Snoop-ID: ANON101
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Um 15:11 Uhr fällt der Strom aus. Ich sitze gerade in meinem Zimmer und versuche, die Geräusche von unten auszublenden, als es plötzlich dunkel wird. Ich taste nach dem Handy und frage mich, ob eine Birne durchgebrannt ist. Dann höre ich verärgerte Rufe von unten und aus dem Flur. Also ist es nicht nur bei mir.
»Hast du auch keinen Strom?« Tophers Stimme, unmittelbar vor meinem Zimmer. Einen Moment lang denke ich, er spräche mit mir, doch dann antwortet eine tiefe, knurrige Stimme: Elliot. »Scheiße«, sagt Topher. »Das hat uns gerade noch gefehlt.«
Ich öffne die Tür. Die Gruppe hat sich auf dem Treppenabsatz versammelt und diskutiert im Schein ihrer Handytaschenlampen. Schließlich gehen wir nach unten, um mit Erin und Danny zu sprechen. Ich halte mich im Hintergrund, als Topher gereizt an die Küchentür klopft. Er murmelt etwas vor sich hin von wegen Arsch der Welt.
»Was?«, fragt Danny streitlustig.
»Hallo«, sagt Topher in völlig verändertem Ton. Er macht jetzt auf charmant. Er ist nicht dumm. Er weiß, dass er diese Leute auf seine Seite bringen muss. Das zu beobachten ist eindrucksvoll; als hätte man einen Schalter umgelegt. »Es tut mir so leid, Sie zu stören, aber wir haben keinen Strom.«
»Wir auch nicht, Kumpel«, sagt Danny kurz angebunden.
»Kann man da irgendwas machen?«, erkundigt sich Topher. Er ist hörbar angespannt. Dann klingt sein Akzent nämlich noch mehr nach Geld als sonst.
»Nicht so richtig. Das Notstromaggregat war im Poolgebäude.« Danny deutet auf die Trümmer, die man durchs Küchenfenster gerade noch erahnen kann. Topher flucht. Seine charmante Fassade bekommt Risse.
»Also warten wir einfach, bis wir erfrieren?«
»Das nun nicht. Wir haben jede Menge Brennholz. Sie können schon mal anfangen und ein Scheit in den Wohnzimmerkamin legen.«
Topher macht den Mund auf, als wollte er etwas sagen, besinnt sich aber eines Besseren und klappt ihn wieder zu. Dann dreht er sich um und geht langsam durchs dunkle Wohnzimmer. Wir folgen ihm.
In der Sitzecke wirft er sich aufs Sofa, während Miranda Kerzen anzündet. Rik öffnet den Holzofen, stochert in der Glut und legt zwei Scheite auf.
»Toll«, sagt Carl. »Richtig super. Das hat uns gerade noch gefehlt. Bis die uns finden, sind wir beschissene Eiswürfel.«
»Das wird schon wieder«, sagt Miranda genervt. »Wir sollten uns eher Sorgen um Eva machen.«
Eva. In dem ganzen Durcheinander war es mir fast gelungen, sie zu vergessen. Eine Mischung aus Schuldgefühlen und Angst liegt mir schwer im Magen.
Es entsteht eine lange, schreckliche Pause, in der niemand laut die Fragen stellt, die jedem von uns durch den Kopf gehen. Was ist passiert? Wurde sie von der Lawine verschüttet? Ist sie tot?
»Hätte sie nicht angerufen, wenn es ihr gut ginge?«, durchbricht Ani schließlich die Stille. Ihre Schüchternheit ist noch ausgeprägter als sonst. »Ich weiß, hier ist kaum Empfang, aber wenigstens … eine SMS?«
»Vielleicht ist sie nicht durchgekommen«, sagt Miranda, aber sie klingt wenig überzeugend und will sich wohl nur selbst Mut zusprechen.
Elliot steht in der Ecke und schaut in die dämmrige Schneewüste hinaus. Dann sagt er mit seiner tiefen Stimme etwas zu Topher und geht. Topher steht auf und folgt ihm wortlos.
Ich sehe ihnen stirnrunzelnd nach, ihre Schatten hüpfen und zucken im flackernden Kerzenschein. Wohin wollen sie? Tophers Gesichtsausdruck gefällt mir nicht. Diese plötzliche Entschlossenheit. Mir wird ganz unbehaglich zumute.