Snoop-ID: ANON101
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Ich bin gerade in meinem Zimmer und ziehe die Skisachen aus, als es passiert. Zuerst höre ich nur etwas, dann spüre ich, wie sich der Boden unter mir bewegt. Es fühlt sich an wie ein Erdbeben.
Ich schaue aus dem Fenster. Es sieht aus, als käme eine Wand aus Schnee auf uns zu. Wobei Wand nicht der richtige Ausdruck ist – dabei denkt man an etwas Massives. Dies hier ist anders. Eine wilde, brodelnde Zusammenballung aus Luft und Eis und Erde.
Ich schreie auf. Etwas anderes kann ich nicht tun, auch wenn es dumm ist. Ich falle auf die Knie und berge den Kopf in den Armen, als könnte mich eine solch jämmerliche Geste schützen.
Ich kauere lange zitternd auf dem Boden, bevor ich mich traue, mit wackligen Beinen aufzustehen. Was ist passiert? Sind wir verschont geblieben?
Von Weitem höre ich Stimmen, Rufe, Schreie, Weinen.
Irgendwie zwinge ich meine Beine, mich zu tragen, und stolpere in den Flur.
»Gott im Himmel!«, ruft Topher und läuft zur Treppe. »Was zum Teufel war das denn?«
»Erin!«, brüllt jemand mit angsterfüllter Stimme, die ich nicht zuordnen kann. Dann wird mir klar, dass Danny, der Koch, nach seiner Freundin ruft. »Erin!«
Im Flur drängen sich verängstigte Menschen. Ein Rauchmelder geht los, panische Schreie.
Unten in der Lobby kämpft der Koch mit der Haustür. Sie ist verzogen und hat sich unter dem Gewicht des Schnees nach innen gewölbt.
»Machen Sie bloß die verdammte Tür nicht auf!«, brüllt Topher. »Dann kommt der ganze Schnee rein!«
Danny dreht sich zu ihm. Er sieht sehr zornig aus.
»Meine Freundin ist da draußen«, schreit er über den heulenden Rauchmelder hinweg. »Sie können gern versuchen, mich aufzuhalten.«
Wieder zieht er energisch. Die Tür schwingt mit einem widerstrebenden Kreischen auf, und eine Masse aus Schnee und Eis rutscht in die Lobby. Vor der Tür liegt der Schnee noch über einen Meter hoch, aber Danny klettert darüber hinweg, sinkt ein. Dann sehe ich nur noch seine Beine, als er in den Sturm hinausstapft.
»O Gott«, sagt Miranda und klammert sich an Rik, als würde sie ertrinken. »O Gott. O Gott. Was, wenn Eva noch da draußen ist?«
Keine Antwort. Ich glaube nicht, dass irgendjemand es über sich bringt, auszusprechen, was alle denken: Wenn Eva noch da draußen ist, ist sie tot.
Und Erin womöglich auch.
»Ist das Gebäude sicher?«, fragt Rik, mit einem überraschenden Sinn fürs Praktische. »Wir sollten lieber nicht hierbleiben, wenn es einsturzgefährdet ist.«
»Ich schalte mal den Rauchmelder aus«, sagt Tiger und verschwindet in der Küche. Ein Stuhl wird über die Fliesen gezogen, dann bricht der Alarm ab. Plötzlich wird es totenstill.
»Stimmt«, sagt Topher. Seine Stimme zittert, aber er ist es gewöhnt, die Verantwortung zu übernehmen. »Ähm, wir sollten – wir sollten alles überprüfen. Wir sollten das ganze Gebäude überprüfen.«
»Auf der Küchenseite ist es nicht so schlimm«, verkündet Tiger, die gerade zurück in die Lobby kommt. »Ich habe aus dem Fenster geschaut. Im Medienraum sind einige Fenster kaputt, aber der Schnee liegt nicht besonders hoch. Die Wohnzimmerseite dürfte es voll erwischt haben. Und den Anbau mit dem Pool.«
»Wir sollten nach oben gehen und uns einen Überblick verschaffen«, sagt Topher.
Tiger nickt, und wir steigen alle die Treppe hoch, um aus den oberen Fenstern zu schauen. Bei dem Anblick bekomme ich weiche Knie. Wir haben unerhörtes Glück gehabt.
