Snoop-ID: k.A.

Hört: k.A.

Snoopscriber: k.A.

Es schneit noch immer – dicke weiße Flocken, die träge herunterschweben und sich auf die Gipfel, Pisten und Täler von Saint-Antoine legen.

Drei Meter sind in den vergangenen Wochen gefallen, und weitere Schneefälle sind vorausgesagt. Eine Schneepokalypse hat Danny es genannt. Schneemageddon. Die Lifte wurden geschlossen und wieder geöffnet und dann wieder geschlossen. Zurzeit sind fast alle Lifte im Skigebiet geschlossen, nur die zuverlässige kleine Standseilbahn müht sich noch zu unserem winzigen Nest herauf. Die Strecke ist komplett verglast, um sie vor schweren Schneefällen zu schützen. Der Schnee legt sich dann wie eine Decke über den Tunnel, statt die Gleise zu blockieren. Das ist auch gut so – denn wenn sie wirklich einmal außer Betrieb ist, sind wir völlig abgeschnitten. Keine Straße führt nach Saint-Antoine-2000, jedenfalls nicht im Winter. Von den Gästen des Chalets bis zu den Lebensmitteln für Frühstück, Mittag- und Abendessen wird alles mit der Standseilbahn befördert. Außer man hat genügend Geld, um mit dem Hubschrauber einzufliegen (was durchaus vorkommt). Aber bei schlechtem Wetter fliegen die Hubschrauber nicht. Wenn ein Schneesturm aufzieht, bleiben sie unten im Tal, in Sicherheit.

Mich beschleicht ein seltsames Gefühl, wenn ich zu lange darüber nachsinne – eine Art Klaustrophobie, die so gar nicht zu

»Was ist denn?«, rufe ich zurück, und er wiederholt es, diesmal deutlicher, er steht jetzt wohl an der Treppe.

»Ich habe gesagt, Essen fassen. Getrüffelte Pastinakensuppe. Also schaff deinen faulen Hintern runter.«

»Ja, Chef«, rufe ich spöttisch zurück. Ich leere rasch den Badezimmermülleimer in den schwarzen Sack, stecke einen neuen Müllbeutel hinein und laufe die Wendeltreppe in die Lobby hinunter. Dort empfängt mich schon der köstliche Duft von Dannys Suppe, musikalisch begleitet von Venus in Furs.

Der Samstag ist der beste und zugleich der schlechteste Tag der Woche. Der beste, weil Gästewechsel ist – dann haben Danny und ich das Chalet für uns allein, können im Pool abhängen, draußen im Whirlpool dampfen und in voller Lautstärke unsere Musik hören.

Der schlechteste, weil Gästewechsel ist, was bedeutet, dass neun Doppelbetten frisch bezogen, neun Badezimmer geputzt (elf, wenn man die Gästetoilette unten und den Duschraum am Pool mit einrechnet), achtzehn Skischränke aufgeräumt und gesaugt werden müssen, ganz zu schweigen von Wohnzimmer, Esszimmer, Medienraum und Raucherbereich, wo ich eklige Kippen aufsammeln muss, die die Raucher einfach in die

Wir setzen uns an den großen Esstisch, und ich überfliege die E-Mail mit Informationen zu den neuen Gästen, die Kate mir heute Morgen geschickt hat. Dabei löffle ich Dannys Suppe. Sie schmeckt süß und erdig, und er hat kleine knusprige Bröckchen darübergestreut – in Trüffelöl geröstete Pastinaken, wie ich vermute.

»Die Suppe ist echt gut«, sage ich. Ich kenne meinen Part. Danny verdreht die Augen, als wollte er sagen: Was denn sonst. Bescheiden ist er jedenfalls nicht. Aber ein toller Koch.

»Glaubst du, die schmeckt ihnen heute Abend?« Er ist natürlich auf weitere Komplimente aus, und ich kann es ihm nicht verdenken. Wenn es um sein Essen geht, ist Danny eine schamlose Diva und freut sich wie jeder Künstler über Lob.

»Ganz bestimmt. Sie ist köstlich, wärmt einen und ist … komplex.« Ich versuche, das ganz besonders Herzhafte, das die Suppe so gut macht, in Worte zu fassen. Danny mag spezifische Komplimente. »Wie der Herbst im Suppenteller. Was machst du sonst noch?«

»Ich habe Amuse-Bouches.« Danny zählt die Gänge an den Fingern ab. »Dann die getrüffelte Suppe. Wildkeule für die Fleischesser und Pilzravioli für die Veggies. Crème brûlée als Dessert. Danach Käse.«

Dannys Crème brûlée ist eine Wucht, sie schmeckt göttlich. Ich habe tatsächlich erlebt, dass Gäste sich um eine übrig gebliebene Portion geprügelt haben.

