Snoop-ID: ANON101
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Ich bin in meinem Zimmer, habe den Kopf in den Händen vergraben und versuche, die Wirklichkeit auszublenden, als der Gong in der Lobby ertönt.
Ich reiße meinen Kopf ruckartig hoch.
Vorsichtig mache ich die Tür auf. Erins Stimme dringt durchs Treppenhaus.
»… alle für einen Moment in der Lobby zu versammeln. Es dauert nicht lange. Danach gibt es Mittagessen.«
Ich fühle mich nicht imstande, den anderen gegenüberzutreten. Doch ich muss wissen, was da unten vor sich geht. Vielleicht hat sich die Polizei gemeldet. Vielleicht werden wir ausgeflogen.
Ich atme tief durch. Bewege die Finger. Öffne die Zimmertür und gehe nach unten.
Die anderen drängen sich schon um den Holzofen. Es ist spürbar kälter geworden. Die restliche Wärme von der Zentralheizung hat sich verflüchtigt, und nur die beiden Öfen verhindern, dass das Haus allmählich einfriert.
Erin steht unten auf der Wendeltreppe. Sie ist kreideweiß, und die Narbe sieht noch erschreckender aus als ohnehin schon, ein bläulicher Strich auf ihrer blassen Haut. Danny wacht neben ihr wie ein Adjutant. Ich muss mich an ihnen vorbeidrängen. Auf dem Boden der Lobby stehen Pfützen, da, wo Schnee durch die verzogene Haustür eingedrungen ist.
Als wir uns versammelt haben und die beiden erwartungsvoll anschauen, räuspert sich Erin.
»Sind alle da?« Sie zählt durch. Mich überläuft ein Schauer, weil sie sicher an unser Treffen von heute Morgen denkt, das mit der Feststellung endete, dass Elliot fehlt. Ich schmecke Blut, habe wieder auf dem Nagelbett gekaut. Abscheuliches kleines Mädchen. Ich zucke zusammen. Schiebe die Hände tief in die Taschen.
»Wir servieren das Mittagessen im Wohnzimmer, wenn keiner was dagegen hat. Im Esszimmer wird es allmählich ziemlich kalt. Es gibt Salat. Ich weiß, das ist nicht ideal, aber ohne Strom hat Danny kaum Möglichkeiten.«
Topher murrt leise, aber Miranda funkelt ihn an, und alle anderen nicken. Die Situation verbietet es, uns darüber zu beschweren.
»Aber der eigentliche Grund, aus dem ich Sie hergebeten habe –« Erin hält inne und sieht aus, als wäre ihr schlecht. Als müsste sie allen Mut zusammennehmen, um etwas zu sagen, das sie eigentlich nicht sagen will. Plötzlich möchte ich nicht mehr erfahren, worum es geht. »Danny und ich …«
Sie sieht zu Danny. Er erwidert ihren Blick. Ich frage mich, ob er sie ermutigen will oder allmählich die Geduld verliert. Es spornt Erin jedenfalls an.
»Wir haben einige Bedenken, was die Umstände von Elliots Tod angeht«, sagt sie rasch. »Wir sind uns ziemlich sicher, dass er – dass er vergiftet wurde.«
Hörbares Einatmen überall im Raum. Der Gedanke ist den anderen auch schon gekommen, aber laut ausgesprochen löst er Entsetzen aus.
»In seiner Kaffeetasse befinden sich zerdrückte Tablettenreste«, fährt Erin fort. »Er könnte bewusst eine Überdosis genommen haben, doch der zerstörte Laptop lässt es zumindest denkbar erscheinen –«
Danny murmelt etwas. Zu leise für mich, aber Erin seufzt und stemmt die Fäuste in die Hüften.
»– macht es sogar wahrscheinlich, dass Elliot ermordet wurde. Was wiederum bedeutet, dass auch Eva ermordet worden sein könnte und man Elliot getötet hat, weil er etwas wusste.«
Ihre Worte schlagen Wellen im Raum, auch wenn niemand wirklich überrascht ist. Sie spricht nur aus, was die meisten ohnehin befürchtet haben. Nun aber wird ihnen bewusst, dass aus paranoiden Ängsten möglicherweise Realität geworden ist.
»Danny und ich haben lange darüber diskutiert, ob wir Ihnen dies mitteilen sollen«, sagt Erin, »da es letztlich reine Spekulation ist. Wir können nichts beweisen. Es ist durchaus möglich, dass Eva bei einem Unfall ums Leben gekommen ist und Elliot Selbstmord begangen oder versehentlich eine Überdosis genommen hat. Allerdings bleibt die Tatsache, dass wir zwei Tote haben, und das ist … besorgniserregend wäre untertrieben. Während wir also hoffen, dass dies zu viel des Guten –«
Sie hält inne und korrigiert die Formulierung.
»Während wir also hoffen, dass diese Vorsicht übertrieben sein könnte, möchten wir Sie alle eindringlich auffordern, Vorkehrungen zu treffen. Falls Sie etwas wissen, das für Sie gefährlich werden könnte, sagen Sie es mir und Danny so schnell wie möglich. Bleiben Sie immer zu zweit oder in größeren Gruppen, auch nachts. Kümmern Sie sich selbst um Ihre Getränke, und lassen Sie sie nicht herumstehen. Nehmen Sie nur Essen von Danny und mir entgegen. Es gibt keinen Grund, paranoid zu werden, aber –«
Carl lässt sie nicht ausreden. Sein Auflachen klingt wie Hundegebell. »Keinen Grund, paranoid zu werden? Wollen Sie uns auf den Arm nehmen?«
»Mir ist bewusst, dass all das –«, setzt Erin an, doch er fällt ihr erneut ins Wort.
