Snoop-ID: ANON101

Hört: snoopt @Xtopher

Snooper: 0

Snoopscriber: 0

Es ist 23:02 Uhr. Ich liege im Bademantel auf dem Bett, schlafe aber nicht. Ich snoope Topher. Nicht weil ich seine Musik hören will – er steht auf komisches experimentelles Clubzeug –, sondern um herauszufinden, ob ihm auch nichts passiert ist.

Es gibt keine Check-in-Funktion bei Snoop. Den Standort erfährt man nur, wenn Benutzer ihn in der Kurz-Bio hinterlegt haben. Dennoch hatte ich insgeheim gehofft, dass mir seine Musikauswahl einen Einblick in seine Psyche verschaffen würde.

Keine Ahnung, was ich mir vorgestellt habe. Traurige Gitarrensoli. All By Myself in Endlosschleife. Stattdessen läuft ein Stream wütender spanischer Punkrock. Gut, es könnte auch portugiesischer Punkrock sein. Die Texte kann ich nicht verstehen, aber die Musik klingt wütend. Immerhin hört er etwas und ist somit aller Wahrscheinlichkeit nach am Leben. Sicher kann ich mir natürlich nicht sein. Sein Handy könnte ebenso gut einen zugefrorenen Straßengraben beschallen. Nach ein paar Minuten minimiere ich seufzend die App.

Unser Gespräch vorhin unten auf dem Sofa hallt noch nach. Ich weiß, was Topher im Sinn hatte. Er wollte mir ein schlechtes Gewissen machen. Mich daran erinnern, wie viel ich ihm verdanke.

Doch da lauern auch einige unbequeme Tatsachen. Zum Beispiel dass er einer unbeholfenen Mittzwanzigerin, die niemand eines zweiten Blickes würdigte, eine Chance gegeben hat. Dem Mädchen aus Crawley, das nach Secondhandshop und Verzweiflung roch. Er hat den Menschen dahinter erkannt, mein eigentliches Ich, das beharrlich und entschlossen war, hundertzehn Prozent zu geben.

Vor allem aber war er derjenige, der mir geraten hatte, Anteile statt Zinsen zu verlangen, als ich das Geld meiner Großmutter in Snoop stecken wollte. Rik und Eva hatten versucht, es mir auszureden. Die Einnahmen seien ungewiss – Snoop könne pleitegehen, ohne je Gewinn gemacht zu haben. Doch Topher hatte mir erklärt, dass Anteile in meinem Interesse seien. Er hatte recht behalten.

Und wegen Topher bin ich heute hier. Ich weiß noch immer nicht, ob ich ihm danken oder ihn verfluchen soll. Vielleicht beides.

Dieses Mädchen – Erin – hat gesagt, dass die Standseilbahn nur bis 23 Uhr fährt. Falls er damit gefahren ist, müsste er gleich hier sein. Aber das ist die Frage: Ist er damit gefahren?

Ruhelos trete ich ans Fenster und schaue hinaus in den wirbelnden Schnee. Für heute Nacht sind minus zwanzig Grad vorhergesagt. Bei solchen Temperaturen kann man sterben.

Als es klopft, zucke ich zusammen, ziehe den Gürtel meines Bademantels enger und gehe zur Tür. Mein Herz klopft heftig, als ich aufschließe.

»Liz«, sagt sie. »Darf ich reinkommen?« Sie hat sich inzwischen umgezogen und trägt statt des weißen Wollkleids eine Yogahose, in der ihre Beine unglaublich lang aussehen. Sie zieht einen Duft hinter sich her wie eine Ölspur. Er ist intensiv und ein bisschen widerwärtig. Es könnte Poison sein.

»Ähm … okay«, sage ich. Sie hat mich überrumpelt, das ärgert mich. Ich will sie nicht in meinem Zimmer haben, weiß aber nicht, wie ich das taktvoll rüberbringen könnte.

Sie marschiert an mir vorbei zum Fenster und schaut hinaus. Ich bemerke, dass meine Schranktür offen steht und den Blick auf eine Stange voller geschmackloser, ungebügelter Kleidungsstücke und mein Gepäck freigibt. Der Koffer ragt ein bisschen heraus, darum geht die Tür nicht zu. Ich schiebe ihn mit dem Fuß zurück und schließe die Tür.

Eva dreht sich um, als sie das Klicken hört.

»Geht es dir gut?«, fragt sie unvermittelt.

Die Frage verblüfft mich. Vermutlich ist es nur eine Höflichkeitsfloskel, aber ich bin es nicht gewöhnt, dass Menschen wissen wollen, wie es mir geht. Schon gar nicht Eva. Ich fühle mich seltsam entblößt. Ich weiß gar nicht, was ich antworten soll, aber das ist auch egal, weil Eva schon weiterspricht.

