Snoop-ID: LITTLEMY

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»Danny geht.«

Ich habe die Worte ausgesprochen, ohne groß nachzudenken. Aber es ist absolut sinnvoll. Es geht nicht nur um das Risiko, zwei Menschen in den Schnee hinauszuschicken. Danny kennt den Weg. Carl und Miranda nicht.

»Wie bitte?«, sagt jemand hinter mir. Ich drehe mich um. Danny sieht ganz schön sauer aus. »Erin, könnte ich dich kurz sprechen? In der Küche?«, fragt er knapp.

Ich folge ihm und werfe einen Blick auf Liz, die weiß wie die Wand ist und aussieht, als würde sie jeden Moment umkippen. Als die Tür hinter uns zugefallen ist, legt Danny los.

»Bist du völlig irre? Das hatten wir doch besprochen. Ich lasse dich keinesfalls mit einem gebrochenen Knöchel hier allein, während da draußen ein Psychopath herumläuft.«

»Ich meinte doch nicht, dass du allein gehen sollst«, sage ich, sicherheitshalber ziemlich leise. »Ihr geht zu dritt. Das liegt doch auf der Hand, oder? Warum sind wir nicht früher darauf gekommen? Carl und Miranda haben keine Ahnung, wie sie gehen müssen, selbst mit einer Landkarte. Die Wege sind von der Lawine verschüttet. Die würden einfach drauflos in den Wald wandern und sich verirren. Du hingegen weißt, wo das Chalet ist. Du sprichst Französisch und weißt, wie man sich auf Schneeschuhen bewegt. Das ist absolut vernünftig. Sie haben

»Hm.« Danny ist verblüfft, scheint aber Logik in meiner Ausführung zu erkennen. »Dann bleibst du mit dieser Liz hier?«

»So ist es. Überleg doch mal, Danny. Mit dem verdrehten Knie kann sie nirgendwohin, sie ist ebenso gehandicapt wie ich. Und wir hatten sie ohnehin nie im Verdacht. Sie kann nicht gut Ski fahren. Wir wissen, dass sie in der Gondelbahn saß, als Eva gestorben ist, und sie hatte von allen am wenigsten Grund, Eva zu töten. Wer weiß, was bei einer Übernahme aus den anderen geworden wäre? Die würden womöglich ihren Job verlieren. Aber Liz betrifft das nicht – und sie hätte mehrere Millionen bekommen, wenn der Deal zustandegekommen wäre. Das ist ein ziemlich starkes Gegenargument.«

»Ja … das leuchtet mir ein …«, sagt Danny bedächtig.

»Bitte.« Ich lege ihm die Hand auf den Arm. »Danny, bitte. Bring Miranda und Carl zum Chalet. Dann meldet ihr der Polizei, was passiert ist. Wir können uns keinen weiteren Todesfall leisten, und ich glaube nicht, dass Carl und Miranda es ohne dich schaffen.«

»Na schön«, beschließt Danny. »Vermutlich hast du recht. Ich hole meine Sachen. Aber du schließt hinter uns ab und öffnest niemandem die Tür, außer mir oder der Polizei, klar? Es ist mir egal, ob Topher angekrochen kommt und dir vorheult, Rik hätte ihn allein im Schnee zurückgelassen. Es ist auch egal, wenn Tigers Bindung kaputtgeht. Du lässt sie nicht rein. Keinen von ihnen. Und im Übrigen weiß auch niemand, was aus Inigo geworden ist. Mir gefällt die Vorstellung nicht, dass er draußen im Schnee lauern könnte, bis alle anderen weg sind.«

Es ist, als hätte Danny mir kaltes Wasser ins Gesicht

Plötzlich ist mir nicht wohl bei dem Ganzen, doch ich will mich nicht unterkriegen lassen.

»Es wird schon gutgehen. Falls irgendjemand auftauchen sollte – was ich bezweifle –, sind wir immerhin zwei gegen einen. Außerdem sitzt derjenige draußen im Schnee und friert sich den Arsch ab.«

»Ja, na gut«, sagt Danny finster. »Aber du hältst dich dran, verstanden? Ich kenne dich doch. Wenn jemand auftaucht und behauptet, er wäre dreizehn Kilometer durch den Schnee gekrochen und hätte Erfrierungen, würdest du mit deinem weichen Herzen glatt die Tür aufmachen. Also mach hier nicht auf Mutter Teresa. Du musst in erster Linie an dich denken.«

Ich bekomme ein schlechtes Gewissen, auch wenn ja noch gar nichts passiert ist. Denn Danny hat recht. Genau so würde ich mich verhalten. Wenn ich im warmen, trockenen Chalet säße, während Inigo oder Topher oder ein Wildfremder langsam vor der Haustür zu erfrieren drohte und mich anflehen würde, ihn reinzulassen, wäre es undenkbar, es nicht zu tun. Ich würde weich werden. Ich würde ihn reinlassen. Das weiß ich ganz sicher.

»Wir kommen schon klar«, sage ich, auch wenn es nicht wirklich überzeugend klingt. »Geh jetzt, und komm wieder, so schnell du kannst.«