Snoop-ID: LITTLEMY
Hört: snoopt ITSSIOUXSIE ☑
Snooper: 5
Snoopscriber: 7
Als mein Wecker klingelt, kämpfe ich mich aus einem intensiven, verstörenden Traum – einem Albtraum, in dem ich grabe, grabe, grabe, durch hart gewordenen Schnee, die Hände taub vor Kälte, mit zitternden Muskeln, Blut läuft mir heiß den Hals hinunter. Ich weiß, was ich finden werde. Ich sehne mich danach und fürchte es zugleich. Aber ich wache auf, bevor ich am Ziel bin.
Ich bin erleichtert, als ich die Augen öffne und feststelle, dass ich in meinem kleinen Zimmer bin, in dem der Wecker in die Stille kreischt, bis ich ihn endlich abstelle. Es ist 6:01 Uhr, und ich bleibe noch einen Augenblick lang liegen, blinzelnd, verschlafen, und versuche, das unbehagliche Gefühl loszuwerden, das der Traum in mir ausgelöst hat.
Obwohl Wochenende ist, muss ich früh aufstehen. Danny und ich wechseln uns ab. Einer von uns steht um sechs auf, um die Kaffeemaschine einzuschalten, das Frühstück vorzubereiten und die Spuren vom Vorabend zu beseitigen, während der andere halbwegs ausschlafen kann. Heute bin ich dran und gähne am laufenden Band, als ich aus dem Bett taumele und mich anziehe. Manche Leute leiden in dieser Höhe unter Schlaflosigkeit. Ich nicht. Bei mir ist es eher umgekehrt.
Als ich an Tophers Tür vorbeikomme, halte ich inne. Ob er heil zurückgekommen ist? Gehört habe ich ihn nicht. Aber ich hatte die Haustür nicht abgeschlossen und um Mitternacht nasse Fußabdrücke in der Lobby entdeckt.
Ich stehe da und lausche mit angehaltenem Atem, als ein gewaltiges Schnarchen die Stille zerreißt. Ich lache nervös. Irgendjemand ist jedenfalls dort drin.
Unten ist es still, das Feuer hinter der gläsernen Ofentür zu glimmender Glut zerfallen. Ich öffne die Lüftungsschlitze und lege ein Scheit nach. Dann räume ich auf, was gestern Abend liegen geblieben ist.
Die Leute von Snoop sind nicht schlimmer als die meisten anderen Gruppen, und doch fühle ich mich ungewöhnlich erschöpft, als ich dreißig Jahre alten Brandy in den Ausguss kippe und geschmolzenen Camembert vom Esszimmerteppich zupfe. Außerdem wurde hier drinnen geraucht, was streng verboten ist – jemand hat seine Kippe auf einem Teller mit Dannys liebevoll gefertigten Petit Fours ausgedrückt. So etwas bringt mich wirklich auf die Palme. Ich war dabei, als er die Mini-Florentiner gemacht hat, als er den Teig gemischt, sie gebacken, einen nach dem anderen sorgfältig in die exakt temperierte Kuvertüre getaucht und zum Trocknen hingelegt hat. Er hat sie wie kleine Meisterwerke behandelt, was sie auch sind. Und jetzt hat jemand sie als Aschenbecher benutzt.
Ich brauche eine Weile, um mich zu beruhigen, doch bis sieben hat sich meine Stimmung aufgehellt. Die Räume sind sauber, das Feuer knistert, der Herd ist bereit für die Würstchen. Das Bircher Müsli ist in eine große Kristallschale gefüllt, daneben stehen ausladende Krüge mit frisch gepressten Säften und Kannen mit Milch und Sahne. Von oben ist noch nichts zu hören, also kann ich mir zehn Minuten mit Kaffee und Handy gönnen. Normalerweise würde ich die Wettervorhersage checken oder durch Twitter scrollen, aber heute öffne ich Snoop und gehe die Listen meiner Lieblingskünstler durch. Ich schaue nach, wer online ist und wer was hört, und trinke dabei meinen Kaffee. Es sind da ein paar tolle Leute unterwegs, echte Stars, und andere, die einfach faszinierende Persönlichkeiten sind. Danny hat recht, das Ganze hat Suchtcharakter, man muss einfach auf den Song tippen, den sie in diesem Augenblick hören, wohl wissend, dass man ihn Beat für Beat miteinander hört. In New York ist es Mitternacht, und viele Leute, die ich snoope, hören Musik, die zum späten Abend passt, mit der man runterkommt. Das kann ich um diese Tageszeit nicht gebrauchen und stoße bei meiner Suche auf eine coole kleine Gruppe britischer Promis, die schon Musik hören. Warum sind sie um sechs Uhr britischer Zeit schon wach? Schlafprobleme? Vielleicht stehen sie auch immer so früh auf.
