht, sonst wäre er nicht Mitglied des Inselchors geworden. Vielleicht war ein talentierter Bursche, der einem schon von Berufs wegen kritischen Menschen wie Menno Koopmann gefiel, doch der richtige Freund für seine Tochter?
Mamma Carlotta fiel es während der Chorprobe nicht nur schwer, sich aufs Singen zu konzentrieren, sie war ausnahmsweise auch unfähig, uneingeschränkten Stolz auf ihre Enkelin zu empfinden. Dabei hätte sie Grund genug gehabt. Carolin meisterte ihre Aufgabe souverän, es gab sogar einige Chormitglieder, die sich zutuschelten, dass sie die geborene Chorleiterin sei und beinahe noch besser als Vera Ingwersen. Immer wieder flogen Carolins Augen zu ihrer Nonna, um sich dort bestätigen zu lassen, dass sie alles gut und richtig machte, aber Mamma Carlotta gelang es jedesmal nur mit Mühe, ihr das anerkennende Lächeln zu schenken, das Carolin zu Recht erwartete. Sie war einfach nicht fähig, an etwas anderes zu denken, als an das, was sie in Susalas Bewerbungsmappe gesehen hatte.
Carolin hob die Arme, sämtliche Sänger waren mucksmäuschenstill, und auf ihr Zeichen begannen alle zu singen – nur Mamma Carlotta nicht. Erst als Carolin sie strafend ansah, riss sie sich zusammen … und sang prompt mitten in eine Pause hinein, sodass die Probe unterbrochen werden musste. Alle anderen lachten, als die Großmutter von ihrer Enkelin getadelt werden musste, Mamma Carlotta selbst allerdings konnte sich nicht einmal ein Lächeln abringen. Sie schämte sich entsetzlich. Da war Carolin auf dem besten Wege, ihre ersten Sporen als Chorleiterin zu verdienen, und sie, ihre Nonna, könnte ihr helfen, indem sie auf jede ihrer Gesten achtete, damit das Ergebnis ihrer Arbeit sich hören lassen konnte! Und was tat sie? Sie patzte! Sie musste sich endlich zusammenreißen! Nach der Chorprobe würde Zeit genug zum Nachdenken sein. Jetzt musste sie singen! Das richtige Lied, die richtige Strophe, in der richtigen Tonlage!
Zum Glück rettete Giovanna die Familienehre. Carolin hatte allen Grund, stolz auf diese Verwandte zu sein, die ihre Erwartungen nicht nur erfüllte, sondern sogar übertraf. Ein paar Mal musste ein Lied unterbrochen werden, weil die anderen Chormitglieder vor lauter Ergriffenheit das Singen vergaßen, sobald Giovanna einsetzte. Ihre Stimme war ausdrucksvoll und hatte ein erstaunliches Volumen. Als sie »Amazing Grace« sang, dachte niemand mehr an Utta Ingwersen. Giovanna sang stolz und frei, voller Konzentration auf die Melodie, mit der sie ihre Zuhörer berauschte. Aber war das ein Wunder? Giovanna war ja selbst unberührt geblieben von dem, was sie beobachtet hatte. Ganz im Gegensatz zu Mamma Carlotta …
Als Giovanna in Keitum eintraf, war Carlotta noch immer völlig konfus, wohl auch deshalb hatte Giovannas Bemerkung bei ihr eingeschlagen wie eine Bombe. »Während ich den Taxifahrer bezahlte, fuhr gerade Vera Ingwersen vom Parkplatz. Hieß es nicht, sie sei krank?«
Mamma Carlotta hatte sie entgeistert angestarrt. »Das kann nicht sein. Ihr Mann hat gesagt, sie liege im Bett und könne nicht aufstehen.«
»Dann hat sie eine Zwillingsschwester.«
»Oder es ging ihr so schlecht, dass sie zum Arzt musste«, überlegte Mamma Carlotta.
»Immerhin ging es ihr gut genug, um ihr eigenes Auto zu benutzen.« Giovanna lachte. »Schau nicht so konsterniert, Carlotta! Hast du noch nie eine Krankheit vorgeschoben, wenn du Zeit für etwas Verbotenes brauchtest? Oder für etwas, was niemand wissen sollte? Oder weil du keine Lust hattest, eine Einladung anzunehmen?«
Mamma Carlotta brauchte nicht lange nachzudenken. Richtig, wenn die Haushälterin des Pfarrers zum Essen einlud, hatte sie gelegentlich Kopfschmerzen vorgetäuscht, um zu Hause bleiben zu können, weil das Essen im Pfarrhaus derart fett war, dass sie lieber unter der Lüge litt als später unter einer Gastritis. Aber dass für Vera Ingwersen etwas wichtiger sein konnte als eine der letzten Chorproben vor dem Chorwettbewerb, das erschien ihr undenkbar. Und wenn es tatsächlich etwas Wichtigeres für sie gab – was konnte es dann sein?
Vielleicht ein weiterer Versuch, ihren Mann mit der schönen Kellnerin in flagranti zu erwischen? Aber Susanna Larsen war pünktlich zur Chorprobe erschienen. Mit ihr konnte Veras Verschwinden also nichts zu tun haben. Dafür vielleicht mit dem Brief, den Vera erhalten hatte? Womöglich hatte sie durch ihn erfahren, dass Susala, die Geliebte ihres Mannes, eine Mörderin war? Und Vera hatte sich daraufhin die Personalakte vorgenommen und den Beweis entdeckt, der auch Mamma Carlotta sofort ins Auge gesprungen war. Der Beweis, dass Susala Utta Ingwersen auf dem Gewissen hatte.
Kein Wunder, dass das Kettchen, das Sandra zum Geburtstag bekommen war! Es hatte dort nie im Verkauf gelegen! Harm Ingwersen hatte sich geirrt. Auf dem Passfoto war es ganz deutlich zu erkennen, das Kettchen mit dem Kreuz, das Utta Ingwersen in der Stunde ihres Todes fest umklammert hatte. Also hatte sie es nicht sich selbst in ihrer Not abgerissen, sondern ihrer Mörderin!
Der Fall wäre gelöst, wenn Erik davon wüsste. Aber wie sollte Mamma Carlotta ihm den entscheidenden Tipp geben? Dann müsste sie verraten, dass sie in Susannas Bewerbungsunterlagen geschnüffelt hatte. Nein, nur das nicht! Erik konnte sehr harsch reagieren, wenn Mamma Carlotta sich in seine Arbeit einmischte. Sie musste einen anderen Weg finden, ihn auf die richtige Spur zu bringen. Aber welchen? Carolin klatschte in die Hände und kündigte eine Pause von einer Viertelstunde an. Sie sah ihre Nonna mit großen Augen an, wartete auf Lob, auf Anerkennung, auf die Zusicherung, dass sie die Probe hervorragend geleitet hatte, aber noch immer war Mamma Carlotta nicht imstande, ihr zu geben, was sie brauchte. Mit einer hastigen Geste gab sie Carolin zu verstehen, dass sie dringend die Toilette aufsuchen müsse, und lief aus dem Probenraum. Sie brauchte Ruhe! Sie musste zwei, drei Minuten ungestört nachdenken.
Die schöne Susanna Larsen war eine Mörderin! Und Erik glaubte nach wie vor, Utta Ingwersen sei von Francescos Leuten umgebracht worden, um den Wünschen einer mafiösen Vereinigung Nachdruck zu verleihen, die gar keine war. Wenn sie ihm nicht half, würde er in ein paar Wochen noch auf der falschen Fährte herumirren.
Mamma Carlotta lehnte am Waschbecken, die Arme vor der Brust verschränkt, und war noch immer zu keinem Ergebnis gekommen, als plötzlich die Tür aufgerissen wurde. Eine junge Frau stürzte herein, die Hand vor den Mund geschlagen. Einen Augenblick später, gerade noch rechtzeitig, beugte sie sich über eine Toilettenschüssel und würgte alles heraus, was sie zu sich genommen hatte. In der Eile war sie nicht einmal dazu gekommen, die Tür hinter sich zu schließen.
Zwei Schritte, und Mamma Carlotta hätte ihr Beistand leisten, ihr tröstend die Hand auf den Rücken legen und ihr sanft zureden können. Aber Mamma Carlotta regte keinen Finger. Einer Mörderin helfen? Mamma mia! No!
