Mittwochabend, Mai 2007

Heute bekam ich einen Brief von Sandra mit der Kopie eines offiziellen Schreibens: »Der Generalbundesanwalt beim Bundesgerichtshof beantragt, die Revision der Angeklagten ­Andrea Schwarz gegen das Urteil der 1. Großen Strafkammer – als Schwurgericht – des Landgerichts« blablabla »als unbegründet zu verwerfen.« Blablabla. »Die Nachprüfung des Urteils aufgrund der Revisionsrechtfertigung hat keinen Rechtsfehler zum Nachteil der Angeklagten ergeben …« Folgen zwei eng­beschriebene Seiten, Unterschrift, Stempel.

Ich war fix und fertig von der Arbeit, hatte, wie jeden Tag, alle vier Stockwerke des gesamten Flügels geputzt, also Gänge, die hier Pisten heißen, Treppen, Geländer, Lampen … Ich konnte mich gerade so lange beherrschen, bis ich mein Duschbad und das Handtuch geschnappt hatte und in die Dusche floh, die glücklicherweise leer war. Unter dem warmen Wasserstrahl heulte ich los. Ich hatte wohl auf ein Wunder gehofft. Dabei hätte ich mir denken können, dass die kein Erbarmen kennen nach der Urteilsbegründung. In Sandras Begleitbrief steht, ich solle auf die Halbstrafe hoffen, um die ich nach sechs Jahren bitten könne. Sechs Jahre eingesperrt! Und dann wird es wieder nichts?

Zu dem Paragrafen 178, in dem es um Vergewaltigung in der Ehe geht, gehören auch alle möglichen Formen der sexuellen Nötigung. Aber das hat der Vorsitzende Richter, der mir von Anfang an höchst unsympathisch war, wohl übersehen. Und die Einlassungen meines Verteidigers zu diesem Punkt überhört. Scheiße! Was ist da nur falsch gelaufen!

Irgendwas finde ich an unserer Gerichtsbarkeit grundsätzlich fragwürdig. Wenn man nach einer Verhandlung vor einem Amtsgericht dagegen Berufung einlegt, rollt das zuständige Landgericht den ganzen Prozess von vorne auf, also Anklage, Zeugenvernehmungen, eventuelle Gutachter, alles noch mal. Beim Landgericht gibt es keine zweite Tatsacheninstanz. Bei einer Revision, die beim Bundesgerichtshof eingereicht wird, entscheiden die Richter dort den Fall nur nach Aktenlage. Das heißt, sie bekommen den oder die Angeklagten nie zu Gesicht, es geht bei der Prüfung des Urteils nur um eventuelle Verfahrensfehler. Und das wiederum heißt, dass ein Richter bei einem Landgericht urteilen kann, wie er will, ohne dass er jemandem darüber Rechenschaft ablegen muss. Quälen ihn gerade Magenschmerzen, ist seine Ehefrau abgehauen, hat er erfahren, dass sein Sohn Drogen nimmt, ist er also aus irgendeinem menschlich nachvollziehbaren Grund missgestimmt – ich kann mir vorstellen, das könnte womöglich ungünstig sein für die Angeklagte, über die er zu urteilen hat.

Andererseits: In welchem Land ist es besser? Denke ich zum Beispiel an Nord-Korea … Ach, ich weiß es auch nicht.

Ich heulte mit dem Wasser um die Wette, bis der Strahl versiegte. Reiß dich zusammen, Andrea. Du darfst dich hier auf keinen Fall gehenlassen, das ist eine Frage der Selbstachtung! Wer das tut, gibt sich auf. Und das darf nicht sein.

Ich drehte den Hahn auf kalt und stellte mich noch mal unter die Dusche. Los jetzt, abtrocknen, anziehen, vorwärts gucken. Wie sagte Mama immer? Mit einem langen Gesicht wird der Tag auch nicht kürzer. Und aus zwölf Jahren werden nicht weniger, wenn ich hier weiter rumheule. Sollte mir die Halbstrafe auch verwehrt werden, bleibt die Hoffnung auf eine Zwei-Drittel-Lösung, das sind acht Jahre. Dann bin ich 41, du, meine Julia, bist 16 Jahre alt.

Jetzt hab ich auch noch meine Tage. Den Slip wasche ich gleich mit kaltem Wasser aus, es ist mir peinlich, einen blutigen Slip in die Wäsche zu geben. Alle zwei Wochen, zum Wäschetausch, bekommen wir die einfachen Binden. Die sind zwar unbequem und verrutschen dauernd, aber Tampons müssen wir selbst kaufen, und sechs Euro für 32 Stück, das ist mir echt zu teuer. Wie das mit dem Einkaufen hier geht, erzähle ich dir später mal.

Zurück in der Hütte, gab es Mische. Sabrina und Penka waren aufeinander losgegangen wie die Irren, eine zerrte die andere an den langen Haaren, während die ihr ans Schienbein trat. Es dauerte eine Weile, bis ich dem Gekreisch entnahm, dass Penka Sabrina, oder war es umgekehrt, beschuldigte, Zigaretten geklaut zu haben. Anita hatte schon den Notknopf gedrückt, eine Beamtin erschien und nahm beide mit ins Büro. Nach zwanzig Minuten kamen sie einträchtig zurück, als sei nichts gewesen, eine bot der anderen eine Zigarette an, und dann trabten sie zu ihren bulgarischen Freundinnen. So was passiert alle naselang, die beiden gehen mir unglaublich auf die Nerven.

Hab ich schon erzählt, dass von 17 bis 19 Uhr Aufschluss ist? So nennt man das hier, dann sind alle Zellentüren offen, wir können uns auf dem Gang bewegen und uns gegenseitig besuchen.

Ich war froh, dass sie weg waren, hab mich auf mein Bett gelegt und über diesen Scheißtag nachgedacht. Und da fiel mir noch ein Satz von meiner Mama ein: Wenn ich die Situation nicht ändern kann, muss ich meine Einstellung dazu ändern. Also los, Andrea, sagte ich mir. Sieh vorwärts und denk darüber nach, was sich an der Situation verbessern lässt. Morgen werde ich ein Antragsformular ausfüllen und darum bitten, mir eine andere Arbeit zuzuweisen.

Und vielleicht sollte ich doch mal mit Anita am Sonntag in die Kirche gehen, um wieder ein bisschen Frieden zu finden. Sie hat mich schon mehrmals darauf angesprochen.