Snoop-ID: LITTLEMY
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Es ist fast halb zwei, dabei wollten sie spätestens um eins zurück sein. Danny flucht in der Küche, während die Minuten verstreichen und sein Risotto klumpig wird.
Um Viertel vor zwei schaut er mit finsterer Miene aus der Küchentür, und ich schüttele den Kopf.
»Es gibt nur eins, das ich noch mehr hasse als Undercover-Veganer, und das sind blöde Wichser«, knurrt er und lässt die Tür hinter sich zufallen.
Plötzlich poltern Skischuhe auf Fliesen. Dann klappern die Türen der beheizten Schränke im Flur. Ich eile in die Lobby.
»Eva?«, ruft jemand gereizt. »Eva, wo zum Teufel steckst du?«
Keine Antwort.
Die isolierte Tür zur Lobby geht auf, und Topher stapft in dicken Socken und Skisachen herein. Er sieht verärgert aus.
»Ach, Sie sind das«, sagt er schroff, als er mich bemerkt. »Wo zum Teufel steckt Eva?«
»Eva?« Mir liegt eine scharfe Erwiderung auf der Zunge, aber ich schlucke sie hinunter. »Tut mir leid, Topher, ich habe keine Ahnung.«
Er bleibt auf halbem Weg zur Treppe stehen.
»Soll das heißen, sie ist nicht hier?«
»Nein, Sie sind die Ersten.«
Er bleibt reglos stehen, seine Miene wechselt zwischen Verärgerung und Besorgnis. Dann ruft er über die Schulter:
»Miranda, sie ist nicht hier.«
»Du machst wohl Witze.« Nun kommt Miranda herein. Ihr Gesicht leuchtet pinkfarben, jene schmerzhafte Röte, die auf extreme Kälte folgt. »Hm. Na ja. Dann haben wir uns den Arsch immerhin nicht grundlos abgefroren. Aber was könnte passiert sein?«
»Vielleicht haben sie die Gondelbahn geschlossen, bevor sie einsteigen konnte, und sie ist nach Saint-Antoine runtergefahren und hat die Standseilbahn genommen«, mutmaßt Topher, doch Carl, der dazugekommen ist, schüttelt den Kopf.
»Sie ist vor mir eingestiegen, Kumpel. Sie war drin, das kann ich beschwören.«
»Ich habe sie auch gesehen«, fügt Ani hinzu. Alle versammeln sich in der Lobby, verschwitzt und verwirrt. Der schmelzende Schnee tropft von ihren Jacken. »Carl und ich waren in der Gondelbahn, und ich habe gesehen, wie Eva auf Skiern runtergefahren ist.«
»Was ist denn los?« Rik kommt herein und schüttelt den Schnee von seiner schwarzen Skilatzhose. Miranda sieht ihn sorgenvoll an.
»Eva ist nicht hier.«
»Sie ist nicht hier?« Seine Miene ist ausdruckslos. »Aber – aber das ist doch unmöglich. Wo soll sie denn sonst sein?«
Dann reden alle auf einmal, stellen verschiedene Theorien auf, die meisten vollkommen unmöglich angesichts der geografischen Verhältnisse.
»Einen Moment mal«, sage ich, und wie durch ein Wunder verstummen sie. Sie wünschen sich wohl insgeheim, dass jemand die Führung übernimmt. »Mal von Anfang an. Wann waren Sie alle zuletzt als Gruppe zusammen?«
»Unten am Reine-Lift«, sagt Ani sofort. »Wir haben darüber diskutiert, ob wir nun Mittagspause machen sollen oder noch einmal abfahren. Topher hat gesagt, dass es vom Skilift zum Chalet bergauf geht, sodass wir ohnehin eine Piste nehmen müssten. Also haben wir beschlossen, zur Bergstation zu fahren und dann La Sorcière oder Blanche-Neige zu nehmen, je nachdem wie gut jeder fährt.«
Ich muss mir eine Bemerkung verkneifen. La Sorcière ist eine tückische Piste. Ich bin mein Leben lang Ski gefahren und würde mich bei diesem Wetter nie und nimmer auf diese Piste wagen. Selbst Blanche-Neige ist bei diesen Sichtverhältnissen für Unerfahrene problematisch. Nicht zum ersten Mal kommt mir der Gedanke, dass Topher ein Arschloch ist.