Susanna würgte immer noch, als die Tür erneut aufsprang und Giovanna auf der Türschwelle erschien. Vermutlich war sie Susanna sofort gefolgt, aber auf ihren Pfennigabsätzen hatte sie deren Vorsprung natürlich nicht aufholen können.
»Susala!«, rief sie und stand schon hinter der jungen Frau, die sich nun aufrichtete und über die Stirn strich. »Poverina!«
Fürsorglich geleitete sie Susanna zum Waschbecken, schob Carlotta unwirsch zur Seite und stellte für Susanna den Wasserhahn an. Mit einem ärgerlichen Blick strafte sie Mamma Carlotta für ihre mangelnde Hilfsbereitschaft.
Noch während Susanna sich mit beiden Händen das Wasser ins Gesicht schlug, fragte Giovanna: »Du bist schwanger, vero?«
Susanna antwortete nicht, aber ihr Schweigen war Giovanna Antwort genug. »Das ist ja wunderbar!«, rief sie. »Meraviglioso! Wie traurig, dass Francesco das nicht mehr erleben durfte! Aber so wird doch etwas von ihm bleiben, wenn wir ihn zu Grabe getragen haben!«
Susanna richtete sich auf, starrte Giovanna kurz an, dann nahm sie die Papiertücher entgegen, die Giovanna eilig aus einem Spender gezogen hatte, und begann sich das Gesicht abzutrocknen.
»Mach dir keine Sorgen«, redete Giovanna weiter. »Wir werden für das Kind da sein. Meine Schwester wird sich über den Enkel freuen. Du wirst nicht allein sein mit dem Baby. Selbstverständlich gehörst du zur Familie, wenn es auch … wenn es auch zur Hochzeit … nicht mehr gekommen ist.« Während der letzten Wörter war sie unsicher geworden. »Warum siehst du mich so komisch an?«
Susanna sah Giovanna nicht komisch an, sondern so, als wollte sie ihr den Hals umdrehen. Mamma Carlotta lief eine Gänsehaut den Rücken herunter, obwohl Susannas Blick nicht ihr galt. Sie war sicher: So hatte die schöne Kellnerin auch Utta Ingwersen angesehen, kurz bevor sie zuschlug.
»Lass mich in Ruhe!«, stieß Susanna hervor. »Wann kapierst du endlich, dass ich mit Francesco nichts mehr am Hut hatte? Ich war mal in ihn verliebt, ja. Aber da war ich noch ein Kind. Und ich habe mich gefreut, ihn wiederzusehen, ja. Aber nicht lange! Einen halben Tag habe ich gebraucht, um zu merken, dass er ein Arschloch war!«
»Aber … aber, Susala …«, stotterte Giovanna.
»Wenn das Kind, das ich erwarte, von Francesco wäre, hätte ich es längst abgetrieben!«
»Madonna!«, flüsterte Giovanna. »Aber Francesco hat doch gesagt …«
Susanna ließ sie nicht aussprechen. »Der hat viel gesagt, wenn der Tag lang war. Er kam sich ja so großartig vor, weil er neuerdings Kohle hatte. Der meinte, darauf müsste jede Frau abfahren. Ich habe ihm hundertmal gesagt, dass ich ihn nicht heiraten werde. Und er hat hundertmal geantwortet, dass ich schon merken würde, dass ich in Wirklichkeit nur ihn liebe.« Sie ging zur Tür und warf einen Blick zurück, der so voller Abneigung war, dass Giovanna keinen Ton mehr herausbrachte und Mamma Carlotta wie erstarrt dastand. »Dem Kerl weine ich keine Träne nach.«
Nun fand Mamma Carlotta plötzlich ihre Stimme wieder: »Warst du es vielleicht sogar, die ihn umgebracht hat?«, fragte sie aus einer Eingebung heraus.
»Gute Idee!«, kam es spöttisch von Susanna zurück. »Da hätte ich selbst drauf kommen können.«
Giovanna griff sich ans Herz, als die Tür hinter Susanna ins Schloss gefallen war. »Wie kann sie nur so etwas Schreckliches sagen?«
»Es blieb ihr ja nichts anderes übrig«, gab Mamma Carlotta aufgebracht zurück. »Wie kannst du immer wieder davon anfangen, dass Francesco und Susala heiraten wollten!«
»Aber Francesco hat es doch gesagt!«
»Und du hast es geglaubt, weil es dir gut in den Kram passte!« Mamma Carlotta trat so dicht vor Giovanna, dass die zu schielen begann. »Ich hab’s dir doch gesagt: Susanna Larsen hat ein Verhältnis mit ihrem Chef.« Sie hatte langsam und betont gesprochen und ergänzte nun: »Hast du es jetzt endlich kapiert?«
Giovanna nickte, wie ein Kaninchen nicken mochte, wenn die Schlange es fragte, ob es einen letzten Wunsch hätte, bevor es gefressen wurde. Daraufhin trat Mamma Carlotta einen Schritt zurück. »Wenn Susala ein Kind erwartet, dann ist es von Arne Ingwersen.«
Giovanna musste sich am Waschbecken festhalten, weil ihre Absätze sie nicht mehr trugen. »Die arme Vera!«, stöhnte sie.
»Ja, die arme Vera«, wiederholte Mamma Carlotta.
Doch wo mochte Vera Ingwersen sich aufhalten, um den vielen Lügen auf die Spur zu kommen, die ihr das Leben schwer machten?
Der nächste Tag war Freitag, der Tag vor dem Chorwettbewerb. Mit Carolin war kein vernünftiges Wort mehr zu reden, sie dachte nur noch in Noten und Taktschlägen. Selbst nachdem sie erfahren hatte, dass Vera Ingwersen zwar noch nicht gesund, aber doch auf dem Wege der Besserung sei. Jedenfalls wollte sie, wenn eben möglich, den Chor während des Wettbewerbs leiten. Doch sie hatte Carolin am Telefon gebeten, sich vorsichtshalber darauf einzustellen, für sie einzuspringen, falls ihr Kreislauf noch einmal zusammenbrechen sollte.
Kein Wunder, dass Carolin von Lampenfieber geplagt wurde! Als beim Frühstück Felix’ Nutellaglas einem Notenblatt zu nah kam, war es zu einem heftigen Streit gekommen. Daraufhin hatte Felix ohne sein Nutellabrot das Haus verlassen und verkündet, dass er nie und nimmer zu diesem blöden Wettbewerb gehen werde, auch nicht, wenn seine Schwester damit den Grundstein für ihre Karriere legte. »Wenn ich später als Fußballer berühmt bin, werde ich niemandem erzählen, dass ich eine Schwester habe, die Volksmusik trällert. Das ist ja nur peinlich!«
Der Streit war nach der Schule weitergegangen, sodass Mamma Carlotta irgendwann wortlos nach ihrer Jacke gegriffen und das Haus verlassen hatte. Das war ja nicht auszuhalten! Die Kinder zankten sich, Carolin ließ ihr Lampenfieber an der gesamten Familie aus, Felix wütete gegen alles, was aus einer hübschen Melodie und schönen Reimen bestand, und Erik war derart missgelaunt, dass sogar Sören es an diesem Tag vorgezogen hatte, Mamma Carlottas Kochkunst zu entsagen und die Mittagspause ohne seinen Chef zu verbringen. Mit Giovanna war überhaupt nicht zu reden. Sie hockte stundenlang mit ihrem Mobiltelefon hinter geschlossener Tür, redete mit Enzo Meurer und antwortete, wenn man sie fragte, nur mit dem geheimnisvollen Wort: »Überraschung!«
Zornig stieg Mamma Carlotta aufs Rad. Jetzt fehlte nur noch, dass Tove, der alte Griesgram, ihr den Rotwein verweigerte! Dann würde sie glatt zum Inselblatt gehen, diesem unsympathischen Chefredakteur erzählen, dass Susanna Larsen eine Mörderin war, und gleichgültig bei allem zusehen, was dann geschah.
