Snoop-ID: LITTLEMY

Hört: snoopt XTOPHER

Snooper: 1

Snoopscriber: 1

Während sich die Gäste nach und nach in der Lobby einfinden, habe ich einen Ohrwurm, allerdings nicht den chilenischen R&B, den ich gehört hatte, bevor sie ankamen (ja, ich hatte Topher gesnoopt), sondern Rotterdam von Beautiful South. Schön, nicht alle sind blond. Aber ganz sicher schön. Geradezu lächerlich schön. Da ist Evas Assistentin, die niedliche Ani mit dem herzförmigen Gesicht und den butterblumengelben Haaren. Tophers persönlicher Assistent Inigo, der mit seinem bronzefarbenen Bartschatten aussieht, als käme er gerade von einem Filmset. Carl, der Firmenjurist, ist nicht attraktiv im landläufigen Sinn, wirkt mit seinem angriffslustigen Gesichtsausdruck und dem stämmigen Körperbau aber durchaus anziehend. »An dem ist alles dran«, flüstert Danny mir genießerisch ins Ohr, als er mit einem Tablett Kanapees vorbeikommt. »Ich würde, du auch?«

»Carl? Nein, danke«, flüstere ich zurück, und Danny lacht tief und kehlig und wunderbar ansteckend.

»Mit wem denn dann? Mit dem IT-Typen da drüben?«

Er nickt zu Elliot, der an derselben Stelle wie vorhin steht und jeglichen Blickkontakt meidet. Ich schüttele lachend den Kopf, aber nicht weil ich Elliot unattraktiv fände. Na gut, er erinnert ein bisschen an einen ungelenken Schuljungen, hat aber auch was von einem sexy Nerd. Sein Körper sieht aus, als wären

»Na los«, übertönt Topher die anderen. »Die Party kann beginnen. Carl, Inigo, ihr kommt doch wohl mit diesem Lautsprechersystem klar? Herrje, man sollte nicht glauben, dass wir ein Hightech-Unternehmen sind.«

Dann erklingt wie aus dem Nichts Golden Years von David Bowie aus den Bluetooth-Boxen. Ich bin mir nicht sicher, wer es ausgewählt hat, aber die Wahl ist passend, das hat fast schon etwas Ironisches. Denn diese Gruppe hier hat definitiv etwas Goldenes. Niemand kann ihr etwas anhaben.

»Hey.« Das Mädchen, das sich an Elliot vorbeigedrängt hat, tritt zu Danny und mir. Sie wiegt sich im Rhythmus der Musik und trägt ein sehr kurzes Pulloverkleid, das ihre langen, durchtrainierten Beine zur Geltung bringt, die dank ihrer Doc Martens noch zierlicher wirken. Einen Moment lang kann ich sie nicht einordnen, werde nervös, aber dann registriere ich die getönten Haarspitzen und den Nasenring. Sie ist die Frau mit der Yogamatte, und jetzt fällt mir auch ihr Name wieder ein. Yoga. Tiger. Tiger-Blue Esposito. Die Frau fürs Coole.

»Hi, Tiger«, sage ich. Ich halte ihr das Tablett mit den Cocktails hin. »Kann ich Ihnen einen Drink anbieten? Wir haben Bramble Gin Martini oder Marmalade Old Fashioned.«

»Eigentlich wollte ich was essen.« Sie lächelt berückend und lässt dabei sehr weiße, ebenmäßige Zähne sehen inklusive Grübchen in einer pfirsichweichen Wange. Sie hat eine kehlige

»Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen«, sagt Danny und hält ihr das Tablett hin, auf dem seine handgefertigten Kanapees wie kleine Soldaten aufgereiht stehen. »Ich mag Mädchen mit gesundem Appetit. Das hier sind mit Gouda gefüllte Profiteroles …« Er deutet auf die winzigen fedrigen Kügelchen auf der linken Seite des Tabletts. »Und hier haben wir Wachteleier mit geräuchertem Ricotta.«

»Sind die beide vegetarisch?« Danny nickt.

