Snoop-ID: LITTLEMY
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Ich sitze zitternd in der Küche. Danny holt den Erste-Hilfe-Kasten, und ich bin ehrlich froh, ein paar Minuten für mich zu haben. In der Zeit kann ich mich hoffentlich wieder fangen.
Dieses Geräusch – dieses grauenhafte, betäubend sanfte Dröhnen, das mich seit drei Jahren in meinen Träumen verfolgt – ließ mich einen Augenblick lang an einen Flashback glauben, wie bei einer posttraumatischen Belastungsstörung. Aber dann hatte ich über die Schulter geblickt und begriffen, dass es real war. Eine weiße Wand, die nach unten rauschte.
Und seltsam, ich hatte nichts als Frieden verspürt, als sie auf mich zukam. Es fühlte sich gerecht an. Verdient. Absolut richtig.
Einen Moment lang dachte ich daran, die Arme auszubreiten und mich von der Wand verschlingen zu lassen. Aber sie hat mich nicht verschlungen. Sie hat mich wieder ausgespuckt. In das hier.
»Ich bringe die alle um.« Die Tür schwingt auf, und Danny stampft mit dem Erste-Hilfe-Kasten herein. »Beschissene Wichser, alle miteinander. Du hättest draufgehen können, und er interessiert sich nur für seine verdammte Luftrettung. Stell dir vor, er versucht gerade, zu einer privaten Helikopterfirma durchzukommen.«
»Die werden nichts unternehmen, selbst wenn er durchkommt«, sage ich. Ich verändere meine Position auf der improvisierten Fußstütze, die Danny aufgestellt hat, und versuche, nicht auf den Schmerz zu achten, der durch mein Bein schießt. »Die können gar nicht – nicht bei diesem Wetter. Sieh doch nur.«
Ich deute zum Fenster. Der Wind hat sich in einen ausgewachsenen Schneesturm verwandelt.
»Nimm die Erbsen runter«, sagt Danny. »Die sind ohnehin aufgetaut.« Ich strecke brav das Bein aus, und er nimmt den feuchten Beutel herunter und befestigt ein Eispack an meinem pochenden Knöchel. Es tut weh, aber irgendwie bin ich froh darüber. Der Schmerz ist wie ein Anker, er erinnert mich dran, dass ich hier und am Leben bin.
Danny hat ein altes UKW-Radio gefunden, und während er kocht, sitze ich still da und lausche den Berichten über die Rettungseinsätze. Die Erkenntnis, dass wir unglaubliches Glück gehabt haben, jagt mir Schauer über den Rücken. Die Lawine hat mindestens acht Gebäude völlig zerstört, vier davon Liftstationen, die leer waren, weil man die Lifte bereits geschlossen hatte. Dazu zwei Cafés, die vermutlich ebenfalls geschlossen waren, und zwei Chalets. Eins davon, in der Nähe von Saint-Antoine-le-Lac, wurde evakuiert. Kleinere Verletzungen, keine Todesfälle. Über das andere weiß man nichts. Der Nachrichtensprecher wirft die Frage nach der Verantwortung auf und ob die Behörden früher hätten handeln müssen, betont aber auch, wie gut es war, dass bereits so viele Pisten und Lifte geschlossen waren. Selbst in der Standseilbahn befanden sich nur vier Leute, die man inzwischen aus dem beschädigten Glastunnel gerettet hatte. Allerdings verkündet der Sprecher auch in unheilvollem Ton, dass es »etliche Tage dauern wird, den Umfang der Reparaturen abzuschätzen«. Um die Reparaturen selbst geht es noch gar nicht.
Angesichts dessen ist ein kaputter Swimmingpool halb so wild. Wäre da nicht die Sache mit Eva, könnten wir uns glücklich schätzen. Aber die Tatsache, dass sie noch immer vermisst wird, sickert ein wie dunkles Gift und färbt alles schwarz. Wenn ich die Augen schließe, kann ich sie sehen – begraben in der Finsternis, während ihr Körper mit jeder Minute weiter auskühlt. Sie fragt sich, ob noch irgendjemand kommen wird. Wenn sie Glück hat, erstickt sie rasch unter dem komprimierten Schnee. Wenn nicht …
Bei dem Gedanken wird mir ganz flau vor Angst.
»Wie viel Lebensmittel haben wir?«, frage ich Danny, um mich abzulenken.
»Jede Menge. Mach dir darum keine Sorgen. Unser Iron Man muss vielleicht ein paar Tage ohne frische Milch auskommen, aber im Vorratsschrank ist genug, um eine Belagerung auszuhalten.«
Es besteht immer noch die Möglichkeit, dass Eva keine Lust hatte, noch länger auf die anderen zu warten, und schon vor Stunden nach Saint-Antoine hinuntergefahren ist. Vielleicht geht es ihr blendend, und sie kann bloß keinen Kontakt zu uns aufnehmen. Aber mit jeder weiteren Stunde wird dieses Szenario unwahrscheinlicher. Festnetz und Internet funktionieren zwar noch immer nicht, und der Handyempfang ist fast ganz weg. Vermutlich sind die verbliebenen Masten unter dem gewaltigen Gewicht des Schnees zusammengebrochen. Aber Inigos Handy hat dann und wann Empfang. Er hat eine SMS von zu Hause erhalten und konnte antworten, dass es ihm gut gehe. Hätte Eva sich nicht bei allen gemeldet, wenn mit ihr alles in Ordnung wäre? Hätte sie nicht irgendeinen Weg gefunden, um mit den anderen Kontakt aufzunehmen?