Tove war gewiss kein Mensch, der sich durch besondere Sensibilität auszeichnete, aber als Mamma Carlotta vor seiner Theke erschien, begriff er schnell, dass er es sich an diesem Tag mit seinem Lieblingsgast ein für allemal verscherzen konnte. Er hatte längst eingesehen, dass er ihr bei ihrem letzten Besuch Unrecht getan hatte. Natürlich konnte sie nichts dafür, dass sie mit dem Erpresser entfernt verwandt war, das war ihm bald aufgegangen. Zu spät, hatte er schon befürchtet. Deswegen war er jetzt heilfroh, weil sich herausstellte, dass Mamma Carlotta sich noch keine andere Stammkneipe gesucht hatte. Wenn er es mit der Freude auch nicht übertreiben wollte, so brummte er doch immerhin ziemlich aufgeräumt: »Moin, Signora! Rotwein aus Montepulciano gefällig?«
Er wartete ihre Antwort nicht ab, sondern holte die Flasche aus dem Vorrat und schenkte ihr ein. So viel, dass sie Mühe hatte, das Glas an den Mund zu führen, ohne etwas zu verschütten. Sie merkte, dass sie sich bereits besser fühlte. Die Ruhe in Käptens Kajüte tat ihr gut. Dass sich hier der Andrang der Kunden zu fast jeder Tageszeit in Grenzen hielt, war wirklich sehr angenehm. So dauerte es auch nicht lange, bis ihre Redseligkeit geweckt wurde. Bis Tove alles erfahren hatte, was sie zurzeit bedrückte, dauerte es dann allerdings noch eine ganze Weile. Doch das war nicht schlimm, Tove hatte ohnehin wenig zu tun. Es reichte, wenn er darauf achtete, dass die Zigeunersoße warm blieb, denn er hatte Zigeunerschnitzel mit Pommes als Tagesempfehlung auf die Tafel vor der Tür gesetzt.
Als Carlotta fertig war, bewies er, dass er gut zugehört hatte. »Welches Motiv hat denn diese Susala?«, fragte er.
Mamma Carlotta räumte ein, dass es nicht auf der Hand lag, auch sie hatte eine Weile darüber nachdenken müssen. »Aber nun ist es mir klar. Susala steckte mit Francesco unter einer Decke. Sie ist in sein Geschäft eingestiegen, nachdem die beiden sich hier auf Sylt wiedergetroffen hatten.«
»So ein Miststück!«, schimpfte Tove, der den finanziellen Verlust, den die Erpressung ihm eingetragen hatte, noch längst nicht verschmerzt hatte.
»Utta Ingwersen muss ihr auf die Spur gekommen sein«, fuhr Mamma Carlotta fort. »Und aus Angst, dass sie ihrem Sohn etwas verraten würde, hat Susala sie umgebracht.«
Tove nickte zögernd. »Oder Utta Ingwersen hat herausbekommen, dass Susala und Arne was miteinander haben und wollte die Ehe ihres Sohnes retten. Sie hat verlangt, dass die beiden sich trennen. Und Susala hat dann dafür gesorgt, dass sie den Mund hält. Für immer!«
»Auch möglich«, gab Mamma Carlotta zu. »Jedenfalls hat sie sich ausgerechnet, dass sie ein eher geringes Risiko eingeht. Denn natürlich hat sofort jeder daran gedacht, dass die Mafia sich an Harm Ingwersen gerächt hat.«
»Indem sie seine Frau umbringt.« Tove schob anerkennend die Unterlippe vor. »Ganz schön clever! Und warum musste der Scheißkerl, der mich erpresst hat, auch dran glauben?«
»Weil er gemerkt hat, dass Susala Utta Ingwersen umgebracht hat. Und weil er spitzkriegte, dass die Mafia in Verdacht geriet – also er selbst!«
»Und das wollte er nicht auf sich sitzen lassen. Es kam zum Streit, und – schwups! – hat die saubere Lady ihm den Schädel eingeschlagen! Donnerlittchen!«
»Vielleicht ist er auch dahintergekommen, dass sie mit Arne ein Verhältnis hat«, überlegte Mamma Carlotta weiter. »Und er hat von ihr verlangt, es aufzugeben. Ansonsten wollte er dafür sorgen, dass die Polizei einen Wink bekommt, wer wirklich hinter Utta Ingwersens Tod steckt.«
»Auch denkbar! Nur … wie sollen wir das beweisen?«
In diesem Moment betrat ein Kunde die Imbiss-Stube. Zum Glück war er mit einem eiskalten Bommerlunder schnell abgefertigt. Als Tove die Flasche wieder in der Kühlung verstaute, sagte er: »Es wäre gut, wenn man wüsste, was in dem Brief steht, den Vera Ingwersen bekommen hat.«
Mamma Carlotta nickte. »So, wie sie reagiert hat, muss es etwas Schlimmes gewesen sein.«
»Aber wo mag sie ihn versteckt haben?«
Mamma Carlotta dachte lange nach, dann sagte sie: »Es würde mich nicht wundern, wenn er noch da liegt, wo sie ihn hingesteckt hat: neben der Kasse unter dem Einwickelpapier.«
Tove sah sie ungläubig an. »Ausgerechnet dort?«
»Gerade dort! Um die Perlenmuschel kümmert sich niemand. Nur Vera! Dort ist der Brief sicherer als in ihrer Wohnung, wo Arne ihn finden könnte.«
Mamma Carlotta hatte nicht gemerkt, dass sich die Tür zu Käptens Kajüte erneut geöffnet hatte. Erst als Fietje sich neben sie auf einen Barhocker schob, stellte sie fest, dass sie nicht mehr mit Tove allein war.
»Ich bin vor einer Stunde an der Perlenmuschel vorbeigekommen«, erzählte Fietje. »Da hängt ein großes Schild an der Tür: ›Wegen Krankheit geschlossen!‹« Er sah von einem zum anderen und bemerkte, dass es in Mamma Carlottas Gesicht arbeitete und Tove scharf nachdachte. »Es gibt da eine Tür an der Rückseite des Hauses, deren Schloss nicht mehr funktioniert. Die führt in einen Abstellraum, den niemand benutzt. In dem steht ein Regal, das fast leer ist. Deshalb kann man es leicht zur Seite rücken. Dahinter ist eine Tür, die in den Toilettenraum der Perlenmuschel führt.«
»Woher wissen Sie das?«, staunte Mamma Carlotta.
»Weil er ein gottverdammter Spanner ist!«, antwortete Tove an Fietjes Stelle, aber es klang nicht so aggressiv wie sonst, sondern eher so, als ginge es um eine Unart, über die man lächelnd den Kopf schüttelt.
Fietje ergänzte: »Ich habe mal gesehen, wie die hübsche Kellnerin aus der Muschel II dort eingedrungen ist.«
»Ein zusätzlicher Beweis!« Mamma Carlotta strahlte. »Wenn das so einfach ist, machen wir das auch!«
»Wir?«, fragte Tove gedehnt.
Mamma Carlottas Lächeln fiel in sich zusammen. »Sie wollen mich doch nicht alleinlassen?«
Tove sah so aus, als wollte er nichts lieber als das, aber dann brummte er doch: »Also gut, ich komme mit.«
»Es wird ganz schnell gehen«, versicherte Mamma Carlotta. »Wir sehen unter dem Einwickelpapier nach, und wenn der Brief dort nicht ist …«
»… gehen wir wieder und trinken hier den Rotwein aus«, schlug Tove vor.
»Nein, dann durchsuchen wir die Schränke in der Perlenmuschel. Ich bin sicher, dass Vera den Brief irgendwo dort aufbewahrt.«
»Und wenn wir ihn nicht finden, nehmen wir wenigstens die Kasse mit, damit sich der Einbruch gelohnt hat.«
Carlotta sah Tove empört an. »Sie müssen mir versprechen, dass Sie nichts anrühren! Und schon gar nichts mitnehmen!«
»Wenn ich erwischt werde, wird mir niemand glauben, dass ich nichts geklaut habe. Also kann ich genauso gut was mitgehen lassen.«
»Tove!«, sagte Mamma Carlotta streng, als hätte sie einen Sohn im Flegelalter vor sich.
»Schon gut«, wehrte Tove ab, doch Mamma Carlotta schien nicht besonders beruhigt.
