Snoop-ID: LITTLEMY

Hört: offline

Snoopscriber: 10

Danny und ich stehen vor Elliots Zimmer, als ich rasche Schritte höre. Ich drehe mich um und sehe Liz durch den Flur eilen. Einen Moment lang denke ich, dass sie auf uns zuläuft, und wappne mich für die nächste Katastrophe, doch sie bleibt vorher stehen, öffnet ihre Zimmertür und knallt sie dann hinter sich zu. Ich höre, wie der Schlüssel umgedreht wird. Dann Stille.

»Himmel«, sagt Danny verblüfft. »Was ist denn mit der los?«

»Ist das nicht offensichtlich?«, flüstere ich. Die Türen sind recht dick, aber wenn es sehr still ist, hört man trotzdem durch sie hindurch.

»Glaubst du, sie hat uns gehört?« Danny flüstert jetzt auch. »Du weißt schon, was wir gerade gesagt haben.« Er wiederholt es nicht, doch die Worte hängen in der Luft. Was, wenn Evas Tod kein Unfall war?

»Keine Ahnung«, murmele ich. »Lass uns verschwinden. Ich muss mir alles durch den Kopf gehen lassen, und hier können wir nicht in Ruhe reden.«

Auf dem Weg zum Personalbereich rotieren meine Gedanken, gehe ich alle Möglichkeiten durch. Ich spreche sie erst aus, als wir in meinem kleinen Zimmer sind und die Tür hinter uns geschlossen haben.

»Was ich gerade eben gesagt habe –«

»Das mit Evas Tod?« Danny wirkt beunruhigt, aber

»Hör zu.« Ich spreche sehr leise, obwohl wir durch mehrere Türen von den anderen getrennt sind. Irgendwie kommt es mir vor, als müsste ich meinen Verdacht laut aussprechen, als könnte es sogar gefährlich sein, ihn für mich zu behalten. Denn wenn ich recht habe, war es gerade Elliots Schweigen, das ihn getötet hat. »Wir übersehen hier das Wesentliche. Wer immer Elliot getötet hat –«

»Falls man ihn getötet hat«, unterbricht mich Danny.

»Falls man ihn getötet hat«, wiederhole ich ungeduldig und wedele seine Worte weg wie lästige Fliegen. »Die Sache ist die: Falls man ihn getötet hat, wollte derjenige nicht nur Elliot loswerden, sondern auch seinen Laptop. Warum sollte jemand das tun? Es ist nicht ganz einfach, eine Festplatte zu zerstören – das dauert eine Weile, und man riskiert, dabei erwischt zu werden.«

»Du glaubst also, er wurde wegen etwas getötet, das sich auf seinem Laptop befand?«

»Ja. Er wusste etwas, das er aus den Computerdaten geschlossen hatte.«

»Etwas über Snoop?«

»Kann sein. Lass uns mal den Zeitpunkt betrachten. Elliot ist dabei, sein Geolocation-Update zu programmieren oder wie immer sich das nennt. Dann wird ihm klar, dass ihn die Daten zu Eva führen könnten. So viel wissen wir. Aber was, wenn er von diesem Punkt aus weiter zurückgegangen ist? Wenn er ihre Bewegungen vor ihrem Tod verfolgt hat? Und wenn daran etwas verdächtig war? Dass sie beispielsweise nicht über die Kante

»Himmel.« Danny ist erschüttert. »Du willst damit sagen … jemand aus der Gruppe hat Eva beseitigt und danach Elliot getötet, um die Spuren zu verwischen?«

»Glauben möchte ich das nicht, aber nur das ergibt wirklich Sinn.« Mir ist übel. »Es gibt noch eine andere Möglichkeit, aber die ist kaum besser.«

»Und welche?«

»Elliot ist der Einzige, der für Evas Todestag kein Alibi hat. Er war angeblich hier und hat an seinem Programm gearbeitet, aber dafür gibt es keinen Beweis. Es ist nicht auszuschließen, dass er etwas mit ihrem Tod zu tun hatte. Vielleicht … vielleicht konnte er nicht länger damit leben.«

»Du meinst, er hat sich aus Schuldgefühlen heraus umgebracht?«

»Ich sage, es ist nicht ausgeschlossen.«

»Na schön, aber selbst wenn wir davon ausgehen, dass er Eva umgebracht hat, um Topher zu helfen, und dann ein schlechtes Gewissen bekommen hat: Warum sollte er seinen Laptop zerstören? Wenn er tot ist, kann es ihm doch egal sein, ob sich Beweise darauf befinden.«

Ich schlucke. Genau darum ist diese Theorie nicht beruhigender als eine andere.

