Snoop-ID: LITTLEMY
Hört: offline
Snoopscriber: 10
Danny und ich müssten eigentlich das Geschirr vom Mittagessen spülen – was ohne Spülmaschine kein Vergnügen ist. Wir können Wasser nur im Kessel auf dem Holzofen erhitzen, und es ist ein Vollzeitjob, genügend sauberes Geschirr für die Mahlzeiten bereitzuhalten. Das schmierige Zeug vom Mittagessen türmt sich auf dem Abtropfbrett, das Besteck weicht in lauwarmem Wasser ein. Doch so wichtig es auch sein mag, die Gäste zu versorgen, noch wichtiger ist es, sie am Leben zu erhalten. Keiner von uns will den anderen allein lassen. Darum versteht es sich von selbst, dass wir zusammen gehen, als ich vorschlage, mit Ani zu sprechen. Fragt sich nur, wo und wie.
»Jetzt«, erklärt Danny entschlossen. »Falls sie dem Mörder erzählt hat, wo Eva sich befand, ist es nur eine Frage der Zeit, bis die Person dieselbe Schlussfolgerung zieht wie wir. Und dann …«
Er verstummt. Meine Kehle wird eng, ich muss schlucken. Er hat recht.
»Und wenn sie mit den anderen zusammen ist? Welchen Grund geben wir an, um mit ihr allein zu reden?«
Danny schüttelt den Kopf. »Wir brauchen keinen Grund. Wir reden im Beisein aller mit ihr. Es ist besser, mit offenen Karten zu spielen. Wenn jeder die Wahrheit kennt, umso besser. Man kann uns ja nicht alle umbringen.«
Es klingt beinahe selbstgefällig, und mich überkommt der Drang, hysterisch zu lachen. Wie konnte es dazu kommen, dass wir über Mord sprechen, als wäre es ein Gesellschaftsspiel? Aber Danny hat recht. Es hat keinen Sinn, Anis Wissen unter Verschluss zu halten. Je mehr Menschen die Wahrheit kennen, desto besser.
Wir brauchen nicht lange nach ihr zu suchen. Als wir durchs kalte Esszimmer gehen, sehen wir sie schon – sie sitzt in der Lobby vor dem Holzofen und spielt mit Carl, Rik und Miranda Karten. Sie hat die große Brille in die Stirn geschoben und schaut auf ihr Blatt.
»Drilling«, sagt Carl selbstzufrieden und legt drei Könige hin.
»Hi«, sagt Danny knapp und baut sich vor der Gruppe auf. »Können wir kurz reden?«
»Klar«, sagt Miranda seufzend und schiebt ihre Karten zusammen. »Carl nimmt uns ohnehin gnadenlos aus. Sie retten uns vor der nächsten Niederlage.« Sie fährt sich durch die langen, dunklen Haare und verzieht das Gesicht. Ich kann mir gut vorstellen, wie sie sich fühlt. Kein warmes Wasser bedeutet keine Dusche. Inzwischen sehen wir alle ein bisschen schludrig und schmuddelig aus. »Gibt es etwas Neues?«
Ihre hoffnungsvolle Miene versetzt mir einen Stich. Unser energischer Auftritt muss einen falschen Eindruck erweckt haben. Ich schüttele den Kopf.
»Nein, es tut mir sehr leid. Immer noch nichts.«
»Verflucht noch mal«, sagt Rik. »Ist das nicht allmählich ein bisschen … besorgniserregend?«
»Na ja, ich gebe zu, wir hatten eigentlich gehofft, dass sich inzwischen jemand hätte blicken lassen.«
Ich schaue zu den hohen Fenstern der zweistöckigen Lobby. Es ist mitten am Nachmittag, doch wegen des umherwirbelnden Schnees sieht es aus, als würde die Dämmerung hereinbrechen. Ich kann die Lichter von Saint-Antoine-le-Lac unten im Tal nicht erkennen, von den Bergketten in der Ferne ganz zu schweigen. Vielleicht gibt es unten im Ort auch keinen Strom. Der Gedanke beunruhigt mich. Die Batterien in Dannys altem Radio sind leer, und wir haben keine Ahnung, wie die Lage unten im Tal ist. Es könnte noch viel schlimmer als befürchtet sein.
»Es ist über vierundzwanzig Stunden her, dass die Lawine abgegangen ist«, drängt Rik. »Hätte sich nicht mittlerweile irgendjemand melden müssen?«
»Ich weiß es nicht.« Seine Besorgnis wirkt ansteckend. Vielleicht hat er recht. Vielleicht stimmt wirklich etwas nicht. »Ich nehme an, sie haben nicht genügend Personal.«
»Was willst du eigentlich damit sagen?«, fragt Carl schneidend, an seinen Kollegen gewandt. »Raus mit der Sprache, wenn du was zu sagen hast.«
Rik sieht Miranda an und sagt dann beinahe unwillig: »Das ist kein Vorwurf, wirklich nicht. Ich meine nur, es ist ein bisschen unglücklich, dass niemand mit der Polizei sprechen konnte, niemand außer Inigo.«
»Worauf willst du hinaus?«, fragt Carl verblüfft.
»Ich meine ja nur … es wäre schön, wenn wir es sicher wüssten. Wir haben nur seinen Anteil an der Unterhaltung gehört. Und es erscheint mir ein bisschen … sonderbar, dass er als Einziger von uns Empfang hatte.«
»Willst du damit sagen, er hat gar nicht mit der Polizei gesprochen?« Carl zieht seine Augenbrauen hoch.
