Snoop-ID: LITTLEMY

Hört: offline

Snoopscriber: 10

Ich brauche furchtbar lang, um durch den Flur zu humpeln. Mein Knöchel ist über Nacht stark angeschwollen und tut weh, wenn ich das Bein belaste. Als ich um die Ecke biege, wächst das Stimmengewirr zu einem panischen Tumult an.

»Was ist hier los?«, frage ich, doch niemand nimmt mich wahr, alle drängen sich vor der Tür vor Tigers Zimmer. Tiger kauert im Flur, die Arme um den Kopf geschlungen, und schluchzt hysterisch. Liz beugt sich erschrocken über sie und streicht ihr zaghaft übers Haar, als könnte es jeden Moment in Flammen aufgehen.

»Was ist hier los?«, wiederhole ich. Danny tritt mit düsterer Miene aus Tigers Zimmer.

»Es ist Ani.«

»Wie, es ist Ani? Was soll das heißen?« Mir wird angst und bange.

»Ich bin mir ziemlich sicher, dass sie tot ist.«

O Gott. Entsetzt dränge ich mich ins Zimmer.

Ani liegt mit dem Gesicht nach unten auf einer Matratze auf dem Boden, doch als ich sie an der Schulter fasse, um sie umzudrehen, bewegt sich der ganze Körper mit, als wäre sie eine Schaufensterpuppe. Sie ist ganz steif, die Leichenstarre hat schon eingesetzt. Ich brauche nicht erst ihr kaltes, wächsernes Gesicht zu berühren, um zu wissen, dass sie ohne Zweifel tot ist.

»Das kann jetzt aber nicht Inigo gewesen sein«, sagt Danny heiser. Ich nicke zustimmend. So viel ist klar. Mein Gott, in welchen Albtraum sind wir hineingeraten?

»Da waren’s nur noch sechs«, sagt jemand kaum hörbar, und ich bemerke Liz, deren Gesicht wie eine weiße Maske des Grauens aussieht. Sie starrt auf Anis leblosen Körper.

»Was?«, fragt Danny verständnislos, als hätte er sich verhört.

»Nichts.« Liz lacht zittrig. Sie klingt, als stünde sie kurz vor einem hysterischen Anfall. Ich kann gut nachvollziehen, wie sie sich fühlt. Dann dreht sie sich abrupt um und verschwindet. Ich höre, wie ihre Tür zuschlägt und von innen abgeschlossen wird. Ich kann es ihr nicht verdenken. Am liebsten würde ich das Gleiche tun. Aber das kann ich nicht. Ich muss …

Ich stehe auf, gehe zu der Leiche und drehe sie ganz sachte um. Zwinge mich, Anis totes Gesicht zu betrachten.

Sie sieht beinahe so aus, als wäre sie im Schlaf gestorben. Aber nur beinahe. Auf den Lippen bemerke ich kleine Blutflecken, vermutlich hat sie darauf gebissen. Und dann sind da einige winzige rote Punkte in ihrem Gesicht. Ich weiß genau, was sie bedeuten, brauche aber einen Moment, bis mir der medizinische Fachausdruck wieder einfällt. Petechien. Im ersten Jahr des Medizinstudiums hat man selten mit Mord zu tun – aber ich habe genügend Fotos in Lehrbüchern gesehen, um sie zu erkennen.

An ihrem Hals gibt es keine Male, und ich finde keine weiteren Verletzungen, nur die winzigen Blutflecken auf ihren

»Ich glaube, sie wurde erstickt«, sage ich leise zu Danny. »Wer immer das getan hat, hat entweder ihr Gesicht ins Kopfkissen gedrückt oder ihr etwas aufs Gesicht gehalten und sie danach umgedreht. Es gibt kaum blaue Flecken und keine erkennbaren Abwehrspuren – vermutlich hat sie geschlafen.«

»O Gott.« Danny verzieht entsetzt das Gesicht, sieht plötzlich aus wie ein alter Mann. »Aber du willst doch nicht sagen – Tiger?«

Ich schüttele den Kopf, widerspreche aber nicht – ich habe einfach keine Ahnung, was ich sagen soll. Ich kann nicht glauben, dass die sanfte, Zen-mäßige Tiger das getan haben könnte. Andererseits war die Tür von innen abgeschlossen. Könnte wirklich jemand hereingeschlichen sein und Ani im Schlaf erstickt haben, ohne dass Tiger davon aufgewacht ist? Ich denke an ihren yogagestählten Körper, die schlanken, kräftigen Hände. Und die Welt scheint aus den Fugen zu geraten.

