Snoop-ID: LITTLEMY
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Snoopscriber: 10
Es ist fast Mittag, und die Gruppe hat die letzte Stunde damit verbracht, darüber zu diskutieren, ob Tophers Entscheidung dämlich ist oder nicht. Er packt währenddessen zusammen, was er braucht, ist fest entschlossen. Bis jetzt hat er einen Lawinenrucksack, Wasser, eine Taschenlampe, Proteinriegel und ein Seil. Er sucht noch nach einer Schaufel, wobei ich mich frage, was er wohl damit anfangen will. Bei einer weiteren Lawine wird ihn eine Schaufel kaum retten. Doch wenn er es bis Einbruch der Nacht nicht nach Saint-Antoine schafft, braucht er einen Unterschlupf. Vielleicht doch keine so blöde Idee. Es gibt schlechtere Überlebensmethoden, als sich eine Schneehöhle zu graben.
Vor allem aber will er weg – egal wie dumm oder riskant der Plan ist. Mirandas Äußerung hat etwas freigelegt, was keiner von ihnen wahrhaben wollte – Topher ist derjenige, der am meisten von Evas Tod profitiert. Er hat bekommen, was er wollte – die alleinige Kontrolle über Snoop. Rik und Liz hingegen werden Millionen Pfund verlieren, wenn die Übernahme platzt, und ich kann mir nicht vorstellen, dass Miranda und Carl nach diesem Trip noch einen Job haben. Sie werden kaum weiter für Topher arbeiten können, nachdem sie ihren Chef praktisch des Mordes bezichtigt haben. Manche Dinge kann man nicht rückgängig machen.
Daher verstehe ich, dass Topher nicht hierbleiben will – es geht ihm wie Inigo, der auch geglaubt haben muss, ihm bliebe keine andere Wahl, nachdem sich die Gruppe gegen ihn gestellt hatte. Mich überrascht allerdings, dass Rik unbedingt mitwill – und ich frage mich, was Topher davon hält. Er wollte es Rik ausreden, aber es ist nun mal so, dass ihre Aussichten zu zweit besser sind. Die Verhältnisse da draußen sind tückisch, und wenn sich einer den Knöchel verstaucht, ist er ohne Handy so gut wie tot. Wenn man zu zweit ist, kann immerhin der andere Hilfe holen.
Um 12:15 Uhr stehen Rik und Topher in der Lobby und studieren die große Karte des Skigebietes, die an der Wand hängt. Sie besprechen mögliche Routen, als Tiger in Snowboard-Ausrüstung die Wendeltreppe herunterkommt. Sie sieht entschlossen aus.
»Ich komme auch mit«, verkündet sie rundheraus.
Topher runzelt die Stirn.
»Tiger –«
»Versuch nicht, mich daran zu hindern. Ich fahre ebenso gut wie du – und besser als Rik«, sagt sie ohne falsche Bescheidenheit. »Und ich kann nicht hierbleiben, nachdem –« Sie schluckt, hält inne und setzt noch einmal an. »Nach dem, was passiert –«
Sie kann den Satz nicht beenden, und ich sehe, dass sie ihre kleinen Hände zu Fäusten geballt hat.
Rik und Topher schauen einander an, und ich frage mich, was sie wohl denken. Tiger hatte zweifellos die beste Gelegenheit, Ani zu töten. Die beiden waren in einem Zimmer mit verschlossener Tür, und eine von ihnen ist nicht mehr aufgewacht. Aber sie hat uns Anis letzte Worte verraten, die den Verdacht von Topher ablenken, was seltsam für eine Mörderin wäre. Außerdem sind Rik und Topher groß und kräftig und vermutlich doppelt so schwer wie Tiger. Sie könnte wohl kaum einen von ihnen überwältigen, geschweige denn beide. Überdies, und das scheint auch Rik und Topher durch den Kopf zu gehen, wäre es womöglich klug, eine dritte Person dabeizuhaben, falls einer von ihnen der Mörder sein sollte.
Angesichts dieser abgefahrenen Gedanken schlage ich die Hand vor den Mund, um ein hysterisches Lachen zu ersticken.
»Was hast du gesagt?« Rik schaut mich stirnrunzelnd an, und ich schüttele den Kopf. Mir rinnen Tränen übers Gesicht, aber ich kann ihnen nicht erklären, was mich umtreibt.
»Nichts. Tut mir leid. Beachtet mich gar nicht.«
»Na schön, dann komm mit«, sagt Topher schließlich kurz angebunden zu Tiger.
»Rik.« Wir drehen uns um. Miranda kommt die Treppe herunter, sie ist blass, wirkt aber entschlossen. Rik zögert. Er weiß, was kommt, und schüttelt schon den Kopf.