»Am besten, wir machen es heute Abend«, schlug sie vor. »Nach der Chorprobe! Dann wird es bald dunkel.« Sie dachte kurz nach, dann nickte sie bestätigend. »Carolin wird noch einiges mit Vera zu besprechen haben, sofern die überhaupt wieder einsatzfähig ist. Wenn nicht, wird Carolin erst recht eine Menge zu organisieren haben.«
»Und Ihre schreckliche Verwandte?«, fragte Tove. »Die darf mir nicht in die Quere kommen.«
Carlotta winkte ab. »Giovanna nimmt immer ein Taxi. Und wenn ich später nach Hause komme als Carolin und Giovanna, wird mir schon was einfallen. Ich habe Frau Kemmertöns getroffen oder die Kassiererin von Feinkost Meyer oder …« Sie unterbrach ihre Aufzählung. »Es wird ja nicht lange dauern!«
»Wollen wir’s hoffen!«, seufzte Tove und sah jetzt so entschlossen aus wie damals vor Gibraltar, als er sich als Einziger schwimmend an Land rettete. »Ich komme mit dem Lieferwagen nach Keitum und warte in der Nähe der Teestube auf Sie. Dann laden wir Ihr Fahrrad ein und sind im Nu in Westerland.«
Erik saß am Schreibtisch und brütete vor sich hin. Schließlich holte er seine Pfeife heraus und klopfte sie aus. Er betrachtete sie eine Weile, dann steckte er sie kalt in den Mund. Das war zwar kein Ersatz für das Paffen, für die Rauchwölkchen, die zur Zimmerdecke stiegen, für den Tabakduft, aber es ging ihm trotzdem besser, als er auf dem Pfeifenstiel herumkauen konnte.
Das Telefongespräch mit Harm Ingwersen hatte nicht viel gebracht. Natürlich war er gleich misstrauisch geworden, als Erik ihn auf seinen Sohn ansprach. »Was wollen Sie von Arne?«
Vorsichtig hatte Erik ihn nach Arnes Verhältnis zu seiner Mutter gefragt, und Harm Ingwersen hatte widerwillig geantwortet: »Das war nicht besonders. Nicht wirklich schlecht, aber … irgendwie kühl. Es hat mir oft wehgetan, wenn Arne seine Mutter von der Seite ansah, als fürchtete er sich vor ihr.«
»Er fürchtete sich?«
»Das habe ich nicht gesagt. Aber er hat sie manchmal so angesehen. Irgendwie war da kein Vertrauen zwischen Mutter und Sohn.« Und dann hatte sich seine Stimme geändert, war scharf und knapp geworden: »Sie können mir sicherlich erklären, warum Sie nach meinem Sohn fragen?«
Nein, Erik konnte es nicht. Oder besser … er wollte es nicht. Stattdessen stellte er eine weitere Frage, vorsichtig, zögernd, weil es ihm eigentlich peinlich war, Harm Ingwersen derartige Fragen stellen zu müssen. »Wie beurteilen Sie die Ehe Ihres Sohnes? Ist sie gut?«
»Natürlich ist sie das«, kam es heftig zurück.
»Natürlich?«
»Sie ist gut! Eine ganz normale Ehe.«
»Kann es sein, dass Ihr Sohn eine Geliebte hat?«
»Nein, völlig unmöglich.«
Ehe Harm Ingwersen sich erkundigen konnte, wie Erik zu dieser ungeheuerlichen Frage kam, hatte der sich schon für die Antwort bedankt, sich verabschiedet und aufgelegt.
Ärgerlich biss er auf seinem Pfeifenstiel herum. Wie konnte er nur! Was dachte Harm Ingwersen jetzt von ihm? Wenn sein Sohn eine Affäre hatte, würde der Vater der Letzte sein, der davon erfuhr. Erstaunlich genug, dass Harm Ingwersen so ehrlich Auskunft über das Verhältnis seines Sohnes zu seiner Mutter gegeben hatte. Kühl war es gewesen. Also konnte man nicht davon ausgehen, dass Arne Ingwersen sich aus Verzweiflung über ihren Tod an ihrem Mörder gerächt hatte.
Nach dem Gespräch mit Harm Ingwersen war Erik nichts anderes eingefallen, als Enno Mierendorf damit zu beauftragen, Arne eine Weile zu beobachten. »Sein Tagesablauf, seine Gewohnheiten, seine Kontakte. Na, Sie wissen schon.«
Als das Telefon nun klingelte, legte Erik erst sorgsam seine Pfeife beiseite, ehe er abnahm. Es war Enno Mierendorf.
»Haben Sie was herausgefunden?«, fragte Erik.
»Nicht wirklich«, kam es zögernd zurück. »Arne Ingwersen hat sich mit einem Freund getroffen. Mit Willem Jäger, dem Leiter der Tanzschule. Die beiden sind gemeinsam weggefahren.«
»Wohin?«
»Zum Morsumer Kliff. Vor der Gaststätte Morsum-Kliff sind sie rechts abgebogen und dann den Weg fast bis zum Ende gefahren. Den Weg, der oberhalb der Bahnlinie entlangführt und dann zur Tischlerei.«
»Den kenne ich.«
»Noch vor der Tischlerei haben sie den Wagen abgestellt.«
»Sind sie ausgestiegen?«
»Nein. Aber ich kann die beiden nicht erkennen. Ich weiß nicht, was sie tun. Wenn ich näher rangehe, werden sie mich sehen. Was soll ich jetzt machen?«
Erik seufzte. »Kommen Sie am besten zurück. Das bringt ja alles nichts.«
»Okay, Chef!«
Erik wollte schon auflegen, da merkte er, dass Mierendorf zögerte. »Sind Sie noch dran?«, fragte er.
»Ja, warten Sie mal, da kommt gerade ein Wagen … er hält in der Nähe … eine Frau steigt aus … Vera Ingwersen! Sie geht zu dem Auto, in dem ihr Mann mit Willem Jäger sitzt.«
Erik saß plötzlich aufrecht da. »Das ist merkwürdig. Eigentlich ist sie so krank, dass meine Tochter ihr die Chorleitung abnehmen musste. Wie sieht sie aus? Gleichgültig? Erregt? Oder ganz normal?«
»Erregt, würde ich sagen. Sie geht sehr schnell. Und sie bewegt sich so geschickt auf den Wagen zu, dass sie von den Männern weder in den Außenspiegeln noch im Rückspiegel gesehen wird.«
Es war tatsächlich so einfach, wie Fietje gesagt hatte. Die Dämmerung war noch nicht zur Dunkelheit geworden, als sie sich hinter das Gebäude der Perlenmuschel schlichen. Nur wenige Autos standen dort, und mehrere Türen führten ins Gebäude, in die Küche, in den Getränkekeller, in die Privatwohnung von Harm Ingwersen.
»Wir dürfen uns hier nicht lange aufhalten«, flüsterte Tove. »Hier kann jederzeit einer auftauchen.«
Sie fanden die Tür sehr schnell, die in den Abstellraum führte. Tove schob Mamma Carlotta hinein, blieb selbst aber zurück. »Mir war, als hätte ich was gehört«, sagte er leise. »Ich sehe mich um, dann komme ich nach.«
Mamma Carlotta huschte in den Abstellraum und lauschte mit angehaltenem Atem. Draußen knirschten Toves Schritte, dann war alles still. Hoffentlich waren sie nicht beobachtet worden! Toves Lieferwagen war auffällig. Wer ihn gesehen hatte, würde wissen, dass Tove nach Westerland gefahren war und in der Nähe der Muschel I, vor der Kirche St. Christophorus, geparkt hatte. Vorsichtshalber waren sie getrennt zur Perlenmuschel gegangen, um wenigstens nicht gemeinsam gesehen zu werden. Aber Mamma Carlotta war bis zu diesem Augenblick sicher gewesen, dass alle Vorsichtsmaßnahmen überflüssig waren. Sie war niemandem begegnet, den sie kannte, niemand war auf sie aufmerksam geworden.
Die Tür öffnete sich, Tove erschien. »Die Luft ist rein. Ich dachte, ich hätte im Gebüsch was gehört, aber da war nichts.«
Mamma Carlotta nickte zufrieden. Gemeinsam schoben sie das Regal zur Seite, und Tove öffnete die Tür, die dahinter zum Vorschein gekommen war. Sie huschten in den Toilettenraum und von dort in die Perlenmuschel.
