Snoop-ID: ANON101
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Ich weiß, was die anderen denken, als wir in unsere Zimmer gehen. Sie halten mich für verrückt. Vielleicht haben sie recht. Als ich die Tür hinter mir abschließe, frage ich mich unwillkürlich, ob es gefährlich ist, mich derart zur Außenseiterin zu machen. Wenn nun jemand auf dumme Gedanken kommt?
Aber ich kann ihnen einfach nicht erklären, warum ich davor zurückschrecke, ein Zimmer mit Tiger und Ani zu teilen. Es ist schlimm genug, tagsüber all diesen Gesichtern aus der Vergangenheit zu begegnen, in einem Albtraum gefangen zu sein mit Leuten, die ich kaum kenne.
Ich brauche meine Zuflucht. Ich muss die Tür hinter mir schließen können. Die Vorstellung, die Nacht auf einer Matratze in Tigers Zimmer zu verbringen, zu hören, wie sie leise atmet und wie sich Ani im Schlaf umdreht, lässt mich erschauern.
Ich klemme einen Stuhl unter die Türklinke und lege mich vollständig bekleidet ins Bett. Es ist zu kalt, um sich auszuziehen. Ich liege mit geschlossenen Augen da und versuche, meine steifen Muskeln zu entspannen und mir einzureden, dass ich gefahrlos einschlafen kann, als ich ein Geräusch an der Tür höre. Ich hebe den Kopf. Mein Puls rast.
»Wer ist da?« Vor lauter Adrenalin zittert meine Stimme.
Durch das Holz kann ich das Flüstern kaum verstehen.
»Ich bin’s, Ani.«
»Moment.« Ich schwinge die Beine aus dem Bett und taste mich zur Tür, ziehe den Stuhl weg. Dann öffne ich sie langsam.
Ani trägt einen Pulli, der ihr fast bis zu den Knien reicht.
»Was machst du hier? Ich habe beinahe einen Herzinfarkt bekommen!«
»Tut mir leid«, flüstert sie. »Ich konnte nicht schlafen. Ich habe mir Sorgen um dich gemacht und glaube, dass Erin recht hat. Wir sollten zusammenbleiben. Komm doch bitte zu mir und Tiger.«
»Nein, ehrlich, mir geht’s gut.«
Ani ringt die Hände. »Es geht mir wirklich gut«, sage ich nachdrücklicher. »Geh nur – Tiger wundert sich sicher schon, wo du bleibst.«
»Tiger schläft schon«, sagt sie mit einem bebenden kleinen Lachen. »Als hätte man einen Schalter umgelegt. Und sie schnarcht. Ich frage mich, wie das geht – sie ist doch so Zen-mäßig. Und ich liege da und mir gehen alle möglichen Sachen durch den Kopf.«
»Ich glaube, sie hat was genommen. Sie hat beim Frühstück erwähnt, dass sie nicht schlafen konnte. Aber – was meinst du damit, was geht dir durch den Kopf?«
»Ach … nichts.« Wieder das bebende kleine Lachen. Plötzlich bekomme ich es mit der Angst zu tun.
»Ani, weißt du etwas, das du niemandem erzählt hast?«
Sie schüttelt den Kopf, aber nicht sonderlich überzeugend, es ist eher ein ängstliches Keine Ahnung.
»Hör mir gut zu.« Ich flüstere energisch, was eigentlich untypisch für mich ist, aber jetzt mache ich mir wirklich Sorgen. »Du hast doch gehört, was Erin gesagt hat. Falls du etwas weißt, solltest du es unbedingt jemandem sagen. Ein Geheimnis für dich zu behalten, ist das Gefährlichste, was du tun kannst. Hast du was gesehen? Hat es mit Elliot und Topher zu tun? Oder mit Inigo?«
»Nein, ich habe nicht –«, sagt sie stockend. »Ich meine nur – ich habe dauernd das Gefühl, dass irgendwas nicht stimmt … etwas, was ich gesehen habe … Aber ich – ich kann nicht genau sagen, was.«
O Gott. Mir sinkt das Herz in die Hose. Ich habe das ungute Gefühl, dass das, was Ani gerade nicht einfällt, sehr, sehr wichtig sein könnte. Der Schlüssel zur Identität des Mörders. Es könnte die eine Sache sein, die ihn verrät.
»Ani, sag es mir bitte«, flehe ich. »Behalte es nicht für dich.«
Sie weiß etwas. Ich bekomme auf einmal schreckliche Angst.
»Ani, bitte«, bettele ich. Es ist mir egal, wie jämmerlich ich klinge. Doch sie schüttelt nur hilflos den Kopf.
»Ich kann nicht«, flüstert sie. »Ich muss … ich muss nachdenken …«
Dann verschwindet sie im dunklen Flur und lässt mich allein zurück. Mich überkommt eine Vorahnung, als Tigers Tür leise hinter ihr ins Schloss fällt. Ich bleibe sicherheitshalber stehen, um mich zu vergewissern, dass sie auch wirklich abschließt. Dann kehre ich in mein Zimmer zurück. Mehr kann ich nicht tun.