Ich spüle die Servierschüsseln, die nicht in die Spülmaschine passen, und klopfe mit der Fußspitze im Rhythmus zu Rockaway Beach von den Ramones, als das Lied zu verschwimmen beginnt. Ich ziehe das Handy aus der Tasche, prüfe die Verbindung der Kopfhörer. Das Lied bricht ab. Verdammt. Ich schaue auf das Display. Das WLAN-Signal ist stark, aber als ich auf das Snoop-Icon tippe, öffnet sich ein kleines Fenster. We can’t get no satisfaction. (Überprüfe bitte deine Internetverbindung.)
Seufzend schließe ich die App und spüle ohne Musik weiter. Ein paar Teller später klopft es ans Fenster. Es ist Jacques aus der Bäckerei unten im Tal, beladen mit Baguettes und einer riesigen Tüte Croissants. Ich streife die Gummihandschuhe ab, öffne die Tür und atme eine weiße Wolke in die kalte Morgenluft.
»Salut, ma belle«, sagt er mit Zigarette im Mund und reicht mir das Brot. Dann nimmt er einen tiefen Zug von der Gitanes und bläst den Rauch über die Schulter.
»Hi, Jacques«, sage ich. Mein Französisch ist nicht perfekt, aber ich kann mich unterhalten. »Danke für das Brot. Was sagst du zum Wetter?«
»Schön ist es nicht«, erwidert er, nimmt einen weiteren gedankenvollen Zug und schaut zum Himmel hinauf. Jacques ist einer der wenigen Menschen, die tatsächlich hier aufgewachsen sind. Fast alle anderen kommen von außerhalb, sind entweder Touristen oder Saisonarbeiter. Jacques hingegen hat sein ganzes Leben hier verbracht. Seinem Vater gehört die Bäckerei in Saint-Antoine-le-Lac, und wenn er sich in einigen Jahren zur Ruhe setzt, wird Jacques sie übernehmen.
»Glaubst du, man kann heute Ski fahren?«, frage ich. Er zuckt mit den Schultern.
»Vielleicht vormittags. Aber am Nachmittag …« Er streckt die Hand aus und kippt sie hin und her. Die französische Art, Kann sein, kann auch nicht sein zu sagen. »Da sind heftige Schneefälle im Anmarsch. Siehst du, welche Farbe die Wolken über La Dame haben?«
Mit La Dame meint er La Dame Blanche – den ausladenden Gipfel, der das ganze Tal überragt und das Chalet beinahe ständig in Schatten taucht. Als ich zum Gipfel blicke, verstehe ich, was er meint. Dort sammeln sich hässliche dunkle Wolken.
»Das ist aber noch nicht alles«, sagt Jacques. »Es kommt Wind hinzu. Das macht es für die Leute von der Lawinenbeobachtung schwierig. Die können dann nicht raus, um die kleinen Abgänge auszulösen.«
Ich nicke. Ich weiß, wie sie nach starken Schneefällen vorgehen: Sie lösen kleinere Lawinen aus, damit sich an den oberen Hängen keine kritische Schneemasse aufbauen kann. Ich weiß nicht, wie das genau geht – manchmal setzen sie Hubschrauber ein, dann wieder eine Art Kanone. Jedenfalls glaube ich gern, dass die Arbeit bei Wind zu gefährlich und unberechenbar ist.
»Glaubst du, es besteht Lawinengefahr?« Ich versuche, mein Unbehagen zu verbergen.
Wieder zuckt Jacques mit den Schultern. »Schwere Lawinen? Unwahrscheinlich. Aber heute Nachmittag werden bestimmt einige Abfahrten geschlossen, und ich würde niemandem empfehlen, abseits der Piste zu fahren.«
»Das mache ich nie«, sage ich knapp. Jedenfalls nicht mehr.
