Snoop-ID: LITTLEMY

Hört: offline

Snoopscriber: 10

Verdammter Mist. Mein Herz klopft heftig, als ich vorsichtig die Wendeltreppe hinaufhumpele. Ich weiß gar nicht, wie ich so plötzlich auf die Lüge mit der Toilette gekommen bin, aber ich war noch nie so dankbar für eingefrorene Wasserleitungen. Sie haben mir genau das geliefert, was ich brauche – einen Vorwand, um nach oben zu gehen.

Ob wirklich Liz den Schlüssel gestohlen hat? Ich wage es nicht, sie danach zu fragen. Vielleicht hat noch jemand anders auf dem Sofa gesessen, als ich nicht im Zimmer war. Oder sie hat den Schlüssel gefunden und eingesteckt, sich aber nicht getraut, es zu sagen, weil man sie dann verdächtigt hätte. Es könnte ein Dutzend harmlose Erklärungen geben. Oder eine einzige vernichtende.

Jedenfalls konnte ich keinen Augenblick länger in der Dunkelheit liegen und auf ihren leisen, regelmäßigen Atem lauschen. Ich musste etwas tun. Und dann endlich hatte mein Unbewusstes sich gegen die rasenden Gedanken durchgesetzt und sich an etwas erinnert, was ich völlig vergessen hatte.

Elliots Powerbank. Der gigantische externe Akku, mit dem er seinen Laptop aufgeladen hatte. Wenn ich mir den Akku beschaffen und mein Handy anschließen kann, kann ich vielleicht eine Verbindung herstellen. Einen Versuch ist es wert. Liz kann wohl kaum etwas dagegen haben. Und doch kann ich es ihr aus

Warum nicht?, flüstert mein Verstand, während ich durch den Flur schleiche. Warum nicht?

Weil ich ihr nicht traue.

Warum nicht?

Weil … Ich schlucke hörbar, das einzige Geräusch in der unheimlichen Stille. Weil ich im tiefsten Inneren glaube, sie könnte Eva getötet haben. Die Angst in den vergangenen zwei Stunden hat mir etwas verdeutlicht, was ich bis vor Kurzem nicht für möglich gehalten hätte: Ich traue Liz einen Mord zu. Nicht nur wegen des Schlüssels – obwohl das allein schon besorgniserregend ist. Das panische Gefühl, das mich überkam, als sie plötzlich vor meiner Zimmertür stand – war tief und wahrhaftig und sehr real. Da habe ich begriffen, was ich mir zuvor nicht eingestehen wollte: Ich fürchte mich vor Liz. So bescheiden und still und schon fast schmerzhaft zurückhaltend sie sich gibt, hinter der Sanftmut verbirgt sich Stahl, und ja, ich traue ihr zu, jemanden zu töten. Ich traue es ihr eher zu, als ich es Inigo oder sogar Topher zugetraut habe.

Liz könnte als Einzige hier kaltblütig und unbemerkt töten. Niemand beachtet sie. Für eine Mörderin ist das eine Art Superkraft.

Ich bin fast bei Elliots Tür, bewege mich so leise wie möglich, weil mir eingefallen ist, dass ich Liz’ Schritte von unten hören konnte. Ich ziehe den Generalschlüssel aus der Tasche, stecke ihn ins Schloss, drehe ihn um und öffne ganz, ganz leise die Tür.

Sie knarrt ein bisschen, und ich halte die Luft an. Von unten ist nichts zu hören. Falls Liz jetzt heraufkäme, hätte ich keine überzeugende Erklärung parat. Es wäre schließlich naheliegend, die Toilette im Personalbereich am anderen Ende des

Der Geruch schlägt mir entgegen, sowie ich die Tür öffne. Diesen Geruch kenne ich aus dem Lehrkrankenhaus.

In diesem Zimmer liegt eine Leiche – es riecht nicht nur nach Urin und verschüttetem Kaffee, sondern auch nach Tod. Nicht sehr stark, dafür ist es einfach zu kalt im Raum, aber dennoch unverkennbar. Ein animalischer Gestank.

