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»Okay«, sagt Rik, schließt die letzte PowerPoint-Präsentation und schaltet das Licht ein. »Das wär’s. Ihr könnt euch jetzt in eure Skiklamotten werfen.«

Ich reibe mir die Augen. Die plötzliche Helligkeit bohrt sich schmerzhaft in meinen Schädel. Meine Kopfschmerzen melden sich zurück. Ich stehe auf, zupfe die Strumpfhose zurecht. Um mich herum rascheln Sitzsäcke, Sofas knarren, als sich alle erheben.

»Einen Moment noch«, wirft Topher lässig ein. »Könnten die Gesellschafter bitte noch kurz hierbleiben?«

Mir wird flau. Zustimmendes Gemurmel. Ani, Inigo, Carl, Miranda und Tiger stehen auf und verlassen den Raum.

Dann sind nur noch Topher, Eva, Rik, Elliot und ich übrig.

O Gott. Ich atme hektisch. O Gott, o Gott, o Gott … sie werden fragen, und dann muss ich – dann muss ich –

»Hört mal«, sagt Eva, »ich glaube, die nackte, harte Realität von Riks Zahlen ist keinem von uns entgangen. Sie zeichnen ein ziemlich schonungsloses Bild. Unsere Fixkosten –«

»Ich will das alles nicht noch einmal durchkauen«, sagt Topher genervt, als wären die Gewinn-und-Verlust-Rechnungen, die Rik uns gerade gezeigt hat, völlig unerheblich. »Wir alle können eine Tabelle lesen, und Rik hat alles gut erläutert. Ich

Mein Atem geht schneller. Die Kopfschmerzen hinter meinen Augen werden stärker, die Ränder meines Sichtfelds zerfasern.

»Aber Topher«, sagt Eva, »du weißt sehr gut, dass wir noch nicht alle Informationen haben. In dieser Woche geht es doch darum, alles abzuwägen –«

»Darum habe ich auch Probeabstimmung gesagt«, fällt Topher ihr grob ins Wort. »Sie ist nicht bindend, Eva. Es ist nur eine Abstimmung durch Handzeichen, um zu sehen, wo wir stehen. Möglicherweise sind wir gar nicht so weit weg von einer Einigung.«

Eva erwidert nichts. Sie wirft mir einen Blick zu, und ich weiß genau, was sie denkt. Sie weiß nicht, wie sie Topher daran hindern soll. Er ist störrisch wie ein Maulesel, wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hat. Dann drängt und drängt und drängt er …

Elliot sagt natürlich auch nichts, aber jeder weiß, was sein Schweigen bedeutet – er unterstützt Topher. Das tut er immer. Elliot interessiert sich nur fürs Programmieren. Alles andere überlässt er Topher.

»Rik?«, fragte Eva mit spröder Stimme.

»Warum nicht?« Dass er einwilligt, überrascht mich.

»Also«, sagt Topher beschwichtigend, »noch einmal: Das ist nicht bindend. Wer ist für die Übernahme? Bitte die Hand heben.«

»Ich«, sagt Rik.

»Und ich«, meldet sich Eva. Dann tritt eine lange Stille ein, und ich spüre, wie sie gespannt warten. Als Topher wieder spricht, klingt er zufrieden, als hätte er seinen Willen bekommen.

»Prima. Wer ist dagegen?«

»Und ich, das ist klar«, sagt Topher. Es entsteht wieder eine Pause, dann fragt er gewollt beiläufig: »Und … äh, wie stimmst du, Liz?«

Ich schlucke. Ich habe einen Kloß im Hals, und mir wird bewusst, dass ich seit dem Aufstehen noch kein Wort gesprochen habe. Beim Frühstück hat niemand mit mir geredet. Bei dem Meeting hat mich niemand nach meiner Meinung gefragt. Ich weiß nicht, ob ich meiner Stimme vertrauen kann, wenn ich jetzt den Mund aufmache.

»Liz?«, fragt Eva. In ihrer Stimme liegt eine gewisse Schärfe. Obwohl sie sich bestimmt bemüht, keinen Druck auszuüben.

