Snoop-ID: ANON101
Hört: offline
Snoopscriber: 1
»Das war’s«, sage ich endlich. Ich halte den Becher lange an die Lippen und tue so, als würde ich gierig trinken.
Erin starrt mich an, aber ich kann ihren Gesichtsausdruck nicht deuten. Sie wirkt entsetzt – aber es könnte auch mitfühlendes Entsetzen sein angesichts all dessen, was ich durchgemacht habe. Glaubt sie mir? Ich werde nicht ganz schlau aus ihr.
Willst du deinen Tee nicht trinken?, würde ich am liebsten fragen, aber das würde zu verdächtig klingen. Stattdessen setze ich den Becher wieder an die Lippen und hoffe, damit eine subtile Botschaft zu senden. Zu meiner Freude funktioniert es. Erin greift nach ihrem Becher. Ich sehe, wie ihre Halsmuskeln sich bewegen, als sie schluckt.
»Dir blieb also keine Wahl«, sagt sie zaghaft, und ich bemühe mich um einen angemessenen Gesichtsausdruck. So eine Art schmerzlicher Reue. Und das ist gar nicht einmal gelogen – ich bereue vieles. Vor allem das, was an jenem Abend geschehen ist.
»Ich habe das alles nicht gewollt. Es fühlt sich an, als hätte mich etwas Grauenhaftes erfasst und einfach mitgerissen.«
Erin schüttelt den Kopf, aber nicht zweifelnd, eher als würde sie das verdammen, was uns hierhergeführt hat. Sie starrt in ihren Becher. Ich kann ihren Gesichtsausdruck nicht genau erkennen. Das nervt mich, aber dann trinkt sie noch einen Schluck Tee, und ich entspanne mich allmählich.
Ich setze erneut den Becher an die Lippen, damit sie nicht misstrauisch wird, achte aber darauf, nichts von der Flüssigkeit zu schlucken.
»Ich bin dahintergekommen, wie du es angestellt hast«, sagt Erin, stellt den Becher auf ihre Knie und umschließt ihn mit den Händen. Er ist halb leer, und ich fasse Zuversicht. »Das war sehr clever. Du hattest eine Skijacke dabei, die wie Evas aussah. Du hast oben an der Gondelbahn gewartet –«
Sie zögert, und ich weiß auch, warum. Sie will nicht aussprechen, was ich getan habe, als würde sie mich damit kränken. Aber es ist in Ordnung. Ich muss mit dem leben, was passiert ist. Es hat keinen Sinn, der Wahrheit auszuweichen.
Ich habe an der Gondelbahn gewartet, als Eva ausstieg, gleich neben der Absperrung, an der ich zuvor angeblich die Kontrolle verloren hatte und um ein Haar über die Kante gestürzt war. Natürlich war das nur ein Trick gewesen, damit ich mir die Stelle genauer ansehen konnte. Ich musste wissen, ob sie wirklich so nah an der Piste war, wie ich es in Erinnerung hatte, und ob die Absperrung seit meinem letzten Aufenthalt vor zwei Jahren erhöht worden war.
Alles beim Alten. Perfekt.
Ich bin nämlich eine ausgezeichnete Skifahrerin. Aber Topher, Rik und die anderen wollten nur zu gern glauben, dass ein Mädchen von der Secondary School in Crawley das eine Ende des Skistocks nicht vom anderen unterscheiden kann. Hätten sie sich die Mühe gemacht, mich danach zu fragen, hätten sie gewusst, dass ich seit meiner ersten Klassenfahrt mit fünfzehn Jahren für mein Leben gern Ski fahre. Ich hatte noch nie zuvor auf einer Piste gestanden, weiß aber noch, wie meine Lehrerin bewundernd rief: »Liz, du bist ein Naturtalent!«
Und das stimmte. Ich bin eigentlich nicht besonders sportlich. Alles, was mit Mannschaftssport oder Lauftraining zu tun hat, liegt mir nicht. Ich mochte es nicht, wenn ich rot anlief, schwitzte nicht gern und konnte es nicht leiden, wenn unter meinem feuchten T-Shirt alles hüpfte und wackelte. Ich hasste es, wenn mir die anderen Mädchen zuriefen, ihnen den Ball zuzuspielen, und dann die Augen verdrehten. In solchen Momenten wäre ich am liebsten weggelaufen und hätte mich irgendwo versteckt.
Aber Ski fahren war anders. Ski fahren ist Einzelsport – und hat mit Strategie zu tun. Man muss schnell reagieren, in Sekundenbruchteilen Entscheidungen treffen, die einem das Leben retten oder einen mit hundert Stundenkilometern über eine Felskante katapultieren können.
Ich liebte es vom ersten Moment an.
