Snoop-ID: LITTLEMY

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Snoopscriber: 10

»Das ist schlimm, Erin.« Danny durchstöbert die Konservendosen weiter hinten in der dunkler werdenden Küche. Dann richtet er sich auf und fährt sich über die kurz geschorenen Haare. »Das ist sehr, sehr schlimm.«

»Das wird schon«, sage ich, wohl wissend, dass ich lüge. Mein Knöchel ist auf die doppelte Größe angeschwollen, ich kann noch immer nicht auftreten. Wir haben kein Licht, und die einzige Wärme kommt von den Holzöfen. Danny kann nicht einmal ein gefrorenes Curry in der Mikrowelle auftauen. Und Eva – aber daran darf ich jetzt nicht denken. Ich schiebe das Bild ihres kalten, weißen Gesichtes weg, verschließe es hinter der Tür in meinem Kopf, wo ich solche Bilder in Eis gefroren aufbewahre. Ich muss mich an die Möglichkeit klammern, dass es ihr gut geht, dass sie es hinunter ins Dorf geschafft hat und uns nur noch nicht erreichen konnte. Der Empfang ist weiß Gott schlecht.

»Der Fuß könnte gebrochen sein«, sagt Danny. Ich schüttele nachdrücklich den Kopf und demonstriere eine Zuversicht, die ich nicht empfinde.

»Ich glaube nicht, dass er gebrochen ist. Nur heftig verstaucht.«

»Woher zum Teufel willst du das wissen?«, fragt Danny und hebt die Hand. »Schon gut, ich hatte vergessen, dass du eine

Darauf könnte ich ihm circa acht verschiedene Antworten geben. Ich könnte ihn etwa daran erinnern, dass ich keine Ärztin bin, sondern mein Medizinstudium abgebrochen habe. Oder ihm verraten, was mich in Wahrheit nach Saint-Antoine geführt hat. Ich könnte ihm einen Vortrag über Grünholzfrakturen halten. Aber ich muss gar nichts sagen, weil er sich wieder den Konservendosen zugewandt hat.

»Ich könnte Suppe auf dem Holzofen warm machen«, sagt er mit gefurchter Stirn, während er im Licht der Handytaschenlampe ein Etikett entziffert. »Herrgott noch mal, was für ein Schlamassel.«

Wir zucken zusammen, als es klopft, und starren einander an. Danny geht zur Tür. Es ist wieder Topher, aber der schmeichelnde Gesichtsausdruck von vorhin, als wir ihm Licht herbeizaubern sollten, ist verschwunden. Er sieht aus … ich weiß nicht recht. Dafür kenne ich ihn nicht gut genug. Er könnte sauer sein, aber auch sehr besorgt.

»Ja?«, fragt Danny kurz angebunden, aber ich rappele mich auf und humpele an ihm vorbei. Danny hält sich nicht ohne Grund meistens in der Küche auf. Er besitzt weder Taktgefühl noch Geduld. Doch so schlimm die Situation auch sein mag, Topher und Snoop sind immer noch unsere Gäste, und wir müssen uns entsprechend professionell verhalten.

»Topher«, sage ich und bemerke dann, dass Elliot hinter ihm steht. »Elliot, wie kann ich Ihnen helfen?«

»Elliot glaubt, dass er Eva gefunden hat«, sagt Topher übergangslos.

»Was?« Damit hatte ich nun wirklich nicht gerechnet. Fragen stürzen auf mich ein. Wo? Wie? »Geht es ihr gut?«

Er tippt das Passwort ein, unverständlicher Code füllt den Bildschirm.

»Genauer gesagt«, erklärt Elliot mit seiner tiefen, monotonen Stimme, »können wir ihr Handy orten.«

»Ihr Handy?«

»Einer der Gründe, die aus meiner Sicht gegen die Übernahme sprechen«, setzt Topher an, »ist der, dass Elliot an einem großen Update arbeitet, um Geld mit Snoop zu machen. Wir nennen die Beta-Version GeoSnoop, aber es wird wohl nicht bei diesem Namen bleiben. Wie Sie vielleicht wissen, ist Snoop zur Zeit so anonym wie nur möglich – man kann nicht erkennen, wo sich jemand befindet, sondern muss sich auf die Informationen aus dem Profil verlassen.«

»Verstehe«, sage ich langsam.

»Elliot arbeitet schon seit einer Weile an einem Upgrade, mit den man andere Snooper in einem Radius von fünfzig Metern orten kann. Man weiß nicht, wo sie genau sind, wohl aber, dass sie sich in der Nähe befinden.«

»Ja, kapiert.«

»Wir sind damit noch nicht online gegangen. Aber im Zuge der Vorbereitungen haben wir schon mal die Genehmigungen verändert, die Snoop benötigt, um auf den Standort zugreifen zu können. Damit gehört diese Information zum Datenprofil, das wir an interessierte Parteien weitergeben, um Einnahmen zu erzielen.«

»Verstehe …«, sage ich wieder, damit er endlich zur Sache kommt. Wie Snoop genau funktioniert, ist mir egal. Ich ahne

»Ja. Elliot konnte sich ins Backend hacken und die GPS-Koordinaten von Evas Handy ermitteln.«

»Es ist hier«, sagt Elliot und öffnet eine GPS-Karte, auf der ein rotes Fähnchen die Koordinaten markiert, die er in die Suchleiste eingegeben hat.

