Snoop-ID: ANON101

Hört: offline

Snoopscriber: 0

Es ist fast Mittag. Wir sind den ganzen Morgen Ski gefahren. Der Wind frischt auf. Erin ist längst zurück ins Chalet verschwunden und hat mich mit Topher, Eva und den anderen Adrenalin-Junkies allein gelassen. Wir sind zweimal die grüne Piste bis zur Talstation der Gondelbahn gefahren und einmal die lange blaue nach Saint-Antoine hinunter und dann mit der Standseilbahn nach oben. Meine Beine sind wie Wackelpudding von der Anspannung. Mein Gesicht brennt vor Kälte, und meine Achselhöhlen sind schweißnass unter den vielen Kleidungsschichten. Ich atme schnell, überziehe meinen Schal mit einem feuchten Nebel, schwitze und friere zugleich.

Wir sammeln uns keuchend unten am Reine-Lift, und ich höre, wie Ani erleichtert flüstert: »Yeah! Mittagessen!«

Und dann sagt Topher genau das, was ich schon erwartet habe: »Na los, noch eine letzte Abfahrt. Vom Gipfel von La Dame, dem zweiten Halt der Gondelbahn. Wer von euch Weicheiern ist dabei?«

Mein Herz hämmert.

»Sollten wir nicht aufhören, bevor wir zu müde sind?«, fragt Miranda. Ganz offensichtlich hat sie auch keine Lust mehr, will aber nicht die Spielverderberin sein. »Ich meine, es ist der erste Tag, wir haben doch noch die ganze Woche zum Skifahren.«

»Das sehe ich auch so«, stimmt Ani zu und nimmt die

»Ach kommt, das ist doch nur eine blaue Piste«, sagt Topher abfällig. »Na los! Das macht doch Spaß. Oben haben wir die Wahl zwischen der schwarzen Piste, La Sorcière, und der blauen. Die ist nur der obere Teil von Blanche-Neige, die wir schon gefahren sind. Wir können uns ja aufteilen. Blau für die Babys, schwarz für die großen Jungs und Mädchen.«

»Topher«, sagt Eva und droht mit dem Finger, doch ihr Ärger ist nur gespielt. Sie ist in ihrem Element, groß und schlank auf ihren langen Skiern. Ihre knallrote Skijacke wirkt inmitten des weißen, weißen Schnees wie ein Blutfleck, und der Anblick versetzt mir einen seltsamen Stich, weil mir einfällt, wie ich die Jacke damals in ihrem Auftrag gekauft habe. Sie hatte mich mit ihrer Kreditkarte zu Harrods geschickt, um sie abzuholen. Ich erinnere mich so genau daran, als wäre es gestern gewesen.

Plötzlich erinnere ich mich auch an die Märchenfigur, nach der die blaue Piste benannt ist – Blanche-Neige, Schneewittchen. Die Haut weiß wie Schnee, die Lippen rot wie Blut, das Haar schwarz wie Ebenholz. Die Haarfarbe stimmt nicht ganz, aber Evas fast weiße Haare stecken unter einem schwarzen Beanie, sodass der Vergleich geradezu unheimlich treffend ist.

»Na los …«, lockt Topher. »Wir kommen von hier aus sowieso nicht zum Chalet. Falls ihr nicht eine Stunde auf Skiern bergauf wandern wollt, müssen wir ohnehin zur mittleren Station. Und dann können wir ebenso gut bis oben fahren, oder?« Er nimmt die Skibrille ab und lässt seinen ganzen Charme auf Ani los. »Ani? Erfüllst du einem alten Mann seinen letzten Wunsch?«

Sie seufzt leise und gibt klein bei. »Na schön. Man lebt wohl

Er lächelt und nickt.

»Miranda?«, fragt Topher und strahlt sie an. Wenn er seinen Charme aufdreht, versteht man auch, wie er es so weit bringen konnte. Es ist sehr, sehr schwer, Topher etwas abzuschlagen. »Miraaanda …?«

»Na gut«, sagt sie brummig. »Wenn wir ohnehin rauffahren, macht es wohl keinen Unterschied.«

Und dann wendet sich Topher an mich.

»Liz?«

Es ist so weit. Warum bin immer ich diejenige, von der abhängt, ob die anderen Spaß haben, die eine Entscheidung treffen muss? Ich merke, wie ich unter ihren Blicken kleiner werde, aber mir bleibt keine Wahl.

»Also gut.« Meine Stimme klingt angespannt, sogar in meinen Ohren.

»Okay!«, sagt Eva munter. »Wir sehen uns oben. Und falls jemand unterwegs verloren geht, treffen wir uns an der Abkürzung zum Chalet. Ihr wisst noch, wo der Weg abzweigt? An der großen Kiefer, die Erin uns gezeigt hat. Die mit der fluoreszierenden Schutzmatte.«

Alle nicken und murmeln zustimmend.