»Perfetto«, sagte Mamma Carlotta zufrieden.
Im Verkaufsraum war es dämmrig, aber nicht finster. Tove konnte darauf verzichten, seine Taschenlampe anzumachen, die Straßenbeleuchtung sorgte für ausreichend Helligkeit. Mamma Carlotta huschte zur Kasse, neben der das Einwickelpapier aufgestapelt war. Hell und gut sichtbar. Ihre Hand tastete darunter, kurz darauf hielt sie Tove den Brief hin. »Wie ich’s gesagt habe!«
Sie zogen sich hinter eine der Vitrinen zurück, wo sie von der Straße aus nicht gesehen werden konnten. Nicht einmal die Taschenlampe, die Tove jetzt anmachte, würde von dort zu erkennen sein. Er beleuchtete den Umschlag, Carlottas Hände, die das Blatt herauszogen und schließlich die wenigen großen Buchstaben, mit denen das Blatt bedeckt war. Ein computergeschriebener Brief, mit einem Tintenstrahldrucker ausgedruckt. Die Unterschrift fehlte.
»Ein anonymer Brief«, sagte Tove leise.
Beide starrten sie die Zeilen an, lasen sie, dann noch einmal und sahen sich schließlich ratlos an. Mamma Carlotta stöhnte. »Das kann doch nicht wahr sein!«
Tove war nicht minder erstaunt. »Verstehen Sie das?«
Ehe Mamma Carlotta den Kopf schütteln konnte, löschte Tove plötzlich das Licht seiner Taschenlampe. »Pscht!«
Im selben Moment war nur die Stille zu hören, das Rauschen in den Ohren. Dann erst kroch das Geräusch heran, das Tove aufgeschreckt hatte. Ein Knistern, ein kurzes Knarren, dann das Scharren eines Schuhs. Anschließend wieder Stille, aber eine Stille, die anders war als die Stille vorher. Nun war sie ein Erstarren, ein Luftanhalten, ein rasender Herzschlag.
Beim nächsten Geräusch schaffte Tove es, die Taschenlampe aufflammen zu lassen. Und nun sahen sie, dass ihnen jemand gefolgt war.
»Fietje, du Idiot!«, stöhnte Tove. »Wie kannst du uns so erschrecken?«
Fietje stand da wie ein begossener Pudel. »Ich wollte nur …«, begann er zu stottern.
»… uns belauschen? Oder sehen, ob ich wirklich nichts Wertvolles mitgehen lasse?«
Fietje schüttelte den Kopf. »Ich wollte Bescheid sagen, dass ich was gesehen habe. Diese Frau, von der die Signora gesprochen hat. Die Kellnerin aus der Muschel II.«
Schon stand Mamma Carlotta neben Fietje und griff nach seinem Arm. »Wo haben Sie Susala gesehen?«
»Hier!« Fietje machte eine vage Bewegung mit dem Arm. »Ganz in der Nähe. Sie ist nebenan eingedrungen.«
»Nebenan? Was meinst du damit?«, fragte Tove.
»Bei Harm Ingwersen. Sie hat es erst an der Tür versucht, die in die Wohnung führt, aber die war abgeschlossen. Dann hat sie einfach ein Fenster eingeschlagen und ist in den Gang eingestiegen, der dahinter liegt. Am Ende gibt es eine Treppe, die in Harm Ingwersens Wohnung führt.«
»Madonna!« Mamma Carlotta stand schon neben der Tür, die Hand auf der Klinke. »Jetzt ist Harm Ingwersen dran! Sie will ihn auch umbringen!«
Tove hielt sie zurück. »Keine vorschnellen Entschlüsse! Warum sollte sie das tun?«
»Was weiß ich! Vielleicht ist er ihr auf die Schliche gekommen, und sie will verhindern, dass er zur Polizei geht.«
»Aber warum sollte er …«
»Ist doch egal, Tove!«, unterbrach Mamma Carlotta ihn. »Diese Frau ist eine Mörderin! Und wenn sie irgendwo einbricht, führt sie nichts Gutes im Schilde! Das ist doch klar!«
Sie wollte Fietje zur Seite schieben, der sich ihr in den Weg gestellt hatte. Aber er wehrte sie ab. »Nicht so schnell, Signora! Ich habe da draußen was gehört. Im Gebüsch in der Nähe des Gartenzauns. Kann sein, dass wir nicht die Einzigen sind, die gemerkt haben, dass Harm Ingwersen in Gefahr ist.«
Mamma Carlotta dachte angestrengt nach. »Wenn es mein Schwiegersohn ist, der Susala auf frischer Tat ertappen und verhaften will, dann muss ich mich vorsehen. Er darf mich hier nicht erwischen.«
»Was sollen wir tun?«, fragte Tove. »Die Polizei alarmieren?«
Mamma Carlotta schüttelte den Kopf. »Besser, wir sehen selbst nach dem Rechten.«
Tove sammelte alle Kraft, die er brauchte, um zum Kavalier zu werden. »Ich gehe zuerst. Wenn nach zwei Minuten nichts passiert ist, folgen Sie mir.«
Mamma Carlotta nickte, Fietje nickte auch. Genau achtzig Sekunden lang sprachen die beiden kein Wort. Dann entspannten sie sich, weil es den Anschein hatte, als wäre Tove unbehelligt geblieben. Kein Geräusch drang von draußen herein, alles blieb still.
»Was war nun mit dem Brief?«, flüsterte Fietje. »Haben Sie ihn gefunden?«
Mamma Carlotta nickte. »Susala ist anscheinend doch nicht Arnes Geliebte. In dem Brief steht nämlich, Arne Ingwersen sei schwul. Und er hätte ein Verhältnis mit Willem Jäger!« In diesem Augenblick kam ihr der entscheidende Gedanke. »Ich hab’s! Susala ist in Wirklichkeit die Geliebte des Vaters! Er hat sich nicht geirrt, als er behauptete, das Kettchen in der Hand seiner Frau sei ihr eigenes gewesen. Er hat gelogen, um Susala zu schützen! Er wusste, dass es ihr Kettchen war!«
Fietje sah sie verständnislos an. »Und warum schlägt diese Susala jetzt ein Fenster ein, um zu ihm zu kommen?«
»Vermutlich, weil sie nicht mehr darauf bauen kann, dass er den Mund hält. Er hat verlangt, dass sie sich stellt. Er ist ein anständiger Mann, das weiß jeder. Und nun will sie ihn umbringen, bevor er sie verrät!«
Erik seufzte, strich sich ausgiebig seinen Schnauzer glatt, dann gab er es auf, Enno Mierendorfs Rückkehr zu erwarten. Der Ehestreit, den Mierendorf beobachtet zu haben glaubte, würde ihn nicht weiterbringen. Er stand auf, noch immer die kalte Pfeife im Mund, und ging zu Sören, der auch nicht glücklicher aussah als er selbst.
»Ich mache Feierabend, Sören.«
Sein Assistent schien sich noch nicht sicher zu sein, ob es ihm in seiner Junggesellenbude besser gefallen würde als in seinem Büro. »Haben Sie schon die Staatsanwältin angerufen und um die SK gebeten?«
Erik schüttelte den Kopf. »Erst mal bin ich froh, dass sie sich seit gestern Vormittag nicht mehr bei mir gemeldet hat. Wenn sie uns eine Sonderkommission vor die Nase setzt, dann will ich das wenigstens selbst in die Wege leiten.«
Sören nickte zustimmend. »Aber bis morgen Abend sollten Sie noch warten. Morgen ist der Chorwettbewerb. Carolin wäre sehr gekränkt, wenn Sie nicht dabei wären.«
»Ich glaube, das ist ihr völlig egal. Sie ist immer noch sauer auf mich.«
Über Sörens Gesicht ging ein breites Grinsen. »Wegen Florian Silbereisen?«
Ehe Erik antworten konnte, klingelte sein Handy, das er in der Jackentasche trug. Sören wollte sich wieder seiner Schreibtischarbeit widmen, bemerkte dann aber Eriks angespannte Miene und legte den Kuli zur Seite.
