Snoop-ID: ANON101

Hört: offline

Snoopscriber: 1

Als ich mit Kissen und Decken beladen nach unten komme, steht Erin stocksteif da, eine Hand auf dem Schlafsofa, als sei sie tief in Gedanken versunken.

»Hi«, sage ich und werfe das Bettzeug auf einen Sessel. Als sie sich immer noch nicht rührt, füge ich hinzu: »Alles in Ordnung mit dir?« Ich weiß nicht, warum ich das sage, aber sie sieht wirklich eigenartig aus. »Klemmt das Schlafsofa?«

»Was?« Sie scheint sich einen Ruck zu geben und lacht auf. »Nein, Entschuldigung. Hab nur nachgedacht. Ich habe – ich habe an Danny gedacht. Dass sie jetzt da sein müssten. Und mich gefragt, ob wir heute Abend noch von ihnen hören.«

Ich schaue zur Uhr auf dem Kaminsims. Es ist so dunkel, dass ich die Zeiger nur mit Mühe erkenne. Es dürfte kurz vor acht sein.

»Da hast du recht. Was hast du doch gleich gesagt, wie lange sie brauchen?«

»Ich habe etwa zwei, drei Stunden geschätzt. Aber da Miranda und Carl noch nie auf Schneeschuhen gelaufen sind, könnte es länger gedauert haben. Trotzdem, sie sind um kurz nach eins aufgebrochen. Wenn man Pausen und so weiter einrechnet, müssten sie inzwischen locker in Haute Montagne angekommen sein. Vielleicht sind sie sogar schon auf dem Rückweg, obwohl das auf Schneeschuhen im Dunkeln riskant wäre.«

»Ich hoffe, du hast recht.« Ich lege meine Kissen auf die Matratze und helfe Erin dann, die Polster vom anderen Sofa zu räumen und das Bett auszuklappen. »Das mit dem Wasser ist natürlich ein Tiefschlag.«

»Wir müssen Schnee schmelzen«, sagt Erin. Im Dämmerlicht sieht sie bleich und erschöpft aus, aber wen würde das überraschen. »Ich kann nicht glauben, dass das mit der Lawine erst zwei Tage her ist. Es fühlt sich an wie eine Ewigkeit.«

»Zwei Tage?« Einen Moment lang kann ich es nicht glauben und rechne nach. Doch, es stimmt. Zwei Tage und vier Stunden. Aber mir kommt es vor wie ein ganzes Leben. Als wären wir schon ewig hier gefangen. Und jetzt ist es fast vorbei. Das Seltsame ist, dass ich mir nicht sicher bin, ob ich mich wieder der Realität stellen kann. Mir dämmert allmählich, dass man das, was sich nach Gefangenschaft anfühlt, auch als eine Art idyllische Ruhephase deuten kann. Perce-Neige ist ein Tatort. Und wir sind Verdächtige. Wenn wir in die reale Welt zurückkehren, müssen wir uns der öffentlichen Aufmerksamkeit stellen. Es wird eine polizeiliche Ermittlung geben, Journalisten, Artikel. Interviews. Ich sehe schon die Schlagzeile vor mir: DAS CHALET DES TODES.

Die Medien werden alles Mögliche ausgraben.

Jetzt ist es an mir, stocksteif dazustehen und nachdenklich in die Dunkelheit zu starren.

»Dann hole ich jetzt mein Bettzeug«, sagt Erin in die Stille hinein. »Kannst du noch ein Scheit nachlegen?«

»Klar.« Ich zwinge mich zurück ins Hier und Jetzt und sehe ihr nach, wie sie mit einer Taschenlampe durch die Lobby geht. Der dünne Lichtstrahl bewegt sich auf der Wendeltreppe nach

Klick. Klick. Klick.

Ich höre wieder die Stimme meiner Mutter, kurzatmig und nervös: Oh, Liz, du weißt doch, dass Daddy das nicht mag …

Klick. Klick. Klick.

Vielleicht liegt es daran, dass ich an die Polizei gedacht habe und an das, was über uns hereinbrechen wird, aber plötzlich klingt das Klicken wie eine Uhr, die einen langsamen Countdown herunterzählt.