Und dann geht es los. Sie lösen die Bindungen und schlurfen in ihren schweren, steifen Skischuhen durch den Schnee, Stöcke und Skier im Arm, schieben sich durch das Drehkreuz. Es gibt keine Schlange, dafür ist das Wetter zu schlecht. Alle vernünftigen Franzosen hocken im Café bei Glühwein und Raclette. Wir sind die Einzigen, die auf den Berg fahren, zumindest mit diesem Lift. Mein Herz gerät wieder aus dem Takt, als die Gondel näherkommt und ich mich an Ani vorbeidränge,

Die Gondel bremst abrupt ab, als sie in die Station schwebt. Unsere kleine Gruppe tritt vor. Als die Plexiglastüren aufgehen, klettern die Ersten hinein. Es gibt vier Sitze in jeder Gondel, und ich sehe Topher, Rik und Miranda einsteigen – das ist meine Chance. Die Gondel ist schon fast an der Schranke, wo sich die Türen schließen, und ich trampele polternd mit meinen Skischuhen über die Gummifliesen. Ich stecke die Skier unbeholfen in die Halterungen an der Außenseite, eine Bindung verfängt sich in Tophers Snowboard – schon gleiten die Türen zu.

»Na los, Liz!«, ruft Miranda mir ermutigend zu. Ich dränge mich durch den Spalt und setze mich schnaufend hin, während die Türen zugehen und die Gondel losflitzt. Geschafft. Die erste Hürde ist genommen.

Ich sitze in meine unförmige Jacke eingequetscht neben Miranda, und sie lacht.

»Liz, wie viele Schichten hast du denn an? Du siehst ja aus wie das Michelin-Männchen.«

Topher grinst. »Pass bloß auf, Miranda. Wenn wir oben ankommen, lacht Liz vielleicht am besten.«

Er nickt zum Fenster, und ich verstehe, was er meint. In dem Maße, in dem die Gondel an Höhe gewinnt, spürt man förmlich, wie es kälter wird. An den beschlagenen Scheiben bilden sich kleine Tropfen, die gefrieren und zu wunderbaren Eisblumen werden, als wir höher und höher schweben, die Mittelstation erreichen, in der sich die Türen verlockend öffnen, aber niemand aussteigt.

Dann wieder hinaus ins Freie und hinauf, über die Baumlinie, weiter hinauf, in die Wolken. Der Wind rüttelt an der

Dann gleiten die Türen auf, und wir stolpern in die beißende Kälte, die augenblicklich alle meine Kleiderschichten durchdringt, obwohl wir uns noch relativ geschützt in der Station befinden.

Wir schnallen unsere Skier unter und gleiten hinaus – in eine weiße Wildnis.

Es schneit, und zwar heftig. Dazu weht ein boshafter Wind, er peitscht uns den Schnee in Augen und Nase, sodass alle rasch die Brillen aufsetzen und die Schals vors Gesicht ziehen. Die kilometerweite Sicht, die uns die Broschüren versprochen haben, ist auf wenige Meter zusammengeschrumpft, weil eine Wolke den Gipfel einhüllt.

Ich weiß, dass sich links La Sorcière befindet, die schwarze Piste, die Topher nehmen will, rechts der obere Teil der blauen Piste, Blanche-Neige. An der Mittelstation der Gondelbahn treffen sie aufeinander, aber Blanche-Neige lässt sich Zeit und umrundet in sanften Schleifen den Berg, während La Sorcière einer direkteren Linie folgt und im Zickzack unter der Gondelbahn hindurch verläuft. Wobei »direkt« untertrieben ist. Wir sind ja gerade erst über die Piste geschwebt, und sie sah selbst aus zwölf Metern Höhe wie eine blanke Eisfläche aus.

Ich schwanke, als ich mir mit den Handschuhen das Eis von der Brille wische. Vor uns steht ein verschneites Schild, das vielleicht einmal zwei Richtungen angezeigt hat, jetzt aber nur noch ein unförmiger weißer Klumpen ist. Linker Hand ist eine

»Hilfe!« Die anderen können allerdings nichts tun, und ich pralle gegen das elastische Netz, das mich in der Körpermitte abfängt. Ich fuchtele mit den Armen, wedele mit den Stöcken und lande mit klappernden Skiern auf dem Boden.

Rik gleitet zu mir herüber und hilft mir auf.

»Da hast du aber Glück gehabt«, schreit er mir ins Ohr, um den Wind zu übertönen. Er deutet auf das verschneite Piste-fermée-Schild, das am Netz befestigt ist. »Das ist La Sorcière. Wenn die nicht geschlossen wäre, hättest du wohl deine erste schwarze Piste erlebt. Oder Schlimmeres.«

Er hat recht. Hinter dem Netz geht es steil, beinahe senkrecht bergab, in einer Kurve um den Berg, und hinter der Kurve ist … nichts. Wäre ich mit hohem Tempo über die Kante hinausgeschossen, hätte mir niemand helfen können. Ich wäre mehrere hundert Meter in die Tiefe gestürzt. Bei diesem Gedanken dreht sich mir der Magen um. Und erst recht, als mir wieder einfällt, was ich vorhabe.

