Snoop-ID: ANON101

Hört: snoopt EDSHEERAN

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Wir sind inzwischen ziemlich weit oben in den Bergen. Der Minibus fährt durch kleine Alpendörfer, die wie Ansichtskarten aussehen würden, wenn der Himmel nicht bedrohlich schiefergrau statt blau wäre. Der Schneeregen unten im Tal ist riesigen weißen Flocken gewichen, und der Fahrer hat die Scheibenwischer auf höchste Stufe gestellt. Der nasse schwarze Asphalt ist in gefrorene graue Furchen übergegangen, in denen die Reifen ein seltsames rüttelndes Geräusch machen. An beiden Straßenseiten hat der Schneepflug gewaltige Schneewände aufgetürmt, die mit Dreck bespritzt sind. Es ist, als würde man durch einen Tunnel fahren. Ich fühle mich unangenehm eingeengt und schaue auf mein Handy, wische durch die Apps, um mich abzulenken, bevor ich zu Snoop zurückkehre.

Nach meiner Kündigung hatte ich auch die App gelöscht. Ich wollte alles, was mit Snoop zu tun hatte, hinter mir lassen. Mir gefiel die Vorstellung nicht, dass Topher, Eva und die anderen mich über die Software überwachen konnten. Ein paar Wochen später habe ich sie doch wieder runtergeladen. Es hat schon seinen Grund, dass sie bei der Zahl der Nutzer die hundert Millionen geknackt hat: Sie macht süchtig. Diesmal allerdings habe ich mein Profil so gut wie möglich gesichert und den Account mit einer anonymen Mailadresse verknüpft, die nicht einmal

Topher dreht den Kopf und sagt etwas über die Schulter zu mir. Ich nehme die Earbuds aus den Ohren.

»Sorry, was hast du gesagt?«

»Ich sagte, was zu trinken?« Er hält mir eine geöffnete Champagnerflasche hin. Ich winke ab.

»Nein, danke.«

»Wer nicht will, der hat schon.« Er trinkt direkt aus der Flasche, und ich könnte mich schütteln. Er schluckt, wischt sich den Mund ab und sagt: »Ich hoffe, es klart auf. Sonst wird das nichts mit dem Skifahren.«

»Kann man nicht auch Ski fahren, wenn es schneit?«

Er lacht, als wäre ich völlig bescheuert. »Das schon, aber es macht keinen Spaß. Das ist wie Joggen im Regen. Hast du noch nie auf Skiern gestanden?«

»Nein.« Ich ertappe mich dabei, wie ich auf der Haut neben einem Fingernagel kaue, und zwinge mich, die Hand herunterzunehmen. Die besorgte Stimme meiner Mutter gellt durch meinen Kopf. Liz, bitte tu das nicht, du weißt doch, Daddy mag das nicht. Ich spreche lauter, um sie zu übertönen. »Ich meine, nicht so richtig. Wir waren mit der Schule mal beim Indoor-Ski, aber das zählt wohl nicht.«

»Du wirst begeistert sein«, sagt Topher aufreizend selbstsicher. In Wahrheit hat er keine Ahnung, ob ich begeistert sein werde oder nicht. Doch wenn er etwas verkündet, glaubt man ihm einfach. Wenn er sagt Ihr Geld ist vollkommen sicher oder Es ist eine wahnsinnig gute Investition oder Diese Konditionen , vertraut man ihm. Man unterzeichnet den Scheck. Man überweist das Geld. Man überlässt ihm einfach alles.

Darum ist er wohl auch so, wie er ist. Ausgestattet mit diesem unbezahlbaren Selbstbewusstsein. Würg.

Ich antworte nicht. Aber er hat auch nicht damit gerechnet. Er bedenkt mich mit einem breiten, strahlenden Grinsen, trinkt noch einen Schluck Krug und dreht sich wieder zum Fahrer.

»Wir müssten fast da sein, oder?«

»Comment?«, erwidert der Fahrer. Topher lächelt übertrieben geduldig und wiederholt seine Frage, diesmal langsamer.

»Fast. Da?«

»Presque«, erwidert der Fahrer unwirsch.

»Beinahe«, übersetze ich leise und bereue es sofort.

»Ich wusste gar nicht, dass du Französisch sprichst, Liz«, sagt Eva und dreht sich lächelnd zu mir. Sie sagt es, als würde sie mir ein Fleißkärtchen überreichen.

Es gibt so einiges, was du nicht über mich weißt, Eva, denke ich mir.

»Bloß bis zur zehnten Klasse. Nicht besonders gut«, murmele ich stattdessen.

