Snoop-ID: LITTLEMY

Hört: Loyle Carner/Damselfly

Snooper: 2

Snoopscriber: 3

Ich habe Earbuds in den Ohren und bin gerade dabei, den Tisch zu decken, klopfe mit dem Fuß den Takt der Musik mit, als Topher aus dem Medienraum stürzt und sich eine Flasche Whisky aus dem Barschrank in der Lobby greift. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass sie so früh fertig sind, und als ich rasch die Earbuds herausziehe, höre ich gerade noch: »– können das auf die Rechnung der holländischen Schlampe setzen.«

Meine Güte. Was ist denn da passiert? Ich stehe einen Moment lang reglos da und schaue Topher hinterher. Dann kommen die anderen in gedrückter Stimmung heraus, und ich führe sie zu ihren Plätzen am Esstisch.

Topher ist in den Schnee hinausgestürmt. Was will er bloß da draußen? Er trägt nur Hemd und Jeans, und draußen sind elf Grad unter null. Hier gibt es keine Restaurants oder Bars. Saint-Antoine-2000 besteht im Grunde nur aus einigen Chalets. Wenn die Gäste abends essen gehen wollen, müssen sie nach Saint-Antoine-le-Lac runterfahren, wo es eine große Auswahl an Geschäften, Restaurants und Cafés gibt. Die Abfahrt ist leicht – eine lange blaue Piste, die direkt in den Ort führt. Aber zurück kommt man nur mit der Standseilbahn, und die hat um 23 Uhr Betriebsschluss.

Jemand macht im Esszimmer Musik an, The 1975,

Elliot sitzt mit dem Rücken zur Wand, er isst wortlos und mit gesenktem Kopf. Er löffelt das Essen in den Mund, als müsste er um die Wette essen. Und »löffeln« ist wörtlich gemeint. Als Vorspeise gibt es die getrüffelte Pastinakensuppe, für die man einen Löffel braucht, doch als ich das Besteck für den Hauptgang wegräume, schnappt sich Elliot den Löffel zurück und funkelt mich an, als hätte ich ihm die Uhr stehlen wollen. Als das Fleisch aufgetragen wird, macht er sich wie ein Wilder darüber her. Zwischen den Gängen sitzt er mit gesenktem Kopf da und starrt auf die Maserung des Holztisches. Er ignoriert Tiger, die links von ihm sitzt und mit Miranda plaudert, als wäre nichts geschehen. Und auch Carl, der sich demonstrativ von ihm wegdreht und zu Ani und Eva herüberneigt.

Eva sitzt am anderen Ende der Tafel und stochert im Essen, schaut abwechselnd auf die Uhr und durchs Fenster in den herabrieselnden Schnee. Ihr Gesichtsausdruck spiegelt meine eigene Besorgnis. Als Carl eine harmlose Bemerkung macht, faucht sie ihn so boshaft an, dass ich zusammenzucke. Er hingegen scheint nicht weiter überrascht.

Liz sieht blass und sehr unglücklich aus, eine verschreckte Eule im Scheinwerferlicht, und lehnt es ab, auch nur ein Glas

Als sie gegangen ist, wirft Eva Rik einen wütenden Blick zu und haucht etwas, das ich nicht verstehe, das aber nach Ich hab’s dir doch gesagt aussieht.

Selbst Dannys Crème brûlée kann den Abend nicht mehr retten, und nach dem Essen zerstreut sich die Gruppe. Es werden Kopfschmerzen, Müdigkeit und anstehende E-Mails vorgeschützt. Als ich durch die Lobby gehe, um im Wohnzimmer Holz nachzulegen, fällt mir auf, dass zwei weitere Flaschen aus der Bar verschwunden sind.

Eine davon ist im Wohnzimmer gelandet, wo es sich Rik und Miranda in einer Ecke des riesigen Sofas gemütlich gemacht haben, vor sich auf dem Tisch eine halb volle Flasche Armagnac. Aus den Lautsprechern klingt kubanischer Jazz, vermutlich von Riks oder Mirandas Handy. Er sieht, dass ich die Flasche registriere, und lächelt breit.

»Sie haben doch nichts dagegen, oder? Wir tragen es natürlich später in die Liste ein.«

»Selbstverständlich nicht«, sage ich wahrheitsgemäß. »So funktioniert es hier. Kann ich Ihnen sonst noch etwas bringen? Käse? Kaffee? Petit Fours? Danny macht unfassbar köstliche, in Schokolade getauchte Zwetschgen, die sehr gut zu einem Glas Brandy passen.«

Rik schaut Miranda an und zieht eine Augenbraue hoch, und dieser stumme Blickwechsel verrät mehr über ihre Beziehung als jede körperliche Intimität. Zwischen ihnen läuft etwas. Sie

Rik antwortet für beide.

»Nein, danke, alles gut.«

»Kein Problem. Sagen Sie einfach Bescheid, falls Sie es sich anders überlegen.«

Ich lege Scheite aufs Feuer. Rik beugt sich näher zu Miranda und nimmt die Unterhaltung wieder auf, als wäre ich überhaupt nicht da.