Jacques reagiert nicht, schaut nur nachdenklich zu den Hängen hinauf und stößt einen Rauchring aus. »So, ich muss los. Bis später, Erin.«
Dann knirscht er durch den frisch gefallenen Schnee zur Standseilbahn. Mit ungutem Gefühl schaue ich ihm nach, auch die hartnäckige Kälte aus meinem Traum ist noch nicht ganz verflogen, und ich kehre rasch in die warme Küche zurück.
Ich staple gerade die Brote auf dem Tisch, als eine vom Schlaf noch heisere Stimme mich zusammenzucken lässt.
»Monsieur Baguette, der Bäckerssohn?«
Danny lehnt an der Arbeitsplatte und blinzelt ins grelle Morgenlicht.
»Mensch!« Ich lege die Hand auf die Brust. »Du hast mich vielleicht erschreckt. Ja, das war Jacques. Er sagt, es wird weiter schneien.«
»Du willst mich wohl verarschen.« Danny reibt sich über die Bartstoppeln. »Von dem Zeug kann doch nichts mehr übrig sein da oben. Können die überhaupt Ski fahren?«
»Ich denke schon. Jacques meint, heute Morgen geht es noch. Am Nachmittag werden sie die Pisten wohl schließen – Lawinengefahr.«
»Sie sind schon auf Orange«, sagt Danny und meint damit die Farbskala, die von Météo-France veröffentlicht wird. Orange ist Stufe drei und bedeutet beträchtliches Lawinenrisiko: Man sollte auf den Pisten bleiben, und einige der steileren Hänge werden vermutlich geschlossen. Rot ist Stufe vier, dann macht der ganze Skiort dicht. Schwarz bedeutet Stufe fünf, Gefahr für Siedlungen und Straßen. Wenn Schwarz gemeldet wird, sollte man sich die letzte Mahlzeit gut schmecken lassen, aber die Lawinenbeobachter lassen es für gewöhnlich nicht so weit kommen.
Ich nehme das Tablett mit den Kaffeetassen, als Danny beiläufig fragt: »Wer ist Will?«
Die Frage trifft mich wie ein elektrischer Schlag – ich stolpere, zwei Tassen rutschen vom Tablett und zerspringen auf dem Boden. Als Danny und ich die Scherben aufgesammelt haben, bin ich gefasst genug, um zu antworten.
»Was meinst du damit? Hier heißt doch keiner Will.«
»Du hast letzte Nacht geträumt und jemanden namens Will gerufen. Ich habe dich durch die Wand gehört. Ich bin davon aufgewacht.«
Scheiße.
»Ist ja seltsam«, sage ich leichthin und ein bisschen verwundert. »Tut mir leid. Muss ein Albtraum gewesen sein.«
Und bevor er weiterfragen kann, verlasse ich das Zimmer. Ich trage das Tablett ins Esszimmer, habe mich fast wieder in der Gewalt. Dann decke ich den großen Holztisch fürs Frühstück. Ich stelle gerade die letzten Marmeladengläser hin, als ich Absätze auf der Treppe höre und Eva in die Lobby kommt. Sie wirkt stinksauer.
»Hi«, sage ich.
»Hi, was ist mit dem Internet passiert?«, fragt sie direkt. Mir rutscht das Herz in die Hose. Mist. Ich hatte gehofft, es sei nur ein vorübergehendes Problem.
»Oh, das tut mir leid. Immer noch kein WLAN?«
»Nein. Und der Handyempfang ist eine Katastrophe.«
»Das tut mir wirklich sehr leid, vermutlich liegt es am Schnee. Das kommt gelegentlich vor. Dann ist ein Kabel gerissen oder ein Repeater ausgefallen oder so. Nach schweren Schneefällen passiert das häufiger. Und von denen hatten wir in letzter Zeit mehr als genug.«
Ich deute zum Panoramafenster, vor dem der Schnee halb hoch liegt.
»Auf die wissenschaftlichen Erklärungen kann ich verzichten. Ich will nur wissen, wann es wieder läuft.«
Ihr Ton ist scharf und gereizt. Die Stimme eines Menschen, der es gewöhnt ist, Spring! zu sagen und als Antwort zu hören: Wie hoch? An sich stört mich das nicht – in gewisser Weise mag ich es sogar, wenn Leute ihre Erwartungen klar formulieren, statt einen die ganze Woche über anzulächeln und dann eine beschissene Bewertung zu hinterlassen. Aber in diesem Fall kann ich wirklich nicht helfen. Das wird Eva nicht gefallen.