Die anderen haben draußen im Flur gewartet, sie sehen blass und besorgt aus. Tiger hat aufgehört zu schluchzen, kauert aber noch an der Wand. Miranda hat schützend den Arm um sie gelegt. Liz ist immer noch in ihrem Zimmer. Carl und Rik stehen wie grimmige Wachtposten links und rechts der Tür. Topher läuft auf und ab und sieht aus, als wäre er von Dämonen besessen. Sein Gesichtsausdruck macht mir Angst.

»Was zum Teufel«, stößt er hervor, als Danny und ich aus dem Zimmer treten und die Tür hinter uns schließen.

»Hey, Kumpel.« Danny hebt die Hände, doch ich bedeute ihm, den Mund zu halten. Fünf Menschen sind verängstigt und

»Gehen wir nach unten ins Wohnzimmer«, sage ich. »Wir können wohl alle einen Drink gebrauchen.«

Es ist noch keine neun Uhr, aber ich gieße jedem von uns einen steifen Whiskey ein. Wir trinken schweigend, nur Tiger liegt zitternd und ansonsten starr vor Schock auf dem Sofa.

»Also«, sagt Rik und stellt sein Glas ab. »Was ist passiert?«

»Warte«, sagt Miranda. »Wo ist Liz?«

Ein panisches Gefühl überkommt mich, bevor es mir gelingt, einen klaren Gedanken zu fassen. Ausgeschlossen, dass jemand Liz getötet hat, während wir alle im Flur standen.

»Ich glaube, sie ist in ihrem Zimmer. Ich hole sie.«

»Nicht allein«, knurrt Danny und folgt mir wie ein Wachhund, als ich unter Schmerzen durch den Flur hinke und an Liz’ Tür klopfe.

»W-wer ist da?«, höre ich durchs Holz. Sie klingt ebenso verängstigt, wie ich mich fühle.

»Ich bin’s, Erin. Und Danny. Wir – wir müssen darüber reden, Liz. Was passiert ist. Und überlegen, was wir als Nächstes tun. Würden Sie bitte rauskommen?«

Ein schabendes Geräusch, dann geht die Tür sehr langsam auf. Liz steht hohläugig und totenblass vor uns. Sie sieht verschreckt aus, als gäbe es nichts Schlimmeres für sie, als nach unten zu gehen und den anderen Gästen gegenüberzutreten, was ich ihr nicht verdenken kann. Mir geht es genauso. Aber wir müssen da durch.

Als wir ins Wohnzimmer kommen, hat Miranda Holz im Ofen nachgelegt und Rik allen großzügig nachgeschenkt. Ich würde gerne fragen, ob es ratsam ist, noch mehr Alkohol ins

»Also, was ist passiert?«, fragt Rik und reicht Liz ein Glas. Seine Stimme klingt beinahe aggressiv, aber er hat wohl einfach nur Angst. »Sagen Sie nicht, sie ist im Schlaf gestorben.«

»Das ist sie auch nicht«, antworte ich. Ich spreche sehr leise, aber es wird sofort mucksmäuschenstill im Raum. »Ich habe etwas bemerkt, das sich petechiale Blutungen nennt. Wissen Sie, was das bedeutet?«

Alle bis auf Carl schütteln den Kopf.

»Kleine rote Punkte, stimmt’s? – Ja, ja, ich mag nun mal CSI

»Genau. Kleine rote Punkte, wo Blutgefäße in der Haut geplatzt sind. Es bedeutet gewöhnlich, dass jemand in irgendeiner Form erstickt wurde – beispielsweise durch Erdrosseln oder Erhängen. In diesem Fall gibt es allerdings keine Spuren am Hals. Daher vermute ich, dass Ani im Schlaf erstickt wurde.«

»O Gott«, stöhnt Miranda und schlägt die Hände vors Gesicht.

