Snoop-ID: ANON101
Hört: offline
Snoopscriber: 1
»Du kannst dir nicht vorstellen, wie es für mich war, bei Snoop anzufangen«, sage ich. Es fällt mir leichter, Erin nicht anzusehen, also schaue ich wieder ins Feuer und erinnere mich an jenen ersten Tag: wie ich hereingekommen bin und sie alle gesehen habe, wie sie lässig fläzten, lachten, sich gegenseitig aufzogen, ungezwungen und geradezu gnadenlos cool wirkten. »Es war, als würde ich eine andere Welt betreten. Eine Welt aus dem Fernsehen, in der die Leute schlank und schön und witzig waren. Sie kamen mir vor wie eine andere Spezies, und ich wollte unbedingt so sein wie sie. In der Schule – in der Schule war es schrecklich. Ich kann es gar nicht beschreiben. Ich war anders als die Mädchen in meiner Klasse, und ich wusste, dass sie über mich lachten. Aber irgendwie hatte ich geglaubt, das echte Leben würde anders sein. Dass ich vielleicht nur ein hässliches Entlein wäre.«
Ich muss schlucken. Es kommt mir seltsam vor, all das auszusprechen – Geheimnisse zu enthüllen, die ich seit drei Jahren mit mir herumgetragen habe.
»Doch als ich bei Snoop anfing, begriff ich, dass das nicht stimmte – ich würde nicht über Nacht zum Schwan werden. Eva und Topher, sogar Elliot und Rik waren anders und besonders und schön vom Tag ihrer Geburt an. Ich nicht. Aus mir würde nie ein Schwan. Damit musste ich mich abfinden. Aber die Sache war die: Ich war gut in meinem Job. Richtig gut. Snoop lief bestens. Und mir lag viel daran – an ihnen. Als die Firma also Probleme hatte, kurz vor dem Launch Geld aufzutreiben, bot ich Topher und Eva das Geld an, das ich von meiner Großmutter geerbt hatte. Ich weiß noch, wie platt sie waren, als ich ihnen den Vorschlag machte.« Ich muss lachen, als mir Tophers Gesichtsausdruck einfällt – als hätte plötzlich sein Bürostuhl gesprochen und eine Lösung der Finanzprobleme angeboten. »Da haben sie wohl begriffen, dass sie mich unterschätzt hatten – dass das Mädchen, das den Kaffee brachte und Protokoll führte, tatsächlich ein menschliches Wesen war, das eine Gewinn-und-Verlust-Rechnung verstehen konnte und erkannt hat, dass die Firma in Schwierigkeiten steckte. Es war, als hätten sie mich zum ersten Mal wirklich gesehen. Eva bot mir an, mir die Summe mit einem guten Zinssatz zurückzuzahlen. Am Ende der Laufzeit hätte ich fast fünfzig Prozent mehr gehabt. Aber Topher nahm mich in seinem Büro beiseite und sagte, ich solle stattdessen Firmenanteile verlangen und nicht klein beigeben, bis ich sie hatte.
Ich wusste, es war riskant. Rik hatte es gründlich erklärt – ich würde mein Geld für lange Zeit nicht wiedersehen und könnte, sollte die Firma pleitegehen, alles verlieren. Aber Topher – du weißt ja, wie er sein kann. Er hat Charisma. Man fühlt sich, als gäbe es für ihn niemand anderen auf der Welt, als würde er sich um einen kümmern, als wäre das Geld bei ihm in den besten Händen. Also habe ich mich für die Anteile entschieden. Damals dachte ich, Topher sei einfach großzügig. Dass er nur mein Bestes wollte.« Ich starre in die Flammen, die sich hell in meine Netzhaut brennen, als könnten sie die Erinnerungen auslöschen, die ich schon so lange mit mir herumschleppe. »Damals wusste ich nicht, was ich heute weiß – dass er vorausgesehen hatte, wie sich die Dinge im Falle einer Meinungsverschiedenheit entwickeln könnten. Er hatte geglaubt, er könnte mich unter Druck setzen.«
Ich halte inne. Plötzlich fällt es mir unerwartet schwer, weiterzusprechen. Dabei tut es gut. Erin ist eine aufmerksame Zuhörerin, und es kommt mir vor, als würde ich einen Furunkel aufstechen – das ganze Gift herauslassen, das seit jenem Abend in mir schwärt. Aber es tut auch weh. Als ich schlucke, ist meine Kehle trocken. Da kommt mir ein Gedanke.
»Soll ich Tee machen?«, frage ich.
»Wie bitte?«, fragt Erin ungläubig. Ich kann es ihr nicht verdenken – die Frage klingt angesichts der Geschehnisse wohl etwas unpassend.
»Tee«, wiederhole ich. »Ich weiß nicht, wie es dir geht, aber ich habe wirklich Durst.«
»Tee?«, fragt Erin noch einmal, als spräche ich eine fremde Sprache, und lacht dann unsicher. »Tee … wäre toll. Genau das, was ich jetzt brauche.«
Wir stehen auf und humpeln gemeinsam in die Küche, wo ich zwei Becher aus dem Schrank nehme und Erin den Wasserkessel und ein Päckchen Teebeutel holt.
»Es ist leider keine Milch mehr da.« Sie hält den Kessel unter den Wasserhahn. »Die ist gestern schlecht geworden.«
Wir stehen beide da und warten, aber es tut sich nichts. Dann fällt es mir wieder ein. Auch Erin scheint es zu dämmern.
»Die Leitungen«, sagt sie überflüssigerweise. Ich nicke.
»Sollen wir Schnee holen?«
»Warum … nicht«, sagt Erin, doch ihr Zögern verrät mir, dass sie eigentlich nicht rausgehen möchte. Das kann ich gut verstehen. Ich möchte auch nicht nach draußen. Wenn eine von uns draußen ist, kann die andere sie aussperren und erfrieren lassen. Aber da sich der Schnee vor der Haustür türmt, geht es auch von drinnen.
»Wenn du die Haustür aufmachst«, sage ich, »und dich mit dem Kessel danebenstellst, kann ich etwas von der Schneewehe nehmen.«
Sie nickt, und ihr Gesichtsausdruck verrät mir, wie froh sie ist, dass ich den schwierigen Part übernehmen möchte. Der Schnee türmt sich so hoch, dass es ziemlich unwahrscheinlich ist, durch die Tür nach draußen gestoßen zu werden.
»Danke«, sagt Erin, und wir trotten gemeinsam in die Lobby, wo sie die verzogene Haustür aufschließt. Ich grabe mit einem Löffel im festgefrorenen Schnee, löse Bröckchen für Bröckchen und werfe sie in den Wasserkessel, den Erin mir hinhält. Am Ende zittern wir vor Kälte, aber der Kessel ist voll, und wir machen die Tür zu und gehen wieder ins Wohnzimmer, wo das Feuer lodert. Erin stellt den Kessel auf den Ofen, und wir wärmen uns die Hände vor der gläsernen Tür.
»Wo waren wir stehen geblieben?«, fragt sie, als der Kessel zu zischen beginnt. »Bei den Anteilen, oder?«
Ihre Worte katapultieren mich zurück in die Gegenwart. Ich taste nach dem leeren Packungsstreifen Schlaftabletten in meiner Tasche. Und denke an das, was ich tun muss.