Snoop-ID: LITTLEMY

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Danny steht in der Küche, den Rücken an die Tür gelehnt, als könnte er mit seinem Gewicht die Realität aussperren. Er starrt mich verstört an.

»Scheiße«, sagt er. Ich schweige. Was sonst soll man auch dazu sagen? Es ist … es ist schlimm. Mehr als schlimm. Und ich kann mir keinen Reim darauf machen.

»Danny, was zum Teufel geht hier vor?«

»Ich habe keinen Schimmer. Ob er sich umgebracht hat?«

»Mag sein.« Schließlich wissen wir so gut wie nichts über diese Menschen. Elliot könnte unter Druck gestanden haben, woher sollten wir das wissen. Aber das ist es ja gerade – wir wissen es eben nicht. Wir haben keine Ahnung, was hier vor sich geht.

Ich lege die Hände fest an den Kopf, als könnte ich ihn auf diese Weise irgendwie zusammenhalten. O Gott, es fühlt sich an, als würde hier alles auseinanderfliegen.

»Er war nicht verletzt«, sage ich nachdenklich. »Ich meine, ich konnte keine äußeren Verletzungen erkennen, es sah nicht aus, als hätte ihn jemand angegriffen. Was bedeutet … dass er irgendwas genommen haben muss. Was meinst du?«

»Drogen? Eine Injektion? Tabletten?«

»Ich weiß es nicht. Keine Ahnung. Gott. Danny, was machen wir denn jetzt?« Unsere missliche Lage steht mir immer deutlicher vor Augen. Wir sitzen hier fest – vor allem ich mit meinem

»Ist er auch ganz bestimmt tot?«, fragt Danny.

»Ja.« Ich kann den Schauer, der mich bei der Erinnerung überläuft, nicht unterdrücken.

»Bist du dir wirklich sicher?« Danny klammert sich an einen Strohhalm, und das weiß er wohl auch, fragt aber trotzdem noch einmal: »Bist du dir absolut sicher?«

»Danny, ich habe mein Medizinstudium abgebrochen, aber ich habe genügend Leichen gesehen, um eine zu erkennen. Ich schwöre dir, er ist tot. Weite Pupillen, kein Puls, das volle Programm.« Die Urinpfütze unter dem Stuhl erwähne ich nicht. Das muss Danny nicht unbedingt erfahren.

»Aber wie?« Er sieht aus, als würde ihm gleich schlecht. »Wie zum Teufel wurde das bewerkstelligt? War etwas im Kaffee?«

»Kann sein, ich weiß es nicht.«

»Sollen wir hochgehen und, du weißt schon, nachsehen?«

»Ich weiß es nicht«, wiederhole ich, diesmal nachdrücklicher. In meinem Kopf dreht sich alles, während ich überlege, wie wir am besten vorgehen. »Die Polizei wird – ich meine, wir sollten den Tatort nicht verändern. Aber wenn wir wüssten, was es war –«

»Wir sehen nach. Aber wir fassen nichts an.«

Danny nickt, und wir gehen zusammen leise über die Hintertreppe nach oben, damit die anderen nichts mitbekommen.

Wir haben stillschweigend beschlossen, dass wir zusammenbleiben. Falls Elliot nicht Selbstmord begangen hat, ist ein Mörder unter uns. Und diese Vorstellung ist äußerst unheimlich. Könnte einer dieser gelackten, reichen Hipster da unten wirklich jemanden ermordet haben? Ich versuche mir vorzustellen, wie die sanfte Tiger ihre schlanken Hände um Elliots Hals legt oder wie Topher ihn mit einer leeren Whiskyflasche erschlägt, und mir wird plötzlich schlecht.

Ich öffne die Tür mit dem Generalschlüssel, dann schleichen Danny und ich auf Zehenspitzen ins Zimmer. Es ist sehr kalt und riecht nach Kaffee und etwas anderem, Beißendem: Urin. Diesen stechenden Geruch kenne ich aus meiner Zeit im Krankenhaus.