Niemand würde freiwillig dieses Zimmer betreten, um auf die Toilette zu gehen.

Ich kämpfe gegen den Brechreiz an und bewege mich vorsichtig bis hinter Elliots Schreibtisch. Und da liegt die Powerbank auf dem Boden wie ein Backstein, ein einzelnes rotes LED-Lämpchen leuchtet. Ich bin erleichtert. Dann fällt mir zweierlei auf.

Ein eingeschaltetes, vollständig geladenes Handy hängt an der Powerbank. Das muss Elliots Handy sein.

Aber es ist ein Android-Gerät, und ich habe ein iPhone. Also kann ich Elliots Ladekabel nicht benutzen.

Ich könnte mich treten. Ich hätte mein eigenes Ladekabel mitnehmen müssen – wie unglaublich blöd von mir. Bleibt mir dafür noch genügend Zeit? Normalerweise würde ich weniger als eine Minute brauchen, um durch den Flur in mein Zimmer zu rennen und das Ladekabel zu holen, doch mit meinem verletzten Knöchel kann ich nicht rennen. Vor allem aber kann ich es mir nicht leisten, unnötige Geräusche zu machen.

Ich treffe eine Entscheidung. Ich versuche es zuerst mit Elliots Handy. Man kann einige Notrufnummern über den Sperrbildschirm wählen, aber wer weiß, ob 112 oder 17 darunter ist.

Allerdings werden auf dem Sperrbildschirm eine ganze Reihe von Benachrichtigungen angezeigt, und ich scrolle mit einem Anflug von Hoffnung hindurch, um herauszufinden, ob das Handy in den vergangenen vierundzwanzig Stunden überhaupt einmal Empfang hatte. Falls ja, könnte ich auf Elliots Handy eine SMS schreiben, die gesendet wird, wenn sich eine Verbindung aufbaut – sofern ich ins Handy komme. Ich müsste gar nichts weiter tun.

Ja! Eine WhatsApp-Nachricht vor sechs Stunden. Darunter eine Benachrichtigung von Snoop. Anon101 ist geo-nah, was immer das bedeuten mag. Geo-nah? Eine solche Benachrichtigung habe ich noch nie bekommen.

Doch ich habe keine Zeit, darüber nachzudenken. Die Frage ist, wie ich ins Handy komme. Ich habe drei Versuche, bevor es gesperrt wird. Danach bleibt mir nichts anderes übrig, als mein Ladekabel zu holen und zu warten, bis mein Handy ausreichend geladen ist. Dann aber wird Liz sich wundern, wo ich so lange bleibe.

Ich kann mich nicht erinnern, ob ich irgendwo Elliots Geburtsdatum gelesen habe. Die Frage ist, ob ich damit überhaupt etwas anfangen könnte. Doch als ich den Sperrbildschirm wieder aufrufe, sehe ich, dass sich das Handy ohnehin nur per Daumenabdruck entsperren lässt.

Als mir klar wird, was das bedeutet, wird mir schlecht vor Entsetzen. O Gott. Bringe ich das wirklich über mich? Und falls ja, was sagt das über mich aus?

Ich schaue zum Schreibtisch. Zwinge mich, die Gestalt zu betrachten, über die ich vorhin absichtlich hinweggeblickt habe, mustere Elliots Leiche.

Ich stehe auf. Ziehe das Ladekabel aus dem Handy und nähere mich Elliot. Ein Schritt. Noch einer. Dann stehe ich neben dem Schreibtisch und taste nach seiner Hand – seiner reglosen, kalten Hand.

Sie ist ein bisschen klamm, was vor allem an der Kälte im Zimmer liegt, und sein Arm erstaunlich schwer zu bewegen, doch die Leichenstarre hat sich gelöst, und ich kann seine Finger ohne große Mühe aufbiegen. Dann halte ich seinen langen, knochigen Daumen zwischen den Fingern. Er ist kalt und fest wie tiefgekühltes Fleisch.