»Giovanna! Was ist los?« Während Erik lauschte, nahm er mit feierlicher Geste die kalte Pfeife aus dem Mund. »Bist du sicher?« Nun sah er Sören mit intensivem Blick an, dann warf er plötzlich die Pfeife achtlos auf seinen Schreibtisch. »Okay! Wir kommen! Am besten, du verschwindest sofort! Wir sehen uns später.«
Erik steckte das Handy ein, während er schon auf dem Weg zur Tür war. »Los, Sören! Endlich passiert was! Wir fahren mit Sonderrechten!«
»Tatütata!«, machte Sören, der nicht glauben konnte, dass endlich etwas wirklich Wichtiges geschehen war.
Als Tove zurückkehrte, wirkte er sehr angespannt. »Ich habe gehört, dass jemand weggelaufen ist. Mit sehr lauten Absätzen! Als hätte er keine Angst, gehört zu werden. Hoffentlich hat uns niemand bemerkt.«
»Und holt jetzt die Polizei«, fuhr Fietje fort und sah sehr besorgt aus.
Während Mamma Carlotta hinter Tove auf das Fenster zuschlich, das Susala eingeschlagen hatte, drehte sie sich zu ihm um. Aber von Fietje war nichts mehr zu sehen.
Zweifelnd betrachtete sie die Fensteröffnung. »Da passe ich nicht durch!«
Tove betrachtete sie prüfend, dann kam er anscheinend zu demselben Ergebnis. »Ich versuch’s«, sagte er, »und öffne dann die Tür von innen.«
Tove war zwar schlanker, dafür aber größer. Und da er ebenfalls die fünfzig überschritten hatte, war es mit seiner Beweglichkeit auch nicht mehr weit her. Schon das Erklimmen des Fenstersimses dauerte eine Weile, dann ließ er sich auf der Fensterbank nieder, hob vorsichtig die Beine auf die andere Seite und ließ sich dort zu Boden sacken. Das Geräusch, das dabei entstand, wurde zum Glück durch Motorengeräusche auf der anderen Seite des Hauses verschluckt. Das Türenschlagen überdeckte das Knirschen des Schlüssels, der sich im Schloss drehte. Die Tür war gut geölt und schwang leise auf.
»Kommen Sie«, zischte Tove.
Mamma Carlotta schlich hinter ihm den Gang entlang, bis sie vor einer Treppe ankamen, die ins Obergeschoss führte. Daneben befand sich die Haustür, die sich zur Straße öffnete, der offizielle Eingang zu Harm Ingwersens Wohnung.
Vorsichtig stahlen sie sich die Treppe hinauf, den Stimmen entgegen, die von oben herunterdrangen. Die Treppe war aus Holz, sie mussten behutsam auftreten. Jedes Mal, wenn eine Stufe knarrte, hielten sie erschrocken inne und warteten auf eine Reaktion. Aber nichts geschah. Schließlich waren sie vor einer Tür angelangt, die nur angelehnt war. Vorsichtig schob Mamma Carlotta sie einige Zentimeter weit auf. Sie konnte nun einen kleinen Teil des Wohnzimmers überblicken. Erschrocken hielt sie die Luft an. Harm Ingwersen konnte sie zwar nicht sehen, aber Susala! Und die stand da, mit einer Pistole in der Hand, und zielte auf jemanden, der Harm Ingwersen sein musste.
Nun war auch ihre Stimme zu hören: »Das Baby wird mich nicht hindern zu tun, was getan werden muss«, sagte sie. »Ich weiß nun genug, Harm! Es ist aus!«
»Was ist das für eine Pistole?«, fragte Harm Ingwersens Stimme. »Eine Attrappe? Ein Spielzeugmodell?«
»Lass es nicht darauf ankommen«, sagte Susala. »Sie gehörte Francesco. Er hat sie bei mir vergessen.«
»Was willst du von mir?«
»Die Hose, die du in der Nacht getragen hast, als Utta starb. Ich wollte sie eigentlich aus deinem Schlafzimmer holen, ohne dass du es merkst.«
»Was willst du mit meiner Hose?«
»Ich habe am nächsten Morgen Blut daran gesehen. Ich will, dass die Polizei herausfindet, woher dieses Blut stammt.«
»Blut?« Harm Ingwersen stieß ein Lachen aus, das verächtlich klingen sollte. »Ketchup! Dieser Tollpatsch von Koch …«
»Ich will diese Hose haben! Gib sie mir! Sofort!«
»Und wenn ich es nicht tue? Dann … erschießt du mich?«
Susalas Stimme bebte, als sie antwortete: »Es wäre Notwehr. Ich habe allen Grund, mich von dir bedroht zu fühlen.«
Mamma Carlotta runzelte die Stirn. Susala hatte Angst vor Harm? Warum? Obwohl Tove aufgeregt abwehrte, drückte sie die Tür noch weiter auf, bis sie einen Türspalt von knapp zehn Zentimetern vor sich hatten. Im Treppenhaus war es zum Glück dunkel, von drinnen würde man ihre Gesichter nicht erkennen.
Harm stand etwa zwei Meter von Susala entfernt, die Hände erhoben. »Wie könnte ich dir etwas antun!«, sagte er. »Ich liebe dich. Ich wollte dich glücklich machen.«
»Das hättest du gekonnt«, gab Susala leise zurück. »Aber du wolltest ja alles haben. Nicht nur mich, auch Uttas Geld und ihr Restaurant.« Sie machte einen kleinen Schritt nach vorn und gab damit den Blick auf die Tür frei, die von der Wohnung ins Restaurant führte.
Harm lachte bitter. »Ich bin nicht mehr jung genug, um noch einmal ganz von vorn anzufangen. Und wie lange würde dir das Leben mit mir gefallen, wenn ich dir nichts bieten kann?«
»Du unterschätzt mich.«
Mamma Carlotta sah, dass Susalas Hand mit der Pistole zitterte. Harm war auf sie zugetreten, Susala war sich ihrer Sache nicht mehr sicher.
»Die Gelegenheit war günstig«, hörte sie Harm sagen. »Die Polizei war sehr schnell der Meinung, dass die Mafia hinter dem Mord steckt. So, wie ich es vorausgesehen hatte. Diese Chance konnte ich nicht verstreichen lassen. Ich bin nun Witwer! Kein geschiedener Mann! Kein Mann, der sich von seiner langjährigen Ehefrau trennt, um eine Jüngere zu heiraten. Alle hätten mich für einen Idioten gehalten, der mit seinem Alter nicht zurechtkommt. Wer hätte mir schon geglaubt, dass ich dich liebe? Dass ich dich … wahnsinnig liebe?«
»Du hast Glück gehabt, dass du einen so guten Ruf genießt!«, stieß Susala hervor. »Sonst wäre Hauptkommissar Wolf sicherlich früher misstrauisch geworden.«
»Warum?«, kam es selbstbewusst zurück. »Mein Plan war perfekt.«
»Nicht ganz«, hielt Susala dagegen. »Was ist zum Beispiel mit dem Kettchen, das ich dir geschenkt habe? Ich hatte es zur Erstkommunion bekommen, es sollte dein Talisman sein!«
Nun klang Harms Stimme nicht mehr so überlegen. »Ich habe zu spät gemerkt, dass sie es mir abgerissen hat. Als Herr Wolf mich danach fragte, war ich froh, dass mir eine plausible Begründung eingefallen ist.«
Mamma Carlotta hatte genug gehört. Sie richtete sich auf und versuchte ein Ächzen zu unterdrücken. Ihr Kreuz schmerzte von der gebückten Haltung, in ihrem Kopf herrschte ein heilloses Durcheinander. Harm Ingwersen! Niemand hatte ihn in Verdacht gehabt, den redlichen, aufrechten Mann, der den Mut gehabt hatte, sich gegen die Mafia zu stellen.
Tove griff gerade zur Klinke, um die Tür wieder heranzuziehen, da ertönte plötzlich eine andere Stimme. Laut und schneidend. »Werfen Sie die Waffe weg!« In der Tür, die ins Restaurant führte, stand Erik, eine Waffe in der Hand, die er auf Susala richtete. Hinter ihm Sören, der ebenfalls eine Pistole im Anschlag hatte. »Waffe weg!«, wiederholte Erik. »Und wo ist Tove Griess?«
Mamma Carlotta fuhr herum und starrte Tove fragend an. Dem sackte die Kinnlade herab. Fassungslos hob er die Schultern.