»Keine Ahnung.« Ich verschränke die Arme. »Tut mir leid. Gewöhnlich läuft es nach ein paar Tagen wieder, mehr kann ich nicht sagen.«
»Mist.« Sie gibt sich keine Mühe, ihre Verärgerung zu verbergen, aber ich lese noch etwas anderes in ihrem Gesicht, Stress und Verzweiflung, was ziemlich unverhältnismäßig wirkt.
»Es tut mir leid«, sage ich erneut. »Ich wünschte, ich könnte Ihnen Genaueres sagen. Gibt es ein berufliches Problem?«
»Beruflich?« Sie schaut hoch, schüttelt den Kopf und lacht verächtlich auf. »Gott, nein. Meine beruflichen Probleme kann ich in einem Wort zusammenfassen: Topher. Nein, das ist privat. Es –« Sie seufzt und fährt sich mit der Hand durch den seidigen weißblonden Haarvorhang. »Wahrscheinlich klingt es ziemlich lächerlich, aber wenn ich weg bin, skype ich jeden Morgen mit meiner Tochter Radisson. Es ist einfach unser kleines Ritual. Ich bin so oft unterwegs und kann dann nicht so für sie da sein, wie ich gerne möchte. Aber ich sage ihr immer beim Frühstück guten Morgen und fühle mich ziemlich beschissen, weil es heute nicht geht. Meinen Partner konnte ich anrufen, aber Sie wissen ja, wie das ist, kleine Kinder begreifen nicht, wie ein Telefon funktioniert. Sie ist erst achtzehn Monate alt. Sie muss ein Gesicht sehen.«
»Das verstehe ich gut«, sage ich sanft. »Es ist sicher schwer, nicht bei ihr zu sein.«
»Danke«, sagt Eva knapp, wirft mir einen flüchtigen Blick zu und wendet sich ab, um kochend heißes Wasser in eine Tasse zu füllen. Sieht so aus, als ärgert sie sich, weil sie ihre menschliche Seite offenbart hat. In meinen Augen hat sie dadurch allerdings erheblich gewonnen. Hinter der eisigen Fassade steckt wohl doch ein Mensch.
Sie nimmt einen Teebeutel, hängt ihn in die Tasse und geht wortlos in ihr Zimmer zurück.
Eine halbe Stunde später kommen Topher, Rik und Carl herunter, und mein Herz macht vor Erleichterung einen kleinen Sprung, als ich die drei zusammen sehe. Genauer gesagt, als ich Topher sehe. Er wirkt müde und verkatert, aber er ist da, und damit endet meine Verantwortung für die Gruppe.
»Du bist nicht der Einzige, der sich herumgetrieben hat«, sagt Carl gerade zu Topher, als sie ins Zimmer kommen. »Inigo hat sich um fünf Uhr früh ins Bett geschlichen.«
»Ach je«, sagt Topher und verdreht die Augen. »Nicht schon wieder. Eva sollte es besser wissen.«
Eva? Ein Kribbeln überläuft mich. Wieso eigentlich? Schließlich geht es mich nichts an. Aber sie war vorhin so besorgt, weil sie nicht mit ihrer Familie sprechen konnte. Hat Topher recht oder will er nur Unfrieden stiften?
»Hashtag Cougar«, sagt Carl grinsend, geht zum Frühstücksbuffet, nimmt sich ein warmes Croissant und taucht es direkt in das Einmachglas mit Dannys selbst gemachter goldgelber Aprikosenkonfitüre. Er beißt ein großes Stück ab und lächelt, die Lippen voller Krümel.
»Hashtag?«, meint Rik verächtlich. Er trägt einen schwarzen Rollkragenpulli aus Merinowolle und könnte einem Katalog für teure Männerstrickmode entsprungen sein. »Cougar? Bin ich hier bei einer Studentenverbindung gelandet?« Dann bedenkt er mich mit seinem besonders charmanten Lächeln, bei dem sich seine Mundwinkel kräuseln. »Ich hätte gern einen Espresso, Erin. Falls das möglich ist.«
Carl funkelt ihn so böse an, dass ich es durchs ganze Zimmer spüre.
Eigentlich war das nur eine blöde Bemerkung – ein jüngerer, durchtrainierterer und attraktiverer Mann, der sich über seinen weniger hippen Kollegen lustig macht. Aber ich habe den Eindruck, dass Rik sich weniger an Carls Wortwahl als am Gesprächsthema stößt. Tatsächlich wird mir Rik immer sympathischer. Wie er mit Eva – und auch mit Miranda – umgeht, unterscheidet sich deutlich von dem pubertären Lästern, das Carl und Topher zu bevorzugen scheinen.