»Aber als wir oben ankamen, hatte Liz eine Art Zusammenbruch«, sagt er hämisch.
»Toph«, wirft Rik in scharfem Ton ein und deutet mit dem Kopf zur Tür. Ich sehe über Tophers Schulter, wie Liz abgekämpft aus dem Skiraum herübertrottet. Sie ist mit Schnee bedeckt und sieht noch erschöpfter aus als die anderen.
»Oben haben wir festgestellt, dass das Wetter ziemlich extrem ist. Und Liz hat beschlossen, mit der Gondelbahn wieder runterzufahren«, sagt Miranda ruhig. Tophers wütende Miene lässt erahnen, wie das Gespräch abgelaufen ist. Einerseits staune ich über Liz’ Entschlossenheit, sich nicht zur Abfahrt drängen zu lassen. Andererseits kann die Angst einen Menschen erstaunlich widerstandsfähig machen.
»Wir haben dort auf die anderen gewartet«, sagt Topher. »Aber Eva ist nicht gekommen.«
»Doch, ist sie«, widerspricht ihm Ani. »Carl und ich haben sie gesehen, stimmt’s?« Sie stößt ihn an, worauf er nickt.
»Klar, ganz sicher, Kumpel. Wir haben gesehen, wie sie ein paar Gondeln vor uns eingestiegen ist.«
»Ein paar Gondeln vor euch? Wie kann das sein? Da war doch gar keine Schlange.«
Carl wird rot.
»Ich will jetzt nicht um den heißen Brei herumreden. Ich – ich hatte Probleme, als ich in die Gondel steigen wollte. Ani und ich wollten mit Eva zusammen fahren, aber ich bin über meine Bindungen gestolpert und hab mich hingelegt. Dann gingen die Türen zu, und Eva ist mit meinen Skiern in der Halterung hochgefahren. Ich habe ein paar Minuten gebraucht, um mich zu fangen, und dann haben Ani und ich die nächstbeste Gondel genommen.«
»Könnte sie versehentlich an der Mittelstation ausgestiegen sein?«, fragt Miranda stirnrunzelnd, doch Ani schüttelt den Kopf.
»Nein, begreift das doch bitte. Ich habe sie gesehen, während wir in der Gondel hochgefahren sind. Die Bahn schwebt genau über die schwarze Piste, die steile, die Topher nehmen wollte.«
»La Sorcière«, werfe ich ein, und Ani nickt.
»Genau die. Und ich habe eine Skifahrerin runterfahren sehen. Sie ist kurz stehen geblieben und hat mir zugewinkt. Da ist mir klar geworden, dass es Eva war.«
»Wie konntest du das auf die Entfernung erkennen?«, fragt Rik skeptisch. »Das hätte doch jeder sein können.«
»Ich habe ihre rote Jacke erkannt. Die ist ziemlich auffällig. Von uns hat niemand sonst so eine. Und außer uns ist niemand mit der Bahn hochgefahren.«
Ich schaue in die Runde, und sie hat recht. Topher trägt Senfgelb und Khaki, Rik und Carl Schwarz. Miranda steckt in einer Art violettem Overall. Inigo hat eine grüne Jacke und eine schwarze Latzhose an. Tiger hat sich für den Shabby-Style entschieden – Bomberjacke im Jeans-Look der Achtziger und Cargohose –, bei dem es sich tatsächlich um ziemlich teure Snowboard-Mode handeln dürfte. Liz trägt einen verwaschenen, dunkelblauen Skianzug, der ihr zu groß ist, als hätte sie ihn von einer Freundin geliehen. Und Ani hat die leuchtend blaue Jacke und die weiße Latzhose an, die mir vorhin aufgefallen sind. Man könnte keinen von ihnen mit Eva verwechseln.
»Als wir oben ausgestiegen sind, warteten da schon meine Skier auf mich«, sagt Carl. »Eva muss sie aus der Halterung genommen haben und dann losgefahren sein.«
»Haben Sie denn nicht gemerkt, dass sie oben nicht dabei war?«, erkundige ich mich, und Rik schüttelt reumütig den Kopf.
»Die Sicht war wirklich schlecht und, na ja … wenn ich ehrlich sein soll, gab es da oben ein kleines Hickhack.«
Ein Hickhack? Was sollte das nun wieder heißen? Doch Miranda kommt mir zuvor.