»Sie – sie wusste etwas«, sagt Liz. Sie spricht sehr leise, und ich muss die anderen zur Ordnung rufen, damit ich sie verstehen kann. »Sie kam letzte Nacht zu mir und wollte mich überreden, bei ihnen im Zimmer zu schlafen. Als ich sie gefragt habe, wieso sie noch wach sei, sagte sie, ihr gehe etwas durch den Kopf, sie hätte etwas gesehen – ich habe sie angefleht, es mir zu sagen –« Ihr versagt die Stimme. Es ist der längste Wortbeitrag, den ich bisher aus ihrem Mund gehört habe. Als sich alle Augen auf sie richten, scheint sie sich am liebsten in Luft auflösen zu wollen.

»Verflucht noch mal.« Danny klingt wütend und springt auf, als könnte er seine Gefühle nicht mehr im Zaum halten.

»Ja doch«, sagt Liz, und es klingt wie ein Schluchzen. »Ich habe sie wirklich angefleht, es zu tun. Ehrlich – aber sie hat gesagt, sie sei sich nicht sicher –«

»Tiger.« Miranda schüttelt sie sanft. »Tiger, hat Ani gestern Abend irgendwas zu dir gesagt, bevor sie eingeschlafen ist?«

»Ich habe geschlafen«, erwidert Tiger mit belegter Stimme. Was sie sagt, ist schwer zu verstehen, sie bringt keinen Satz zu Ende. »Tut mir so leid … geschlafen … Tablette genommen …«

»Augenblick mal, Sie nehmen Schlaftabletten?« Ich schaue zu Danny, der eine Augenbraue hochzieht, und weiß genau, dass auch er an die zerdrückten Tabletten in Elliots Kaffee denkt. Tiger schluchzt auf.

»Normalerweise nicht, aber ich kann nicht schlafen, seit ich hier bin. Eva hat gesagt, es liegt an der Höhe. Also hat sie mir einige ihrer Tabletten gegeben.«

»Das stimmt«, sagt Miranda und schaut in die Runde. »Das war am ersten Morgen nach dem Frühstück, ich kann mich an das Gespräch erinnern. Rik, du hast es doch auch gehört, oder?«

»Tut mir leid«, sagt er achselzuckend. Er klingt abwehrend. »Du hast sicher recht, aber ich erinnere mich nicht.«

»Alle waren dabei«, beharrt Miranda. »Es war, bevor wir zur Besprechung rübergegangen sind. Eva hat zu Tiger gesagt, du siehst aus, als hättest du nicht gut geschlafen, und Tiger hat gesagt, das stimmt. Eva hat gesagt, das kommt von der Höhe. Erinnere mich daran, dass ich dir ein paar von meinen Schlaftabletten gebe. Carl war dabei und Liz auch. Und Topher.«

»Ich erinnere mich auch nicht daran. Ich war wohl in Gedanken zu sehr mit der Präsentation beschäftigt«, erwidert Topher

Er sieht aufgebracht aus, als würde Miranda ihm etwas anhängen wollen. Aber ich weiß genau, warum sie so darauf besteht. Sie weiß, dass Tiger in Anis Fall die Hauptverdächtige ist. Sie war im Zimmer, als Ani erstickt wurde, und hat währenddessen geschlafen, was ziemlich unwahrscheinlich ist – außer man wusste, dass sie Schlaftabletten genommen hatte. Miranda will beweisen, dass alle davon wussten. Dass jeder ihren Zustand hätte ausnutzen und ins Zimmer schleichen können, um Ani zu töten, während Tiger schlief. Irgendwie muss ich Miranda dafür bewundern – sie steht ihrer Kollegin bei, obwohl die Indizien äußerst belastend sind.

Aber da wäre immer noch die Frage der verschlossenen Tür.

»Wer war zuerst vor Anis Zimmer?«, frage ich.

»Das war ich«, sagt Topher. Er lehnt mit verschränkten Armen am Kaminsims. »Die Tür war abgeschlossen. Das haben Sie gesehen.«

Er schaut zu Danny, der bestätigend nickt.

