Snoop-ID: ANON101

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Ich stehe draußen vor meinem Zimmer, den Rücken ans Holz gepresst, als jemand die Treppe heraufkommt. Es ist Ani. Sie sieht aus, als hätte sie geweint.

Mein erster Impuls ist, wieder in meinem Zimmer zu verschwinden – aber das geht nicht. Topher ist da drin. Ich sitze in der Falle. Sie kommt auf mich zu. Also muss ich irgendetwas sagen.

»Ist alles in Ordnung mit dir?«

»Die – die sagen furchtbare Dinge«, stößt sie hervor. »Über Inigo. Ich glaube das nicht, Liz, niemals!«

»Was denn für Dinge?« In meiner Magengegend breitet sich Kälte aus.

»Dass er –« Ani schluckt krampfhaft und zwingt sich, weiterzusprechen. »Dass er Eva getötet hat. Und dass er nicht die Polizei angerufen hat.«

»Er hat die Polizei nicht angerufen? Willst du damit sagen, dass niemand kommt?«

»Aber er hat doch angerufen!«, heult Ani auf. »Wir waren doch dabei! Es ist total unfair, so was zu behaupten und ihm nicht die Chance zu geben, sich zu verteidigen. Ich arbeite seit zwei Jahren mit Inigo zusammen, Herrgott noch mal, ich kenne ihn doch!« Sie drängt sich an mir vorbei und hämmert an seine Tür.

»Warte mal, Ani«, sagt Carl. In diesem Augenblick geht meine Zimmertür so plötzlich auf, dass ich beinahe hintenüber falle. Topher schiebt sich an mir vorbei in den Flur. Er sieht noch verheult aus, weint aber nicht mehr.

»Was geht hier vor?«, fragt er schroff.

»Inigo!« Ani hämmert immer noch an seine Tür. Keine Antwort. »Wo steckt er?«

»O Gott«, sagt Rik, schaut erst Miranda und dann Erin an. »Ihr glaubt doch nicht –«

»Oh, nein, nein«, sagt Danny rasch. »Nicht noch eine Leiche. Nicht mit mir!« Er drängt sich an Ani vorbei, zieht einen Generalschlüssel aus der Tasche und schließt die Tür auf. Dann leuchtet er mit der Taschenlampe ins Zimmer.

Keiner da.

Über seine Schulter sehe ich Carls Sachen, die unordentlich verstreut liegen, und Inigos Feldbett, dessen Decke fein säuberlich glatt gestrichen und unter die Matratze gesteckt ist.

Auf dem Kopfkissen liegt ein gefaltetes Blatt Papier.

Wir stehen ratlos da, dann humpelt Erin an Danny vorbei und nimmt das Blatt.

»Das ist eine Nachricht.« Sie liest im Schein der Taschenlampe. Ihr Gesicht wird ausdruckslos. »Oh … Scheiße.«

Zum ersten Mal überhaupt höre ich sie fluchen. Von Danny kenne ich es schon, aber Erin war immer absolut professionell. Aus ihrem Gesicht ist die Farbe gewichen. Sie sieht Danny an und formt etwas mit den Lippen, das ich nicht entschlüsseln kann.

Er zieht ihr das Blatt aus den Fingern. Erin lässt es geschehen. Er liest laut vor: »›Liebe alle, ich habe einen schrecklichen Fehler gemacht. Ich werde ihn wieder ausbügeln. Bitte sucht nicht nach mir. Inigo.‹«

»Ach, Scheiße«, sagt jetzt auch Miranda. »Dieser Idiot.« Sie dreht sich um und schaut zu dem hohen Fenster am Ende des Flurs, wo Inigo stand, als er telefoniert hat. Inzwischen ist es fast dunkel. Der Schnee peitscht gegen die Scheibe, als wollte er ins Haus eindringen. Mich überläuft ein Schauer. »Seht doch nur. Er wird da draußen umkommen.«

»Aber was genau meint er damit?«, fragt Erin. »Ich meine die Nachricht. Will er damit sagen, dass er tatsächlich nicht die Polizei angerufen hat und sie jetzt holen will? Oder sucht er nach Eva?«

»Weiß der Geier«, sagt Carl kurz angebunden. »Was für ein Blödmann. Ist er überhaupt schon weg?«

»Gute Frage«, sagt Danny. »Ich sehe mal nach.« Er verschwindet mitsamt der Taschenlampe. Die Schatten schließen sich um uns. Wir hören seine Schritte auf der Wendeltreppe, dann schlägt die Tür zum Servicebereich des Hauses zu, wo sich die Skischränke befinden. Als er zurückkommt, ist sein Schritt weniger hektisch, sein Gesichtsausdruck ist erstarrt. »Ja, er ist weg. Auch seine Skier sind weg. Und seine Jacke.«

»Fuck«, sagt Carl wütend. »Verfluchter Idiot. Wann kann er losgegangen sein? Wer hat ihn zuletzt gesehen?«

Allgemeines Achselzucken.

»Ich habe ihn auch beim Mittagessen gesehen«, sagt Erin bedrückt. »Er war … er hat nichts gegessen. Er war in keiner guten Verfassung. Er ist dann rausgegangen, in sein Zimmer, wie ich angenommen habe, aber er könnte auch zu den Skischränken gegangen sein. Hat ihn irgendjemand nach dem Mittagessen noch gesehen?«

Kopfschütteln.

Erin runzelt die Stirn. »Was ist mit Tiger?«

Wir blicken uns suchend um, Angst spiegelt sich in den Gesichtern. Wo ist Tiger?

Wortlos marschiert Danny zu ihrem Zimmer. Wir folgen ihm wie eine verängstigte Schafherde.

Er klopft an die Tür. Nichts. Die Anspannung wächst spürbar.

»Scheiß drauf«, sagt Danny grob und steckt den Schlüssel ins Schloss. Die Tür geht auf – alle drängen hinein, schubsen sich, um besser zu sehen. Ich bin ganz hinten, Tophers breite Schultern versperren mir die Sicht. Ich höre Ani ängstlich »Tiger?« fragen.

Dann eine verschlafene Stimme: »Was ist denn passiert?«

Hörbare Erleichterung, aber auch Unmut.

»Herrje, Tiger!«, sagt Miranda schneidend. Ihr Upperclass-Akzent ist verschwunden, sie klingt verärgert. »Tu uns so was nicht an! Hast du nicht gehört, was Erin gesagt hat? Wir sollen zusammenbleiben!«

»Ich hab doch abgeschlossen«, sagt Tiger. Ihre sonst so ruhige Stimme klingt ein bisschen weniger gelassen als sonst. »Was ist denn los?«

»Inigo ist weg«, sagt Miranda. Und zu meinem Erstaunen bröckelt ihre Hochglanzfassade, und sie beginnt zu weinen.