Snoop-ID: LITTLEMY

Hört: offline

Snoopscriber: 10

Ich liege still und horche, als Liz in meinen Becher späht und sich schwer atmend über mich beugt. Sie scheint eine Entscheidung getroffen zu haben, denn sie schleicht in die Lobby. Die Stufen knarren, als sie die Treppe hinaufsteigt.

Ich liege still, solange ich es aushalte, und setze mich dann auf. Ich zucke zusammen, als Stoff raschelt und die Sofafedern quietschen.

Ein Ärmel und ein Hosenbein sind vom Tee durchweicht – Gott sei Dank hat Liz die Feuchtigkeit nicht bemerkt, die sich allmählich auf dem Sofa ausbreitet, sondern sich auf den leeren Becher konzentriert.

Die Tabletten waren im Wasserkessel. Das hatte ich schon beim ersten Schluck vermutet – der Tee schmeckte seltsam beißend, irgendwie chemisch, und da war auch eine leichte Süße, die wohl vom Zuckerüberzug stammte. Und als ich sah, dass Liz ihre Tasse an die Lippen führte, aber nur so tat, als würde sie trinken, war ich mir sicher. Ich wusste, was ich zu tun hatte. Also hatte ich ebenfalls getan, als würde ich trinken – und den Tee im Schutz der Dunkelheit über meinen Arm und das Sofa gekippt, wann immer sie nicht zu mir herübersah.

Ich hatte keine Ahnung, wie lange es dauern würde, bis die Tabletten wirkten – Liz aber hoffentlich auch nicht. Zehn Minuten? Fünfzehn? Jedenfalls kaufte sie mir die Vorstellung ab,

Jetzt hängt alles davon ab, ob sie meint, mir eine tödliche Dosis verpasst zu haben. Dann bliebe mir ein gewisses Zeitfenster – zumindest bis sie zurückkommt und feststellt, dass ich noch atme. Falls sie mich nur für eine Weile ausschalten wollte, wird sie mir sicher bald den Rest geben wollen. Mir ein Kissen auf den Kopf drücken wie Ani oder einen Schlag versetzen, den sie dann als Treppensturz tarnt.

Egal, ich will es nicht darauf ankommen lassen. Ich muss hier weg, je schneller, desto besser.

Ich halte die Luft an, horche auf Geräusche von oben und humpele so schnell und so leise wie möglich durch die Lobby zum Skiraum. Meine eigene Skikleidung ist in meinem Zimmer, ich kann es nicht riskieren, sie zu holen. Meine Schuhe und Skier bewahre ich hier unten auf, und ich werde schon genügend Kleidung finden, um mich draußen einigermaßen warm zu halten. Es dürfte allerdings nicht reichen, um eine Nacht im Freien zu überstehen, und laufen kann ich mit dem Knöchel nicht. Ich muss aber nach Saint-Antoine hinunter. Bloß wie? Auf Skiern hinunterzufahren ist die einzige Möglichkeit, und ich hoffe, dass der Skischuh meinen Knöchel ausreichend stützen wird.

Die Tür öffnet sich mit einem leisen Klicken, und ich schließe sie unendlich behutsam hinter mir. Mein Herz pocht heftig. Hier drinnen ist es dunkel, das Mondlicht dringt nur schwach durchs Fenster, das fast vollständig vom Schnee verdeckt ist. Aber meine Augen haben sich in der Zwischenzeit an die Dunkelheit gewöhnt, und ich erkenne die Umrisse von Skijacken und -hosen, die an Haken hängen. Die Skischuhe stecken auf den Trocknern. Hastig schnappe ich mir eine Latzhose und

Als ich mich in eine Skijacke zwänge – der Größe nach könnte es Elliots gewesen sein –, erinnere ich mich an das Selbstmitleid in Liz’ Stimme. Ich hätte es ihr beinahe abgekauft. Ich weiß nicht, was wirklich auf jenem Balkon geschehen ist, fand diesen Teil der Geschichte jedoch glaubhaft – die verängstigte junge Frau, der Stoß aus Verzweiflung. Glaubhaft auch, dass sie sich von Eva in die Enge getrieben gefühlt und aus purer Angst reagiert hatte.

Aber Elliot – nein. Und vor allem nicht Ani. Die arme kleine Ani, im Schlaf getötet, nur weil sie etwas gesehen hatte, das Liz belastete.

Was auch immer Liz über Eva, den Manager und vielleicht auch Elliot denken mochte – vor allem Ani hatte das nicht verdient. Unmöglich.