»Etwas auf dem Laptop lenkt den Verdacht auf jemanden. Auf jemanden, den er beschützen wollte.«

»Heiliger Strohsack.« So sachlich, wie Danny dies mit seiner tiefen Stimme sagt, müsste es eigentlich witzig klingen, tut es aber nicht. Mir ist elend.

»Du glaubst also, ich liege richtig?«

»Ich glaube …« Ich kann förmlich sehen, wie Dannys Gehirn

»Aber wem? Und was könnten die dann tun?« Ich deute zum Fenster. Ein heimtückischer Wind peitscht da draußen den Schnee durch die Luft, heftig wie ein Sandsturm. Bei diesem Wetter kann niemand nach draußen, geschweige denn einen Hubschrauber fliegen. Das wäre purer Wahnsinn.

»SCHEISSE!«, brüllt Danny, steht auf und reibt sich über die kurzen Haare, als könnte er so eine Idee aus seinem Kopf locken.

»Pst!«, sage ich hektisch. »Sei leise! Die anderen könnten uns hören.«

»Aber wir müssen es ihnen sagen! Oder? Was wäre denn die Alternative – den Mund halten und sie nacheinander von einem Arschloch abmurksen lassen?«

»Wir können es ihnen nicht sagen!« Ich flüstere eindringlich. »Bist du verrückt? Du willst demjenigen, der das getan hat, einfach sagen, dass wir ihm auf die Schliche gekommen sind?«

»Aber wir müssen es ihnen sagen!« Danny ergreift meine Arme, und einen Moment lang bin ich darauf gefasst, dass er mich schüttelt, wie Schauspieler in alten Filmen es mit hysterischen Frauen tun. Ich verspüre den verzweifelten Drang, trotz unserer misslichen Lage loszulachen, aber Danny schüttelt mich gar nicht. Er schaut mir einfach ins Gesicht, die dunklen Augen weit aufgerissen. Er hat ebensolche Angst wie ich. Doch als ich meine Angst in seinen Augen gespiegelt sehe und begreife, dass er sich ebenso fürchtet wie ich und wir in einem Boot

Seine Worte lassen mich verstummen. Ich erkenne die grausame Logik in ihnen.

»Außerdem sind wir es den anderen schuldig, sie zu warnen, damit sie sich schützen können. Wenn sie nun etwas wissen, das ihnen gar nicht bewusst ist? Wenn sie die Nächsten sind, die einen Kaffee mit Schuss serviert bekommen?«

Ich schlucke. In seinen Worten liegt eine unbestreitbare Wahrheit. Es wäre wirklich schwer zu rechtfertigen, sieben unschuldige Menschen im Chalet nicht zu warnen, selbst wenn wir damit dem Mörder einen Hinweis geben.

Dem Mörder. Das Wort verharrt unausgesprochen in meinem Mund, fühlt sich unwirklich an. Geschieht das hier tatsächlich?

»Na schön«, sage ich schließlich und schaue aus dem Fenster in den Sturm hinaus. Beim Gedanken an das bevorstehende Gespräch krampft sich mein Magen zusammen. »Schön … vielleicht hast du recht. Aber wie sollen wir es ihnen sagen? Was genau sollen wir ihnen sagen?«

»Die Wahrheit.« Danny wirkt jetzt grimmig entschlossen. »Wir sagen ihnen, dass Evas Tod womöglich kein Unfall war und man Elliot vielleicht wegen etwas getötet hat, das er Topher

Ich nicke. Nur … und ich bringe es nicht über mich, es Danny zu sagen, jedenfalls nicht gerade jetzt … dass das in meinem Fall nicht so ganz stimmt.