Snoop-ID: ANON101
Hört: offline
Snoopscriber: 1
»Willst du damit sagen, Erin steckt dahinter?« Miranda verschränkt die Arme und schaut Topher aus zusammengekniffenen Augen skeptisch an. Er gibt sich defensiv.
»Nein. Nein, das habe ich nicht gesagt – ich habe nur –«
»Aber du hast es angedeutet«, sagt Miranda. In diesem Augenblick begreife ich, dass sie Topher nicht leiden kann. Keine Ahnung, weshalb es mir erst jetzt auffällt – vielleicht weil sie immer so förmlich und höflich ist. Jetzt aber gibt sie sich keine Mühe mehr, mit ihrer Meinung hinter dem Berg zu halten.
»Ich sage nur, einmal ist Pech, zweimal ist schon ein verdammter Zufall. In wie viele tödliche Skiunfälle kann ein einziger Mensch verwickelt sein?«
»Gut, dann reden wir doch mal Klartext«, erwidert Miranda bissig. »Jeder hier weiß, warum du unbedingt den Verdacht auf andere lenken willst.«
»Was willst du damit sagen?« Tophers Stimme hat einen warnenden Unterton.
»Ich deute überhaupt nichts an.« Miranda tritt vor ihn hin. Selbst ohne Absätze ist sie fast so groß wie er. »Ich konstatiere nur eine Tatsache. Die meisten Menschen in diesem Zimmer hätten davon profitiert, dass Eva weiterlebt. Die wenigsten hatten ein Motiv, sie aus dem Weg zu räumen. Und einer dieser wenigen bist du.«
Rik und Carl schauen einander unbehaglich an. Keiner der beiden springt Topher zur Seite.
»Erstens, das ist Verleumdung, und zweitens, du redest hier von meiner besten Freundin«, setzt Topher wutentbrannt an. Da hebt Tiger den Kopf und sagt etwas, es ist ein beinahe unhörbares Krächzen, doch alle wenden sich ihr zu, und Topher hält mitten im Satz inne.
»Was hast du gesagt?« Miranda schießt herum. Tiger richtet sich mühsam auf, schiebt sich die Haare aus der Stirn. Sie hat vom Weinen rote Flecken im Gesicht.
»Sie hat etwas gesagt.« Ihre Stimme ist noch ganz rau vom Weinen.
»Wer?« Rik kniet sich neben sie. Sein Gesicht ist ernst, er greift nach Tigers Arm. Der Griff scheint fester auszufallen als beabsichtigt, und sie zuckt leicht zusammen. »Wer hat was gesagt?«
»Ani, gestern Abend. Es ist mir gerade wieder eingefallen. Sie hat etwas gesagt. Sie wollte mich wecken, aber ich war –« Sie schluckt, versucht, die aufsteigenden Schluchzer zu unterdrücken. »Sie hat gesagt, Ich habe sie nicht gesehen. Wäre ich nur richtig wach gewesen, hätte ich nur nicht die Schlaftablette genommen –« Sie verstummt. Zwei große Tränen rollen über ihre Wangen.
»Tiger«, sagt Miranda beunruhigt und kniet sich neben Rik. »Tiger, bist du dir ganz sicher? Vorhin hast du gesagt, du seist nicht aufgewacht.«
»Ja, ich weiß, aber ich habe mich geirrt. Jetzt ist es mir wieder eingefallen. Ich weiß noch, wie sie mich geschüttelt hat. Ich kann mich an die Worte erinnern.«
Miranda schaut Rik fragend an, und er zuckt leicht mit den Schultern.
»Na so was«, sagt Topher mit leisem Triumph in der Stimme. »Na so was. Ich habe sie nicht gesehen. Wer hat denn jetzt Grund, mit Dreck zu werfen, Ms Khan? Für mich hört sich das an, als würde es das halbe Zimmer ausschließen, oder?«
»Worum geht es?«, fragt eine tiefe Stimme aus Richtung Lobby.
Wir drehen uns um. Danny und Erin stehen nebeneinander in der Tür. Erin sieht aus, als hätte sie geweint. Ich bin mir nicht sicher, ob sie sich ganz und gar versöhnt haben, doch reicht es aus, um eine gemeinsame Front zu bilden. Topher wirkt verärgert.
»Tiger behauptet –«, setzt Miranda an, doch Tiger unterbricht sie mit einem wütenden Aufschluchzen.
»Ich behaupte gar nichts. Ich habe sie gehört, ganz sicher. Ani wollte mir gestern Abend etwas sagen – sie hat mich an der Schulter gerüttelt und gesagt: Ich habe sie nicht gesehen. Nur bin ich nicht richtig aufgewacht. Aber es passt – es passt zu dem, was Liz gesagt hat, dass Ani etwas herausfinden wollte, bei dem sie sich nicht sicher war.«
»›Ich habe sie nicht gesehen‹«, wiederholt Erin langsam. »Und das hat sie wirklich gesagt?«
»Ja«, erwidert Tiger nachdrücklich. »Ja, als ich vorhin hier gelegen und an gestern Abend gedacht habe, da ist mir plötzlich eingefallen, dass Ani mich an der Schulter gerüttelt hat. Es war wie ein Flashback.«
»Was wiederum bedeutet«, erklärt Topher selbstzufrieden, »dass wir nach einer Frau suchen, oder nicht? Tiger hat eindeutig sie gesagt. Ani wollte etwas über eine Frau aus unserer Gruppe herausfinden.«
Er starrt Miranda an.