»Sie behaupten, dass hier ein verdammter gemeingefährlicher Irrer rumläuft, und die Lösung besteht darin, dass wir uns unseren Kaffee selbst machen?«
»Ich behaupte nichts dergleichen.« Erin klingt ganz ruhig. »Ich lege nur den Sachverhalt dar. Ob Sie sich meinen Schlussfolgerungen anschließen und meinen Rat befolgen, liegt bei Ihnen.«
»Das ist eine ganz miese Show«, sagt Carl wütend. »Ich sollte Sie in Grund und Boden verklagen. Tausende Pfund, um in einem lächerlichen Drecksloch mit einem Psycho –«
»Hey«, unterbricht ihn Danny und tritt auf Carl zu. »Das reicht jetzt, Kumpel. Erin und ich sind nicht dafür verantwortlich, dass Sie einen beschissenen Psycho vom Flughafen mitgebracht haben.«
»Wollen Sie etwa Angestellte von Snoop bezichtigen?« Carl brüllt jetzt. Er und Danny stehen einander gegenüber, kampfbereit. »Denn das, Kumpel, ist Verleumdung. Wir sehen uns vor Gericht.«
»Ich bezichtige keineswegs Angestellte von Snoop«, schnauzt Danny. »Ich sage nur, dass wir Hunderte Urlauber hierhatten, und erst als euer Haufen aufgetaucht ist –«
»Hey.« Erin tritt auf Danny zu, ergreift seinen Arm und schüttelt ihn sanft. »Hey. Das hilft uns nicht weiter.«
»Carl.« Tiger legt ihm die Hand auf die Schulter. »Erin hat recht. Es ist absolut verständlich, dass du wütend bist, aber du musst diese Energie in etwas Positiveres umwandeln. Erin und Danny trifft keine Schuld. Sie wollen uns doch nur helfen. Na los. Tief durchatmen.«
Carl murmelt etwas vor sich hin, als er durchs Zimmer stapft. Er lässt sich mit verschränkten Armen aufs Sofa fallen, ist sich aber offensichtlich im Klaren darüber, dass Tiger recht hat.
»Inigo«, sagt Erin, »hatten Sie Glück mit dem Handyempfang?«
Inigo schüttelt den Kopf. »Nichts, tut mir leid. Und ich habe nur noch zwölf Prozent Akku, daher schalte ich das Handy nur ab und zu ein, um nachzusehen.«
»Sonst jemand?«, fragt Erin und klingt ein bisschen verzweifelt. Alle schütteln den Kopf. Bei den meisten ist der Akku ohnehin inzwischen leer. Ich habe mein Handy bei vier Prozent ausgeschaltet.
»Als Sie mit der Polizei gesprochen haben, was genau haben die gesagt?«, fragt Erin, wieder an Inigo gewandt.
Er runzelt die Stirn. »Was meinen Sie?«
»Haben sie Ihnen irgendeinen Zeitrahmen genannt? Oder wie sie zu uns kommen wollen? Ich weiß, dass zu dem Zeitpunkt das ganze Ausmaß noch nicht bekannt war, aber die wussten doch, dass wir eine Person vermissen. Man sollte meinen, dass wir auf der Prioritätenliste ziemlich weit oben stehen.«
»Ich …« Inigo denkt angestrengt nach. »Ja, ich glaube, ich habe ihnen gesagt, dass Eva vermisst wird und wir im Chalet hier oben an der Seilbahn festsitzen. Und ich habe … auch Ihren Knöchel erwähnt. Aber sie haben nur nach Vorräten gefragt und gesagt, dass sie uns so schnell wie möglich rausholen.«
»Und sonst nichts? Nicht einmal eine ungefähre Zeitangabe?«
»N-nein …« Inigo klingt unsicher. »Die Verbindung war wirklich schlecht. Ich versuche mich zu erinnern, aber sie haben nichts dergleichen erwähnt, glaube ich.«
»Na gut«, sagt Erin. In ihrer ruhigen, höflichen Stimme schwingt Frustration mit. »Das ist verständlich. Dann müssen wir wohl einfach abwarten. Gut, das wär’s. Gehen Sie schon mal durch ins Wohnzimmer. Danny und ich bringen Ihnen gleich das Mittagessen.«
Die Gruppe zerstreut sich. Carl brummt noch immer wütend vor sich hin. Tiger spricht besänftigend auf ihn ein. Miranda und Rik verlassen die Lobby als Letzte. Ich bin genau vor ihnen und bekomme ihr leises Gespräch mit.
»Ob Inigo wirklich die Polizei angerufen hat?«, murmelt Rik kaum hörbar.
»Wie meinst du das?« Miranda klingt überrascht.
»Na ja … Erin wirkte ziemlich besorgt, weil wir noch nichts gehört haben. Und das kann ich verstehen. Man sollte meinen, dass sie inzwischen irgendjemanden hier heraufgeschafft hätten, und wenn es nur ein Pfadfinder ist.«
»Aber wir waren doch dabei, Rik. Wir haben gehört, wie er die Polizei angerufen hat.«
»Ja, wir haben seinen Gesprächsteil gehört. Aber woher sollen wir wissen, dass er tatsächlich die Polizei angerufen hat? Es ist schon etwas auffällig, dass er als Einziger Empfang hatte. Wie kann das sein?«
Miranda antwortet nicht. Aber als wir alle im Wohnzimmer sind, setzt sie sich so weit wie möglich von Inigo weg und vermeidet jeden Blickkontakt.