»Klingt perfekt«, ermutige ich ihn.

»Solange wir diesmal keine verdammten

»Kate hat es diesmal extra betont«, rede ich ihm gut zu. »Eine Laktoseintoleranz, einmal glutenfrei, drei Vegetarier. Keine Veganer. Das ist alles.«

»Wer’s glaubt«, sagt Danny und gibt noch immer den Märtyrer. »Wetten, einer ist Low-Carb oder so. Oder Frutarier. Oder steht auf Luft.«

»Na ja, dann wird er dir nicht weiter auf die Nerven gehen, oder? Hier gibt es mehr als genug Luft.«

Ich deute auf das riesige Fenster, das nach Süden geht. Von hier aus blickt man auf die Gipfel und Kämme der Alpen, ein so atemberaubendes Panorama, dass ich, obwohl ich hier lebe, gelegentlich stehen bleiben muss und mir von der Schönheit den Atem rauben lasse. Heute ist die Sicht schlecht, die Wolken hängen tief, der Schnee fällt dicht. Aber an klaren Tagen sieht man fast bis zum Genfer See. Hinter uns, nordöstlich vom Chalet, erhebt sich die Dame Blanche, der höchste Gipfel des Saint-Antoine-Tals, der alle anderen klein wirken lässt.

»Lies mal die Namen vor«, sagt Danny mit vollem Mund. Er spricht mit Südlondoner Akzent, obwohl er in Portsmouth aufgewachsen ist. Ich bin mir nicht sicher, wie viel davon gespielt ist. Danny ist ein Künstler, und je besser ich ihn kenne, desto mehr fasziniert mich die komplizierte Mischung von Identitäten, die unter der Oberfläche schlummert. Der freche Cockney, den er den Gästen präsentiert, ist nur eine davon. Beim Ausgehen in Saint-Antoine habe ich erlebt, wie er in nur fünf Minuten von einem perfekten Guy Ritchie zu einem prachtvoll tuntigen RuPaul wechselte.

»Diesmal darf ich keinen Fehler machen«, unterbricht er meine Gedanken. Er gibt eine winzige Prise schwarzen Pfeffers in seine Suppe und probiert, scheint zufrieden. »Ich kann mir nicht noch eine verfluchte Madeleine leisten. Dann macht Kate mich rund.«

Kate ist die Bezirksmanagerin, zuständig für die Buchungen wie auch für die Versorgung der sechs Chalets, die zum Unternehmen gehören. Sie schätzt es, wenn wir die Gäste gleich am ersten Tag mit Namen begrüßen. Sie sagt, es unterscheide uns von den großen Ketten. Die persönliche Note. Nur ist es schwerer, als es klingt, diesen Standard durchzuhalten. Letzte Woche hatte Danny sich mit einer Frau namens Madeleine angefreundet. Als die Feedbackformulare kamen, stellte sich heraus, dass es gar keine Frau dieses Namens in der Gruppe gegeben hatte. Nicht mal eine, deren Name mit M anfing. Danny hat noch immer keine Ahnung, mit wem er die ganze Woche geredet hat.

Ich fahre mit dem Finger die Liste entlang, die Kate gestern Abend geschickt hat.

»Diesmal ist es eine Art Betriebsausflug. Snoop, ein IT-Unternehmen. Neun Leute, lauter Einzelzimmer. Eva van den Berg, Mitgründerin. Topher St. Clair-Bridges, Mitgründer. Rik Adeyemi, Erbsenzähler. Elliot Cross, Chef-Nerd.« Danny prustet Suppe durch die Nase, aber ich mache weiter. »Miranda Khan, beste Freundin ever. Inigo Ryder, Tophers Boss. Ani Cresswell, leitende Eva-Bezähmerin. Tiger-Blue Esposito, die Frau fürs Coole. Carl Foster, der Mann fürs Recht.«

»Steht das da wirklich?«, stößt er hustend hervor. »Erbsenzähler? Tiger – wie war das gleich? Ich hätte nicht gedacht, dass Kate Sinn für Humor hat. Wo ist die richtige Liste?«

»Das ist die richtige Liste.« Ich bemühe mich, nicht über Dannys verzerrtes, tränenüberströmtes Gesicht zu lachen. »Hier hast du eine Serviette.«

»Willst du mich verscheißern?«, keucht er, lehnt sich zurück und fächelt sich Luft zu. »Nein, das nehme ich zurück. Snoop ist genau diese Art von Laden.«

