Snoop-ID: ANON101
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Als Ani uns in den Medienraum schiebt, verspüre ich einen Anflug von Panik. Der Raum ist klein und dunkel. Die Jalousien sind heruntergelassen. Das einzige Licht kommt von der Tür und dem Snoop-Logo, das auf eine weiße Wand projiziert wird. Es ist leuchtend pink und lässt die Gesichter der anderen aussehen wie gekochter Schinken. Ich lasse mich auf einem Sofa nieder, und als die Tür leise zufällt, umschließt mich die Atmosphäre wie eine Faust.
Eine solche Atmosphäre habe ich seit fast drei Jahren nicht erlebt.
Geld. Privilegien. Ehrgeiz.
Danach riecht es hier, und dieser Geruch ist ebenso real wie Tophers teures, eigens für ihn hergestelltes Eau de Toilette, das ich immer in einer kleinen Pariser Parfümerie in der Rue des Capucines für ihn bestellen musste, wobei ich mir mit meinem schlechten Schulfranzösisch einen abstammelte. Ich kann es riechen, obwohl er sich auf der anderen Seite des Zimmers befindet.
Eine Welle der Angst durchflutet mich.
Ich glaube, ich muss mich gleich übergeben.
»Tiger«, sagt Eva, als alle Platz genommen haben, »würdest du uns bitte durch eine kurze Meditation führen?«
»Klar doch!«, sagt Tiger mit leicht heiserer Stimme. Ich glaube, sie klingt immer so, und dennoch würde ich mich am liebsten an ihrer Stelle räuspern. Ich widerstehe dem Drang zu husten, während sie sich umschaut. »Macht es euch bequem – was immer das für euch bedeutet. Ihr könnt sitzen, euch anlehnen, stehen, euch umarmen.«
Beim letzten Wort überläuft mich ein Schauder, was zum Glück unauffälliger ist als Carls verächtliches Schnauben. Eva schaut ihn an, als wollte sie ihn umbringen. Er rutscht verlegen auf seinem Sitzkissen herum, die Füllung quietscht und zischt.
Tiger schließt die Augen.
»Macht die Augen zu«, flüstert sie, »und nehmt euch einen Moment Zeit, um eure Mitte zu finden.«
Im Zimmer wird es still. Ich schließe die Augen, fühle mich aber immer noch gefangen. Links von mir spüre ich Inigos warme Schulter, von rechts drückt Riks Oberschenkel gegen meinen. Es lässt sich nicht vermeiden, dass sie mich berühren – das Sofa ist für drei Personen einfach zu klein –, aber es macht mich nervös. Ich schwitze. Meine Handflächen sind klebrig. Mein ganzer Körper versteift sich vor Unbehagen. Ich will nicht hier sein. Ich will nicht hier sein.
»Nehmt euch einen Moment, um euch selbst zu danken«, sagt Tiger leise und sanft. »Dankt auch eurem Körper, der euch hergebracht hat, euren Knochen, die euch tragen, euren Muskeln, die euch stützen, eurem Geist, der euch befreit.«
Ich will niemandem danken. Ich will hier raus. Wieder raschelt es, als Carl hin und her rutscht, und ich kann diesen klaustrophobischen Zustand nicht mehr ertragen. Ich öffne meine Augen ein wenig, um das unangenehme Gefühl zu vertreiben. Ich will sie gerade wieder schließen, als ich bemerke, dass noch jemand linst. Topher, der mir gegenübersitzt, hat auch die Augen geöffnet. Er schaut sich im Zimmer um, will ergründen, was zum Teufel hier passiert. Unsere Blicke begegnen sich. Ich sehe dich. Er zieht eine Augenbraue hoch. Ich schließe rasch die Augen.
