Snoop-ID: LITTLEMY

Hört: offline

Snoopscriber: 10

»Scheibenkleister.« Ich stehe in der Küche und sehe zu, wie Danny letzte Hand an die großen Salatschüsseln legt. Er hat geradezu Wunder gewirkt, doch man kann es drehen und wenden, wie man will: Es wird kein warmes Essen daraus.

»Was meinst du damit?« Danny blickt nicht auf, sondern streut weiter gehackte Walnüsse über einen großen Teller mit in Scheiben geschnittenen Birnen und leicht überreifem Bleu d’Auvergne.

»Ich meine nur … es ist wohl nicht so gut gelaufen.«

Danny probiert das Dressing und zuckt mit den Schultern. »Keine Ahnung. Du hast ihnen etwas gesagt, was sie nicht gerne hören wollten. Was hast du denn erwartet – Beifall?«

Ich seufze bloß.

Dann endlich ist Danny fertig, und wir tragen die Schüsseln aus der Küche. Als ich hinter Danny durch die leere Lobby hinke, bemerke ich Croissantkrümel auf dem dicken Schaffellteppich. Ohne Strom kann ich nicht staubsaugen, doch in meiner augenblicklichen Stimmung nehme ich es als weiteres Zeichen dafür, dass alles auseinanderfällt, während Danny und ich uns so verzweifelt bemühen, die Dinge am Laufen zu halten.

Im Wohnzimmer herrscht beredtes Schweigen. Keine sanfte Hintergrundmusik mehr, die die Spannungen in der Gruppe kaschieren könnte. Zu hören sind nur das leise Bullern des

Tiger spricht noch immer leise auf Carl ein, als könnte sie ihn damit beruhigen.

Liz hockt unbehaglich auf der Sesselkante und kaut auf den Nägeln, hört aber damit auf, als ich hereinkomme, und bewegt stattdessen nervös ihre Hände, lässt die Fingergelenke knacken. In dem stillen Zimmer klingt es wie eine Gewehrsalve, und Ani, die zwischen Liz und Topher sitzt, verzieht unwillkürlich das Gesicht.

Nur Inigo sitzt ganz für sich, und als ich ihm die letzte Salatschüssel anbiete, macht er eine abwehrende Handbewegung.

»Danke, aber ich habe keinen Hunger.«

»Sie müssen etwas essen, Inigo«, sage ich. Sein Gesichtsausdruck beunruhigt mich mehr als sein fehlender Appetit. Wir können es uns nicht erlauben, dass die Leute auch noch depressiv werden.

»Ich habe keinen Hunger«, sagt er jetzt nachdrücklicher.

»Schon gut, schon gut. Hier wird niemand zu etwas gezwungen. Ich stelle den Salat hier hin, okay? Und falls Sie ihn nicht wollen, lassen Sie ihn einfach stehen.«

Ich will gerade wieder in die Küche gehen, als ich ihn leise sagen höre: »Es kommt mir vor, als gäben alle mir die Schuld.«

»Warum um Himmels willen sollten sie das tun?«, frage ich überrascht.

»Wegen dem, was Sie gesagt haben – dass man telefonisch nicht zur Polizei durchkommt. Ich habe das zufällig gehört.« Er flüstert jetzt, und ich muss mich zu ihm hinneigen, um zu

Er kann es nicht aussprechen. Außer ich hätte sie getötet.

»Ich habe sie geliebt.« Die Stimme versagt ihm bei der letzten Silbe. »Aber das verstehen die nicht. Ich habe sie geliebt

O Gott. Ich erinnere mich an das Gemunkel vom ersten Morgen, dass Inigo sehr spät ins Bett gegangen sei. Topher hatte genervt gesagt: Nicht schon wieder. Eva sollte es besser wissen.

»Ich habe sie geliebt!«, wiederholt Inigo, und ich würde ihm am liebsten sagen, er solle die Klappe halten. Denn er scheint zu glauben, dass ihn dieses Geständnis von jeglichem Verdacht befreit. Dabei ist das Gegenteil der Fall. Man braucht schon ein ziemlich starkes Motiv, um jemanden zu töten. So wie Geldgier, und bisher haben wir auch vermutet, dass das dahintersteckt. Aber Inigo hat kein finanzielles Motiv. Das gilt nur für Topher und Elliot, soweit wir wissen. Ein anderer Grund, aus dem Menschen töten, ist Liebe. Und Inigo hat sich soeben als einzigen Kandidaten in dieser Kategorie präsentiert.