Rik schweigt und zuckt mit den Schultern, was im Grunde alles heißen kann, in diesem Fall aber als Bestätigung gedeutet werden muss.
»Scheiße«, sagt Carl und stößt das Wort wie ein Gebet hervor. »Was für eine Scheiße.«
Danny sieht mich erschrocken an. Mir fällt ein, dass ich mein Gespräch mit Inigo und Riks Verdächtigung vorhin gar nicht erwähnt habe, weil es mir so unwahrscheinlich vorkam. Wie erschreckend naiv. Wenn Rik nun recht hat? Wenn wirklich niemand kommt?
»Worüber wollten Sie denn mit uns sprechen?«, fragt Miranda und bringt uns damit zu unserem ursprünglichen Vorhaben zurück. Ich zwinge mich zur Konzentration.
»Ach, ja. Nun, wir wollten eigentlich mit Ani sprechen – nur eine kurze Frage.«
»Aha?« Ani schaut von ihrem Blatt auf. »Klar! Wie kann ich helfen?«
»Sollen wir Sie allein lassen?«, fragt Carl und steht schon auf, doch Danny schüttelt den Kopf.
»Bleiben Sie ruhig hier. Es ist besser, wenn alle Karten offen auf dem Tisch liegen, falls Sie verstehen, was ich meine.«
Carl überlegt kurz, scheint einzusehen, dass Dannys Vorschlag vernünftig ist, und setzt sich wieder hin.
»Ani«, beginne ich und überlege, wie ich am besten unnötige Aufregung vermeide und mein Anliegen dennoch unmissverständlich formuliere. »Sie haben von der Gondelbahn aus gesehen, wie Eva La Sorcière heruntergefahren ist, richtig?«
»Ja. Ganz sicher. Aber das habe ich doch vorhin schon gesagt.«
»Ja, klar, aber ich wüsste gern, ob Sie es schon eher jemandem erzählt haben?«
»Oh …« Sie denkt stirnrunzelnd nach. »Ich kann mich nicht erinnern. Vielleicht habe ich es Carl gegenüber erwähnt? Nach dem Motto Oh, da ist ja Eva. Kannst du dich erinnern, Carl?«
»Ehrlich gesagt, nein. Ich glaube nicht, dass du was gesagt hast, aber beschwören kann ich es nicht.«
»Oh!«, sagt Ani unvermittelt, läuft rosig an und sieht aus wie ein Kind, das voller Stolz die gewünschte Antwort präsentieren wird. Mir wird voller Unbehagen klar, dass Ani glaubt, wir wollten sie auf die Probe stellen, und froh ist, uns die Bestätigung zu liefern. »Moment, ich habe es tatsächlich jemandem erzählt. Wir sind oben aus der Gondelbahn gestiegen, und Topher wollte losfahren, und da hat Inigo gesagt, das geht nicht, wir müssen auf Eva warten, und ich habe gefragt, du lieber Himmel, hat sie euch etwa nicht Bescheid gesagt? Sie ist schon losgefahren. Ich habe sie auf der schwarzen Piste gesehen. Ich bin mir nicht sicher, ob Topher es gehört hat, aber Inigo ganz bestimmt. Er kann es bestätigen.«
Er kann es bestätigen.
Sie schaut mich mit großen, strahlenden Augen an, und ihr Vertrauen schnürt mir die Kehle zusammen.
Aber Carl … Carl sieht Ani entsetzt an, und ich begreife, dass er zu demselben Schluss gelangt ist wie Danny und ich.
»Scheiß auf die Bestätigung«, sagt er abrupt. »Begreifst du denn nicht?«
»Was soll ich begreifen?« Ani sieht überrascht aus, als hätten wir ihr das Fleißkärtchen weggenommen. Sie versteht nicht, warum Carl sich nicht für sie freut, warum er nicht froh ist, dass ihre Geschichte stimmig ist.
»Dann hat Inigo es auch gewusst. Er wusste, welche Piste Eva genommen hat. Du hast ihm verraten, wo er sie finden würde.«
»O Gott«, sagt Ani und wird ganz blass. Ihre durchscheinende Haut wirkt kalkweiß, die blauen Äderchen schimmern an den Schläfen hindurch. »O Gott, willst du damit sagen – willst du damit sagen –«
»Ich will damit sagen, dass jemand diese Piste runtergefahren ist und Eva getötet hat. Und die Frage ist: Wer hat gewusst, dass sie dort unterwegs war?«
»Doch nicht Inigo«, sagt Ani gequält. »Nicht Inigo, nein, er war – er und Eva –«
Sie hält inne und schlägt die Hand vor den Mund, als hätte sie zu viel gesagt.
»Eva hat mit ihm gevögelt«, sagt Carl brutal. »Komm schon, Schätzchen, das wissen wir doch alle. Man braucht nicht Sherlock Holmes zu sein, um darauf zu kommen. Aber jemanden zu vögeln, verschafft einem noch kein Alibi, das weißt du genau.«
»Nein!« Ani steht auf. Sie hat wieder Farbe im Gesicht und sieht wütend aus. »Nein. Davon will ich nichts hören! Evas Tod – war ein Unfall. Und Elliot – ich werde nicht – nein! Ich werde nicht – ich kann das nicht denken. Ich kann nicht!«
Sie lässt die Karten aus der Hand fallen und stolpert aus dem Zimmer.