»Und, fahren wir heute Ski?«, fragt Miranda von der Wendeltreppe her. Sie hat die dunklen Haare zu einem Knoten gesteckt, als stünde ein Arbeitstag bevor. Sie registriert, wie ich Rik den Espresso reiche, und sagt: »Guten Morgen, Erin, ich nehme einen Cortado mit Mandelmilch, bitte. Wie sieht die Wettervorhersage aus?«
»Am Nachmittag soll es wieder schneien. Es kann sein, dass die Lawinengefahr größer wird, dann werden mehr Pisten geschlossen. Falls Sie Ski fahren möchten, sollten Sie es heute Vormittag tun.«
»Das wird Eva nicht gefallen«, sagt Carl. »Sie hat jede Menge Präsentationen geplant.«
»Sie wird es wohl schlucken müssen«, sagt Topher gereizt, steckt sich zwei weiße Tabletten in den Mund und spült sie mit einem Schluck aus seiner Edelstahl-Wasserflasche hinunter. Dann massiert er sich den Nasenrücken. »Ich bin nicht so weit gefahren, um die ganze Woche in einem Konferenzraum zu hocken und mir ihre langweiligen Vorträge über die Erwartungen der Investoren anzuhören. Sie kann uns doch genauso gut heute Nachmittag damit beglücken.«
»Sie hat sicher nichts dagegen, den Termin zu verschieben«, sagt Miranda beschwichtigend. »Es wird uns allen guttun, ein bisschen Dampf abzulassen. Ich kann es kaum erwarten, wieder auf Skiern zu stehen.«
Sie sieht auch wie eine Skifahrerin aus. Schlank, aber kräftig. Topher ist eher der Typ Snowboarder, und es überrascht mich nicht, als er fragt: »Wie sieht es hier abseits der Pisten aus, Irene? Guter Pulverschnee?«
Ich brauche einen Moment, um zu begreifen, dass er mich meint. Miranda zischt ihm zu: »Sie heißt Erin.«
Ich lächle, um anzudeuten, dass es mir nichts ausmacht. Irene, Eileen, Emma – alles das Gleiche. Als Hausangestellte ist man kein richtiger Mensch. Topher würde einen hochklassigen Roboter wohl ähnlich neutral und gleichgültig behandeln.
»Der Schnee muss jetzt fantastisch sein«, sagt Rik. »Können Sie uns ein paar gute Strecken abseits der Pisten empfehlen, Erin?«
Ich spüre, wie ich blass werde. Als ich noch überlege, was ich sagen soll, rettet mich Danny, der mit einem großen Teller Speckbrötchen hereinkommt.
»Erin ist viel zu ängstlich, um da draußen zu fahren«, sagt er grinsend. »Aber ich kann Ihnen ein paar coole Routen zeigen. Allerdings nicht heute.«
»Wieso nicht heute?« Topher runzelt die Stirn.
»Die Lawinengefahr ist zu groß.« Ich habe mich wieder in der Gewalt. »In ein paar Tagen sollte es besser sein. Bis dahin haben sie bestimmt schon kontrollierte Sprengungen vornehmen können.«
In Wahrheit habe ich absolut keine Ahnung, ob es besser wird, aber Pessimisten sind unbeliebt, und irgendwann müssen sie ja hochkommen und das Risiko beseitigen.
»Gut, dann haben wir ja schon einen Plan«, sagt Topher munter, nimmt sich ein Speckbrötchen und beißt hinein.
»Was für einen Plan?«
Die Stimme kommt aus Richtung Wohnzimmer. Wir drehen uns um und sehen Eva dort mit einem ganzen Stapel Akten und einem Laptop stehen. Sie wirkt startklar.
»Erin meint, wir können nur heute Morgen Ski fahren«, sagte Rik rasch. »Also haben wir gedacht, wir haken als Erstes die Finanzpräsentation ab und verschieben den Rest auf heute Nachmittag.« Er spricht ziemlich schnell, als wollte er Topher zuvorkommen, der das Gleiche sagen würde, aber sehr viel weniger diplomatisch.
Eva bleibt in der Tür stehen und scheint zu überlegen, ob sie einen Aufstand machen soll. Dann sieht sie auf die Uhr und zuckt mit den Schultern.