»Ich wollte mich entschuldigen, dass ich euch mit der Präsentation überfallen habe, aber ich hatte Sorge, dass Topher sie torpediert, wenn ich sie ins Programm nehme –«

Oh. Sie ist gekommen, um mich zu überreden.

»Eva, bitte.« Meine Kopfschmerzen, die sich nach dem Essen gelegt hatten, melden sich zurück und pochen im Rhythmus meines Herzschlags. »Bitte, ich will das jetzt nicht.«

»Keine Sorge.« Sie ergreift meine Hände. Ihre sind kalt und kräftig. »Das verstehe ich absolut. Ich wäre an deiner

Sie verstummt. Sie braucht auch nichts weiter zu sagen, die Fakten sprechen für sich.

Es gibt zwölf Millionen Gründe, um mit Eva zu stimmen. Sie muss nicht zwölf Millionen und einen daraus machen.

»Ich weiß«, flüstere ich. »Eva, ich weiß, nur ist es so, dass Topher …«

Dass Topher mir die allererste Chance gegeben und gesagt hat, ich solle Anteile an Snoop verlangen. Wie könnte ich ihn verraten? Was würde er tun? Zum ersten Mal wird mir bewusst, dass ich Angst habe.

»Liz, du weißt doch, was du tun willst, was du tun musst«, sagt Eva schmeichelnd, als spräche sie mit einem verängstigten Kind. »Komm schon, ich habe mich immer für dich eingesetzt. Wir haben immer aufeinander achtgegeben.«

Mir fällt wieder ein, was Rik mich beim Essen gefragt hat. Was mich dazu gebracht hat, meinen Stuhl zurückzustoßen und das Zimmer zu verlassen. Und, Liz, was machst du mit dem Geld, das du für deine Anteile bekommst? Es war so dreist, so frech, so anmaßend.

Eva geht raffinierter vor. Sie weiß, dass mich das Geld in gewisser Weise erschreckt. Denn für eine Frau wie mich, die als Kind jeden Penny verstecken musste, damit ihr Vater ihn nicht in einen Spielautomaten warf, ist das eine unfassbare Summe. Lächerlich. Überwältigend. Lebensverändernd.

Eva weiß, dass mich letztlich nicht das Geld überzeugen wird, sondern etwas viel Persönlicheres, etwas zwischen ihr und mir. Sie appelliert an unsere gemeinsame Vergangenheit. Ich war schließlich auch ihre Assistentin, damals, als Snoop sich nur

Und im Grunde genommen weiß sie, was Rik weiß, was Carl weiß, was alle außer Topher und Elliot zu akzeptieren scheinen: dass ich gar keine Wahl habe.

Es gibt nur eine vernünftige Antwort auf die Frage, mit der ich mich konfrontiert sehe. Meine Loyalität zu Topher auf der einen Seite, zwölf Millionen Pfund auf der anderen Seite. Aber da ist noch mehr – die Aussicht auf ein völlig neues Leben, anders als alles, was ich gewöhnt bin. Letztlich geht es für mich darum, mich zu befreien. Von der Arbeit, der Sorge, der ständigen Unsicherheit.

»Ich weiß, Eva.« Meine Stimme ist sehr leise. »Ich weiß. Es ist nur … schwer.«

»Das verstehe ich.« Wieder drückt sie meine Hand. Ihre Finger sind kalt, und ihr Druck spricht eine deutliche Sprache. »Ich weiß, dass es schwer ist. Natürlich bin ich Topher gegenüber auch loyal, gar keine Frage. Aber ich kann doch auf dich zählen?«

»Ja«, sage ich. Nun ist meine Stimme fast nicht mehr zu hören, nicht einmal für mich. »Ja, du kannst auf mich zählen.«

»Gut.« Sie lächelt ihr breites, wunderschönes Lächeln. Ein Lächeln, das einst von tausend Plakatwänden und Laufstegen in ganz Europa gestrahlt hat. »Danke, Liz, ich weiß, was das bedeutet. Und du kannst auf mich zählen. Wir geben aufeinander acht, nicht wahr?«

Ich nicke, worauf sie mich flüchtig umarmt und das Zimmer verlässt.

Als sie weg ist, öffne ich das Fenster, um ihren Geruch loszuwerden. Ich beuge mich hinaus und lasse die Angst, die in meiner Brust eingeschlossen ist, in etwas Gewaltiges, beinahe

Denn Eva hat recht. Ich habe keine Wahl. Ich weiß, was ich zu tun habe. Ich muss nur den Mut dafür aufbringen.

Und nachdem ich mich entschieden habe, überkommt mich ein seltsamer Friede.

Es ist gut. Alles wird gut.

Ich mache das Fenster zu. Lege mich wieder ins Bett und beende Snoop. Dann liege ich reglos da und horche nun auf das Flüstern des Schnees, der auf meinen Balkon fällt. Der alles zudeckt.