»Nicht unbedingt …«, sagt Danny langsam. Er runzelt die Stirn und kratzt sich nachdenklich am Kopf. »Vielleicht hat sie nicht den Mörder gemeint. Ani war die Einzige, die Eva auf der Piste gesehen hat. Das stimmt doch, oder? Außer Carl war niemand sonst in der Gondel, aber er hat sie nicht gesehen.«
»Das stimmt«, sagt Carl. »Worauf willst du hinaus?«
»Wenn Ani nun begriffen hat, dass sie sich geirrt hatte? Dass Eva gar nicht auf der Piste war?«
»Aber das war sie«, sagt Miranda genervt. »Elliot hat es doch mit seinem GPS bewiesen.«
»Das GPS beweist lediglich, dass sich ihr Handy dort befindet«, sagt Danny. »Aber der einzige Beweis dafür, dass Eva samt Handy je auf dieser Piste war, ist Anis Aussage. Wenn ihr nun klar geworden war, dass sie sich geirrt hat? Wenn nun … sagen wir mal – Eva ihren Tod nur vorgetäuscht hat?«
Diese Überlegung versetzt die ganze Gruppe in Aufruhr. Die Mienen hellen sich auf. Jeder möchte es zu gern glauben. Dannys Vorschlag ist eine Lösung, bei der es keinen Mörder gibt, und jeder wünscht sich verzweifelt, dass es so ist.
Aber es gibt ein Problem. Genauer gesagt, zwei. Denn diese Lösung erklärt nicht, warum Elliot und Ani sterben mussten. Sie ist nicht stichhaltig. Und das würde jedem klar werden, der auch nur einen Augenblick darüber nachdächte. Aber es ist nicht zu übersehen, dass sie gerade nicht nachdenken.
Bei dem Gedanken, das Wort zu ergreifen, wird mir ganz flau, aber ich muss jetzt etwas sagen. Ich kann nicht anders.
»Eva war auf der Piste«, sage ich zaghaft. »Ich habe sie auch gesehen.«
Alle sehen zu mir. Ihre Blicke scheinen sich förmlich in mich hineinzubohren. Ich werde rot. Würde am liebsten im Erdboden versinken.
»Was hast du gesagt?« Miranda klingt beinahe vorwurfsvoll.
»Ich sagte, ich habe Eva auch gesehen. Ich bin in der Gondelbahn runtergefahren. Da habe ich sie gesehen – weiter oben auf der Piste als Ani, aber ich habe sie gesehen. Sie ist La Sorcière runtergefahren. Ani hat sich nicht geirrt. Sie muss etwas anderes gemeint haben.«
»Und du bist nicht auf die Idee gekommen, das mal zu erwähnen?«
»Ich habe nicht – mir war …« Mir fehlen die Worte.
»Nicht etwas anderes. Jemand anderen«, sagt Danny unvermittelt, und es wird still. Jeder lässt seinen Blick wandern, von einem zum anderen. Uns wird allen gleichzeitig etwas klar. Wenn Tiger recht hat, kommen nur sehr wenige Leute in Betracht, die Ani gemeint haben könnte. Topher verschränkt die Arme. Du bist am Zug, scheint er Miranda zu signalisieren.
»Tiger, bist du dir wirklich sicher?« Miranda klingt jetzt fast schon verzweifelt. »Bist du dir absolut sicher, dass Ani sie gesagt hat?«
»Ich bin mir sicher«, beharrt Tiger.
Langes Schweigen. Miranda steht auf und verlässt das Zimmer.
»Es ist mir egal«, ruft sie über die Schulter. »Es ist mir völlig egal, was Ani gesagt hat. Nur einer in diesem Zimmer hatte ein Motiv, Eva zu töten. Einer. Jetzt tut doch nicht so, als wäre das nicht wahr!«
Die Stille wird nur unterbrochen vom Klackern ihrer Absätze auf der Wendeltreppe, als sie in ihr Zimmer läuft.
Dann wird das Schweigen richtig unangenehm. Topher lehnt am Kaminsims, wütend und mit rot angelaufenem Gesicht. Rik sieht völlig zerstört aus. Tiger ist in sich zusammengesackt, eine Hand vor dem Gesicht. Erin und Danny fühlen sich sichtlich unbehaglich. Schließlich bricht Carl das Schweigen.
»Ja, aber sie hat recht, oder?«
Seine Worte scheinen einen Bann zu brechen, und Topher drückt den Rücken durch und geht zur Tür.
»Scheiße. Ich mache das nicht mehr mit.«
»Was meinst du?« Rik starrt ihn an. »Du machst was nicht mehr mit?«
»Na, das alles. Ich habe keine Lust, hier rumzusitzen wie ein verfluchter Frosch im Dampfkochtopf. Ich habe Eva nicht getötet, egal was Miranda und Carl glauben wollen, und ich habe ganz sicher nicht meinen besten Freund oder unsere Assistentin getötet. Ich werde hier nicht länger rumhocken und darauf warten, das nächste Opfer zu werden, um das zu beweisen. Ich bin raus. Ich fahre runter nach Saint-Antoine-le-Lac.«
»Du bist wahnsinnig«, sagt Rik sofort. »Die Piste ist zerstört, überall liegen Bäume und Felsbrocken. Und schau mal nach draußen, Herrgott noch mal! Du wirst erfrieren.«
Topher zuckt mit den Schultern.
Eine kurze Schweigepause.
»Du bist wahnsinnig!«, wiederholt Rik verzweifelt. Und dann: »Ich komme mit.«