»Schön. Es ist fast halb neun. Sollen wir mit der Präsentation beginnen? Wir dürften in einer halben Stunde damit durch sein, dann erwischen wir noch einen der ersten Lifte.«
»Je eher, desto besser, wenn du mich fragst«, sagt Topher. »Wir können unser Frühstück mit in den Medienraum nehmen. Wo sind eigentlich die anderen?«
»Ich bin hier.« Tiger kommt gerade ins Zimmer. »Entschuldigung, habe ich euch aufgehalten?« Sie wirkt blass und mitgenommen, ihre kurzen Haare stehen in alle Richtungen ab, als hätte sie sich heute noch nicht gekämmt.
»Ja«, sagt Topher, während Miranda gleichzeitig antwortet: »Nein, du bist nicht die Einzige, die fehlt.«
»Bereit für ’ne Runde Pulver, Tiger?«, fragt Topher. Ich höre, wie Danny in der Küche ein Schnauben unterdrückt, und mache mich an der Espressomaschine zu schaffen, um meinen Gesichtsausdruck zu verbergen.
»Wie bitte?«, fragt Tiger und reibt sich die Augen, als würde ihr das Morgenlicht wehtun. »Was meinst du?«
»Bist du bereit, aufs Brett zu steigen?«
»Klar doch.«
»Du siehst noch schlimmer aus als Topher«, sagt Eva unverblümt, und Tiger lacht, wirft Topher aber einen verunsicherten Blick zu.
»Ich habe schlecht geschlafen. Hab kaum ein Auge zugemacht.«
»Das liegt an der Höhe«, sagt Eva. »Manche Leute reagieren so. Ich nehme an den ersten Abenden immer eine Schlaftablette.«
Ich höre nicht, was Tiger antwortet, da Topher mich beiseitenimmt.
»Sind die Leih-Ski alle hier?«
»Ja, die stehen schon im Skiraum.« Der Verleih ist unten im Dorf, wir holen die Sachen für die Gäste dort ab. Die meisten haben ihre eigene Ausrüstung dabei, nur Liz, Ani und Carl müssen sich Skier leihen. »Bevor Sie aufbrechen, zeige ich Ihnen, wie Sie am besten zum Chalet zurückkommen. Das ist wirklich eine tolle Abfahrt, aber nicht ganz da, wo man es erwartet, wenn man auf die Karte sieht. Sie müssen an einer Stelle zwischen zwei Pisten queren.«
»Ist das auch sicher?«, fragt Carl beunruhigt. »Sie haben gesagt, es sei gefährlich, die markierten Pisten zu verlassen.«
»O ja«, antworte ich hastig. »Es ist absolut sicher, eine viel befahrene Strecke. Sie ist nicht wirklich abseits der Piste. Nur wird sie auf der Liftkarte nicht als Piste ausgewiesen. Sie müssen wissen, wie Sie zwischen den Bäumen hindurchkommen. Die Karte führt Sie nämlich Blanche-Neige hinunter bis nach Saint-Antoine-le-Lac, und dann müssen Sie mit der Standseilbahn wieder hochfahren.«
»Ist das auch was für Anfänger?«, fragt Carl noch immer besorgt.
»Die Abkürzung? Absolut. Sie entspricht einer grünen Piste. Sind Sie schon mal Ski gefahren?«
»Ja, aber das ist Jahre her.« Er schaut über die Schulter. Topher und die anderen sind schon in den Medienraum gegangen. »Das bleibt unbedingt entre nous«, sagt er ziemlich verdrossen und senkt die Stimme. »Ich hätte mir lieber die Augen ausgestochen, als Skiurlaub zu machen. Aber so läuft es eben, wenn man für eine Firma wie Snoop arbeitet. Topher ist ein Snowboard-Freak, Eva praktisch ein Ski-Profi, und was die beiden sagen, wird gemacht. Für uns andere gilt Augen zu und durch.«
Ich nicke, als würde er Small Talk machen, doch der Einblick in die innere Struktur von Snoop ist faszinierend. Es sind zwar fünf Gesellschafter, aber im Geschäftsalltag haben wohl allein Topher und Eva das Sagen.
Umso interessanter, dass dieses Gleichgewicht der Macht gestört ist. Denn bei einer Übernahme kann nur einer von ihnen gewinnen. Fragt sich bloß, wer?