Snoop-ID: ANON101
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Irgendetwas stimmt nicht. Erin ist immer noch nicht von der Toilette zurück. Sie ist schon eine ganze Weile weg, aber es ist nicht nur das: Es ist überhaupt nichts zu hören. Keine Tür. Keine Schritte auf der Treppe. Keine Toilettenspülung. Ob etwas passiert ist? Ist sie eingeschlafen?
Ich liege da, nage an meiner Lippe und überlege, was ich tun soll. Letztes Mal bin ich ihr nachgegangen. Ich war besorgt, weil sie so lange brauchte, um das Bettzeug zu holen, aber das war vielleicht keine gute Idee. Ich muss an ihren panischen Gesichtsausdruck denken, als sie mich vor der Zimmertür stehen sah. Ist sie seitdem so anders? Vielleicht fürchtet sie sich vor mir. Vielleicht hält sie mich für eine Stalkerin.
Menschen neigen dazu, sich von mir zurückzuziehen. Das ist mir im Laufe der Jahre aufgefallen. Es fing schon in der Schule an. Zuerst waren meine Mitschülerinnen freundlich, und ich wollte die Freundlichkeit erwidern, und dann wurden sie plötzlich abweisend, und ich fand nie heraus, warum das so war. Also bemühte ich mich noch mehr. Aber je mehr ich mich anstrengte, desto abweisender wurden sie. Ich konnte machen, was ich wollte, es war zwecklos.
In der Grundschule hatten die Mädchen sich wenigstens nicht verstellt. Geh weg, Liz, du bist so komisch. Das hatte ich wieder und wieder gehört. Als wir älter wurden, gaben sich meine Mitschülerinnen freundlicher, meinten aber eigentlich das Gleiche, wenn sie sagten: Tut mir leid, der Platz ist schon besetzt oder Tut mir wirklich leid, Liz, aber meine Mutter sagt, es können nur drei Freundinnen bei mir übernachten.
Die Mädchen waren schon schlimm. Die Jungs waren allerdings noch schlimmer. Am allerschlimmsten war Kevin.
Mich überläuft bis heute ein Schauer, wenn ich nur den Namen höre.
Ich mochte Kevin. Ich dachte, er würde mich auch mögen. Er hatte Akne und ein bisschen Mundgeruch und sah nicht besonders gut aus. Er schien nicht so unerreichbar wie die anderen Jungs. Ich besorgte mir ein Buch aus der Bibliothek, in dem stand, wie man Jungs dazu bringt, dass sie einen mögen, aber es war nur verwirrend und widersprüchlich. Lach über seine Witze, stand zum Beispiel darin. Also tat ich das. Aber Kevin schaute mich an, als wäre ich verrückt, und fragte: »Worüber lachst du denn?«
Schenk ihm etwas, das ihn an dich erinnert. Also schenkte ich ihm ein paar selbst gestrickte Handschuhe. Ich legte sie in seinen Spind, aber er trug sie nie. Später entdeckte ich sie unter den Fundsachen in der Schule.
Sorge für zufällige Begegnungen. Also folgte ich ihm. Ich stellte sicher, dass ich am Spind lehnte, wenn er aus der Jungstoilette kam. Ich wartete an seiner Bushaltestelle. Eines Tages folgte ich ihm nach Hause.
Es war November und fast dunkel. Ich dachte, er hätte mich nicht bemerkt, aber das war ein Irrtum. Wir waren gut drei Kilometer gegangen, als er sich umdrehte. »Was willst du von mir, du Scheiß-Freak?« Beim letzten Wort überschlug sich seine Stimme. Er stand dicht vor mir und schrie es mir ins Gesicht. Ich konnte seinen schlechten Atem riechen und wurde mit Spucketröpfchen besprüht.
Es war dunkel. Hatte angefangen zu regnen. Wir waren in einem einsamen Teil des Parks. Etwas in mir hätte ihn am liebsten umgebracht. Stattdessen duckte ich mich weg, weg von seinem Zorn, und als er mich schubste und brüllte: »Scheiße, bist du wirklich so verzweifelt?«, rannte ich weg. Ich weinte und zitterte am ganzen Körper.
Als ich bei Snoop anfing, hatte ich meine Lektion gelernt. Ich blieb für mich. Versuchte gar nicht erst, Freunde zu finden. Ich vertraute niemandem.
Aber Erin … Erin schien irgendwie anders zu sein. Bei unserer Ankunft war sie so freundlich gewesen. Sie hatte Verständnis gezeigt, als ich sie nach dem Dresscode gefragt hatte, und es war nett, wie sie mich am ersten Tag zum Skilift gezogen hatte. Sie schien mich wirklich zu mögen. Jetzt bin ich mir nicht mehr so sicher. Wenn sie sich nun die ganze Zeit verstellt hat?
Ich würde am liebsten raufgehen und fragen, was sie von mir hält, ob sie sich vor mir fürchtet, was sie da oben im Dunkeln treibt. Aber ich weiß nicht, wie das bei ihr ankommen würde. Vielleicht könnte ich sagen, dass ich mir Sorgen um sie mache. Schließlich sind drei Leute gestorben. Das würde eine gute Freundin tun. Sich um sie kümmern. Nachsehen, ob es ihr gut geht.
Aber würde sie es auch so empfinden? Würde sie verstehen, dass ich nur eine gute Freundin sein will? Oder würde sie mir wieder so einen komischen Blick zuwerfen – so einen panischen, entsetzten Blick wie den, den ich bei Kevin gesehen hatte, als er damals auf mich losgegangen war? Den hatte ich auch in Erins Augen wahrgenommen, als sie die Tür geöffnet hatte. Den Blick, der du Freak sagt. Den Blick, der sagt, ich habe Angst vor dir.