»Auch glutenfrei?«

»Nur die Wachteleier.«

»Super«, sagt Tiger. Das Grübchen blitzt auf. Sie nimmt sich ein Wachtelei und steckt es in den Mund, kaut und schließt genüsslich die Augen. »O Gott«, sagt sie und schluckt. »Das war ein kanapeeförmiger Orgasmus. Kann ich noch eins haben?«

»Klar doch«, grinst Danny. »Aber lassen Sie noch Platz fürs Abendessen.«

Sie nimmt sich noch ein Ei, stopft es in den Mund und sagt undeutlich: »Retten Sie mich vor mir selbst. Stellen Sie das Tablett weg, bevor ich wie Homer Simpson auf den Boden sabbere.«

Danny verbeugt sich übertrieben und tritt zu Elliot. Tiger schaut ihm anerkennend nach. Ich kann es ihr nicht verdenken.

»Tiger«, sagt eine Reiche-Leute-Stimme in knappem Ton. Miranda, die PR-Frau, ist im Anmarsch. Die schwarzen Haare fallen ihr wie ein dunkler Satinvorhang über den Rücken. Sie trägt einen hinreißenden eng gegürteten Jumpsuit aus schwarzer Seide, der ihre beneidenswert schlanke Taille betont, und dazu mitternachtsblaue, samtbezogene High Heels. Ich bemerke erschrocken, dass die spitzen Absätze kleine Dellen im polierten Holzboden hinterlassen, darf aber nichts sagen. Stattdessen halte ich ihr das Tablett mit den Drinks hin. Miranda nimmt ein Glas, ohne mich anzusehen, und lässt ein halb gegessenes Spießchen mit geräucherter Ente in die Lücke plumpsen.

»Ich muss mit dir reden«, sagt sie zu Tiger. Ihre Stimme klingt hoch und scharf, ein Akzent wie geschliffenes Glas, ich muss unwillkürlich an Prinzessin Margaret denken.

»Klar doch«, sagt Tiger gutmütig, schluckt und wischt sich den Mund ab. »Hast du die Wachteleier probiert? Die sind göttlich.«

»Das spielt jetzt keine Rolle, Tigs. Pass auf, wir müssen einen Slot freischaufeln, um die Kommunikationsstrategie für Elliots GeoSnoop-Release zu planen. Ich hatte gerade diesen aufdringlichen kleinen Scheißer von Unwired am Telefon, der nachgefragt hat.«

»Was?«, sagt Tiger bestürzt. »Wie ist das denn durchgesickert? Es ist doch noch nicht mal in der Beta-Version, oder?«

»Keine Ahnung, aber ich vermute, Elliot hat sich verplappert. Er konnte noch nie eine Sperrfrist einhalten und hat jedem, der es hören wollte, erzählt, wie ›cool‹ es wird.« Dabei beschreibt sie Anführungszeichen in der Luft. »Ich glaube, ich

Sie schaut zu mir, drückt die Finger an die Schläfen, und ich begreife, dass sie die Musik meint.

»Die hat einer der Gäste angemacht.« Ich versuche, nicht kleinlaut zu klingen. »Aber ich kann sie leiser stellen.«

»Ich glaube, wir brauchen zwei Ansätze«, fährt Miranda fort, während ich mich auf die Suche nach der Fernbedienung mache. »Einmal Plan A, der von einem normalen Release ausgeht, das heißt Marketing, PR, soziale Medien und so weiter. Im Grunde alles, was wir schon in groben Zügen haben. Dazu brauchen wir aber noch Plan B für den Fall, dass vorher was durchsickert. Da stellt sich dann die Frage, ob wir schon Teile der Marketingkampagne vorziehen, um unser Narrativ zu stützen. Es ist absolut notwendig, dass wir kontrollieren, wie in den sozialen Medien darüber gesprochen wird.«

Sie vertiefen sich in technische Einzelheiten, und das Gespräch verschmilzt mit den Hintergrundgeräuschen. Ich finde die Fernbedienung unter einer gebrauchten Serviette, stelle die Musik etwas leiser und schaue auf die Uhr auf dem Kaminsims. 18:55 Uhr. Sie müssten allmählich mal nach nebenan gehen, aber noch scheint jemand zu fehlen.