»Du bist ein tiefes Wasser«, sagt Eva bewundernd. Sie will mir sicher schmeicheln, aber es klingt ein bisschen gönnerhaft, wenn man bedenkt, dass Englisch ihre zweite Sprache nach Niederländisch ist und sie außerdem fließend Deutsch und Italienisch spricht.

Bevor ich etwas sagen kann, kommt der Minibus mit quietschenden Reifen zum Stehen. Ich sehe mich um. Wo ist das Chalet? Ich entdecke nur eine dunkle Öffnung im verschneiten Hang und ein Schild mit der Aufschrift Le funiculaire de Saint-Antoine. Ein Skilift? Jetzt schon?

»Sollen wir von hier aus zu Fuß gehen oder wie?«, fragt Carl. »Ich hab meine verdammten Schneeschuhe nicht dabei!«

»Wir wohnen in Saint-Antoine-2000«, sagt Tophers Assistent. Im Flugzeug habe ich herausgefunden, dass er Inigo heißt. Er ist Amerikaner, blond und sieht extrem gut aus. Er sieht Carl an, meint aber uns alle. »Das hier ist Saint-Antoine-le-Lac, aber die umliegenden Weiler gehören auch dazu. Manche bestehen nur aus einigen Chalets. Das Chalet, in dem wir wohnen, befindet sich auf fast siebentausend Fuß – ich meine, zweitausend Metern«, fügt er eilig hinzu, als Eva eine Augenbraue hochzieht. »Es gibt keine Straße dorthin, daher müssen wir den letzten Teil der Reise mit der Standseilbahn zurücklegen.« Er deutet auf die dunkle Öffnung, und als sich meine Augen an die Lichtverhältnisse gewöhnt haben, entdecke ich ein Drehkreuz und einen gelangweilt aussehenden Mann in Uniform, der in einer Nische sitzt und mit seinem Handy spielt.

»Ich habe die Tickets«, sagt Inigo und hält sie in die Höhe.

Er verteilt sie, als wir aus dem Minibus steigen und uns im weichen Schnee wiederfinden. Einen Moment lang stehen wir einfach da und sehen nach oben. Meine Finger verkrampfen sich nervös in meinen Jackentaschen. Ich spüre eher, wie die Gelenke knacken, als dass ich es höre. Es ist erst sieben Minuten nach vier, aber die Schneewolken verdunkeln den Himmel. Wir nehmen jeder einen Koffer, der Fahrer bringt den Rest. Dann müssen wir eine unangenehme Wartezeit überbrücken, bis die Standseilbahn kommt. Sie ist nicht zu sehen, so hoch oben im Tunnel, aber man hört, wie das gewaltige Stahlkabel vibriert, als sie näherkommt.

»Mir geht’s gut.« Es klingt steif und spröde. Ich hasse mich dafür, kann aber nichts dagegen tun. So klinge ich immer, wenn ich nervös bin. Und Rik hat mich schon früher nervös gemacht. Es hat wohl mit seiner Größe zu tun. Ich habe generell Probleme mit Männern, vor allem mit großen Männern, die mich weit überragen. Aber es ist nicht nur das. Rik ist so … geschliffen. Viel geschliffener als Topher, obwohl beide aus derselben Welt kommen. Im wahrsten Sinne des Wortes. Er, Topher und Elliot kennen sich aus dem Internat. Anscheinend war Elliot schon immer ein Genie.

Ihre Welt unterscheidet sich grundlegend von der Campsbourne Secondary School in Crawley, die ich besucht habe. Für sie bin ich ein Wesen von einem anderen Stern. Sonderbar. Unbeholfen. Arbeiterklasse.

Ich lasse wieder die Fingergelenke knacken. Rik zuckt zusammen und lacht unbehaglich.

»Die gute alte Liz. Du machst es also immer noch?«

Ich antworte nicht. Er tritt von einem Fuß auf den anderen und rückt geistesabwesend seine silberne Rolex zurecht. Dann schaut er in Richtung Gleise, über die die unsichtbare Bahn auf uns zurumpelt.

»Wie geht es dir überhaupt?«, fragt er, und ich würde am liebsten die Augen verdrehen. Das hast du mich doch gerade schon gefragt, denke ich, sage aber nichts. Mit der Zeit habe ich

Rik wirft mir einen flüchtigen Blick zu, er wartet auf mein Danke, bestens, das die gesellschaftlichen Normen vorschreiben, und als es ausbleibt, vergräbt er die freie Hand in der Jackentasche und sieht richtig schön befremdet aus.

Gut. Soll er doch warten.