»Nehmt euch einen Moment, um dem Universum zu danken«, fährt Tiger-Blue fort. »Für das Geschenk eures Seins, für das Geschenk eures Hierseins, das Geschenk dieses Ortes, die Erhabenheit der Berge, die wir für ein paar Tage teilen dürfen.«
Ich höre Inigo neben mir atmen. Schnell und flach. Er hat die Zähne zusammengebissen, in seiner Wange zuckt ein Muskel. Ihm ist das hier genauso zuwider wie mir, und genau wie Topher hat er von diesem Programmpunkt nichts gewusst. Ich weiß aus meiner Zeit als Tophers persönliche Assistentin, wie er reagiert, wenn man ihn übergeht. Da darf sich später jemand ein gewaltiges Donnerwetter abholen. Ich fühle mit Inigo, bin aber vor allem erleichtert, dass es nicht mich treffen wird.
»Und nehmt euch einen Moment, um Snoop zu danken«, leiert Tiger. »Dem, was wir sind, und dem, was größer ist als wir alle. Dankt für das, was wir sind – für das, was wir haben –, dass wir Menschen miteinander in Kontakt und Musik in unser Leben bringen. Für die einfachen Wunder, die Snoop jeden Tag vollbringt.«
Ich denke nur: Gott sei Dank, dass ich nicht mehr da arbeite.
Ich weiß nicht, ob sie fertig ist, aber es tritt Stille ein. Ich spüre den Pulsschlag in meiner Kehle. Als die Stille unerträglich zu werden droht, ergreift Eva das Wort.
»Danke, Tiger-Blue, das war schön. Und es bringt mich zu dem, was ich sagen möchte, nämlich dass ich euch allen danke, dass ihr gekommen seid. Und ich danke euch für alles, was ihr für mich, für Topher, für Snoop und die Musik getan habt. Thank you for the music.«
»Hört, hört«, sagt Topher. Alle Augen gehen auf, und er hebt sein Glas, sodass wir trinken müssen, ob wir wollen oder nicht. Ich nippe an meinem Wasser.
»Nun, ihr werdet mir verzeihen, dass ich euch so überfalle, aber ich kann die Woche nicht beginnen, ohne unsere Erfolge zu würdigen. Das, was ihr in den letzten vier Jahren erreicht habt.« Eva sieht mich nicht an, als sie das sagt, aber ich kann nicht umhin, mich als Außenseiterin zu fühlen. Denn ich bin die Einzige, die nicht mehr bei Snoop arbeitet.
»Ani?«, sagt Eva fragend. Ani nickt und drückt eine Taste auf dem Laptop, den sie auf den Knien balanciert. Die Lautsprecher knistern. Musik dröhnt los, unangenehm laut. Bilder flackern an der Wand auf.
Ich sollte mir den Film ansehen, kann mich aber nicht konzentrieren. Die Musik ist zu laut. Mein Schädel schmerzt. Die Bilder sind zu grell. Sie zucken in einer geradezu verzweifelten, hektischen Intensität vorbei. Die Kopfschmerzen, die schon im Abklingen waren, pulsieren wieder in meinen Schläfen. Es fühlt sich an, als würde man mir ein stählernes Band um den Kopf zurren.
Zahlen und Kurven tanzen über die Leinwand – Gewinne und Verluste, Benutzerprofile, Wachstumsraten der Mitbewerber. Ich drücke die Finger auf die Augen, um mich vor den blitzenden Bildern abzuschirmen. Der hämmernden Musik hingegen kann ich nicht entgehen, ein wilder Ritt durch die größten Erfolge von Snoop.
Eva spricht über die Musik hinweg. Sie berichtet von der Reichweite sozialer Medien und wichtiger Multiplikatoren. Alle lauschen schweigend. Ich spüre förmlich, wie Topher verärgert vor sich hin schmort.
Dann bricht die Musik ab. Es ist, als hätte man mir eine Last von den Schultern genommen, als hätte jemand aufgehört, mir in die Ohren zu brüllen. Ich öffne die Augen. An der Leinwand ist ein einzelnes Diagramm zu sehen, unterlegt mit dem Logo von Snoop. Es ist voller Zahlen. Eva erklärt, was sie bedeuten. Anteile, Prognosen, laufende Kosten – und dann höre ich es. Das Wort, um das wir seit beinahe zwölf Stunden herumtanzen.
