Ostersonntag, 31. März 2013, ­Nachmittag

Es ist so ein ekliges Wetter, dass ich sogar auf den Hofgang verzichtet habe. War ja gestern lange genug draußen. Hanna und Hummel sind im Besucherraum, Heike liest vermutlich wieder ein dickes Buch, Katrin-Carmen und Lucia spielen Tischtennis, und zum Klack-Klack des Balles höre ich spanische Laute. In Swetlanas und Allas Hütte ist es sonntagsnachmittagsstill. Hummel hat eine neue Mitbewohnerin, Ramona. Sie ist rumänischer Abstammung, lebt aber seit ihrem dritten Lebensjahr in Deutschland. Keine Ahnung, warum sie hier ist und was sie jetzt treibt. Auch von Eileen höre und sehe ich nichts.

Wir haben jedenfalls vereinbart, dass wir heute gemeinsam ein Ostersonntags-Abendessen machen: Nudel- und Kartoffelsalat und dazu Würstchen aus dem Glas. Viel lieber hätten wir Bratklops gemacht, die jede anders nennt: Buletten, Frikadellen, Fleischküchle, Fleischpflanzerl. In Spanien heißen sie Albóndigas und bei Swetlana und Alla Kotlety. Auch Kotlety werden aus Hackfleisch gemacht und haben nichts mit unserem Kotelett zu tun. Schon als wir uns das ausmalten, hatten wir viel Spaß. Wie gern hätte ich gestern von meinem zweiten Tagesausflug Hackfleisch mitgebracht! Kalt genug ist es, so dass dem Fleisch nichts passiert wäre. Aber da hätte ich ja Rauschgift drin schmuggeln können. Das soll übrigens der kälteste März sein, seitdem es Wetteraufzeichnungen gibt.

Gestern also mein zweiter Tagesausflug. Aber ich fange mal von dem ersten an.

Von 6 bis 20.30 Uhr darf ich raus. Wem soll ich zumuten, um sechs Uhr in der Frühe vor dem Gefängnistor zu stehen, um mich abzuholen? Holger erklärte sich sofort dazu bereit, als wir telefonierten. Ich wollte aber erst mal Sandra fragen, ob ich mit Holger zu ihnen kommen darf. Bei der Gelegenheit würden sie ihn kennenlernen, und ich hätte nicht das Gefühl, ihn nur als Taxi zu benutzen. Sandra war sofort einverstanden, meinte, auch Michael hätte sicher nichts dagegen. Also bat ich Holger, mich um sieben abzuholen. Sechs Uhr ist keine Zeit, um in einen Tag zu starten.

An einem Samstag im Februar also holte er mich ab, und wir fuhren zu euch. Es lag Schnee, die Straßen waren matschig, der Himmel grau, ein paar Grad unter null. Kurz nach acht waren wir bei euch. Was ich sehr erleichtert registrierte: Sandra und Micha haben Holger begrüßt, als wäre es das Selbstverständlichste von der Welt, dass er mit mir gekommen ist. Nora und Sebastian waren unverbindlich freundlich (wie groß die beiden geworden sind! Es sind hübsche, fröhliche junge Leute mit wachen Augen). Und du, meine Jule, verhieltest dich Holger gegenüber höflich, aber zurückhaltend. Dass du mich beim Begrüßen umarmt hast, tat mir sooo gut!

Es gab ein Frühstück, wie ich es mir seit Jahren erträumte: frische Brötchen und dunkles Brot, natürlich Butter, gekochte Eier, Käse, Schinken, Frischkäse, selbst gemachte Erdbeermarmelade, Honig, Kaffee und – das Schönste: frisch gepresster Orangensaft. Wie habe ich das genossen!

Dann fuhr Micha los, um Paps zu holen. Sandra zeigte mir das Haus. Sie haben es kurz nach Noras Geburt gekauft und inzwischen wunderbar ausgebaut: Unten eine große Wohnküche mit Blick in den Garten, dann Wohnzimmer, Elternschlafzimmer, Bad. Auf der rechten Seite Michaels Büro, daneben ein kleines Gästezimmer und ein Gäste-WC.