Danny ist an der Tür stehen geblieben, als brächte er es nicht über sich, sich der Leiche zu nähern. Also bleibt es an mir hängen. Ich schlucke. Ganz, ganz vorsichtig, um ja nichts zu verändern, bewege ich mich auf den Schreibtisch zu. Elliot hängt noch immer in unnatürlicher Stellung zusammengesackt über der Tischplatte, das Gesicht in der Lache aus kaltem schwarzem Kaffee. Ich habe ihn ein bisschen bewegt, als ich nach Vitalzeichen gesucht habe, möchte den Tatort aber nicht weiter durcheinanderbringen. Also beuge ich mich vor, ohne ihn oder etwas anderes zu berühren, und versuche, in die umgekippte Tasse zu schauen. Es geht nicht, ohne sie anzufassen, es ist nicht der richtige Winkel. Ich trete auf die andere Seite des Schreibtischs – und jetzt kann ich es sehen.

»Da ist was in der Tasse«, sage ich. Danny kommt nicht näher als unbedingt nötig. »Etwas Weißes.«

»Zucker?«

»Nein, definitiv nicht. Es sieht aus wie … Kreide.«

»Scheiße.«

Ich richte mich auf. Wir schauen einander an und überlegen, was das bedeuten könnte. Dannys Blick ist sehr besorgt.

»Das schließt einen Selbstmord wohl aus«, sage ich zögernd und mit gesenkter Stimme. Niemand außer Danny soll wissen, dass ich hier bin.

»Meinst du?« Er scheint verzweifelt nach einer Alternative zu suchen. Verdenken kann ich es ihm nicht. »Wenn er nun Probleme hatte, Tabletten zu nehmen – könnte es nicht sein, dass er sie zerkleinert hat?«

Ich schüttele den Kopf.

»Du hast ihn nicht essen sehen, Danny.« Ich erinnere mich, wie Elliot sein Wild konzentriert attackiert und in großen Stücken, fast ohne zu kauen, hinuntergeschlungen hat. »Und es sind ja nicht nur die Tabletten. Sieh dir mal den Computer an.«

»Wie meinst du das? Er könnte ihn selbst kaputtgeschlagen haben, oder?«

Ich schüttele den Kopf und deute auf die Trümmerteile, die auf einem der flauschigen weißen Handtücher verstreut liegen.

»Jemand hat den Laptop in ein Handtuch gewickelt, bevor er ihn zerstört hat. Was bedeutet, dass die Person nicht gehört werden wollte. Hätte Elliot seinen Laptop in einem Anfall von Frust zerstört, wäre es ihm wohl egal gewesen, wenn er Lärm dabei macht. Und falls er irgendetwas zu verbergen hatte, hätte er nur die Festplatte neu formatieren müssen. Warum also sollte er den Rechner zerstören, wenn er die Daten einfach hätte

Wir stehen da, betrachten den zersplitterten Bildschirm und die zerbrochenen Stücke der Festplatte. Danny sagt nichts. Vielleicht gibt es auch nichts zu sagen.

Dann kommt mir noch ein anderer Gedanke.

»Meinst du, es waren seine eigenen Tabletten? Hat er irgendwelche Medikamente genommen?«

»Das müssen wir die anderen fragen.« Danny scheint sich darauf in etwa so zu freuen wie auf einen Einlauf. »Halleluja. Was für eine Unterhaltung soll das werden?«

Tja, wie sollen wir überhaupt mit ihnen reden? Hey, Leute, sehr wahrscheinlich ist einer eurer Kollegen ein Mörder.

Aber warum? Warum sollte jemand Elliot töten? Wegen seiner Anteile? Weil er Topher unterstützt hat? Will jemand nun, da Eva tot ist, Tophers Position schwächen?

Nichts davon erklärt, warum der Laptop zerstört wurde. Ich komme immer wieder darauf zurück, auf diesen böswilligen, gründlichen und heimlichen Akt der Zerstörung. Das kann kein Unfall gewesen sein. Und ich glaube keine Sekunde daran, dass Elliot es selbst getan hat.

Es gibt nur einen plausiblen Grund für diese Tat – jemand wollte etwas verbergen, das auf dem Computer ist. Das Elliot wusste. Das seinen Tod verursacht hat.

Ich denke an Tophers gequältes Gejammer, als wir die Leiche entdeckt hatten: O Gott, o Himmel – er wollte mir etwas sagen …

Ich schlucke.

»Danny, was, wenn Evas Tod kein Unfall war?«