Als Mamma Carlotta sich wieder zurückdrehte, sagte Erik: »Sie stecken mit Griess unter einer Decke, Frau Larsen?«
»Nein!« Susalas Stimme klang schrill. Sie machte ein paar vorsichtige Schritte zur Seite, drehte dem Türspalt, vor dem Mamma Carlotta hockte, nun den Rücken zu. Dunkle Flecken auf ihrer Bluse zeigten, dass sie schwitzte. Vor Angst? Wovor hatte sie Angst? Warum wiederholte sie nicht, was sie soeben zu Harm Ingwersen gesagt hatte?
Erik änderte seine Körperhaltung nicht. Weiterhin waren zwei Pistolenmündungen auf Susala gerichtet. »Sehen Sie doch ein, dass Sie keine Chance haben, Frau Larsen. Sie kommen hier nicht raus.«
»Das will ich auch nicht!«, schrie Susala. »Sie begreifen gar nichts!«
Dies war der Moment, in dem Mamma Carlotta mit einem Mal spürte, dass sie allein war. Aus der Stille in ihrem Rücken war ein leises Geräusch geworden. Das Klicken einer Tür. Fassungslos drehte sie sich um. Aber Tove Griess war tatsächlich verschwunden. Sollte sie ihm folgen? Darüber konnte sie nicht weiter nachdenken. Denn in diesem Augenblick fiel ein Schuss.
Sie fuhr herum, so plötzlich, dass sie beinahe das Gleichgewicht verloren hätte. Nur wenige Meter von ihr entfernt lag Susala auf dem Rücken, beide Arme zur Seite gestreckt, in der Rechten noch immer Francescos Pistole, über sich Harm Ingwersen, der sich anscheinend in ihre Arme geworfen hatte. Um sie zu hindern, auf ihn zu schießen? Oder hatte er sie mitnehmen wollen in seine Schuld? Womöglich sogar in den Tod?
Aber schon war Erik über ihm, zerrte ihn von Susala herunter und legte ihn auf den Rücken, während Sören Susala aufhalf. Ein Stöhnen entrang sich Harm Ingwersens Brust, als er sich in sein Schicksal ergab. Aus seiner Schulter sickerte Blut.
»Wir brauchen einen Krankenwagen!«, rief Erik.
Während Sören zu seinem Handy griff, machte Erik sich an die Notversorgung der Schusswunde. »Warum, Herr Ingwersen?«, hörte Mamma Carlotta ihn leise fragen. »Warum gerade Sie?«
Harm Ingwersen öffnete die Augen, sah aus, als wollte er eine Antwort geben, dann schüttelte er kaum merklich den Kopf und wandte den Blick ab, ehe er die Augen wieder schloss.
Mamma Carlotta trat vorsichtig den Rückzug an, während Sören den Krankenwagen herbeitelefonierte. Sie ließ den hellen Türspalt nicht aus den Augen, hinter dem eine Liebe zu Ende gegangen war, die vermutlich einmal Berge versetzen sollte. Ein älterer, aber attraktiver Mann, ein angesehener Bürger, ein Mann, der über jeden Zweifel erhaben gewesen war, und eine schöne, junge Frau, die ihn geliebt hatte bis zu dem Augenblick, in dem er nach den Sternen greifen wollte. Alles wollte er haben, alles. Nichts von dem hergeben, was er bis jetzt besessen hatte, und auf nichts verzichten, was er noch bekommen konnte. Damit hatte er alles verspielt.
Als Mamma Carlotta das Martinshorn des Krankenwagens hörte, drehte sie sich um und huschte die Treppe hinab. Vorsichtig sah sie sich um. Es wurde Zeit! Bald würde es hier wimmeln von Neugierigen. Die Mitarbeiter der Muschel I würden ihre Arbeit unterbrechen, die Gäste nicht mehr auf ihr Essen achten … dann musste sie weg sein. Wo nur Tove geblieben war? Hatte er sie etwa im Stich gelassen? War er in seinen Lieferwagen gestiegen und abgehauen? Wie sollte sie dann nach Hause kommen?
Mamma Carlotta lief eilig zur Straße, wo bereits die ersten Fenster aufgingen, als der Krankenwagen um die Ecke bog. Wie eine unbeteiligte Passantin ging sie ihm entgegen, ohne ihn weiter zu beachten. Sie würde sich eben ein Taxi nehmen. Inzwischen wusste sie ja, wie das ging. Und Dino würde einsehen, dass es sich hier um einen Notfall handelte.
Der Sylter Inselchor nahm Aufstellung. Die Chöre aus Husum, Flensburg und Niebüll hatten ihre Auftritte bereits hinter sich, jeder Chor mit nur mäßigem Erfolg. Der Husumer Dirigent hatte das zweite Chorlied abbrechen und noch einmal von vorne beginnen müssen, der Flensburger Chor war durch mehrere Krankheitsfälle stark geschwächt, und die Niebüller hatten sich ein Programm ausgesucht, das die Zuhörer zum Gähnen brachte. Als Höhepunkt ihrer Darbietung kündigten sie »Amazing Grace« an, gesungen von der dienstältesten Sopranistin, die ihr Bestes gab und sich das triumphierende Grinsen auf den Gesichtern der Inselchor-Mitglieder nicht erklären konnte …
Unter den Zuhörern wurde getuschelt, als Carolin ans Dirigentenpult trat. Im Inselblatt war am Morgen zu lesen gewesen, dass die Chorleiterin durch Krankheit verhindert sei, aber dass auch Harm und Arne Ingwersen an diesem Tag fehlten und die junge, hübsche Kellnerin der Muschel II ebenfalls, gab den Gerüchten Nahrung, die seit dem vergangenen Abend über die Insel flogen. Die St.-Severin-Kirche, in der der Chorwettbewerb stattfand, platzte aus allen Nähten, weil viele Zuhörer nur gekommen waren, um sich die Gerüchte bestätigen zu lassen. Diejenigen, die am Abend vorher den Krankenwagen vor der Muschel I gesehen hatten, waren dicht umlagert.
Giovanna drängte sich neben Carlotta, obwohl ihr Platz eigentlich in der ersten Reihe war. »Bist du mir immer noch böse?«, fragte sie und fuhr so hastig fort, dass Mamma Carlotta kaum Zeit zum Antworten hatte: »Ja, ich habe Erik angerufen und ihm gesagt, dass dieser schreckliche Wirt Francescos Mörder ist! Und dass er gerade bei Harm Ingwersen einsteigt! Für mich sah alles danach aus!«
»Für dich!«, wiederholte Mamma Carlotta vorwurfsvoll.
»Aber Erik hat ihn ja gar nicht gesehen. Stattdessen hat er Susala angetroffen. Er glaubt also, dass ich mich geirrt habe.«
»Dass du Susala und Tove Griess verwechselt hast?«
»Seitdem rät er mir zur Anschaffung einer Brille. Ich bin es also, die allen Grund hat, beleidigt zu sein!«
»Du hättest nicht nur Tove Griess, sondern auch mich in Schwierigkeiten bringen können«, zischte Carlotta zurück.