»Ah, das wird aber auch Zeit!«, sagt eine Männerstimme hinter mir. Ich drehe mich um: Topher. »Hier kann man glatt verdursten, bevor man was bekommt.« Er schüttelt die blonden

»Tut mir so leid!« Ich halte ihm das Tablett hin und tarne meinen Ärger mit einem verbindlichen Lächeln. »Einen Bramble Martini?« Topher nimmt ein Glas und kippt den Drink beängstigend schnell hinunter. Ich unterdrücke den Hinweis, dass der Drink zur Hälfte aus Gin besteht. »Carl?« Ich halte seinem Kollegen das Tablett hin, der schwerfällig nickt und den letzten Old Fashioned nimmt.

»Prost! Obwohl ich keinen Alk mehr brauche, wenn ich ehrlich sein soll – mir ist mehr nach Essen. Sind noch welche von diesen Käsebällchen da? Ich verhungere.«

»Käsebällchen!«, schnaubt Topher. »Damit kommst du aber nicht in Form fürs Skifahren, mein Freund.«

Er tätschelt Carls ausladende Körpermitte, über der sich das karierte Hemd spannt.

»Ich brauche meine Kohlenhydrate«, sagt Carl und zwinkert mir zu. »Die sind ein wesentlicher Bestandteil meines Trainingsprogramms.«

»Danny geht gerade mit den Kanapees herum. Er dürfte jeden Moment hier sein«, sage ich, bemerke aber über Carls Schulter hinweg, dass Danny von Elliot belagert wird, der sich ein Gouda-Profiterole nach dem anderen vom Tablett pflückt und in den Mund stopft, als wären es Chips. Ich hoffe, wir haben noch welche in der Küche.

Topher hat es auch gesehen und packt Elliot an der Schulter.

»Elliot, mein Freund. Lass den Kellner mal in Ruhe. Carl braucht seine Kohlenhydrate.« Ich nutze die Gelegenheit, um den Rückzug anzutreten und mich in der Lobby umzusehen.

Es ist 19:05 Uhr, aber bis jetzt sind erst neun Gäste da. Eine Person verspätet sich, das habe nicht nur ich bemerkt. Eva

»Wo ist Liz?«, zischt sie Inigo zu, der etwas Entschuldigendes flüstert. Dann hellt sich sein Gesicht auf, und er berührt Eva am Arm.

Sie schaut hoch zum Obergeschoss, und ich folge ihrem Blick. Liz steht oben an der Wendeltreppe, die Arme um den Körper geschlungen. Verglichen mit ihr wirkt Elliot geradezu ungezwungen.

»Liz!«, ruft Eva freundlich. »Komm runter, trink was mit uns.«

Langsam, beinahe widerstrebend, steigt Liz die Treppe herunter. Sie trägt das wenig schmeichelhafte schwarze Kleid, das sie vorhin schon anhatte, und ich verspüre Mitleid. Es ist völlig ungeeignet für ihre Figur, ihre Unterwäsche zeichnet sich ab, sie sieht richtig unförmig aus. Ihre Haltung verrät, dass sie es nur zu genau weiß. Am Fuß der Treppe bleibt sie stehen und knackt mit den Fingergelenken, vielleicht ein nervöser Tick. Es klingt wie prasselndes Feuer, verblüffend unangenehm.

Ich will ihr gerade einen Drink anbieten, als Topher mir überraschenderweise zuvorkommt. Er schnappt sich einen Bramble Martini vom Tablett und stürzt wie ein eifriger Welpe auf Liz zu.

Damit fällt er so aus der Rolle, dass ich meinen Augen nicht traue.

Wer ist diese Frau? Warum sind sie so scharf darauf, sich gut mit ihr zu stellen? Es ist beinahe so, als … Ich runzle nachdenklich die Stirn. Als hätten sie Angst vor ihr.

Aber das ist doch absurd.