Snoop-ID: ANON101
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Wir sitzen alle gedrängt um den Holzofen im Wohnzimmer. Nur sind wir nicht mehr alle, das ist das Problem.
Zuerst waren es zehn.
Dann waren es neun.
Jetzt sind es nur noch acht.
Ein Singsang in meinem Kopf, ein grausiger Countdown, der sich nach und nach der Null nähert.
Gleich muss ich mich übergeben.
»War es …«, sagt Tiger. Ihre Stimme klingt brüchig und rau, als hätte sie geweint. »War es … Selbstmord?«
»Nein!« Tophers Antwort kommt wie aus der Pistole geschossen. Er steht auf. Läuft auf und ab. »Scheiße, nein. Elliot? Niemals.«
»Was dann?« Rik ist ebenfalls aufgestanden und baut sich vor Topher auf, als wollte er ihn schlagen. »Was willst du damit sagen?«
Topher schaut ihn an. Er scheint die Frage wirklich nicht zu verstehen.
»Schalt mal deinen Verstand ein, Toph. Wenn es kein Selbstmord war –« Riks Stimme klingt schneidender als sonst. Er hört sich … gefährlich an. »Dann war es Mord. Willst du das damit sagen, Topher? Echt jetzt?«
Topher fällt die Kinnlade herunter. Er setzt sich hin. Wirkt außer Atem, als hätte Rik ihm tatsächlich einen Schlag versetzt.
»Mein Gott. Du hast recht. Großer Gott.« Sein Gesicht ist aschfahl. »Elliot«, stößt er mit versagender Stimme hervor und beginnt zu weinen.
Es ist furchtbar, das mit anzusehen. Keiner reagiert, wir sind alle überfordert. Rik schaut zu Miranda, die bestürzt aussieht. Carl hebt die Hände, als wollte er sagen: Ich bin da raus. Inigos Gesicht verrät blanke Panik.
Schließlich wird Tiger aktiv. Sie setzt sich neben Topher und legt ihm die Hand auf den Arm.
»Topher«, sagt sie sanft. »Wir alle spüren, dass er fehlt, aber keiner kann ermessen, wie schlimm es für dich sein muss. Und das so kurz nach Evas Tod –«
Sie hält inne. Nicht einmal Tiger kann das Geschehene als vorherbestimmt hindrehen.
»Warum?« Tophers eckig aufgerissener Mund sieht hässlich aus, Tränen laufen ihm über die Wangen. Er ist nun so weit entfernt von dem eleganten, weltgewandten Mann, als den ich ihn kenne, dass ich es kaum aushalte. »Warum sollte ihm das jemand antun? Warum sollte jemand Elliot wehtun?«
Das ist natürlich die Preisfrage.
Wir schauen einander an. Es hat uns die Sprache verschlagen.
»Na komm.« Tiger ergreift Tophers Hand und führt ihn aus dem Zimmer. »Wir waschen mal dein Gesicht.«
Als sie gegangen sind, macht sich Erleichterung breit.
»Himmel«, knurrt Carl.
»Aber er hat recht«, sagt Rik. »Warum sollte jemand Elliot etwas antun? Ich meine Eva, okay. Aber Elliot? Das ergibt überhaupt keinen Sinn. Topher will es nicht hören, aber vielleicht hat er wirklich Selbstmord begangen, auch wenn uns der Gedanke nicht behagt. Mal ehrlich, Evas Verschwinden und dann noch der Schock mit der Lawine – er war ein ziemlich –« Er hält inne, sucht wohl nach einer Formulierung, die nicht kränkend klingt. »Er war ein ganz schön verschrobener Typ.«
»Das ist ziemlich weit hergeholt und beleidigend, Rik«, sagt Miranda matt. »Ja, er war ein bisschen verschroben, aber doch nicht mehr als jeder von uns. Daraus zu schließen –«
»Nein«, verteidigt sich Rik, »das habe ich nicht gemeint. Herrgott, ich mochte ihn doch. Wir waren zusammen in der Schule. Ich sage nur – er war schwer zu durchschauen. Stille Wasser sind tief und so. Wer weiß, was in ihm vorgegangen ist.«
»Und was hast du damit gemeint, du könntest dir vorstellen, dass jemand Eva wehtun wollte?«, fragt Carl unvermittelt. Rik zuckt zusammen. Ihm wird bewusst, dass er nicht nur einen Fehltritt begangen hat, sondern gleich zwei.
»Auch das war nicht so gemeint. Verdammt, ich benehme mich wirklich wie ein Elefant im Porzellanladen.«
»Wie hast du es denn dann gemeint?«, wirft Inigo ein. Er klingt bitter, beinahe anklagend. Der Einwurf ist so untypisch für ihn, dass wir ihn alle ansehen.
Rik wird rot.
»Ich habe nur gemeint«, sagt er vorsichtig, legt sich jetzt jedes Wort sorgfältig zurecht. »Ich habe nur gemeint, dass Evas Tod … so einiges verändert hat.«
»Was meinst du mit so einiges?«
Rik will es nicht aussprechen. Das ist deutlich.
Also übernimmt Carl es für ihn.
»Du meinst, dass Evas Tod Topher die Kontrolle über Snoop verschafft hat, oder?«
Rik bringt es nicht über sich zu antworten, er nickt nur knapp.
Einen Moment lang ist es still, als alle betroffen seine Worte verdauen.
Rik hat einen Zusammenhang hergestellt, aber niemand möchte weitermachen. Denn sie erkennen schon das Muster.
Einige hatten ein finanzielles Motiv, um Eva zu beseitigen. Vor allem Topher und Elliot. Andere waren aus persönlichen Gründen gegen eine Übernahme.
Mit anderen Worten …
Mit anderen Worten –
Ich spüre, wie mir das Blut ins Gesicht schießt. Plötzlich ertrage ich es nicht länger, hier zu sitzen und Gedanken zu denken, die mich zu überwältigen drohen. Ich muss raus – weg hier.
Ich stehe auf und renne aus dem Zimmer.