»Ja, ich hab die Klinke gedrückt. Die Tür war abgeschlossen.«

»Wie ist denn dann jemand reingekommen?«, will Topher wissen. »Mit einem Generalschlüssel? Wie viele davon gibt es?«

»Nur zwei.« Ich halte meinen hoch. »Den hatte ich die ganze Nacht bei mir. Da bin ich mir sicher. Danny?«

Er runzelt die Stirn und klopft auf seine Taschen.

»Ich dachte, meiner wäre hier drin. Die Sachen habe ich gestern auch angehabt. Ich dachte … Augenblick.«

Er springt auf und verlässt das Zimmer, ohne abzuwarten, dass ihn jemand begleitet.

»Danny!«, rufe ich ihm nach, und er ruft zurück:

»Dauert nur einen Moment.«

Als Danny zurückkommt, sieht er sehr ernst aus. Sein Blick verrät mir, dass er eine schlechte Nachricht hat.

»Es hat keinen Sinn, die Sache zu beschönigen. Mein Schlüssel ist weg. Jemand hat ihn geklaut.«

»Scheiße.« Das kommt von Rik und klingt wie ein Pistolenschuss in der Stille, die sich nach Dannys Mitteilung über uns gesenkt hat. »Scheiße. Soll das heißen, jemand kann jetzt in jedes Zimmer? Dass es keinen Zweck mehr hat, die Tür abzuschließen?«

»So in etwa«, erwidert Danny düster.

»Du bist ein beschissener, verantwortungsloser Wichser«, stößt Topher hervor. »Du hattest die Pflicht, dich um uns zu kümmern, und –«

Danny steht auf, sodass er mit Topher auf Augenhöhe ist, und schaut ihn herausfordernd an.

»Nicht in dem Ton, Kumpel.«

»Das ist doch verdammt praktisch für euch, oder? Bisher waren du und Erin die Hauptverdächtigen, weil ihr in jedes Zimmer konntet, aber jetzt hast du was gedreht –«

»Ich habe überhaupt nichts gedreht«, stößt Danny wütend hervor. »Und lass gefälligst mich und Erin aus dem Spiel. Wir haben nichts getan und hatten keinerlei Probleme, bis euer Haufen hier aufgetaucht ist und ihr angefangen habt, euch gegenseitig aus dem Weg zu räumen. Wir kennen euch nicht. Die Tatsache, dass einer von euch meinen Schlüssel geklaut hat –«

»Da wäre noch eine Sache«, sagt Topher ebenfalls wütend. »Wer genau ist Erin eigentlich? Sie scheint mir ein bisschen

Mist. Mit so etwas hatte ich schon gerechnet. Ich stehe seufzend auf, belaste das unverletzte Bein.

»Nein. Nein, das tut es nicht. Die Wahrheit ist …« Ich werfe einen flüchtigen Blick zu Danny hinüber und frage mich, wie viel ich preisgeben soll. »Die Wahrheit ist, dass ich Medizin studiert habe, bevor ich hergekommen bin. Ich habe das Studium abgebrochen, aber daher weiß ich das mit den Petechien.«

»Das ist aber noch nicht alles, oder?«, bohrt Topher. »Es beschäftigt mich, seit ich hier bin. Ich kenne dich. Das weiß ich genau.«

Nein. O nein. Aber es hat keinen Sinn, länger um den heißen Brei herumzureden.

»Ja, du kennst mich wahrscheinlich. Mein Nachname lautet FitzClarence. Meine Freunde nennen mich Erin, das ist mein zweiter Vorname.«

»Scheiße, hab ich’s doch gewusst!«, sagt Topher triumphierend. »Ich wusste, dass ich dich kenne. Dorothea FitzClarence. Ich bin mit deinem Bruder Alex in die Schule gegangen – dem, der –«

Er verstummt, und ich nicke zögernd, weil mir nichts anderes übrig bleibt.

»Wie bitte?« Danny sieht aus, als hätte ihn der Schlag getroffen. »Erin, was soll dieser Schwachsinn? Dorothea – was?«

»Darf ich vorstellen«, sagt Topher boshaft. »Lady Dorothea de Plessis FitzClarence, die jüngste Tochter des Marquess of Cardale.«