»Du kennst die?« Ich bin überrascht. Normalerweise ist Danny nicht so up to date. Wir haben alle möglichen Gäste, meist Gruppen von Privatpersonen, ab und an eine Hochzeit oder einen runden Geburtstag, aber auch erstaunlich viele Firmen kommen für ein Retreat – man kann den Preis wohl leichter verdauen, wenn die Firma dafür zahlt. Es kommen Anwaltskanzleien, Hedgefonds-Manager und Fortune-500-Unternehmen. Aber dies ist das erste Mal, dass Danny von einer Firma gehört hat und ich nicht. »Was machen die denn?«

»Snoop?« Nun ist es an Danny, überrascht auszusehen. »Hast du die letzten Jahre in einer Höhle gelebt?«

»Nein, ich bin nur – ich habe noch nie von denen gehört. Ist es ein Medienunternehmen?« Keine Ahnung, warum ich darauf komme, aber die Medien scheinen mir eine Branche, in der jemand Tiger-Blue Esposito heißen könnte.

»Das ist eine App.« Danny sieht mich argwöhnisch an. »Du hast wirklich noch nie von denen gehört? Du weißt schon – Snoop – die Musik-App. Damit kann man – na ja, snoopen.«

»Ich habe keine Ahnung, wovon du redest.«

»Snoop, Erin«, sagt Danny diesmal etwas schärfer, als müsste

Jetzt sehe ich, dass die beiden O im Namen die Spulen einer Musikkassette sind.

»Du verbindest die App mit deinem Spotify-Account«, erklärt Danny und scrollt durch Menüs, als ob die Listen willkürlich ausgewählter Promis die Sache verständlicher machen würden. »Und dann wird das, was du hörst, öffentlich.«

»Warum sollte ich das wollen?«

»Es ist ein Quidproquo«, sagt Danny ungeduldig. »Niemand will wissen, was du hörst, aber wenn du mitmachst, kannst du hören, was andere hören. Voyeurismus für die Ohren nennen sie das bei Snoop.«

»Also … ich sehe, was … keine Ahnung … Beyoncé gerade hört? Wenn sie da mitmachen würde.«

»Genau. Und Madonna. Und Jay-Z. Und Justin Bieber. Einfach alle. Die Stars stehen drauf – es ist das neue Instagram. Weil man sich damit mit anderen verbinden kann, ohne zu viele Informationen preiszugeben.«

Ich nicke langsam. Die Sache hat einen gewissen Reiz.

»Dann sind das also die Playlists berühmter Leute?«

»Keine Playlists. Der Clou ist, dass es in Echtzeit abläuft. Du siehst, was sie gerade jetzt hören.«

»Und wenn sie schlafen?«

»Wird nichts angezeigt. Sie tauchen nur in der Suchleiste auf,

»Wenn du also jemanden snoopst, und die halten einen Song an, um ans Telefon zu gehen –«

Danny nickt. »Stoppt der Feed.«

»Das ist ein wirklich schreckliches Konzept.«

Er schüttelt lachend den Kopf. »Nein, du kapierst es noch immer nicht. Bei der ganzen Sache geht es darum …« Er hält inne und versucht, etwas nicht Messbares zu erklären. »Es geht um die Verbindung. Du hörst zur selben Zeit dasselbe Lied wie die – Beat für Beat. Du weißt, dass Lady Gaga genau dasselbe hört wie du, egal, wo sie gerade ist. Es ist wie …« Dann hat er einen Geistesblitz, und sein Gesicht hellt sich auf. »Du kennst das doch, wenn du dich zum ersten Mal mit jemandem triffst, und ihr teilt euch die Kopfhörer, jeder einen.«

Ich nicke.

»Genau so ist es. Du und Lady Gaga, ihr teilt euch die Kopfhörer. Das ist echt cool. Du liegst im Bett, und sie schaltet aus, und du weißt, dass sie jetzt irgendwo auf der Welt vermutlich das Gleiche tut wie du, nämlich sich auf die Seite drehen und einschlafen. Das ist ziemlich intim, oder? Und es geht ja nicht nur um Promis. Stell dir mal vor, du hast eine Fernbeziehung. Dann kannst du deinen Freund snoopen und dasselbe Lied zur selben Zeit hören. Immer vorausgesetzt, du kennst seine Snoop-ID. Ich habe meine gesperrt.«

»Okay …«, sage ich langsam. »Also ist dein Feed öffentlich, aber keiner weiß, dass du es bist?«

»Genau. Ich habe nur zwei Follower, weil ich mir nicht die Mühe gemacht habe, meine Kontaktliste zu synchronisieren. Die beliebtesten Snooper sind übrigens inkognito unterwegs.

Ein Signal ertönt, und er zeigt mir das Display.