»Hast du gemerkt, wie sie mich angesehen hat, als ich Liz’ Anteile erwähnt habe? Ich musste mich vergewissern, dass sie mir kein Loch ins Hemd gebrannt hat.«

»Ich weiß.« Miranda stützt den Kopf in die Hände. »Aber mal ehrlich, was hast du dir dabei gedacht? Eva hat mehr als deutlich gemacht –«

»Ich weiß, ich weiß«, sagt Rik, fährt sich über die kurzen Haare und schüttelt frustriert den Kopf. »Aber es hat mich auf die Palme gebracht, dass sie tut, als wäre sie die verdammte Liz-Versteherin. Ich kenne Liz genauso lange wie sie. Wir sind ziemlich gut miteinander ausgekommen, bevor all das hier hochgekocht ist.«

»Was ist denn überhaupt passiert? Das war vor meiner Zeit, ich blicke überhaupt nicht durch.«

»Na ja, damals war wirklich alles auf Kante genäht. Die ersten sechs Monate waren ein Witz. Keiner von uns bekam Gehalt. Nicht dass es Elliot etwas ausgemacht hätte, er würde vermutlich gar kein Geld ausgeben, wenn Topher ihn nicht dazu zwingen würde. So war es seit der Schulzeit. Aber uns anderen hat es durchaus was ausgemacht. Eva verbrannte ihre Ersparnisse vom Modeln, als gäbe es kein Morgen. Topher hat sich schließlich mit seinen Eltern überworfen, sodass sie ihm

»Das meine ich nicht. Ich möchte wissen, wie es kam, dass sie diejenige war, die –«

»Wart’s ab. Zwei Wochen vor dem Launch ging uns endgültig das Geld aus. Wir waren schlicht und ergreifend pleite. Kreditkarten, Dispo, Freunde und Familie – wir hatten aus allem das Letzte rausgequetscht. Topher hatte sogar seinen Ferrari verkauft, aber es reichte immer noch nicht. Uns fehlten etwa zehn Riesen, um weiterzumachen. Vier Tage lang sah es aus, als würden wir gegen die Wand fahren – Rechnungen strömten herein, Abmahnungen, Schreiben vom Gerichtsvollzieher. Und dann verkündete Liz aus heiterem Himmel, sie hätte zehntausend Pfund von ihrer Großmutter geerbt und würde sie in die Firma stecken. Sie wollte nur eine Sicherheitsleistung. Keine Zinsen, sondern Anteile an der Firma. Und zwar stimmberechtigte Anteile. Wir haben die Aufteilung den Anwälten überlassen, und am Ende gingen 30 Prozent der Anteile an Topher, 30 Prozent an Eva, 19 an Elliot, 19 an mich und zwei Prozent an Liz.«

»Zwei Prozent?«, fragt Miranda. »An einer Firma, die kein Kapital besaß und so gut wie zahlungsunfähig war? Das klingt nicht nach einer tollen Sicherheit.«

»Da würde dir mancher zustimmen«, sagt Rik trocken. »Aber

Ich bin so fassungslos, dass ich ein Scheit fallen lasse. Es poltert gegen einen kleinen Keramikbehälter mit Feueranzündern. Der Behälter zerbricht, und zwar geradezu absurd laut. Ich halte die Luft an, will mich schon entschuldigen, doch Rik und Miranda haben es offenbar gar nicht bemerkt. Also staple ich weiter meine Scheite auf, sorgfältiger jetzt.

»Heilige Scheiße«, sagt Miranda lachend, aber auch entgeistert, als hätte sie die Zahlen zum ersten Mal gehört. »Ich meine, ich wusste ja, dass das Übernahmeangebot gut ist, aber …« Sie scheint zu rechnen. »Falls Liz zwölf bekommt, beträgt dein Anteil –«

»Du kannst es dir ausrechnen«, sagt Rik und kann ein Grinsen nicht verbergen. »Aber das ist ja gerade der Punkt. Falls die Übernahme stattfindet. Die Investoren werden allmählich nervös, und ich glaube nicht, dass sie eine weitere Finanzierungsrunde akzeptieren. Wenn Topher so weitermacht und uns alle in Grund und Boden –«

»Klar. Kapiert«, unterbricht ihn Miranda ein wenig patzig. »Dann landen wir vor dem Insolvenzgericht. Aber unter den Umständen dürfte Liz die Entscheidung doch nicht schwerfallen, oder? Na schön, Elliot wird mit Topher stimmen, das wissen wir. Aber falls Liz ihren Verstand benutzt und mit dir und Eva abstimmt – dann klingelt die Kasse.« Sie reibt die Finger aneinander.

»Schade nur, dass Eva so eine blöde Zicke ist«, sagt Rik leise. »Manchmal macht sie es einem verdammt schwer, das Richtige zu tun.«

Ich will nicht lauschen, aber sie sind trotz der Musik gut zu verstehen, und als ich die Scherben aufgesammelt habe, weiß

Es war ein langer Tag mit viel Heben und Bücken, und mein Rücken protestiert, als ich endlich aufstehe. Dabei schnappe ich eine Antwort von Miranda auf.

»Da hast du vermutlich recht. Aber in diesem Fall müssen wir sie eben dazu zwingen, oder?«

Diese Worte verfolgen mich, als ich leise die Tür hinter mir schließe und in die Lobby gehe. Ich schaue hinaus, es schneit noch immer.

Dann müssen wir sie eben dazu zwingen.

Über wen haben sie gesprochen? Liz? Eva? Oder jemand ganz anderen, vielleicht Riks Frau?

Auf den ersten Blick sind die Worte nicht weiter bemerkenswert, nur ein Satz, wie man ihn häufig hört. Doch die kühle Entschlossenheit in Mirandas Stimme geht mir nicht aus dem Kopf.