In der letzten Klasse und während meines Studiums sparte ich mir Skiurlaube zusammen. Ich buchte die günstigsten Reisen, die ich finden konnte: mit dem Bus nach Bulgarien, Aufenthalt in einem Betonkasten aus der Sowjetzeit; mit Ryanair nach Rumänien in ein Airbnb, in dem die Heizungsluft nach Schinken roch. Aber es war alle Mühen wert. Es machte das Knausern und Sparen wett und die langen Nächte, in denen ich zusammengekrümmt auf den billigsten Plätzen in einem Bus über deutsche Autobahnen durch die Nacht fuhr.
Während ich bei Snoop war, wurde eine Incentive-Skireise organisiert, mit der sie Investoren locken wollten. Natürlich wurde ich nicht eingeladen. Aber seit ich bei Snoop gekündigt habe und mein Geld woanders verdiene, bin ich jedes Jahr ein- oder zweimal in die Alpen gefahren und eine sehr, sehr gute Skifahrerin geworden. Nicht ganz so gut wie Eva, die schon als Kleinkind jedes Jahr im Wintersport war. Aber fast so gut. Und ich war zweimal in Saint-Antoine und kenne La Sorcière wirklich recht gut.
Als sie aus der Gondelbahn stieg, war ich schon an der Absperrung. Ich tat, als hätte ich Probleme, rief ihr etwas zu, und als Eva zu mir herüberkam, wartete ich, bis sie sich vorbeugte, um meine Bindung zu begutachten. Dann versetzte ich ihr einen so heftigen Stoß, dass sie rückwärts über die niedrige Absperrung stürzte.
Sie verfing sich mit den Kniekehlen in der Absperrung und fiel dann in den tiefen, unberührten Schnee, unmittelbar am Abgrund. Sie strampelte mit den Beinen. Einen Moment lang fürchtete ich, es hätte nicht funktioniert, sie würde gleich von dem schmalen Schneesims zur Absperrung kriechen und mich fragen, was zum Teufel ich mir dabei gedacht hatte.
Dann aber gab es ein kaum hörbares Geräusch – wie ein Seufzer. Der Schneesims geriet in Bewegung und neigte sich, ein Riss tat sich auf. Einen Moment lang sah mich Eva schreckensstarr an, sie streckte die Arme aus, als sollte ich sie retten – dann brach der Sims ab, und sie war verschwunden.
Ich wartete kurz, öffnete dann den Overall und zog die knallrote Skijacke aus, die ich darunter trug. Ich streifte sie über meinen dunkelblauen Skianzug, wickelte mir den Schal ums Gesicht und setzte die Brille auf. Dann machte ich mich bereit zur Abfahrt und fuhr La Sorcière hinunter.
Es wäre gelogen, zu sagen, es sei nicht schwierig gewesen. Die zahllosen Biegungen, die vielen steilen Passagen, die Haarnadelkurven, bei denen mir beinahe das Herz stehen blieb, die nahezu senkrechten Eisflächen, die ich mich einfach nur so kontrolliert wie möglich hinunterstürzen konnte. Hätte ich die Piste nicht so gut gekannt, wäre ich wohl ums Leben gekommen. Aber ich bin niemals besser Ski gefahren.
Auf halber Strecke blieb ich stehen, um zu verschnaufen und zu warten, dass sich das Zittern in meinen Beinen legte. Da bemerkte ich Carl und Ani, die hoch über mir in der Gondel schwebten. Ich schaute nach oben, wohl wissend, dass ich unter der Brille und der Mütze verborgen war und niemand ahnen konnte, wer wirklich in der auffälligen knallroten Jacke steckte. Ich winkte mit meinem Skistock und verschaffte mir damit ein Alibi. Ani sah mich und winkte zurück.
Leider hatte ich Pech, denn sie sah noch etwas anderes: die leeren Gondeln, die ins Tal fuhren. Und in einer davon hätte ich sitzen müssen.
Genau das hatte Ani begriffen, als sie an jenem Abend vor meiner Zimmertür erschienen war. Sie hatte eins und eins zusammengezählt, und ihre Verwunderung war in Entsetzen umgeschlagen, worauf sie sich schnell verdrückt hatte. Urplötzlich wollte sie nicht mehr mit mir sprechen. Sie wollte in Ruhe überlegen, was zu tun war. Da ich ihr schlecht die Hand über den Mund legen und sie in mein Zimmer zerren konnte, blieb mir nichts anderes übrig, als sie gehen zu lassen.
Dann war klar, was ich zu tun hatte. Ich dankte dem Himmel für Tigers Schlafprobleme und meinen Instinkt, der mich dazu gebracht hatte, den Generalschlüssel einzustecken, als Danny vergessen hatte, ihn abzuziehen.