»Siehst du? Das ist jemand, den ich abonniert habe, Msaggronistic. Eine Frankokanadierin aus Montreal, sie hört ziemlich coolen Punk. Die Meldung sagt mir, dass sie jetzt online ist und …« Er scrollt hinunter. »… die Slits hört. Keine Ahnung, ob es mir gefällt, könnte es aber. Ich weiß es bloß noch nicht.«

»Verstehe.« Ich bin mir nicht sicher, ob ich wirklich klüger bin, aber irgendwie scheint es überzeugend.

»Egal«, sagt Danny, steht auf und räumt die Suppenteller ab. »Was ich eigentlich sagen wollte: Bei diesen IT-Start-ups wundert mich gar nichts. Ich kann mir gut vorstellen, dass die ihren Finanzchef tatsächlich Erbsenzähler nennen. Die halten das irgendwie für schräg. Kaffee?«

Ich sehe auf die Uhr. 14:17 Uhr.

»Geht nicht. Ich bin noch nicht ganz durch mit den Zimmern, und dann kommt noch der Pool.«

»Ich bring dir einen.«

Ich stehe auf und strecke mich, um meinen verspannten Nacken und die Schultern zu dehnen. Putzen ist harte körperliche Arbeit. Das weiß ich erst, seit ich diesen Job mache. Ich schleppe den schweren Staubsauger die Treppen rauf und runter, schrubbe Toiletten und Fliesen. Neun Zimmer hintereinander zu putzen ist wie ein Work-out.

 

»Nicht spritzen«, warne ich ihn, als er sich am Rand des Pools mit ausgestreckten Armen in Positur stellt. »Ich wische hier nicht noch mal.«

Als Antwort streckt er mir nur die Zunge raus und legt einen perfekten, spritzerfreien Kopfsprung am flachen Ende hin. Eigentlich ist es nicht tief genug, um zu tauchen, aber er gleitet über den Boden und kommt am anderen Ende wieder hoch.

»Na los, komm schon, hier ist es verdammt noch mal sauber genug. Spring rein.«

Ich zögere. Ich muss noch das Esszimmer saugen, bin mir aber nicht sicher, ob man den Unterschied überhaupt bemerken würde.

Ich sehe auf die Uhr. 15:15 Uhr. Die Gäste sollen um vier eintreffen. Das könnte ich gerade so schaffen.

»Na schön.«

Es ist unser allwöchentliches Ritual. Ein zehnminütiges Bad, wenn alle Pflichten hinter uns liegen. Damit erobern wir unser Territorium zurück und erinnern uns daran, wer hier eigentlich das Sagen hat.

Ich trage den Bikini schon unter der Kleidung, muss nur noch das verschwitzte T-Shirt und die fleckige Putzjeans abstreifen und mache mich bereit, hineinzuspringen. Ich will mich gerade vom Rand abstoßen, als eine Hand meinen Knöchel umfasst und mich nach vorn reißt, sodass ich kreischend im Pool lande.

»Du Vollidiot! Keine Spritzer, habe ich gesagt!«

»Mach dich mal locker.« Danny lacht dröhnend, das Wasser glitzert wie Juwelen auf seiner dunklen Haut. »Ich schwöre, ich wische es später auf.«

»Wenn nicht, bringe ich dich um.«

»Ich mache es! Habe ich doch gesagt, oder? Ich mache es, während du dir die Haare föhnst.« Er deutet auf seinen geschorenen Kopf, um mich daran zu erinnern, dass er mir da etwas voraus hat.

Ich boxe Danny gegen die Schulter, kann ihm aber nie lange böse sein, und dann schwimmen und raufen wir, kämpfen wie junge Hunde, bis wir beide völlig fertig sind und nach Luft japsen.

Danny stemmt sich grinsend und schnaubend aus dem Wasser und geht in die Umkleide, um sich gästefein zu machen.

Ich weiß, ich sollte es ihm gleichtun. Es gibt noch eine Menge zu tun. Doch einen Moment lang, diesen einen Moment, lasse ich mich, alle viere von mir gestreckt, im klaren Wasser treiben. Ich berühre mit den Fingern die Narbe, die über meine Wange verläuft, die eingedellte Linie, an der die Haut noch dünn und empfindlich ist, und schaue durch das Glasdach in den grauen Himmel, von dem Schneeflocken herunterkreiseln.

Der Himmel hat genau die gleiche Farbe wie Wills Augen.

Die Zeit läuft, die Gäste kommen gleich, und ich höre, wie Danny die Umkleide wischt. Ich sollte raus aus dem Wasser, aber ich kann nicht. Ich kann meinen Blick nicht abwenden. Ich liege einfach nur da, meine dunklen Haare wie einen Fächer ausgebreitet, und starre nach oben. Erinnere mich.