»Ich –« Es kommt krächzend heraus. Ich schlucke noch einmal, will den erstickenden Kloß hinunterzwängen. »Ich weiß nicht.«

»Komm schon, Liz«, sagt Rik, und obwohl er sich bemüht, fröhlich und ermutigend zu klingen, kann er seine Ungeduld nicht verbergen. »Du musst doch irgendeine Tendenz haben. Möchtest du zwölf Millionen, ja oder nein? Das ist doch nicht so schwer.«

»Oder«, wirft Topher ein, und sein Ton lässt mich zusammenzucken, »möchtest du vielleicht Anteile, die womöglich noch viel mehr wert sein werden, sofern wir die Kontrolle behalten und an die Börse gehen?«

»Sofern wir die Kontrolle behalten und zahlungsfähig bleiben«, kontert Rik.

»Scheiße noch mal, Rik«, sagt Topher gereizt. Angst breitet sich in mir aus, wie eine langsame, aber unaufhaltsame chemische Reaktion. Bevor sie nach außen dringen kann, steht Eva auf und tritt mit erhobenen Händen zwischen die beiden.

Ich bringe kein Wort heraus, bewege nur den Kopf, was ja oder nein bedeuten kann. Eva lächelt und kommt zu mir herüber. Sie drückt ermutigend meine Hand, ihr Parfüm wirkt in diesem kleinen Raum berauschend wie eine Droge.

»Kein Problem. Angesichts dessen schlage ich vor, dass wir uns jetzt fertig machen zum Skifahren. Nach dem Mittagessen gehen wir im Detail die Fragen durch, die Rik aufgeworfen hat. Einverstanden?«

Allgemeines Nicken und zustimmendes Gemurmel, dann gehen Topher, Elliot und Rik hinaus.

Ich stehe mit zitternden Beinen auf und will ihnen folgen, doch Eva hält mich zurück.

»Einen Augenblick, Liz. Alles in Ordnung mit dir?«

Einen Moment lang bringe ich kein Wort heraus.

»Es – es tut mir leid, Eva. Ich weiß, wir haben gestern Abend darüber geredet, und ich hab’s versprochen, ich werde – ich mache es – es ist nur –«

»Natürlich.« Eva legt mir die Hand auf den Arm. Die Geste soll wohl beruhigend wirken, doch vor allem versperrt sie mir den Weg zur Tür. »Das verstehe ich vollkommen.«

»Es ist nur –« Ich schaue zur Tür, um mich zu vergewissern, dass Topher mich nicht hören kann. Zum Glück ist er weg. »Es fällt mir schwer, es offen zu sagen.«

»Das ist mir klar. Du bist eben sehr loyal. Und ich verstehe deine Sorge, dass Topher es als Verrat auffassen könnte, egal wie vernünftig deine Entscheidung auch sein mag.«

»Ich –« Ich schlucke. Ich habe Angst, das ist die Wahrheit,

Eva sieht mich besorgt an, und ich weiß auch, warum. Sie fragt sich, ob ich mich an unsere Abmachung halten werde. Aber ich habe mich entschieden. Ich suche in mir nach dem schicksalsergebenen Frieden, der mich letzte Nacht überkommen hat, will mich daran erinnern, wie es sich angefühlt hat – die Gewissheit, die ruhige Entschlossenheit. Mein Herz schlägt ein bisschen stetiger. Ich kann ebenso entschlossen sein wie Topher, wenn ich mich einmal entschieden habe.

»Du brauchst dir keine Sorgen zu machen«, sage ich, und meine Stimme klingt kräftiger. »Ich lasse dich nicht hängen. Ich muss nur – über meinen Schatten springen.«

Evas Gesicht hellt sich auf. Sie tätschelt mitfühlend meinen Arm, drückt ihn ein bisschen, um mir zu zeigen, dass wir im selben Boot sitzen.

»Klar wird er sauer sein. Das will ich gar nicht bestreiten. Und mir macht das wirklich auch keinen Spaß. Aber er wird es verschmerzen. Und verstehen.«

Nur wird er genau das nicht tun. Das wird mir klar, als wir den kleinen Raum verlassen, um uns umzuziehen und unsere Skisachen zu holen. Er wird es definitiv nicht verstehen. Und er wird das, was ich vorhabe, als ungeheuren Verrat empfinden. Aber mir bleibt keine Wahl. Das muss ich mir immer wieder sagen. Mir bleibt keine Wahl. Ich muss das jetzt durchziehen.