Ich bin zu sehr außer Atem, um zu antworten, lasse mich von Rik hochziehen und zu den anderen zurückführen, die sich oben an der blauen Piste drängen.

»La Sorcière ist geschlossen«, ruft Rik zu Topher hinüber, der frustriert nickt.

»Hab’s gesehen. Lahmärsche.«

»Sollen wir warten?«, höre ich Miranda rufen. In dem heulenden Sturm ist sie kaum zu hören. »Es ist scheißkalt!«

»Das müssen wir wohl«, sagt Rik. »Wir können nicht ohne Ani und Carl los, sie sind zu unerfahren.«

»Sollen doch die anderen babysitten«, knurrt Topher, aber Rik schüttelt den Kopf.

Ich zittere. Mein Herz hämmert. Ich kann das nicht durchziehen. Aber ich muss. Es könnte meine letzte Chance sein – ich muss etwas sagen. Jetzt. Jetzt.

»Ich kann das nicht«, stoße ich hervor. Topher schaut mich an, als sei er überrascht, dass ich sprechen kann.

»Was hast du gesagt?«

»Ich kann das nicht«, sage ich lauter. Ich atme jetzt sehr schnell, und meine Stimme ist hoch und schrill vor Angst. Mein Puls rast. »Ich kann das nicht. Ich kann es einfach nicht. Ich werde nicht dort runterfahren. Ich kann es nicht, Topher.«

»Ach, und wie willst du dann nach unten kommen?«, fragt Topher sarkastisch. »Auf dem Schlitten?«

»Hey, hey.« Rik war mit seinem Handy beschäftigt, schaut jetzt aber auf. »Was ist denn los?«

»Ich kann das nicht«, sage ich verzweifelt, als würde sich alles finden, wenn ich nur diesen einen Satz wiederhole. Vielleicht ist es noch möglich. Vielleicht wird alles gut. »Ich kann nicht. Ich kann bei diesem Wetter nicht da runterfahren. Ich werde sterben, das weiß ich genau. Ihr könnt mich nicht dazu zwingen.«

»Liz, das klappt schon.« Rik legt mir eine Hand auf den Arm. »Ich passe auf dich auf, versprochen. Wenn du willst, kannst du die ganze Strecke im Schneepflug fahren und dich an meinen Stöcken festhalten.«

»Ich. Kann. Es. Nicht«, sage ich stur. Wenn ich das Mantra oft genug wiederhole, wird alles gut. Sie können mich nicht

»Scheiße«, sagt er gereizt, wischt sich den Schnee von der Brille und schaut zu Rik. »Was nun?«

»Liz –«, setzt Rik an, und ich spüre, wie sich wieder ein Kloß in meiner Kehle bildet und mich zu ersticken droht, genau wie bei dem Meeting. Die Gondel mit der einzelnen Gestalt erreicht die Bergstation. Ich glaube, mir wird schlecht. Jetzt oder nie.

»Ich kann das nicht!«, schreie ich und fange urplötzlich und wie aus dem Nichts an zu weinen. Das Geräusch verblüfft mich selbst – laute, hässliche Schluchzer, die mich förmlich schütteln. Ich schiebe die Brille hoch und reibe mir mit vereisten Handschuhen die Augen, und der Wind ist so kalt, dass die Tränen an meiner Nasenspitze gefrieren. Ich wische die eisigen Tropfen weg. »Scheiße, ich kann es einfach nicht!«

»Okay, okay«, sagt Rik hastig. »Keine Panik, Liz, alles wird gut. Wir bekommen das hin.«

Hinter uns ist ein Zischen zu hören, und als wir uns umdrehen, sehen wir eine Gestalt, die auf uns zufährt. Es ist Inigo in seiner unübersehbaren grünen Jacke. Tiger sitzt oben auf einer Schneewehe neben der Gondelbahn und befestigt die Bindung ihres Snowboards.

»Ich fahre zurück«, sage ich und unterdrücke das Schluchzen. Ich deute auf die Gondel, mit der Inigo und Tiger hochgefahren sind und die jetzt ins Tal zurückschwebt. »Es tut mir leid, es geht einfach nicht.«

»Verflucht Liz, das ist doch lächerlich«, platzt es aus Topher heraus.

»Was ist denn los?«, dringt Inigos Stimme gedämpft durch den Schal.

Aber das stimmt nicht. Ich bin jetzt ganz ruhig. Die nächste Gondel schwebt den Berg hoch, wieder sitzt jemand darin. Ich kann das. Ich weiß, was ich zu tun habe, und niemand wird mich davon abhalten. Ich bewege mich im Treppenschritt den Hang hinauf.

»Liz, bist du dir sicher?«, ruft Rik.

»Ja«, schreie ich zurück, obwohl ich nicht sicher bin, dass sie mich von hier aus noch verstehen können. »Ich bin mir sehr sicher. Wir treffen uns im Chalet.«

Als ich in die Bergstation trete und die Türen der Gondel sich öffnen, überkommt mich ein Gefühl des Friedens. Ich weiß, was ich zu tun habe, und es wird gut. Alles wird gut.