»Du kannst es ruhig offen sagen, Rik. Der Liftführer hat uns darauf hingewiesen, dass die Lawinenwarnung auf Rot hochgestuft wurde und sie den ganzen Berg schließen, doch die Hälfte der Gruppe hat die Warnung in den Wind geschlagen und ist einfach losgefahren, noch bevor sie die Netze spannen konnten.«
»Es tut mir leid.« Inigo besitzt immerhin den Anstand, beschämt auszusehen. »Es war ein totales Missverständnis. Ich dachte, er hätte jetzt oder nie gesagt, also bin ich einfach, ähm, losgefahren.«
»Augenblick mal«, sage ich langsam. »Also sind einige von Ihnen auf Skiern hergekommen und die anderen mit der Gondelbahn runtergefahren?«
Alle nicken.
»Natürlich haben wir bei der großen Kiefer an der Abkürzung zum Chalet gewartet, ob noch jemand nachkommt. Als wir Leute in der Gondelbahn nach unten gesehen haben, sind wir zum Lift abgefahren«, sagt Topher. »Dort haben wir weitere zwanzig Minuten gewartet, dann haben die Ärsche, die für diesen Skiort verantwortlich sind, auch diesen Lift geschlossen. Da haben wir uns gedacht, dass Eva sich ins Chalet verpisst hat. Weil kein Lift mehr fuhr, mussten wir wohl oder übel nach Saint-Antoine runter und mit der Standseilbahn raufkommen.«
»Okay … okay …«, sage ich und versuche, aus der Geschichte schlau zu werden. »Also wurde Eva zum letzten Mal mit absoluter Sicherheit gesehen, als sie La Sorcière heruntergefahren ist?«
Ani nickt und wendet sich Bestätigung heischend an Carl. »Sieht ganz danach aus«, antwortet er.
»Aber La Sorcière war geschlossen«, platzt Topher heraus. »Genau das war ja das verfluchte Problem.«
Das verfluchte Problem ist eher, dass eure Kollegin und Mitgründerin bei extremen Witterungsverhältnissen vermisst wird, liegt es mir auf der Zunge. Ich denke an La Sorcière, die tückischen vereisten Hänge, wie der lose Pulverschnee das blanke Eis verdeckt und man sich bei jeder Wende zwischen einer schmerzhaften Schlitterpartie und einer Minilawine entscheiden muss. Ich denke an die krassen Buckel, die sich unter den Schneewehen verbergen. Ganz zu schweigen von den Biegungen, die man bei dieser Sicht kaum einschätzen kann und in denen man so ruckartig bremsen muss, dass es einem in die Knie fährt.
Vor allem aber denke ich an den Abgrund, der stellenweise nur wenige Meter neben der Piste gähnt, und dass man bei diesen Sichtverhältnissen mir nichts, dir nichts über die Kante in den Abgrund sausen kann. Genau darum haben sie La Sorcière auch als erste Piste geschlossen. Nicht, weil man risikoscheu ist oder es mit der Sicherheit übertreibt oder selbst erfahrenen Skifahrern nicht zutraut, die Piste zu bewältigen. Sondern weil die zahlreichen Kurven und Biegungen bei schlechter Sicht zu einer tödlichen Falle werden. Dann fällt mir ein, dass der schlimmste Teil am Beginn der Piste liegt und Ani Eva weiter unten gesehen hat. Ein schwacher Trost, aber auch den kann ich gerade gut gebrauchen.
»Hat es jemand auf ihrem Handy versucht?«
Inigo nickt. »Mehrmals. Kein Empfang.«
Danny kommt aus der Küche, er sieht richtig angefressen aus. Was ist mit meinem verdammten Risotto?, formt er mit den Lippen über die Köpfe hinweg zu mir, und ich eile zu ihm hin.
»Eva wird vermisst«, sage ich leise, worauf sein verärgerter Gesichtsausdruck sich augenblicklich zu Besorgnis wandelt.