Das lange einstöckige Gebäude an der Rückseite des Chalets, in dem der Swimmingpool untergebracht war, ist vollkommen zerstört. Das Dach ist eingebrochen wie eine leere Eierschale. Balken und Bretter ragen aus der gewaltigen Schneewehe, die den Anbau verschlungen hat. Aber das Chalet selbst steht noch. An der Nordseite türmt sich eine Masse aus Schnee, Ästen und Schutt, der das Gebäude standgehalten hat. Es hätte allerdings nicht viel gefehlt, und Perce-Neige wäre ebenfalls zu Kleinholz gemacht worden. Die anderen Chalets kann ich nicht sehen. Der Weg zur Standseilbahn ist mit umgestürzten Bäumen übersät. Die Bahn selbst ist wegen der Schneeböen nicht zu erkennen. Keine Spur von Erin.
Dann bewegt sich etwas an der Seite des Hauses. Es ist Erin. Sie klammert sich an Danny. Gemeinsam schleppen sie sich über die unebene, mit Trümmern übersäte Fläche, stolpern über die steinharten Schneebrocken, die dort verstreut liegen, wo einmal ein Weg zur Seilbahn führte.
Dann verschwinden sie im Schatten des Gebäudes. Die verzogene Eingangstür wird quietschend über die Fliesen geschoben. Erin schluchzt vor Schmerzen, als sie über die Schneewehe ins Haus klettert.
»Ist er gebrochen?«, höre ich Danny fragen. Wie auf Kommando eilen wir im Gänsemarsch die Wendeltreppe hinunter und scharen uns besorgt um Erin.
»Wie geht es ihr?«, fragt Miranda.
»Was glauben Sie wohl?«, blafft Danny sie an. Erin kann offenbar nicht sprechen, hebt aber die Hand. Ich bin mir nicht sicher, was sie damit sagen will, aber es ist eindeutig ein Signal für Danny, der wütend den Kopf schüttelt und in die Küche stampft.
»Ich hole dir Eis«, ruft er über die Schulter, »gegen die Schwellung.«
»Ich habe Arnika dabei«, ruft Tiger ihm nach. Ich kann seine Antwort nicht verstehen, aber sie klingt nicht besonders freundlich.
»Ich glaube, Arnika hilft da nicht, Tig«, sagt Rik leise.
Erin hat sich auf den Boden sinken lassen. Ihr Gesicht ist fahl. Sie sieht aus, als stünde sie unter Schock.
»Erin? Alles in Ordnung?«
»Ich weiß nicht«, stößt sie hervor. Ihre Stimme zittert. »Ich bin zur S-seilbahn gegangen und habe dieses Geräusch gehört, und dann war es, als ob – als ob der Berg heruntergestürzt wäre und die Seilbahn verschluckt hätte.«
»Sie meinen – die Seilbahn ist weg?«
Tiger klingt entsetzt. So geht es uns allen.
»Nicht weg«, sagt Danny, der mit einem Beutel gefrorener Erbsen zurückkommt. Er starrt finster in die Runde. »Aber sie ist … verschüttet. Eine große Scheibe wurde eingedrückt. Scheiße. Da könnten Leute drin gewesen sein.«
»Wir sollten die 999 anrufen«, schlägt Ani vor und Topher nickt nachdrücklich.
»17«, sagt Erin müde.
»Was?«
»17«, wiederholt Danny. »Die Nummer der französischen Polizei. Aber Sie sollten besser die 112 versuchen. Das ist der internationale Notruf, da sprechen sie auch Englisch.«
Ani holt ihr Handy heraus und runzelt die Stirn.
»Ich habe keinen Empfang.«
»Hat wohl den Handymast erwischt«, sagt Danny kurz angebunden. Er legt den Beutel Erbsen behutsam auf Erins Knöchel. Ihr blasses Gesicht hat eine seltsame gelbliche Färbung angenommen, und sie hält die Augen geschlossen. »Versuchen Sie es mit dem Telefon auf dem Schreibtisch.«
Ani geht zum Festnetztelefon, doch als sie den Hörer abhebt, machte sie ein langes Gesicht.
