Snoop-ID: LITTLEMY
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Snoopscriber: 10
Während Liz’ Schritte im Flur verklingen, lasse ich mich seufzend in den Sessel sinken und fahre mir mit der Hand übers Gesicht. Es tut mir leid. Keine Ahnung, was mich da geritten hat, aber es stimmt, es tut mir vor allem für Liz leid. Ich bin mir nicht sicher, warum das so ist – vielleicht weil es von Anfang an so offensichtlich war, dass sie eigentlich nicht hier sein wollte. So schlimm sich das Wochenende auch für Topher und Eva entwickelt hat, haben sie es sich doch in gewisser Weise selbst zuzuschreiben – indem sie hergekommen sind, mit ihrem Geld geprotzt haben, Menschen in ihrer Schlacht um Snoop wie Schachfiguren herumgeschoben haben.
Aber Liz ist nur eine Marionette, genau wie ich, in etwas verwickelt, das sie nie gewollt und nach dem sie nicht verlangt hat.
Und doch hat sie sich nicht ein einziges Mal beklagt. Während Topher sich über das schlechte Essen beschwert hat und Carl umhergestampft ist und gebrüllt und gedroht hat, uns zu verklagen, und Rik sich mit Gesundheitsschutz und Sicherheit und unternehmerischer Verantwortung aufgeplustert und Miranda Anschuldigungen erhoben hat, ist Liz einfach weitergetrottet, hat es erduldet, obwohl ich vermute, dass hinter ihrer Zurückhaltung ebensolche Angst steckte wie bei uns allen.
Mein Knöchel pocht, als ich mich hochstemme und die Sofakissen beiseiteräume, damit ich die Matratze darunter herausziehen kann. Als ich das letzte Kissen hochhebe, entdecke ich darunter etwas, genau dort, wo Liz und ich vorhin gesessen haben. Es schimmert im Schein des Feuers, und einen Moment lang halte ich es für eine Brosche oder ein anderes Schmuckstück. Dann aber erkenne ich den Schlüssel. Einen sehr vertrauten Schlüssel.
Einen Generalschlüssel.
Ich taste automatisch in meine Hosentasche, weil ich vermute, dass er mir aus der Jeans gerutscht ist, als ich mich hingesetzt habe, doch meiner ist noch da, drückt hart und beruhigend an meinen Po.
Nur … ist es überhaupt nicht beruhigend.
Denn wenn mein Schlüssel in der Hosentasche ist, bedeutet das … o Gott, es bedeutet … dass das hier Dannys Schlüssel ist.
Der Schlüssel, der gestohlen wurde.
Vom Mörder.
Ich stehe lange Zeit wie erstarrt da und kann den Blick nicht vom Schlüssel in meiner Handfläche wenden, zermartere mir das Hirn. Jemand hat den Schlüssel entwendet – vermutlich in dem Durcheinander vor Tigers Zimmer, nachdem Inigo verschwunden war. Es ist durchaus denkbar, dass jemand ihn heimlich abgezogen hat, während wir uns um Tiger gekümmert haben. Wer immer ihn an sich genommen hat, ist damit mitten in der Nacht in ebendieses Zimmer eingedrungen und hat Ani getötet. Und später, vermutlich heute Morgen, als wir über die Rettungspläne diskutiert haben, ist er der Person aus der Tasche gerutscht und zwischen den Sofakissen gelandet.
Fragt sich nur, wer ihn geklaut hat. Wer hat heute Morgen hier auf dem Sofa gesessen? Es will mir partout nicht einfallen.
Ich schließe die Augen, um die Szene heraufzubeschwören – Tiger liegt schluchzend auf dem Sofa. Miranda versucht sie zu trösten, Rik reicht Gläser mit Whiskey herum … Ich muss alle Personen im Raum platzieren, um herauszufinden, wer es gewesen sein könnte.
Danny und ich haben gestanden, das weiß ich genau. Topher … Topher lehnte am Kaminsims. Miranda kniete neben dem Beistelltisch auf dem Boden. Liz saß in einem Sessel neben dem Ofen. Rik und Carl saßen auf einem Sofa, aber auf welchem? Ich kneife die Augen zu und sehe plötzlich vor mir, wie Rik sich vorbeugt und das Whiskeyglas am anderen Ende des Tisches nachfüllt. Also saßen sie auf dem anderen Sofa, dem am Fenster. Was wiederum bedeutet … Ich öffne die Augen.
Es bedeutet, dass Tiger auf dem Sofa gelegen hat, auf dem ich den Schlüssel gefunden habe. Es würde durchaus passen – der Schlüssel hätte ihr aus der Hosentasche rutschen können, während sie weinend dort lag. Nur ergibt es eben gar keinen Sinn. Denn Tiger ist die Einzige, die keinen Schlüssel gebraucht hätte, um Ani zu töten. Sie war ja schon im Zimmer. Und falls es ihr um ein Alibi gegangen wäre, hätte sie einfach behaupten können, sie habe versehentlich die Tür nicht abgeschlossen.
Niemand hatte dort gesessen, nachdem der Schlüssel vermisst wurde, außer mir …
… und Liz.
Mein Blick wandert wie ferngesteuert zur Decke. Liz läuft über mir hin und her und sucht ihr Bettzeug zusammen. Die Dielen knarren leise, dann fällt die Zimmertür zu.
Als sie das Federbett durch den Flur schleift, macht es ein raschelndes Geräusch.
Dann sind verhaltene Schritte auf der Wendeltreppe zu hören, sie bewegt sich vorsichtig, will nicht noch einmal ausrutschen.
Sie erscheint in der Wohnzimmertür, die Arme voll mit Bettzeug, die Miene undurchdringlich im Dämmerlicht. Der Feuerschein spiegelt sich in ihrer großen, eulenartigen Brille, und es versetzt mir einen leisen Stich, als mir einfällt, dass sie mich am ersten Tag tatsächlich an eine Eule erinnert hat, die wie erstarrt ins Scheinwerferlicht eines sich nähernden Autos blickt.
Sie sieht immer noch aus wie eine Eule, aber jetzt löst die Ähnlichkeit in mir etwas anderes aus. Mich überläuft ein Schauer, als ich begreife, dass ich von Anfang an recht hatte – und mich dennoch so furchtbar geirrt habe.
Denn die Sache ist doch die. Wir glauben, Eulen zu kennen. Es sind sanfte, freundliche, blinzelnde Geschöpfe, die in Kinderreimen und Geschichten vorkommen. Sie gelten als weise, aber auch als langsam und schreckhaft.
Das Problem ist nur, dass nichts davon stimmt. Eulen sind nicht langsam. Sie sind schnell – blitzschnell sogar. Und keinesfalls schreckhaft. In ihrem Element – der Dunkelheit – sind sie flinke und gnadenlose Jäger.
Eulen sind Greifvögel. Raubtiere.
Das ist es, was ich gleich am ersten Tag in Liz gesehen habe. Ich war nur zu geblendet von meiner vorgefassten Meinung, um es zu erkennen.
In der Dunkelheit sind Eulen nicht Gejagte, sondern Jäger. Und jetzt ist es dunkel.
»Hi«, sagt Liz, und ihr Lächeln ist angesichts der undurchsichtigen, flimmernden Brillengläser schwer zu deuten. »Alles in Ordnung mit dir?«