»Rik, das kannst du nicht machen«, sagt Miranda. Ihre spröde Stimme scheint jeden Moment versagen zu wollen. Sie fasst ihn am Arm, gräbt die Finger in seine Jacke. »Das ist unglaublich dumm.«
»Es tut mir leid, Miranda.« Riks tiefe Stimme ist sehr leise, als sollten die anderen nicht mithören, was natürlich unmöglich ist. »Ich möchte ja auch nicht gehen – aber wir können doch nicht einfach hierbleiben und uns einer nach dem anderen umbringen lassen. Ich glaube, Topher hat recht. Wir müssen die Polizei verständigen.«
»Aber geh nicht mit ihm.« Sie flüstert, doch die Akustik ist hervorragend. Und da ich sie hören kann, gilt das sicher auch für Topher. »Bitte, bitte, ich flehe dich an. Ich habe Angst, dass du nicht zurückkommst.«
»Miranda –«
»Ich komme mit euch. Ich hole meine Skier –«
»Du fährst nicht gut genug«, flüstert er. »Bitte, Liebling, glaub mir, ich würde dich mitnehmen, aber es ist zu –«
»Ich bleibe nicht hier ohne dich!«
»Hey, und was ist mit dem anderen Chalet?« Carl steht in der Tür zum Wohnzimmer, die Hände in den Hosentaschen. Miranda runzelt verärgert die Stirn.
»Welches andere Chalet?«
»Der Koch, Danny, wollte er nicht zu irgendeinem Chalet gehen? Bevor das alles passiert ist.«
Ich nicke.
»Das wollte er. Haute Montagne. Es ist ein großes Haus, das zu einer Kette gehört und eher vermietet sein dürfte als die beiden näher gelegenen Chalets. Allerdings ist es eine stramme Wanderung – gute fünf bis sechs Kilometer in die Berge hoch. Darum hat er sich auch im letzten Moment dagegen entschieden.«
»Was?«, fragt Carl triumphierend. »Fünf, sechs Kilometer, das ist doch pillepalle. Die schafft man an einem Vormittag.«
»Das ist ja wohl grob untertrieben«, sage ich warnend. »Man kann nicht wandern, sondern muss mit Schneeschuhen gehen, und das erfordert Übung. Der Schnee wurde seit fast einer Woche nicht mehr geräumt, dazu noch die Lawine … Ich würde sagen, es sind gute drei Stunden mit Schneeschuhen. Vielleicht mehr, wenn man keine Erfahrung hat.«
»Aber immer noch besser, als in den Ort runterzufahren. Ich meine, wie weit ist der entfernt, fünfundzwanzig Kilometer? Und die Strecke ist höllisch steil. Wenn man zwischen all dem Geröll einen Ski verliert, ist man am Arsch.«
»Ich werde keinen Ski verlieren«, knurrt Topher. »Zum einen bin ich Snowboarder, kein Skifahrer. Zum anderen kann ich das ganz gut. Und außerdem – was ist, wenn wir zum Chalet kommen, und es ist keiner da? Dann sind wir genauso weit wie vorher. Unten im Ort bekommen wir sicher Hilfe, da sind Menschen. Nein, ich habe mich entschieden und dabei bleibe ich.«
Carl zuckt nur mit den Achseln, lässt sich nicht von Tophers Gereiztheit beeindrucken.
»Vielleicht müsst ihr euch gar nicht entscheiden.«
Verdutztes Schweigen.
»Wie meinst du das?«, fragt Rik schließlich.
»Dass es hier nicht um Entweder-oder geht. Die guten Skifahrer, also du, Topher und Tiger, fahren runter ins Dorf und schlagen Alarm. Wir anderen versuchen es im Chalet. Wer durchkommt, schickt den anderen eine Rettungsmannschaft.«
Eigentlich gar kein schlechter Plan. Topher und Rik wechseln einen Blick und gelangen zum selben Schluss. Schließlich nickt Topher, als hätte Carl ihn um Erlaubnis gebeten. Seine Autorität hat schwer gelitten.
»Na schön«, sagt er unwillig und fügt sich ins Unvermeidliche.
»Miranda?«, fragt Rik, und sie hebt unglücklich die Schultern.
»Ja – ja, gut. Dann muss ich wenigstens nicht hier rumsitzen, wenn du mich schon nicht mitnimmst.«
»Liz?«, fragt Carl. »Wie steht es mit dir?«
Einen Moment lang blinzelt sie nur, als wäre sie erstaunt, dass man sie beim Namen nennt. Im Scheinwerferlicht von Carls Aufmerksamkeit sieht sie aus wie ein verschrecktes Tier.
Dann lächelt sie kaum merklich und nickt unsicher.
Zum ersten Mal verspüre ich leise Hoffnung.
Vielleicht wird alles gut.
Vielleicht wird wirklich alles gut.