Drei Tage später

Gestern habe ich einen Brief bekommen, der mich total überrascht und erfreut hat: Anita hat mir geschrieben, die Kauf­süch­ti­ge, meine Vertraute aus der Viererzelle. Als ihre Kinder ausgezogen waren, haben sie und ihr Mann das Haus verkauft und sich in der Stadt eine Wohnung genommen. Weil sie wegwollte aus der Gegend, in der jeder ihre Geschichte kannte und sie die neugierigen Blicke der Leute nicht mehr ertrug. Und weil sie einen tollen Job bekommen hat: Sie arbeitet wieder bei einer großen Bank! Anita, die einst ihre Bank, ihren Arbeitgeber, um Riesensummen betrogen hatte! Durch Zufall habe sie gehört, dass man jemanden suchte, der Betrüger in den eigenen Reihen aufspüren könne. Ihr Mann brachte sie drauf, dass niemand für einen solchen Job geeigneter wäre als eine Person, die selbst jahrelang betrogen hat, weil die alle Schliche kennt. Außerdem habe ihr Arbeitgeber, bevor ihre Taten ans Licht gekommen waren, ihr die besten Zeugnisse ausgestellt. Anita hatte lange mit sich gerungen und sich schließlich bei der Bank beworben. Sie wurde zu einem Gespräch eingeladen, in dem sie sogar ihre Taten, die Therapie und ihre Haft nicht verschwieg – und sie wurde genommen. Es gibt also Menschen, die sich nicht abwenden, wenn sie erfahren, dass man im Knast gesessen hat.

Sie würde mir das schreiben, um mir Mut zu machen: Es gibt immer einen Weg! Und sie möchte wissen, wie es mir geht, sie würde sich über eine Nachricht freuen und hofft, dass ich die schwere Zeit bald hinter mir lassen kann.

Ich hab mich wahnsinnig über diesen Brief gefreut! Dass Anita es geschafft hat, wieder in ihrem Beruf Fuß zu fassen! Toll! Und dass sie mich nicht vergessen hat, rührt mich fast zu Tränen. Sie hat mich damals, als wir noch in einer Hütte lebten, aufgebaut, und ist mir nun wieder Vorbild.

Ich habe ihr noch am selben Abend geantwortet, so aufgewühlt war ich. Als ich fertig war mit Schreiben, habe ich festgestellt, dass ich keine Briefmarke mehr hatte. Was ist das für eine bescheuerte Regelung, dass jede nur drei Stück pro Brief geschickt bekommen darf? Weichelts legen jedem ihrer Briefe Marken bei, nur drei, nachdem ich sie über die Vorschriften hier aufgeklärt hatte. Und ich freue mich darüber sehr, kann ich doch das Geld für anderes ausgeben. Sorgen sich die Beamtinnen, dass sie zu viele Briefe lesen müssen?

Ich bin also durch unsere Wohngruppe getigert und habe um eine Marke gebettelt, die ich nach dem nächsten Einkauf zurückgeben werde. Ist auch zu blöde, dass ich nicht an Briefmarken gedacht habe, als ich mit Holger in der Stadt war. Ich hätte mir eine Liste machen sollen mit Dingen, die man mit reinnehmen darf. Nächstes Mal werde ich dran denken. Hummel war so lieb und hat mir eine geborgt, so dass ich den Brief am nächsten Morgen im Büro der Beamtinnen abgeben konnte.

Nach dieser Aktion habe ich so gut geschlafen wie lange nicht mehr. In mir war tiefer Frieden. Vor kurzem erst die Stunden mit Holger in der richtigen Welt, dann Anitas Brief – mein Julchen, ich bin auf der Zielgeraden, mein neuer Anfang ist in Sicht! Was immer dir im Leben zustoßen möge (und ich bete, dass es nie etwas Schlimmes sein wird!): Es gibt keine Lage im menschlichen Leben, aus der man nicht einen Ausweg findet!

(Das hast du sehr schön gesagt, Andrea Wagner. Hättest nur früher mal danach handeln sollen, dann wäre dir und deiner Familie viel erspart geblieben.)