Vor zwei Wochen bekam ich Post, über die ich mich irre gefreut habe:
Nicole hat mir einen langen, Mut machenden Brief geschrieben. Wir kennen uns, seitdem wir laufen können. Ihre Familie wohnte unserem Haus gegenüber, von der ersten bis zur zehnten Klasse waren wir unzertrennlich.
Seit zwei Jahren arbeitet Nicole in einer kleinen Gemeinde nördlich von Oslo als Zahnarzthelferin. Auf ihre letzten beiden Briefe, die mir Sandra in die U-Haft gebracht hat, hatte ich nicht geantwortet, zu sehr habe ich mich geschämt. Sicher wird sie versucht haben, mich auf dem Handy zu erreichen, aber Handys sind im Knast verboten. Jedenfalls ist sie, als sie im Urlaub ihre Eltern besuchte, zu unserem Haus gefahren, und als sie den fremden Namen am Briefkasten las, zu Sandra und Micha. Ach, ich bin so froh, dass sie trotz allem meine Freundin bleibt! Sie hat sich mit Sandra abgestimmt wegen eines Besuchs, und gestern war sie da.
Die nette Beamtin hatte wieder Dienst, sie schaute aus dem Fenster, als Nicole und ich uns kurz umarmten.
Nicole weiß so viel von mir wie kaum jemand. Wie oft hab ich mich bei ihr ausgeheult! Und wie oft hat sie mir geraten, die Scheidung einzureichen! Immer wieder haben wir durchgespielt, was passieren könnte: Ein Jahr hätten Jochen und ich getrennt sein müssen von Tisch und Bett, bevor ich frei gewesen wäre. Zwölf Monate, die er mir zur Hölle gemacht hätte. Heute, mit dem Blick zurück, sage ich mir, dass das Pillepalle gewesen wäre im Gegensatz zu der jahrelangen Qual. Immer wieder hatte ich alle denkbaren Möglichkeiten mit Nicole durchgekaut. Ich hätte die erste Zeit sogar bei ihr wohnen können.
Natürlich fragte sie mich als Erstes, wie es mir geht. Und ich sagte ihr, wie schon meinem Papa: »Wie es in den Wald hinein schallt, schallt es heraus, ich bin zu allen freundlich, also werde ich auch freundlich behandelt. Mit mehr Respekt als in meiner Ehe. Und das Wichtigste: Es gibt niemanden mehr, dem ich zur Verfügung liegen muss.«
Und ich wollte natürlich erfahren, wie sie in Norwegen lebt. Sie arbeitet in einer kleinen Stadt bei einer jungen Zahnärztin, mit der sie sich gut versteht. Inzwischen könne sie sich schon auf Norwegisch verständigen. Die Menschen seien freundlich, gelassen, entspannt, die Landschaft weit und still. Nicole schwärmte von dem klaren Himmel, an dem nachts die Sterne glitzern wie nirgendwo in Deutschland. Mit dem Bus ist sie in einer Stunde in Oslo, einer sauberen Stadt am Meer, mit einem Hafen, den viele interessante Schiffe anlaufen, mit schönen Cafés, netten kleinen Geschäften und einigen Discos.
Bei ihrer Schilderung spürte ich einmal mehr, wie sehr ich eingesperrt bin. Ich dachte, wäre ich ganz normal draußen, könnte ich zu ihr reisen, wenn ich wollte. Dabei kam Jochen in meinen Gedanken komischerweise gar nicht mehr vor, der mich natürlich nie allein hätte reisen lassen, noch dazu ins Ausland. Es ist ein eklatanter Unterschied, ob man nicht reisen will oder ob man nicht kann. Wenn man nämlich will, aber nicht kann – aus welchen Gründen auch immer –, ist das ganz schön bitter.
Bevor ich darüber ins Nachdenken geriet, hab ich sie gefragt, ob oder wie lange sie dort bleiben will. Da strahlte sie noch mehr. Aha, meine Nicole ist verliebt. Finn heißt er, ist Kellner in einem nahe gelegenen Hotel. »Und wenn du hier raus bist«, sagte sie, »musst du uns unbedingt besuchen, ich organisiere dann für dich ein Zimmer bei Finn!«
Damit ist klar, dass sie bleibt, und das bittere Weh wich einer leisen Hoffnung: Irgendwann werde ich sie besuchen …
Fast am Ende der Besuchszeit kam sie noch mal auf das Thema Scheidung zurück. Warum ich sie damals zurückgezogen habe, wir hätten doch alles durchgekaut, und sie hätte mir beigestanden. Stattdessen hätte ich mich von ihr zurückgezogen. Warum? Sie streichelte meinen Arm und sah mich an.
