Snoop-ID: LITTLEMY
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»Scheiße.« Danny liegt auf der Matratze, die er in mein Zimmer gezerrt hat, die Hände vors Gesicht geschlagen. »Warum habe ich bloß das mit der Warnung gesagt? Ich bin so taktlos! Zwei ihrer Kollegen sind gestorben. Sie müssen doch denken, dass ich einen blöden Witz machen wollte.«
»Ehrlich, Danny, das dürfte ihre geringste Sorge sein.«
Ich bin so müde, dass mir die Augen wehtun, und Danny geht es sicher ähnlich, aber ich weiß auch, dass ich nie und nimmer einschlafen werde. Alles fühlt sich falsch an. So tröstlich es auch sein mag, Danny in meinem Zimmer zu wissen. Trotzdem ist es ungewohnt. Das Zimmer ist zu kalt. Die Situation zu ernst. Und ich fürchte, dass ich wieder davon träumen könnte, wie ich mich durch den Schnee grabe, und dass ich Danny damit wecke und er mir Fragen stellt, die ich nicht beantworten kann.
Vor allem aber habe ich schreckliche Angst.
Es hilft auch nicht gerade, dass mein Fuß wieder wehtut. Und zwar nicht gerade wenig. Allmählich frage ich mich, ob er nicht doch gebrochen ist.
»Es hätte längst jemand hier sein müssen«, sagt Danny in die Stille, und ich weiß, was er meint.
»Wir können nicht sicher sein, dass Inigo nicht angerufen hat.«
»Was sonst sollte er mit dem schrecklichen Fehler gemeint haben?«
»Keine Ahnung, aber es ergibt keinen Sinn, Danny. Warum um alles in der Welt hätte er nicht anrufen sollen? Der einzige Grund wäre, dass er Eva getötet hat, und wenn das der Fall ist, sind wir hier sicherer ohne ihn.«
»Vielleicht hat er es getan. Vielleicht wollte er einen Vorsprung vor der Polizei haben. Wir wissen es schließlich nicht.«
Dannys Bemerkung unterbricht meine eigenen Gedankengänge, aber mir fällt absolut keine Antwort darauf ein. Inigo kommt mir einfach nicht wie ein Mörder vor. Er wirkte sanft und verzweifelt und aufrichtig traurig über Evas Tod. Doch dann kommen mir all die Zeitungsartikel über »absolut nette Männer« in den Sinn, die ihre Kinder oder ihre Partnerinnen oder wildfremde Menschen getötet haben. Und ich vergegenwärtige mir, worauf Danny eigentlich hinauswill – dass diese Leute Wildfremde für uns sind. Die Intimität, in die uns die Situation gebracht hat, täuscht. Wir kennen Inigo und alle anderen seit nicht einmal drei Tagen.
Wieder bleibt es lange still, und ich glaube schon, Danny sei eingeschlafen, als er einen tiefen Seufzer ausstößt.
»O Gott, was machen wir nur, Erin?«
»Ich weiß es nicht.« In diesen Worten liegt die ganze Verzweiflung, die sich seit Evas Verschwinden in mir angestaut hat. Es ist unfassbar schlimm. Zuerst Eva, dann Elliot, jetzt Inigo. Unsere Gäste verschwinden einer nach dem anderen wie in einem schlechten Horrorfilm. »Vielleicht ist Inigo wirklich losgegangen, um Hilfe zu holen –«
»Das glaube ich nicht«, sagt Danny mit Bestimmtheit. »Wenn er die Polizei angerufen hätte, wie er behauptet hat, müsste er jetzt nicht losziehen, um sie zu holen. Und falls er sie nicht angerufen hat, warum sollte er dann plötzlich zum edlen Ritter werden? Das ergibt doch keinen Sinn. Nein, er will nicht zur Polizei. Er ist abgehauen und will es auf diese Weise vertuschen.«
Seine Worte entmutigen mich noch mehr, aber sie sind logisch, daran ist nicht zu rütteln. Warum auch immer Inigo fortgegangen ist, es ändert nichts an unserer Lage. Wir sitzen hier fest und können nicht beurteilen, ob es ihm gelingt, Hilfe zu holen – beziehungsweise ob er es überhaupt versucht. Keine noch so durchdachte Analyse kann das ändern. Uns bleibt nichts anderes übrig, als hier zu warten. Plötzlich kommt mir ein Gedanke.
»Moment, eins könnten wir tun.«
»Was?«
»Du könntest nach Haute Montagne gehen und Alarm schlagen.«
Lange bleibt es ruhig. Dann sagt Danny kategorisch: »Nein.«
»Ich weiß, es ist gefährlich, aber ich mit meinem Knöchel –«
»Scheiß auf die Gefahr«, unterbricht mich Danny. »Die interessiert mich nicht. Aber du hast recht – du kannst nicht mitgehen, und ich lasse dich nicht mit einem Haufen Psychopathen hier allein.«
»Wir wissen doch gar nicht, ob ein Psychopath unter uns ist – falls Inigo wirklich –«
»Ich lasse dich nicht allein«, sagt Danny, und sein Tonfall verrät, dass es sein letztes Wort in dieser Angelegenheit ist. Die Decke raschelt, als er sich abrupt umdreht. »Schluss, aus. Und jetzt wird geschlafen.«
Aber das gelingt mir erst nach einer ganzen Weile.