»Wie, richtig vermisst? Oder hat sie sich einfach ein bisschen verdünnisiert?«
»Keine Ahnung, schwer zu sagen. Die haben sich wie Vollidioten benommen. Haben sich aufgeteilt, keiner hat darauf geachtet, wer in welcher Gruppe war, und Eva scheint allein La Sorcière runtergefahren zu sein.«
»Allein?« Dannys Kinnlade fällt herunter. »Aber die Lawinenwarnung steht auf Rot. Warum zum Teufel haben sie die Piste nicht geschlossen?«
»Haben sie offenbar. Sie muss sich irgendwie unter dem Netz durchgeduckt haben oder sie hat sich verirrt und ist auf der falschen Piste gelandet.« Allerdings kann ich mir nicht vorstellen, wie das passiert sein könnte. Es gibt keine offenkundige Verbindung zwischen Blanche-Neige und La Sorcière. Genau das ist das Problem mit der schwarzen Piste. Auf der einen Seite wird sie von einer Steilwand begrenzt und auf der anderen von einem tiefen Abgrund. Wenn man einmal drauf ist, muss man ganz runterfahren. »Keine Ahnung. Aber Ani ist sich ziemlich sicher, dass sie und Carl Eva auf der Piste gesehen haben. Ich sage mal, sie fährt richtig gut, aber bei diesem Wetter ist das absoluter Irrsinn.«
Danny sieht jetzt sehr ernst aus. »Und seither hat sie niemand mehr gesehen?«
Ich schüttele den Kopf.
»Meinst du, wir sollten die PGHM verständigen?«, frage ich. Das ist die Spezialabteilung der Bergpolizei, die für die höheren Regionen zuständig ist – eine Kombination aus Gendarmerie und Bergwacht.
»Keine Ahnung«, sagt Danny, schiebt sein Bandana hoch und reibt sich hektisch die Stirn. Denkt angestrengt nach. »Es wäre doch möglich, dass sie sich einfach nur verirrt und die falsche Route genommen hat. Da alle Lifte geschlossen sind, dürfte es eine Weile dauern, bis sie hier ist. Die werden vermutlich sagen, wir sollen ein paar Stunden warten, bevor wir in Panik geraten. Vielleicht sollten wir es zuerst bei der Skipass-Verwaltung versuchen? Vielleicht können die uns sagen, ob ihr Pass an einem anderen Lift registriert wurde.«
Ich würde ihn am liebsten küssen. Das ist nicht nur eine gute, sondern eine großartige Idee. Doch als ich vom Telefon in der Lobby die Nummer wähle, die auf der Rückseite des Liftpasses steht, höre ich nur das hartnäckig piepsende Besetzt-Zeichen.
Ich kehre zu der Gruppe zurück, die zusammengedrängt in der Skikleidung schwitzt und immer besorgter wirkt.
»Wir halten es für das Beste, bei der Skipass-Verwaltung nachzufragen, ob Eva ihren Pass irgendwo anders benutzt hat. Ich habe versucht, dort anzurufen, aber es ist besetzt. Darum fahre ich jetzt rasch mit der Standseilbahn runter und rede persönlich mit ihnen.«
»Ich fahre«, sagt Topher sofort.
»Sprechen Sie Französisch?«
Die Antwort kann ich mir denken, und er schüttelt denn auch bekümmert den Kopf.
»Ich verstehe absolut, dass Sie helfen wollen«, sage ich möglichst verständnisvoll, »aber es sollte besser jemand fahren, der Französisch spricht. Falls Eva ihren Pass nicht benutzt hat, sollten wir sie bei der Polizei als vermisst melden. Und dafür brauchen wir auf jeden Fall jemanden, der fließend Französisch spricht. Sie alle sollten sich trockene Kleidung anziehen und etwas essen, ich bin bald zurück. Bis dahin versuchen Sie bitte weiter, Eva anzurufen.«
Ernüchtertes Nicken ringsum.
»Ich sage es besser Elliot«, murmelt Topher, und ich erinnere mich überrascht, dass der ja als Einziger nicht mit von der Partie war. Er hockt noch immer in seinem Zimmer und arbeitet an einem Update seines Programms oder was immer er da oben treibt.
Sie zerstreuen sich, reden leise miteinander, und ich hole meine Jacke und eile zu Danny, um ihm mein Vorhaben zu erläutern.
»Du musst also allein servieren, ist das okay?«
Er nickt. »Klar, natürlich.«
Dann verschwindet er in die Küche, um das Essen anzurichten.
Ich ziehe die Jacke an und öffne die Haustür.