»Ich habe mir Sorgen um dich gemacht«, fauchte Giovanna. »So, wie der Kerl sich in der Imbiss-Stube benommen hat! Hast du vergessen, dass er mich mit dem Messer bedroht hat? Da musste ich doch Angst um dich haben, als ich sah, dass du in sein Auto stiegst.«
»Woher wusstest du überhaupt, wohin wir fahren wollten?«
»Ich habe dem Taxifahrer gesagt, er soll euch folgen. Und hinter der Perlenmuschel habe ich dann nur noch den unausstehlichen Wirt gesehen und dich nicht mehr. Dafür aber noch einen anderen Kerl, der ziemlich verlottert aussah. Ich dachte, dir wäre was zugestoßen. Capisci?« Sie stieß Mamma Carlotta in die Seite. »Dai, Carlotta! Hör auf zu schmollen! Freu dich auf die Überraschung!«
Mamma Carlotta starrte Carolin an, die mit zitternden Fingern in der Partitur blätterte. Sie hatte von Anfang an mental bei ihrer Enkelin sein wollen, ganz nah bei ihr, um sie zu stärken. Aber nun kam ihr dummerweise die Neugier dazwischen. »Was denn für eine Überraschung?«
Giovanna lächelte geheimnisvoll. »Die wird einschlagen wie eine Bombe. Ich habe lange auf Enzo einreden müssen, aber schließlich hat er doch dafür gesorgt, dass es heute einen Höhepunkt geben wird, mit dem niemand rechnet. Er hat seine Kontakte spielen lassen.«
Erik hielt nach Felix Ausschau, aber der hatte anscheinend seine Drohung wahr gemacht und war nicht zum Chorwettbewerb erschienen. Dafür aber sah er Sören den Mittelgang entlangkommen und sich suchend umblicken. Sein Assistent war bereit gewesen, an diesem Morgen die Vernehmungen zu führen, damit Erik sich ganz und gar dem großen Moment seiner Tochter widmen konnte. Er winkte Sören zu und rutschte näher an seine Nachbarin heran, damit auch er noch Platz in der Bankreihe fand. »Gibt’s was Neues?«
Sören nickte. »Vor einer Stunde hat er auch den Mord an Francesco gestanden. Mit Susalas Handy und in ihrem Namen hat er ihn zum Strand bestellt. Francesco hat geglaubt, er hätte Susala endlich da, wo er sie haben wollte. Ob er noch gemerkt hat, dass Harm Ingwersen in viel zu großen Schuhen kam, werden wir nicht mehr erfahren.«
»Was hat er zu den Doppelkreisen gesagt?«, fragte Erik flüsternd.
»Damit wollte er sichergehen, dass der Verdacht auf die Mafia fällt.«
»Warum hat es ihm nicht gereicht, seine Frau umzubringen? Damit hatte er doch alles, was er wollte. Er war frei für seine junge Geliebte und noch immer so vermögend wie vorher.«
»Er hatte Angst vor Francescos Reaktion!«, antwortete Sören. »Was hätte der gemacht, wenn ihm aufgegangen wäre, dass er für den Mord an Utta Ingwersen herhalten sollte? Harm Ingwersen konnte nicht wissen, dass wir die Informationen über die Mafia unter der Decke halten würden.«
Erik nickte. »Und einen lästigen Rivalen war Harm Ingwersen damit auch gleich los. Ein Aufwasch sozusagen.« Er verzog das Gesicht, wieder stieg die Bitterkeit in ihm hoch. Für Harm Ingwersen hätte er die Hand ins Feuer gelegt! Sören wollte noch etwas sagen, aber Erik schüttelte den Kopf, denn Carolin hob die Arme, und in der Kirche wurde es mucksmäuschenstill. Die Sänger des Inselchors sahen ihre junge Chorleiterin aufmerksam an und warteten auf ihren Einsatz. In Erik blähte sich ein unbändiger Stolz auf, der nur durch die ebenso gewaltige Sorge am Platzen gehindert wurde, dass irgendwas schiefgehen und aus der großen Ehre, die seiner Tochter zuteil werden sollte, ein traumatisches Erlebnis würde. Sein Blick fiel auf Carolins Freund, den er nicht einmal mehr in Gedanken beim Vornamen nannte. Es rührte ihn, wie zärtlich der Junge seine Tochter anblickte, wie seine Augen strahlten, wie zuversichtlich er war und wie groß sein Zutrauen in Carolins Leistung. Nun, da die Mordfälle geklärt waren und die täglichen Chorproben ein Ende hatten, musste er sich darum kümmern, zu Carolin wieder das liebevolle Verhältnis aufzubauen, das früher selbstverständlich gewesen war. Und ihren Freund würde er dann hoffentlich auch von seinen besten Vorsätzen überzeugen können.
Der Inselchor sang unter Carolins Leitung dem Sieg entgegen. Mit jedem Lied fiel ein bisschen mehr Angst von Erik gab, und die Sorge, dass Carolin ein kapitaler Fehler unterlaufen könnte, vergaß er bald völlig.
»Wann hat Susala eigentlich begriffen, was gespielt wurde?«, fragte er Sören flüsternd, als das Publikum zwischen zwei Liedern applaudierte.
»Ziemlich bald«, raunte Sören zurück. »Spätestens, als wir bei ihr waren und sie nach ihrem Handy gefragt haben, wusste sie, was passiert war. Aber geahnt hatte sie es schon vorher und hat Harm oft heimlich beobachtet, um Beweise zu finden.«
»Und Vera Ingwersen? Was wusste die?«
»Die ahnte, dass ihr Mann sie betrog. Sie hatte Susala in Verdacht. Aber während sie versuchte, die beiden in flagranti zu erwischen, fand sie zufällig heraus, dass Susala in Wirklichkeit ein Verhältnis mit ihrem Schwiegervater hatte. Mit dem Mann, der über jeden Zweifel erhaben war! Den Arne so verehrte! Dessen Meinung ihm immer wichtiger war als die seiner Frau! Vera hatte nur deshalb nach dem Tod der Schwiegermutter die Perlenmuschel übernommen, um Gelegenheit zu haben, ihren Schwiegervater auszuspionieren und ihm nachzuweisen, dass er ein Verhältnis mit Susala hatte.«
»Und wie hat sie erfahren, dass ihr Mann sie in Wirklichkeit mit Willem Jäger betrog?«
»Durch einen anonymen Brief.«
Erik schüttelte unmerklich den Kopf. »Arne hat mir gestern Abend noch gestanden, dass seine Mutter die Einzige war, die durchschaut hatte, dass er schwul war. Sie hat damit gedroht, es seinem Vater zu verraten. Davon hat er sie nur abbringen können, indem er Vera heiratete. Seitdem glaubte sie, sich geirrt zu haben. Für Arne wäre es das Schlimmste gewesen, wenn sein Vater davon erfahren hätte.«
Sören lächelte spöttisch. »Sein Vater, das große Vorbild!«
Als Giovanna ihr erstes Solo gesungen hatte, schienen die Sieger des Wettbewerbs bereits festzustehen. Der Darbietung von »Amazing Grace« hätte es gar nicht mehr bedurft. Und Erik wäre es auch lieber gewesen, Giovanna hätte auf dieses Lied verzichtet. Die Enttäuschung, die der Niebüller Solosängerin ins Gesicht geschrieben stand, nahm jedenfalls seiner Freude über das gute Abschneiden des Inselchors einen Teil der Unbefangenheit.
Als die Jury sich zur Beratung zurückzog, schien der Höhepunkt bereits überschritten zu sein. Doch dann trat Giovanna ans Mikrofon und stellte sich als Vertreterin von Meurer-Entertainment vor. Ihr sei es gelungen, einen ganz besonderen Star für diese Veranstaltung zu gewinnen. Mit großer Geste zeigte sie den Mittelgang entlang. »Unser Überraschungsgast! Florian Silbereisen!«
Erik starrte Carolins Freund an, der sich nicht rührte und genau wie alle anderen neugierig zur Kirchentür blickte. Wieso war er der Überraschungsgast? Warum wurde er angekündigt wie ein Star? Und warum – um Himmels willen – tat er so, als ginge ihn das gar nichts an?
Erik verstand die Welt nicht mehr, als ein blonder junger Mann vors Publikum trat, der eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Freund seiner Tochter hatte. Und dass die Zuhörer von ihren Sitzen sprangen und frenetisch applaudierten, obwohl der junge Mann noch keinen Ton gesungen hatte, verstand er auch nicht.
Er hätte Sören gern gefragt, aber in diesem Augenblick tippte ihm jemand von hinten auf die Schulter. »Felix! Du bist doch gekommen?«
Sein Sohn grinste. »Du musst zugeben, dass er Michael Ohlsen ähnlich sieht. Und Volkslieder singt er auch.«
»Wer ist Michael Ohlsen?«, fragte Erik verwundert.
Felix verdrehte die Augen. »Caros Freund natürlich!«
»Ich denke, der heißt …«
Zum Glück kam ihm die entscheidende Erkenntnis gerade noch rechtzeitig, sodass er davor bewahrt wurde, den Satz zu Ende zu führen.