Kaum sehe ich das Fähnchen, überkommt mich kaltes Entsetzen.

»Wo ist das genau?«, fragt Topher. Ich höre seine Stimme wie aus weiter Entfernung. Danny schlägt die Hand vor den Mund. Er hat soeben begriffen, was mir schon klar war.

Auf Elliots Karte sind zwar die Pisten eingezeichnet, nicht aber die Erhebungen, und ohne die vereinfachte dreidimensionale Darstellung, die man von der offiziellen Karte des Skigebiets kennt, ist es nicht ganz leicht, die Gipfel und Täler auszumachen. Evas Punkt befindet sich ganz nah an La Sorcière. So dicht, dass sie praktisch auf der Piste sein könnte.

Aber das ist sie nicht. Denn wenn man die Piste kennt, und ich bin sie oft gefahren, weiß man, dass das Gelände an einer Seite steil abfällt. Dort geht es mehrere hundert Meter nach unten in ein schwer zugängliches Tal. Irgendwie muss das passiert sein, was ich von Anfang an befürchtet habe: Eva ist im Schneegestöber über die Kante hinausgeschossen.

»Wenn wir die Koordinaten an die Rettungsteams durchgeben können –«, sagt Topher mit dem unbekümmerten Selbstvertrauen, wie es nur der Geschäftsführer einer großen internationalen Firma aufbringen kann, doch ich unterbreche ihn.

»Es tut mir leid, Topher, es tut mir so leid –«

»Das hier –« Ich muss schlucken. Wie kann ich die Nachricht so verpacken, dass sie nicht zu brutal klingt? »Der Punkt befindet sich neben der Piste.«

»Eva ist eine exzellente Skifahrerin«, sagt Topher zuversichtlich. »Auch abseits der Piste – selbst bei diesem Wetter –«

»Nein, Sie verstehen mich nicht. Ich spreche nicht von unberührtem Schnee. Ich meine, sie ist nicht abseits der Piste gefahren. Sondern über die Kante. La Sorcière –« Wieder muss ich schlucken. Ich kann es nicht nett verpacken. »Dieser Teil der Piste führt an einem Abgrund entlang. Einem sehr tiefen Abgrund.«

Topher schaut mich verständnislos an, will oder kann nicht begreifen, was ich ihm zu sagen versuche.

»Wie meinen Sie das?«, sagt er schließlich.

»Topher, falls Eva dort ist, wo sich der Punkt befindet, ist sie tot.«

Ich bereue meine Deutlichkeit, sowie ich die Worte ausgesprochen habe, kann sie aber nicht zurücknehmen.

Die Farbe weicht aus Tophers Gesicht. Er wendet sich an Elliot.

»Wie exakt ist die Positionierung?«

»Das GPS ist für gewöhnlich auf etwa fünf Meter genau«, sagt Elliot. Er wirkt … ach Gott, ich weiß nicht. Nahezu ungerührt? Ist das möglich? Sicher nicht. Niemand kann so kaltschnäuzig sein. Und selbst wenn, würde man nicht wenigstens Betroffenheit heucheln? »Aber es kann Störungen geben – reflektierte Signale und so etwas. Ich bin mir nicht ganz sicher, wie sich die Berge auswirken. Möglicherweise ist der Standort einige Meter weiter.«

»Um wie viel, zehn Meter vielleicht? Dann könnte sie auf der

»Dann müsste es auf der Piste liegen«, sage ich sehr leise.

»Herrgott noch mal, sie könnte es auch über die Kante geworfen haben!«, schreit Topher.

Darauf reagiert niemand. Natürlich könnte das sein, aber warum hätte sie das tun sollen? Keiner bringt es über sich, diese Frage laut zu stellen, nicht einmal Elliot, der einfach nickt, weil Tophers Annahme im Kern richtig ist. Wir haben lediglich Evas Handy geortet. Leider lässt sich kaum eine Erklärung dafür finden, wie es ohne Eva dort hingekommen ist.

»Scheiße«, sagt Topher. Er tastet sich vor zu der Fußstütze, auf die ich vorhin meinen verletzten Fuß gebettet hatte, und setzt sich hin, als würden ihn seine Beine nicht mehr tragen. »Scheiße.«

»Wenn sie tatsächlich tot sein sollte«, sagt Elliot tonlos, »was bedeutet das dann für Snoop? Ist Evas Mann jetzt Gesellschafter? Kann er in der Übernahme-Frage abstimmen?«

»Herrgott!« Topher schaut mit irrem Blick um sich, als könnte er nicht begreifen, was geschehen ist. »Arnaud? Ich – ich weiß es nicht! Mensch, Elliot, wie kannst du nur –«

Er verstummt. Es arbeitet in ihm. Schließich ist er der Gründer von Snoop, unabhängig davon, wie bekümmert er gerade ist.

»Das nehme ich an – warte, jetzt fällt mir wieder ein, was wir damals in den Vertrag aufgenommen haben. Es gibt eine Klausel, die verhindern soll, dass die ursprünglichen Gesellschafter ohne ihre Zustimmung die Kontrolle über die Firma verlieren. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ein Gesellschafter seinen

Er hält inne. Schluckt.

»Mir.«