Man musste schon ein Ungeheuer sein, um Ani zu töten.

Ich sehe ihr Gesicht vor mir, als ich klamme Skisocken anziehe und nach Handschuhen suche.

Anis Gesicht mit den scharlachroten Punkten, die Liz’ Darstellung widerlegen.

Denn Liz behauptet, sie habe nicht gewollt, dass Ani stirbt – aber das stimmt nicht. Ani muss sich gewehrt haben. Sie hat um jeden Atemzug gekämpft, so heftig, dass Blutgefäße in ihrer Haut geplatzt sind.

Und Liz drückte ihr das Kissen aufs Gesicht, eine lange, lange Zeit.

Ich denke an Ani, als ich den Skischuh so weit wie möglich aufbiege. Und ich denke an Ani, als ich den Fuß hineinschiebe und die Zähne zusammenbeiße, weil ein greller Schmerz meinen Knöchel durchzuckt.

Mein Atem dringt wimmernd zwischen meinen Zähnen hervor, kleine Schluchzer, die ich nicht unterdrücken kann, obwohl ich doch leise sein muss. Es knackt, als ich meinen Fuß in den Schuh zwinge, das harte Plastik drückt gegen das geschwollene Fleisch. Aber ich muss es tun. Ich muss.

Ani. Ani. Ani.

Dann rutscht mein Fuß hinein. Ich schwitze und zittere vor Schmerz, kalter Schweiß steht auf meiner Oberlippe. Aber der Fuß ist drin. Und als ich aufstehe, tut es wie durch ein Wunder weniger weh als erwartet. Das Gewicht ruht mehr auf dem Schienbein als auf dem Knöchel. Ich schließe die Schnallen so fest wie möglich und bete, dass der Schuh das Gelenk stabil hält, bis ich unten im Tal bin. Falls der Knöchel gebrochen ist, kann ich womöglich nie wieder richtig laufen – aber besser lahm als tot.

Hastig schiebe ich den anderen Fuß in den Schuh und schließe ihn.

Ein Geräusch auf der Treppe.

Mir bleibt fast das Herz stehen. Liz kommt die Wendeltreppe herunter.

Einen Moment lang bin ich wie erstarrt. Ich habe alles, was ich brauche – aber schaffe ich es durch den Hinterausgang? Die Tür führt zum Swimmingpool und dürfte von der Lawine verschüttet sein.

Sie geht nach innen auf. Das glaube ich zumindest. Ich

Da bemerke ich das kleine Fenster über den Schränken. Es ist zwar breit genug, aber nur gut dreißig Zentimeter hoch, Rahmen und Scharniere eingerechnet. Doch es könnte die bessere Wahl sein.

Ich klettere auf die Holzbank, zucke bei jedem Geräusch zusammen, beuge mich über die Schränke und öffne das Fenster. Eisig kalte Luft trifft mein Gesicht, aber die Öffnung ist frei. Der Wind hat nur losen Schnee dagegengeweht. Die Schneewehe direkt darunter reicht fast bis zum Fenster und wird meinen Sturz abfedern.

Ich schiebe nacheinander meine Skier hinaus, sie plumpsen mit einem weichen Laut in den Schnee. Dann die Stöcke. Ich ziehe die Handschuhe an und nehme auf gut Glück einen Helm aus dem Regal. Zum Glück passt er, zum Rumprobieren bleibt keine Zeit. Ich klettere auf die Schränke und lege mich der Länge nach hin. Sie schwanken bedenklich – aber nur kurz.

Mir ist ganz schlecht vor Nervosität. Irgendwo im Chalet höre ich einen überraschten Aufschrei – dann ruft jemand: »Erin? Wo bist du, Erin?«

Liz hat entdeckt, dass ich verschwunden bin.

Zuerst schiebe ich die Beine nach draußen. Ich habe Angst, auf den verletzten Knöchel zu fallen, aber mit dem Gesicht voran im Schnee zu landen, ist auch nicht sonderlich reizvoll. Sicher, ich trage einen Helm, aber ich könnte mir trotzdem den Hals brechen oder senkrecht in der Schneewehe landen und ersticken. Mit den Füßen zuerst ist es einfach sicherer.

Dann geht die Tür auf.

Zuerst sehe ich nichts, weil sie mir mit Elliots Handy ins Gesicht leuchtet. Dann erkenne ich eine Gestalt in der Türöffnung. Sie stürzt mit einem zornigen, beinahe animalischen Knurren auf mich zu.