Übernahme.
Das Band um meinen Kopf wird unerträglich eng. Darauf bin ich nicht vorbereitet.
Sie spricht über das Angebot. Erklärt, was es im Hinblick auf Expansion und Karrierechancen bedeutet, ist aber erst in der Mitte der zweiten Spalte angelangt, als Topher sie unterbricht.
»Nein, nein, verflucht, nein, Eva.«
»Wie bitte?«
Er steht auf und tritt in den Strahl des Projektors, sodass sich sein Profil klar abzeichnet. Die Zahlen bedecken sein Gesicht wie ein groteskes Tattoo.
»Das ist nur die halbe Wahrheit, und das weißt du ganz genau. Wo wären wir denn, wenn wir Spotify unsere IP gegeben hätten, so wie sie es anfangs wollten? Nirgendwo. Wir wären irgendeine unbedeutende kleine Streaming-App, von der niemand je gehört hätte, und –«
»Topher, das ist was völlig anderes.« Eva steht im Schatten, außerhalb des Projektorstrahls. Sie klingt angefressen, bemüht sich aber um einen angemessenen Ton. »Das weißt du doch.«
»Wie denn anders? Ich werde nicht wie Friendster enden, damit das mal klar ist.«
»Wenn wir eine weitere Finanzierungsrunde starten, enden wir eher wie Boo.com«, sagt Eva gereizt und holt tief Luft. Sie ringt um Beherrschung. »Hör mal, Topher, du hast ein paar valide Argumente, aber ich glaube, das hier ist weder die Zeit noch der Ort –«
»Weder die Zeit noch der Ort?« Er birst fast vor Zorn. Mir ist schlecht. Ich fühle mich in meine Kindheit zurückkatapultiert, sehe meinen Vater, der sich vor meiner Mutter aufbaut, die Stimme erhebt. Ich kneife die Augen zu. Spüre, wie ich zittere. »Du warst diejenige, die beschlossen hat, mit einem kleinen Propagandafilm in diese Woche zu starten –«
»Leute.« Das Polster rechts von mir kommt in Bewegung, als Rik aufsteht. Ich öffne die Augen. Er bahnt sich vorsichtig einen Weg zwischen Sitzkissen und Gläsern hindurch, tritt zwischen die beiden. »Ich glaube, Eva wollte nur –«
»Ich weiß genau, was Eva wollte«, brüllt Topher. Wieder kämpfe ich gegen den Drang, mir die Ohren zuzuhalten. »Sie wollte als Erste ihren Standpunkt klarmachen. Scheiß drauf.«
»Topher.« Eva ist den Tränen nah, zumindest sieht es so aus. Es ist schwer zu beurteilen, ob sie wirklich bestürzt ist oder nur eine strategische Ablenkung im Sinn hat. Falls sie spielt, dann sehr überzeugend. »Topher, bitte. Das hier sollte einfach eine Feier sein –«
»Wohl eher ein beschissener Hinterhalt«, kontert Topher.
»Nein, absolut nicht, niemals.« Sie klingt aufrichtig, hat sich aber mit dieser Beteuerung ins Knie geschossen. Denn alle im Raum wissen, dass sie lügt, rutschen unruhig auf ihren Plätzen herum und können einander nicht in die Augen sehen.
»Leute!«, sagt Rik verzweifelt. »Leute, bitte, so sollten wir diese Woche nicht beginnen. Wir müssen zu einem Ergebnis kommen, mit dem wir alle gut leben können.«
»Gut leben können?«, geht Topher ihn an. »Gut leben können? Wenn wir so weitermachen, können wir froh sein, wenn wir hier alle lebend rauskommen.«
Mit diesen Worten knallt er sein leeres Glas auf den Beistelltisch und stürmt hinaus.