»Es tut mir leid«, flüstere ich. »Es tut mir schrecklich leid.«

Dann drücke ich die Kuppe aufs Display.

Einen Moment lang passiert gar nichts, und mich überkommt tiefe Enttäuschung. Merkt das Handy etwas? Spielt Körperwärme eine Rolle? Erkennt es, dass dies ein Toter und nicht der lebende Besitzer ist?

Es gibt nur einen Weg, um das herauszufinden. Jetzt ist mir richtig schlecht. Ich lege das Handy beiseite und reibe Elliots kalte, klamme Daumenspitze zwischen den Handflächen, gehe recht grob dabei vor, um ein wenig von meiner eigenen Körperwärme zu übertragen.

Es ist erstaunlich mühsam. Meine Hände sind nicht warm genug, und eine ganze Weile spüre ich nur kaltes, totes Fleisch zwischen meinen Händen. Doch ich gebe nicht auf, hauche auf seinen Daumen, und dann endlich scheint sich die Temperatur zu verändern. Bevor sich die Wärme wieder verflüchtigen kann, drücke ich den Daumen erneut gegen das Display und halte die Luft an.

Ich will die App gerade minimieren und die SMS aufrufen, als ich innehalte. Irgendetwas an Elliots Snoop-App wirkt seltsam.

Er hat 1,2 Millionen Follower. Das ist vermutlich nicht weiter überraschend. Er war Mitgründer der Firma und hat eine öffentliche Snoop-ID.

Er selbst folgt allerdings nur zwei Personen. Eine davon ist Topher – ich erkenne seinen Avatar und die ID, weil ich ihm auch gefolgt bin: Xtopher, dazu ein Foto, auf dem er einen Löffel auf der Nase balanciert. Ein kleines Häkchen zeigt an, dass er verifiziert ist. Du snoopst XTOPHER seit 3 Jahren steht neben seinem Namen. So weit, so gut.

Das Seltsame ist, dass die andere Person, die Elliot gesnoopt hat, ein anonymer User namens ANON101 ist. ANON hat kein Foto eingestellt. Ich tippe auf das leere Avatar-Feld, um aufs Profil zu gelangen, aber auch in der Bio steht nichts. In der Rubrik Über steht nur Hau ab, was vielleicht erklärt, weshalb diese Person nur einen Follower hat.

Unter Ort gibt es jedoch einen Eintrag. Eine Reihe von GPS-Koordinaten und ein winziges Logo: (Beta).

Dies muss das Update sein, an dem Elliot vor seinem Tod gearbeitet hat – das GeoSnoop-Update, das er und Topher so aufregend fanden und mit dessen Hilfe sie Evas Handy aufgespürt haben. Doch wer ist ANON101, und weshalb ist Elliot dieser Person gefolgt? War Eva ANON? Nein, das ist lächerlich, sie hatte bestimmt mehr als einen Follower. Außerdem habe ich Eva gesnoopt. Ich kann mich nicht an ihre ID erinnern, wohl aber an ihren Avatar – einen Schneeleoparden mit Ray-Ban-Sonnenbrille.

Du snoopst ANON101 seit 2 Tagen.

Elliot ist ANON101 also unmittelbar vor seinem Tod gefolgt.

Ich habe ein flaues Gefühl im Magen. Mein Daumen verharrt über dem GeoSnoop(Beta)-Tab ganz oben im Menü. Mir fällt die Benachrichtigung auf dem Sperrbildschirm ein – die Benachrichtigung, die ich achtlos beiseitegewischt hatte. ANON101 ist geo-nah.

Ich tippe auf den Tab.

In deiner Nähe, steht im Menü und darunter eine Liste mit nur zwei Personen:

LITTLEMY

ANON101

LITTLEMY bin ich. Also kann ANON101 nur … Liz sein.