Sie greift mit beiden Händen nach meinem Arm, will zupacken, doch ihre Nägel rutschen an dem glatten Stoff ab, finden keinen Halt. Ich zwinge meinen Hintern durch den schmalen Spalt, den Rest besorgt mein Körpergewicht – bis ich ruckartig steckenbleibe.

Für den Bruchteil einer Sekunde begreife ich nicht, was passiert ist. Hat Liz das Fenster zugemacht? Nach meinem Helm gegriffen? Dann wird es mir klar.

Mist. Der Helm passt nicht durch.

Ich hänge am Hals aus dem Fenster und muss würgen, der Kinnriemen schneidet ein, ich zappele wie ein Fisch an der Angel. Ich taste verzweifelt nach meinem Hals, will den Riemen lösen. Ich strampele wild mit den Füßen, suche Halt im weichen Schnee, damit ich den Druck von meiner Kehle nehmen kann.

Mein Fuß findet etwas, es rutscht weg, dann ist es wieder da, nur eine Sekunde – doch es reicht, um den Riemen zu lösen.

Ich falle keuchend und würgend in einen weichen Schneehaufen. Unter mir ist etwas Hartes, es tut weh beim Aufprall, das müssen die Skier und die Stöcke sein.

Mir bleibt keine Zeit, um mich auszuruhen.

Liz reißt wütend am Helm, der im Fenster feststeckt, damit sie mir nachkommen kann. Ich hätte erwartet, dass sie tobt

Ich komme auf die Beine, versinke im Schnee, benutze die Skier als Krücken, als ich von der Schneewehe auf die feste Schneedecke taumele.

Ich mache eine kurze Bestandsaufnahme. Handschuhe – ja. Skier – ja, beide. Und die Stöcke.

Der Schal – weg. Den habe ich wohl mit dem Helm zusammen ausgezogen. Und natürlich keine Mütze. Normalerweise reicht der Helm, aber die Mütze wird mir fehlen, wenn der kalte Wind mir erst ins Gesicht peitscht. Egal, das lässt sich jetzt nicht ändern. Ich kann nicht zurück. Ich muss es irgendwie nach Saint-Antoine schaffen.

Ich habe auch keinen Lawinenrucksack.

Scheiße. Scheiße. Wo muss ich lang?

Langsam und unter Schmerzen schleppe ich mich und meine Skier ums Chalet und orientiere mich.

Die lange blaue Piste nach Saint-Antoine ist völlig zerstört, anders kann man es nicht sagen. Wie das obere Teilstück aussieht, weiß ich schon, seit Danny und ich bei der Seilbahnstation waren. Die Lawine hat alles Mögliche auf die Piste geschoben – gewaltige Felsblöcke, die Masten der Seilbahn, Baumstämme. Sie ist nicht nur nicht mit Skiern befahrbar, sondern völlig unpassierbar. Und der Weg durch den Wald, der zur grünen Piste führt, ist ebenfalls blockiert – das kleine Wäldchen hat die volle Wucht der Lawine abbekommen, die Bäume sind zerdrückt und wie vom Erdboden verschluckt, begraben unter Hunderten Tonnen Schnee.

Aber es gibt noch einen anderen Weg.

Das Geheime Tal dürfte passierbar sein. Wenn ich überhaupt bis dorthin komme. Es hat genügend geschneit, um die ärgsten Felsspitzen zu bedecken, und es liegt abseits des Weges, den die Lawine genommen hat.

Andererseits ist es keine Abfahrt, sondern eher eine Art Hindernisparcours – ein gewundener Slalom um Felsblöcke und Baumstämme, der schon tagsüber schwer zu bewältigen ist, geschweige denn bei Mondlicht. Außerdem besteht die Gefahr kleiner Lawinen – der Schnee türmt sich auf den Kanten der Felswände, bricht ohne Vorwarnung ab und begräbt den Skifahrer unter sich.

Das ist aber noch nicht das Schlimmste. Das Schlimmste, das mich zögern lässt, ist die Tatsache, dass es keinen Ausweg aus der Klamm gibt. Die Felswände werden höher und höher, weder Hubschrauber noch Rettungsschlitten können dorthin gelangen, sollte einem etwas zustoßen. Man muss einfach immer

Es ist die beste Chance, die ich habe. Liz kennt den Weg vermutlich nicht. Man findet ihn nur, wenn einem jemand verrät, wo der Zugang ist.

Es ist zugleich mein schlimmster Albtraum.

Aber mir bleibt keine Wahl.

Ich halte die Skier wie Krücken und bewege mich langsam in Richtung des Geheimen Tals.