Snoop-ID: ANON101
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Wer war an meinem Koffer?
Die Frage nagt an mir, während ich langsam zurück nach unten gehe. Als ich ins Wohnzimmer komme, sehe ich, dass Erin sich unter der Bettdecke zusammengerollt hat. Ihre Augen sind geschlossen, sie atmet sanft und gleichmäßig. Dennoch kommt es mir vor – vielleicht ist es paranoid –, dass etwas an ihrer Schlafposition ein bisschen gekünstelt wirkt. Kann man wirklich so beherrscht daliegen?
»Erin«, flüstere ich sehr leise. Sie rührt sich, ihre Augenlider zucken flüchtig, doch sie scheint nicht aufzuwachen.
Ich setze mich neben sie und versuche nachzudenken.
Ich bin mir absolut sicher, was den Koffer angeht. Das glaube ich jedenfalls. Aber ich habe seit Sonntag nicht mehr in den Schrank geschaut. Jeder hätte sich am Koffer zu schaffen machen können. Und das heißt noch lange nicht, dass dieser Jemand ins Innenfutter geschaut hat. Es könnte Elliot gewesen sein, der weitere Informationen sammeln wollte, bevor er Topher von seinem Verdacht erzählte. Es könnte sogar einen völlig harmlosen Grund dafür geben.
Ich könnte Erin töten. Das ist nicht der Punkt. Ich könnte ihr ein Kissen aufs Gesicht drücken, wie ich es bei Ani gemacht habe, aber da gibt es ein Problem: Wenn Erin getötet wird, wissen alle, dass ich es war. Im Umkreis von mehreren Kilometern ist niemand außer uns. Ich könnte unmöglich behaupten, jemand sei ins Haus eingedrungen und habe sie im Schlaf erstickt.
Ich habe Elliot und Ani getötet, weil es nicht anders ging. Ich musste schnell handeln, Hals über Kopf, mit dem, was gerade zur Hand war. Bei Elliot waren es Evas Schlaftabletten, die ich in der Kaffeetasse zerdrückt hatte. Er hatte keinen Verdacht geschöpft, als ich angeboten hatte, ihm noch eine Tasse zu holen. Für ihn war ich wohl nie etwas anderes als die Frau, die den Kaffee holt.
Ani hatte ich ihr eigenes Kopfkissen auf Nase und Mund gedrückt. Sie war ganz friedlich gestorben, alle Geräusche erstickt unter der dicken Bettdecke, in die sie sich eingewickelt hatte. Ich … na ja, ich würde gern sagen, dass ich ein schlechtes Gewissen habe, doch das stimmt nicht. Elliot hat es sich selbst zuzuschreiben mit seiner ganzen Schnüffelei. Um Ani tut es mir leid. Aber sie war einfach zur falschen Zeit am falschen Ort. Ich hatte etwas in ihren Augen gelesen, als sie nachts wie erstarrt vor meiner Tür stand: Ihr war plötzlich klar geworden, was sie gesehen hatte. Beziehungsweise, was sie nicht gesehen hatte: Die Glaskugeln der Gondelbahn, die zur Station hinunterschwebten, waren leer. In einer davon hätte ich sein müssen.
Sie hatte begriffen, was das bedeutete. Das war mir klar geworden, sowie sich unsere Blicke begegnet waren und ihre Augen sich jäh mit Angst gefüllt hatten. Sie war in ihr Zimmer geeilt und hatte die Tür hinter sich abgeschlossen. Hatte sich vermutlich sicher gefühlt. Wie hätte sie auch ahnen können, dass ich einen Generalschlüssel hatte?
Aber ich habe nicht mal wegen Ani ein schlechtes Gewissen, weil nichts davon meine Schuld ist. Auch ich war zur falschen Zeit am falschen Ort. Ich habe das alles nie gewollt. Ich wurde gegen meinen Willen in Tophers und Evas ganz persönliches Game of Thrones hineingezogen – und nicht mal als eine der Hauptfiguren, sondern nur als Bauernopfer, das Eva gegen Topher ausspielen konnte, wenn die Zeit gekommen war, mit meiner eigenen Vergangenheit als Druckmittel.
Denn die Sache ist die – ich bin ein guter Mensch. Ich habe das alles nicht gewollt. Ich hätte niemals einen Menschen getötet, wenn ich es hätte vermeiden können.
Falls es nicht Erin war, die in den Koffer geschaut hat, dann will ich ihr auch nicht wehtun.
Ich brauche nichts zu überstürzen. Ich habe Zeit, in Ruhe über alles nachzudenken. Vor morgen früh kommt niemand her. Ich kann herausfinden, ob Erin etwas weiß, und falls ja, mir eine Lösung überlegen. Es müsste ein Unfall sein oder zumindest wie einer aussehen. Vielleicht noch ein Treppensturz? Oder eine Kohlenmonoxidvergiftung durch einen undichten Ofen? Aber ich habe keine Ahnung, wie ich das bewerkstelligen könnte.
Ich nehme die Brille ab und lege mich hin, schließe aber nicht die Augen. Ich liege da und schaue Erin an, beobachte sie. Wache über ihren Schlaf.