»Das haben Sie sicher«, sage ich leise. Er steht auf und geht aus dem Zimmer, weil er sich vor seinen Kollegen nicht länger zusammenreißen kann.

In der Küche lasse ich mich auf einen Stuhl fallen und lege den schmerzenden Fuß hoch. Dann kommt Danny herein.

»Was war das denn gerade mit Inigo?«, fragt er. Ich erzähle ihm von dem Gespräch.

»Aber damit hat er ein Motiv, oder?«, frage ich zögernd.

Danny zuckt mit den Schultern. »Weiß nicht. Wir könnten vermutlich bei jedem ein Motiv finden. Miranda könnte bis über beide Ohren in Inigo verliebt sein. Rik könnte ein wütender Incel sein, der seine Chefin gehasst hat. Wer weiß das schon. Wenn ich lange genug überlege, fällt mir bestimmt für jeden irgendein Mist ein. Wenn du mich fragst, sollten wir uns mal die Alibis anschauen. Wir müssen doch jemanden ausschließen können.«

»Nicht für Elliots Tod. Das könnte jeder gewesen sein. Alle waren hier – es war ein ständiges Kommen und Gehen.«

»Ani hat ihm den Kaffee gebracht. Und wir wissen alle, dass sie auf Topher steht.«

»Sie hat ihm einen Kaffee gebracht, aber wir wissen nicht, ob es der war, der Elliot getötet hat. Sie müsste schon ziemlich dämlich sein, erst groß anzukündigen, ihm Kaffee zu bringen, und ihn dann damit zu vergiften.«

»Oder es ist ein doppelter Bluff«, sagt Danny, aber es klingt nicht überzeugend. Er will wohl nur den Advocatus Diaboli spielen. »Gut, ich sehe ein, das mit den Alibis bei Elliot wird schwierig. Aber was ist mit Eva? Wenn wir davon ausgehen, dass Elliot getötet wurde, weil er etwas über ihren Tod wusste …«

»Na ja …« Ich versuche, mich zu erinnern, wo jeder angeblich war, als Eva verschwand. »Ani und Carl haben Eva gesund und munter auf halber Höhe von La Sorcière gesehen. Falls

»Jaaa, richtig …«, wiederholt Danny ein bisschen skeptisch. »Obwohl … streng genommen hat Carl nie wirklich gesagt, dass er sie gesehen hat. Da müssen wir uns auf Ani verlassen.«

»Klar, aber sie muss Eva gesehen haben, es kann nicht anders sein. Sie hat es erzählt, bevor Elliot von den GPS-Informationen berichtet hat. Wie hätte Ani wissen können, dass Eva die Piste genommen hat, wenn sie sie nicht dort gesehen hat? Hätte sie lügen wollen, dann hätte sie behauptet, Eva sei Blanche-Neige hinuntergefahren, was das Naheliegendste wäre. Das würde jeder sagen, der den Verdacht von sich ablenken will.«

»Gut, gekauft. Also sind Ani und Carl außen vor, richtig?«

»Ja, und Liz, weil sie schon mit der Gondelbahn runtergefahren war. Sie war weg, noch bevor Eva oben ankam. Bleiben noch die Personen, die vor Eva oben an der Piste waren. Also Topher, Rik, Tiger, Inigo und Miranda.«

»Nicht Miranda«, sagt Danny zu meiner Überraschung, und ich runzle die Stirn.

»Wieso nicht?«

»Wenn wir glauben, dass Ani Eva gesehen hat, wurde sie ungefähr auf halber Höhe von La Sorcière getötet. Was bedeutet, dass wir nach jemandem suchen, der gut genug Ski fahren kann, um diese Piste zu bewältigen.«

Ich nicke bedächtig. Er hat recht. Was wiederum bedeutet, dass nur eine ziemlich kleine Gruppe in Frage kommt. Tiger. Inigo. Vielleicht Rik, obwohl ich mir da nicht so sicher bin. Er ist gut, aber für diese Piste muss man nicht nur gut, sondern richtig gut sein. Und Topher.