Aber war es wirklich Glück? Ich bin nämlich kein Mensch, der Glück hat. Sicher, das mit Tiger kam mir entgegen – aber vieles hatte sich auch gegen mich gewendet. Und der Generalschlüssel – das war kein Glück. Das hatte ich allein mir zu verdanken. Der sekundenschnellen Entscheidung, die zunächst meine Haut zu retten schien.
Denn die Sache ist die: Ich mag zwar kein Glück haben, aber ich bin reaktionsschnell. Darum fahre ich auch so gerne Ski. Es sind ebendiese Fähigkeiten, diese unverhofften Wendungen, diese Spannung, die mein Herz schneller schlagen lassen. Dasselbe Ziehen im Magen wie in den Momenten, in denen man begreift, dass man einen dummen Fehler begangen hat, gefolgt von dem erhebenden Gefühl der Erregung, wenn man einen Weg gefunden hat, um sich aus der Klemme zu manövrieren.
Die Sache mit Ani tat mir trotzdem leid. Anders als bei Elliot. Elliot hat verdient, was ihm widerfahren ist. Was musste er auch herumschnüffeln? Das war seine Entscheidung. Ani hingegen hatte gar nichts entschieden. Sie war genau wie ich zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen. Und das ist tragisch. Aber nicht meine Schuld. Das darf ich nicht vergessen. Nichts davon ist meine Schuld.
»W-was hast du gesagt?«, fragt Erin, und mir wird klar, dass ich vor mich hin gemurmelt haben muss. Ich will gerade antworten, als mir etwas an ihr auffällt. Sie wirkt beinahe … betrunken. Droht zur Seite zu kippen.
»Nichts weiter. Bist du müde?« Ich will nicht zu hoffnungsvoll klingen. Sie nickt.
»Ja, ich fühle –« Ihre Stimme klingt verwaschen, und als sie blinzelt, scheinen sich ihre Gesichtsmuskeln nur in Zeitlupe zu bewegen. »Ich fühle mich richtig k-komisch.«
»Du bist nur erschöpft«, sage ich. Es soll beruhigend klingen, doch mein Herz schlägt vor Aufregung schneller. Ich stelle meinen nicht angerührten Tee auf den Tisch, wische mir den Mund ab und spähe in Erins Becher. Er ist so gut wie leer. »Willst du dich nicht hinlegen?«
»Ich fühle mich so komisch …«, sagt sie wieder, dann nichts mehr. Ich helfe ihr, sich hinzulegen. Ihr Körper ist schwer. Wie viele Tabletten mag sie intus haben? Drei oder vier vielleicht? Ich hatte alle acht in den Wasserkessel geworfen und gehofft, dass sie sich im kochenden Wasser auflösen würden. Ich habe keine Ahnung, ob Hitze den Substanzen schadet, aber mir war klar, dass Erin genau beobachten würde, was ich mit ihrem Becher anstelle. Ich hatte recht behalten – sie hatte mich nicht aus den Augen gelassen, als ich den Teebeutel hineingetan und das Wasser darübergegossen hatte.
Der Wasserkessel war meine einzige Chance – ich hatte die Tabletten nacheinander hineingeworfen, während ich ihn mit Schnee gefüllt hatte, und mich darauf verlassen, dass der Schnee die weißen Tabletten tarnte und den ungewohnten Geschmack von Tee ohne Milch erklären würde. Es sieht aus als hätte es tatsächlich funktioniert. Erin hat den ganzen Becher getrunken. Elliot hat fünf zerdrückte Tabletten im Kaffee gehabt, und sie haben ihn umgebracht. Erin ist kleiner und leichter und hat die Hälfte des Wassers getrunken, also etwa vier Tabletten. Das müsste reichen, vorausgesetzt, die Hitze hat die Wirkstoffe nicht zerstört. Ich muss mich vergewissern, kann mich nicht darauf verlassen, dass sie nichts mehr sagt. Doch zuerst muss ich noch etwas anderes erledigen. Und zwar dringend.
Ich werfe einen Seitenblick auf Erin, die ausgestreckt auf dem Sofa liegt. Speichel rinnt ihr aus dem Mundwinkel. Ich gehe nach oben. Elliots Zimmertür ist nicht abgeschlossen. Ich nehme das Handy, entsperre es mit Elliots Daumen und rufe die SMS auf. Lese noch einmal Erins Nachricht an Danny. SOS, schick Hilfe. ES IST LIZ.
Seine Antwort: Bist du das, Erin?
Der Abgrund klafft vor mir – und ich weiche ihm geschickt aus.
Nein, tippe ich. Du hast mich falsch verstanden – hier ist LIZ. Erin hat alles gestanden – und will sich umbringen. KOMM BITTE SOFORT.
Dann drücke ich auf Senden.