Zehn Minuten später zögere ich noch immer. Schließlich kann ich die Stille nicht länger ertragen. Ich muss wissen, was sie macht.
Ich schwinge die Beine aus dem Bett und stehe auf. Ich trage noch den Skioverall, daher ist mir nicht ganz so kalt. Mein Knie tut weh, aber ich kann es wieder belasten. Ich bin sehr froh, dass ich nicht mit den anderen auf Schneeschuhen nach Haute-Montagne gewandert bin. Nicht dass ich absichtlich die Treppe runtergefallen wäre – das wäre eine ziemlich blöde Idee gewesen, ich hätte mir den Hals brechen können. Aber es kam mir sehr gelegen.
Ich gehe vorsichtig die Treppe hinauf und halte mich am Geländer fest. Auf Socken ist es rutschig, die Stufen sind im Dunkeln kaum zu erkennen. Bloß nicht noch einmal stürzen.
Oben angekommen halte ich für einen Moment die Luft an, horche angestrengt. Wo ist sie? Im Personalbereich? Ich will gerade links den Flur hinuntergehen, als ich ein Geräusch höre. Es ist sehr leise, kommt aber von rechts – also von da, wo Miranda, Elliot und ich unsere Zimmer haben. Was hat sie dort zu suchen?
Bevor ich es herausfinden kann, höre ich ein weiteres Geräusch von dort – diesmal unmissverständlich. Eine Toilettenspülung. Mirandas Zimmertür geht auf, und Erin kommt heraus. Diesmal wirkt sie nicht erschrocken, als sie mich sieht, sie lächelt nur.
»Hi, Liz.« Sie klingt ein bisschen atemlos. »Tut mir leid, hast du dir Sorgen gemacht?«
»Ein bisschen.« Ich runzle die Stirn. »Was hast du in Mirandas Zimmer gemacht?«
»Ich hatte die Personaltoilette schon mal gespült. Ich habe gedacht, Miranda hat sicher nichts dagegen, und ihr Zimmer lag am nächsten. Ähm, Liz, nur damit du gewarnt bist –« Es ist im Dunkeln nicht zu erkennen, aber sie klingt, als wäre sie ein bisschen rot geworden. »So genau willst du es sicher nicht wissen, aber mir war ziemlich schlecht. Vielleicht liegt es am Cassoulet, es war ja nicht durcherhitzt. Darum habe ich – na ja, ein bisschen länger gebraucht.«
»Oh!« Ich weiß nicht recht, was ich dazu sagen soll. Soll ich lachen? Nein, das wäre seltsam. Ich versuche, mitfühlend zu klingen. »Also, das tut mir leid.«
»Ich wollte dich vorsichtshalber warnen – wir haben ja das Gleiche gegessen –«
»Ach, mir geht’s gut«, sage ich hastig. Was auch stimmt. Ich spüre überhaupt nichts, hatte aber auch immer einen sehr robusten Magen.
»Oh, gut«, sagt Erin erleichtert. »Es wäre schrecklich, wenn ich dir zu allem Übel auch noch eine Lebensmittelvergiftung verpasst hätte.« Sie lacht unsicher und sagt: »Sollen wir?«
Einen Moment lang weiß ich nicht, was sie meint, doch sie deutet zur Treppe, und ich verstehe.
»Klar.« Doch dann bleibe ich unvermittelt stehen. »Geh doch schon mal vor. Ich muss auch mal zur Toilette.«
Sie hinkt in Richtung Wendeltreppe. Ich schaue ihr nach und gehe dann in mein Zimmer, trete an den Einbauschrank in der Ecke. Die Tür war angelehnt, als ich zuletzt im Zimmer war. Ist der Spalt nun ein bisschen größer? Oder bilde ich mir das nur ein?
Ich stehe einen Moment lang stocksteif da und starre auf die Schranktür. Sie ist vielleicht fünf Zentimeter weit geöffnet. Ist das nicht viel mehr als vorhin? Sicher bin ich mir nicht.
Entschlossen hole ich meinen Koffer heraus, öffne den Reißverschluss im Innenfutter. Verborgen unter dem seidigen Stoff und einem Stück Pappe müsste eine knallrote Skijacke liegen. Es ist zu dunkel, um etwas sehen zu können, und ich habe die Taschenlampe unten vergessen, doch als ich die Finger in den schmalen Spalt schiebe, kann ich sie spüren – ihre daunige Weichheit ist beruhigend. Ich seufze erleichtert und hocke mich auf die Fersen.
Dann ziehe ich den Reißverschluss wieder zu und lege den Koffer in den Schrank. Ich rapple mich mühsam auf und gehe ins Bad. Meine Geschichte soll möglichst überzeugend wirken.
Doch als ich mich halb aus meinem Overall geschält habe, fällt mir etwas auf – und ich halte abrupt inne.
Der Koffer lag oben auf meiner kleinen Reisetasche mit den Rollen.
Ich hatte sie andersrum hingelegt. Da bin ich mir hundertprozentig sicher.
Jemand war an meinem Schrank.
War das Erin? Oder jemand anders?
Mein Herz hämmert.
Langsam, ganz langsam öffne ich den Reißverschluss meines Overalls und überlege, was ich jetzt tun soll.
Dann betätige ich die Toilettenspülung und gehe wieder nach unten. Ich muss herausfinden, was Erin weiß.