Wir landen immer wieder bei Topher. Das ist nicht

»Sie haben sich oben getrennt, richtig?«, denke ich laut. »Als Blanche-Neige geschlossen wurde. Ein paar sind mit der Gondelbahn runtergefahren, die anderen sind trotz Sperrung die Piste runter. Die Gondelbahnfahrer können nichts damit zu tun haben. Wer war alles in der Bahn?«

»Das wurde bisher nicht erwähnt.« Danny runzelt die Stirn. »Ich weiß, dass Topher und Inigo die Piste genommen haben, aber bei den anderen bin ich mir nicht sicher. Soll ich mal nachfragen?«

Ich nicke zögernd. Eigentlich müsste ich das übernehmen. Danny wird zunehmend unwirsch im Umgang mit der Gruppe. Vorhin war er kurz davor, sich mit Carl zu prügeln – das darf nicht passieren. Eine körperliche Auseinandersetzung können wir in diesem Pulverfass aus Kummer und Anspannung wirklich nicht gebrauchen. Aber mein Knöchel tut weh. Ziemlich sogar. Ich bringe es einfach nicht über mich, ihn zu belasten.

Als sich die Tür hinter Danny schließt, taste ich in meiner Tasche nach der Ibuprofen-Schachtel und überlege, wann ich die letzte genommen habe. Vor drei Stunden. Ich sollte eigentlich noch eine Stunde warten. Dennoch drücke ich schnell zwei Tabletten aus dem Blister. Gerade will ich sie mit einem Schluck kaltem Tee hinunterspülen, da geht die Tür auf.

»Topher, Inigo, Tiger und Rik sind Blanche-Neige runtergefahren. Die anderen haben die Gondelbahn genommen und sich mit Liz getroffen, die unten auf sie gewartet hat.«

»Na gut. Jemand könnte hinter den anderen hergetrödelt, die Piste wieder hochgegangen und dann La Sorcière gefahren sein. Aber diese Person müsste schon sehr schnell gewesen sein. Eva ist rasant gefahren und hatte schon die Hälfte geschafft, als Ani

»Außer … außer …«, sagt Danny langsam, während er offenkundig gedanklich die Möglichkeiten durchgeht. »Wenn sie nun gestürzt ist? Wenn sie verletzt war und die Person so getan hat, als wollte sie ihr helfen und sie stattdessen …«

Ich nicke. Das ist nicht auszuschließen. Es würde bedeuten, dass ihr Tod nicht direkt geplant war, sondern dass jemand die Gelegenheit genutzt hat … Dann aber fällt mir ein Einwand ein, und zwar ein ganz schön großer.

»Im unteren Abschnitt der Piste gibt es keine Steilkante. Also keine Gelegenheit, sie in die Tiefe zu stoßen.«

»Nein, aber falls sie verletzt war, hätte man sie töten und ihren Körper zwischen die Bäume legen können. Elliot hat selbst gesagt, er wisse nicht, wie Berge das GPS-Signal beeinflussen. Vielleicht hatte er genau das entdeckt – dass sie gar nicht im Tal liegt, sondern auf der Piste getötet wurde.«

»Mag sein …« Seine Bemerkung hat mich noch auf einen anderen Gedanken gebracht. »Moment mal, da ist noch was.«

»Was denn? Ich fand mich eigentlich ganz gut.«

»Es passt alles zusammen, bis auf eine Sache. Wie konnte die Person wissen, dass Eva La Sorcière genommen hat? Wir tun so, als wäre ihr jemand absichtlich hinterhergefahren, weil er hoffte, sie einzuholen. Aber niemand hat Eva oben losfahren sehen. Niemand wusste, dass sie auf dieser Piste unterwegs war.«

»Du hast recht.« Danny zieht die dunklen Augenbrauen zusammen. »Wer zum Teufel konnte wissen, dass sie da runterfährt?«

»Der einzige Mensch …« Ich zähle eins und eins zusammen. »Der einzige Mensch, der wirklich gewusst hat, dass sie auf

»Wenn sie es jemandem erzählt hat …«, sagt Danny langsam, beendet den Satz aber anders, als ich es erwartet hätte. »Wenn sie es jemandem erzählt hat, ist sie in großer Gefahr. Wir müssen herausfinden, wem sie es gesagt hat. Und zwar schnell.«