»Ich habe mich vor dir geschämt, Nicole, weil du dir so viel Mühe mit mir gegeben hattest und ich dann so feige gewesen war. Warum, das frage ich mich heute auch oft. Jochen hatte gebettelt und gefleht und hoch und heilig versprochen, sich zu ändern. Gib mir eine Chance, ich liebe dich doch so sehr, du bist mein Ein und Alles … Und ich Kamel hab’s geglaubt.«
»Sag nie wieder Kamel oder dumme Kuh zu dir!«, sagte Nicole zu mir. »Du bist eine liebenswerte, kluge, tapfere Frau, merk dir das!«
»Aber wenn man immer wieder hört: So was Dämliches wie dich gibt’s nicht noch mal! Zu blöd zum Kochen, überhaupt einen Haushalt zu führen – dann glaubst du das irgendwann und traust dich gar nichts mehr.«
»Erinnerst du dich, wie du im nebelgrauen November mit einer Sonnenbrille rumgelaufen bist?«, fragte Nicole. »Denkst du, niemand hat gesehen, dass du damit ein blaues Auge versteckt hast?«
»Natürlich erinnere ich mich. Und wie ich mich geschämt habe. Wie ich einen Sturz erfunden hatte, den mir eh niemand glaubte.«
»Wie oft waren wir verabredet, und der Kerl hat dich nicht gehen lassen, weil du angeblich irgendwas im Haus machen solltest! Und wenn du es wirklich bis ins Café geschafft hast, kam er nach kurzer Zeit angetobt und brüllte dich an, wieso du wieder Geld für fette Eisbecher ausgeben musst, wo man doch sparen wollte, um die Schulden für das Haus abzuzahlen. Er hat dich behandelt wie Aschenputtel!«
Natürlich weiß ich das, aber ich wollte mich nicht erinnern. Nicht jetzt.
Nicole spürte es und erzählte wieder von ihrer Zahnärztin, von den netten Patienten. Natürlich sei in Norwegen alles viel teurer als hier, aber sie verdiene auch gut. Sie bewohnt ein Zimmer in einem großen Haus, auch ihre Vermieterin sei eine ganz Nette, die ihr häufig Obst oder kleine Leckereien hinstellt.
Die eine Stunde Besuchszeit war viel zu schnell um, aber Nicole versprach, im nächsten Jahr wiederzukommen. Und ich versprach, künftig ihre Briefe nur zu gern zu beantworten.
Als ich wieder in unserer Hütte war, hab ich mich aufs Bett gelegt und an die Decke gestarrt. Heike weiß dann, dass ich meine Ruhe haben möchte. Meine Gedanken drehten sich wieder einmal im Kreis. Wäre Nicole damals schon in Norwegen und dort ein bisschen sesshaft gewesen, hätte das für mich und Julia vielleicht eine Zuflucht sein können. Bis dorthin hätte Jochens langer Arm nicht gereicht. Obwohl er mehr als einmal gebrüllt hat: »Glaub bloß nicht, dass ich dich einfach so gehen lasse, ich finde dich überall! Du bist doch viel zu blöde, um ohne mich zurechtzukommen oder irgendwo neu anzufangen!«
Noch einmal durchlebte ich, wie er einmal in das Café stürmte, in dem ich mit zwei Kolleginnen saß. Er setzte sich stumm dazu. Natürlich war das Gespräch zwischen uns drei Frauen erledigt, was kann man schon erzählen, wenn daneben ein Kerl hockt und schweigend glotzt. Er wartete, bis ich meinen Kaffee ausgetrunken und bezahlt hatte und befahl mir dann, ihm zu folgen. Kaum im Auto, ging das Gewitter los: Der Kellner habe mich so anzüglich angelächelt, ich hätte ihn herausgefordert. Und ein Kerl am Nebentisch habe immer rübergeguckt, wer weiß, was ich mit dem schon verabredet hätte, ich würde mich benehmen wie eine Hure. Und wieso ich wieder ins Café gehen müsse, Kaffee trinken könne man auch zu Hause, wir müssen das Haus abbezahlen, dafür brauchen wir jeden Cent. Er brüllte rum, bis er den Motor abstellte und ich in die Wohnung ins Bad flüchten konnte. Aschenputtel. Nicole hatte recht. Warum nur bin ich damals nicht gegangen?
Ja, warum denn nicht? Weil ich nicht konnte! Weil ich Angst hatte! Auch Aschenputtel floh nicht aus dem Haus der bösen Stiefmutter, Aschenputtel wartete auf den Prinzen!
Einmal hatte sich Nicole für mich bei der Polizei erkundigt: Was passiert, wenn man seinen Ehemann wegen Gewalt in der Ehe anzeigt? Nehmen wir an, ich wäre tatsächlich zur Polizei gegangen und hätte ihn angezeigt, weil er mir wieder eine geklatscht und mich danach zum Beischlaf genötigt hat. Ein Polizist wäre mit mir nach Hause gefahren und hätte Jochen aufgefordert, ein paar Sachen zu packen und den Hausschlüssel abzugeben; er solle sich für die nächsten zwei Wochen eine andere Bleibe suchen und eine sogenannte ladungsfähige Anschrift angeben. In der Zeit müsste ich beim Familiengericht einen Antrag auf eine einstweilige Verfügung stellen, nach der er sich bis auf fünfzig oder achtzig Meter nicht meinem persönlichen Umfeld nähern darf. Dieser Bescheid wird bei der Polizei hinterlegt, damit die handeln kann, wenn er dagegen verstößt.
Nein, das hätte ich nicht gewagt. Jochen wäre ausgerastet und wahrscheinlich auf den Polizisten losgegangen, der ihm so was zumutet: aus dem Haus ausziehen, das er gerade eben fertig renoviert hat? Aus seinem Haus, auf das er so stolz ist? Was sollen seine Arbeitskollegen, seine Kumpel von ihm denken? Er hätte mich nach diesen vierzehn Tagen oder schon vorher umgebracht. So was kann man vielleicht in einer Großstadt veranstalten, den Mann aus der Wohnung schmeißen, aber doch nicht in unserer kleinen Stadt, wo jeder jeden kennt.
Nicole hat auch nie wieder davon angefangen.