»Kein Freizeichen.«
»Verdammte Scheiße«, lässt Carl sich zum ersten Mal vernehmen. Sein breites Gesicht ist rot angelaufen. Er sieht verärgert aus. »Das hat uns gerade noch gefehlt. Vermutlich hat die Lawine die Leitung gekappt. Hat irgendjemand Empfang? Egal wie wenig?«
Sofort wühlen alle nach ihren Handys. Auch ich hole meins heraus. Kein Empfang.
»Nichts«, sagt Topher. Auch die anderen schütteln den Kopf.
»Moment mal.« Inigo kiekst vor Aufregung. »Ich habe Empfang! Einen Balken!«
Er wählt und wartet, hebt die Hand, damit alle still sind. Wir horchen angespannt.
»Hallo?«, sagt er. Und dann: »Hallo? Hallo? Mist, die können mich nicht hören!«
»Geh nach oben«, sagt Miranda schrill. »Da könnte der Empfang besser sein.«
Gehorsam steigt Inigo die Wendeltreppe hinauf und geht bis zum Ende des Flurs an das große Fenster mit Blick übers Tal. Als würde die Sicht für besseren Empfang sorgen.
»Hallo?«, hören wir ihn sagen und dann »Ja«, und »Okay« und »Chalet Blanche-Neige«, gefolgt von Informationen über unsere Lage. Zwischendurch entstehen lange Pausen, und er sagt mehr als einmal: »Könnten Sie das wiederholen? Tut mir leid, der Empfang ist wirklich schlecht, die Verbindung bricht immer ab. Hallo? Hallo?«
Dann endlich kommt er herunter. Er sieht ernst aus.
»Ich habe mit der Polizei gesprochen und konnte ihnen wohl alle Informationen geben, bevor die Verbindung ganz abgebrochen ist.«
»Hast du ihnen von Eva erzählt?«, unterbricht ihn Topher, und Inigo nickt.
»Ja, ich habe ihnen gesagt, dass unsere Freundin verschwunden ist, kurz bevor die Lawine abging, und wir nicht wissen, ob sie noch am Berg ist.«
»Kommt uns jemand zu Hilfe?«
»Das weiß ich nicht«, sagt Inigo und sieht aus wie das, was er ist – ein persönlicher Assistent, der nicht das vom Boss gewünschte Ergebnis geliefert hat. »Sie sind überlastet, sagten sie, Menschen hängen in Liften fest und so. Ich bin mir nicht sicher –« Er stockt, als er Tophers Miene sieht. »Ich bin mir nicht sicher, ob Leute, die ein Dach über dem Kopf und etwas zu essen haben, gerade höchste Priorität genießen. Sie haben meine Nummer. Sie melden sich so bald wie möglich mit weiteren Informationen.«
»Scheiße, du meinst, wir sitzen hier fest?«, bricht es aus Topher heraus. »Die beschissene Seilbahn ist verschüttet, Eva wird vermisst, und wir sind in diesem gottverlassenen Chalet gefangen, dazu noch mit einer Verletzten!« Er deutet auf Erin. »Wir sollten absolute Priorität haben!«
Inigo zuckt hilflos mit den Schultern.
»Kann einer von uns runterfahren?«, fragt Rik, doch Inigo schüttelt den Kopf.
»Nein, davor haben sie sehr deutlich gewarnt. Wir sollen bleiben, wo wir sind. Es könnte weitere Lawinen geben.«
»Wir können doch nicht einfach hierbleiben«, sagt Topher wütend.
»Auf dieser Piste fahren Sie ganz bestimmt nicht, Kumpel«, sagt Danny, der sich weiterhin um Erin kümmert.
»Sie sollten wissen, dass ich ein verdammt guter Snowboarder bin.«
»Sie könnten Shaun White persönlich sein und würden trotzdem nicht da runterfahren. Sie haben es nicht gesehen – das ist ein einziges Geröllfeld. Da ist keine Piste mehr.«
»Also sitzen wir tatsächlich fest?«, fragt Topher aufgebracht und ungläubig. »Und die tun einfach nichts, während Eva da draußen unter Tonnen von Schnee begraben liegen könnte?«
Schweigen. Keiner will aussprechen, was jedem von uns klar ist: Wenn das so ist, kann ihr keiner von uns helfen.