Snoop-ID: LITTLEMY

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Mein Herz hämmert, als ich mein Schlafzimmer im Personalbereich betrete. Es ist stockdunkel bis auf den dünnen Strahl der Taschenlampe. Dennoch schalte ich sie aus, um die Batterie zu schonen, und setze mich aufs Bett. Ich muss nachdenken.

Ich halte den Schlüssel umklammert, er drückt sich in meine Handfläche, erinnert mich daran, wie verrückt diese ganze Situation ist. Während ich hier sitze und verzweifelt versuche, das Rätsel zu lösen, halte ich ihn so fest, dass seine Zacken in meine Finger schneiden und Dellen hinterlassen, die ich noch spüre, als ich die Hand schließlich öffne.

Was hat das zu bedeuten?

Falls Liz den Schlüssel genommen hat … ist sie die Mörderin. Aber wie hat sie es angestellt?

Ich kehre im Geist in den Flur zurück, in das Gedränge vor Tigers Zimmer. Liz war dabei, da bin ich mir sicher. Aber sie blieb im Hintergrund, während sich alle anderen ins Zimmer schoben, um zu sehen, was passiert war. In jenem Moment hatte ich gedacht, es läge einfach an ihrer natürlichen Zurückhaltung, doch nun kommen mir Zweifel. War Liz ganz hinten geblieben, damit sie unauffällig den Schlüssel einstecken konnte?

Nur das Warum verstehe ich noch nicht. Liz kann Eva nicht getötet haben. Vom Motiv einmal abgesehen, hatten nur Ani,

Aber da ist der Schlüssel. Der Schlüssel, dessen unwiderlegbare Beweiskraft ich nicht ignorieren kann.

Was ist mit dem Schlüssel?

Ich reibe mir übers Gesicht, spüre das Narbengewebe, das mich immerzu an das erinnert, was ich getan habe, an den Preis, den ich für meine Selbstüberschätzung bezahlt habe. Dann wird mir klar, dass ich schon sehr lange hier sitze. Wie lange, weiß ich nicht. Zu lange. Verdächtig lange. Ich muss wieder nach unten gehen, sonst merkt Liz, dass etwas nicht stimmt.

Ich schalte die Taschenlampe ein und suche mein Bettzeug zusammen, klemme die Lampe zwischen die Zähne und öffne mit der freien Hand die Tür.

Direkt vor mir steht Liz, das Licht der Taschenlampe spiegelt sich in ihren Brillengläsern.

Ich schreie auf und lasse die Taschenlampe fallen. Als sie auf dem Boden aufschlägt, geht sie aus.

Mein Herz hämmert wie ein Pressluftbohrer.

»Herrje, Liz«, stoße ich zittrig hervor, »du hast mich vielleicht erschreckt.«

Ich lege das Bettzeug auf den Boden und taste nach der Taschenlampe.

»Tut mir leid.« Es klingt, als würde sie lächeln. Aber wer weiß. Ihre Stimme klingt tonlos, daran kann ich nichts ablesen. »Du warst schon so lange weg, da habe ich mir Sorgen gemacht.«

»Ich –« Mist, was soll ich sagen? Welche Ausrede kann ich vorbringen? »Ich habe mir gerade ein anderes Oberteil angezogen.«

Wie bitte? Warum habe ich das gesagt? Sie wird doch

Mir ist ganz schlecht vor Nervosität. Ich bin eine schlechte Lügnerin. Schon in der Schule konnte ich anderen nie so schmeicheln, wie die anderen Mädchen es taten. Ich kann mich nur Gästen gegenüber verstellen. Dann bin ich ganz Profi, höflich und freundlich – und zwar nicht, weil ich die Leute gerne mag, sondern weil sie meine Gäste sind und ich als ihre Gastgeberin einfach meinen Job erledige.

Der Gedanke beruhigt mich.

Es ist mein Job. Ich schaffe das. Liz ist mein Gast, und es ist mein Job, mich verständnisvoll zu geben. Das muss ich mir einfach bewusst machen.

Ich schalte die Taschenlampe ein und zwinge mich zu einem Lächeln.

»Sollen wir wieder runtergehen? Hier oben ist es ganz schön kalt.«

Liz nickt und wendet sich zur Treppe.