Die Kinder zeigten mir natürlich ihre Zimmer im oberen Stockwerk selbst. Was mich ganz besonders freute, liebe Julia: Auf deinem Schreibtisch steht ein kleines gerahmtes Foto, ich stehe im Garten und habe dich auf dem Arm. Ich habe nichts dazu gesagt, dich nur kurz an mich gedrückt. Und bei Nora steht meine alte Puppenstube – ich war ganz gerührt, als ich sie wiedersah. Eure Mädchenzimmer waren ziemlich aufgeräumt, an den Wänden hat jede ein Filmplakat von Kokowääh mit Til und Emma Schweiger, ein Poster von Jella Haase und von Justin Bieber. Über Jella Haase habt ihr mich erst mal aufgeklärt. Mario Götze, Philipp Lahm und Thomas Müller, die bei Sebastian an der Wand kleben, kenne ich aus dem Fernsehen.

Sandra machte Mittagessen und wollte sich nicht dabei helfen lassen, die Kinder blieben in ihren Zimmern, und Holger fuhr mich zu Weichelts. Ich hatte mich nicht angekündigt, wollte sie überraschen, und das ist total gelungen. Unterwegs kauften wir Blumen. Holger wollte im Auto sitzen bleiben, aber als Lita mich fragte, wie ich hergekommen sei, schickte sie Otto raus, um Holger zu holen. Sie haben sich so sehr gefreut, dass ich total gerührt war. Holger haben sie mit ebenso selbstverständlicher Herzlichkeit aufgenommen wie mich und uns mit selbst gemachtem Apfelsaft und Keksen bewirtet. Ich habe mich sehr gefreut, sie gesund und beweglich anzutreffen, immerhin sind sie beide fast achtzig. Aber ihren Garten und das Haus bewirtschaften sie noch alleine.

Am Mittag und Nachmittag saßen wir dann alle um den großen Familientisch. Wie schön, dass auch Paps dabei sein konnte. Wir redeten über Gott und die Welt, über Politik und Fußball und das Wetter. Kein Wort vom Knast. Sie behandelten mich, als wohnten Holger und ich nur zwei Orte weiter. Vor den Kindern hätte ich auch nichts erzählen wollen und können.

Papa hatte sich von seiner Grippe erholt, er bewegte sich zwar bedächtig, wirkte aber munter. Wir saßen nebeneinander, und fast die ganze Zeit lag seine große, warme Hand auf meiner.

Gleich nach dem Abendbrot sind Holger und ich aufgebrochen, damit ich pünktlich am Tor klingele.

Ähnlich verlief der Tag gestern. Ich hatte Holger am Telefon gebeten, Schokoladen-Osterhasen für mich einzukaufen, damit ich Sebastian und euch Mädchen etwas mitbringen kann. Draußen ist mehr Auswahl als bei unserem Monopolisten. Für dich und Nora holte ich den Nagellack aus der Effekte.

Diesmal haben Holger und ich nach dem Frühstück einen langen Spaziergang gemacht, am Wasserturm vorbei, runter zum Fluss und über die immer noch weißen Winterwiesen zurück. Am Abend haben wir beide Papa nach Hause gefahren, so konnte Micha zum Abendbrot Bier trinken.

Diese beiden Tage empfand ich wie einen Anfang von ein bisschen Glück. Dass meine Familie über die Jahre so zu mir hält, ist ein ganz großes Geschenk. Auch dass Holger sich als wirklicher Freund erweist. Nur wir zwei, meine Julia, müssen wieder zueinander finden. Ich bete und hoffe, dass du mich noch lieb hast. Und dass ich eines Tages dein Vertrauen zurückgewinne. Das kleine Foto auf deinem Schreibtisch hat mir Hoffnung gemacht.

Den nächsten Tagesausgang habe ich im April. Dann werde ich allein mit dem Zug zu Helmut fahren. Er vertritt eine große Versicherungsfirma und kann seine Arbeitszeit einteilen. Er wird mich am Bahnhof abholen, wir planen einen ausgiebigen Stadtbummel und wollen dann in seine Wohnung fahren, wo ich seine Freundin kennenlernen werde. Sandra hatte mir erzählt, dass sie sich mit ihr sehr gut versteht und hofft, dass Helmut und sie bald heiraten, damit mein großer Bruder endlich auch eine eigene Familie hat.

Im Mai, Juni und Juli darf ich dann für drei bis vier Tage raus. Bald ist die Abschlussprüfung meiner Umschulung, danach suche ich mir einen Job. Und wenn ich den gefunden habe, kann ich in den Freigang, also tagsüber raus zur Arbeit, muss nur noch hier schlafen. Das Ende mit einer sogenannten Zwei-Drittel-Lösung ist absehbar. Ich glaube nicht, dass man mir das abschlägt.