Snoop-ID: ANON101
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Erin ist weg.
Fast hätte ich es nicht bemerkt. Als ich ins Wohnzimmer zurückkehre, komme ich gar nicht auf den Gedanken, nachzusehen. Bis ich zufällig den Kopf wende und entdecke, dass sie nicht mehr auf dem Sofa liegt.
Einen Moment lang stehe ich nur da, zu verwirrt, um mir Sorgen zu machen. Ist sie aufgewacht? Zur Toilette gestolpert?
»Erin?«, rufe ich. Ich gehe zurück in die Lobby. Schaue mich im dunklen Raum um, leuchte mit der Taschenlampe die Treppe hinauf und in die Küche. »Wo bist du, Erin?«
Weit kann sie nicht gekommen sein. Die Menge Tabletten, die sie geschluckt hat, reicht aus, um sie tagelang außer Gefecht zu setzen.
Dann aber bemerke ich den dunklen Fleck auf dem Sofa, berühre ihn und rieche an meinen Fingern. Tee. Da wird mir alles klar. Sie hat überhaupt nichts getrunken.
Ich fluche selten, aber als ich begreife, wie sie mich ausgetrickst hat, kann ich nicht anders.
Ich renne los. Zuerst zur Haustür, doch der Schnee draußen ist unberührt. Auf diesem Weg hat Erin das Chalet jedenfalls nicht verlassen.
In die Küche – da ist sie auch nicht.
Ich bin schon auf dem Weg nach oben, um in den Zimmern nachzusehen, als ich ein Geräusch höre. Es ist sehr leise und kommt aus dem hinteren Bereich des Hauses.
Ich gehe in die Lobby und öffne die Tür zum Skiraum. Meine Augen müssen sich erst an die Dunkelheit gewöhnen, doch dann bemerke ich etwas – oder jemanden – am anderen Ende des Raums. Erin ist auf die Schränke geklettert und fast schon zum Fenster hinaus.
Ich stürze los und klettere auf die Bank, die sie unter das Fenster geschoben hat, ohne auf den Schmerz in meinem Knie zu achten. Dann packe ich ihren Helm, der durchs Fenster zu verschwinden droht.
Er passt nicht durch die Öffnung. Erin steckt fest. Aus ihrer Kehle dringt ein grauenhaftes Keuchen, sie strampelt verzweifelt, um sich zu befreien und im Schnee einen Halt zu finden.
Bevor ich mir meinen nächsten Schritt überlegen kann, spüre ich einen Ruck, und das Gewicht löst sich vom Helm. Entweder ist der Riemen gerissen oder sie hat es geschafft, ihn zu öffnen. Ich höre, wie sie einen Augenblick lang japsend im Schnee liegen bleibt. Dann rappelt sie sich auf, nimmt ihre Skier und humpelt zur Vorderseite des Chalets, von wo man zur Standseilbahn gelangt.
Ich muss ihr unbedingt hinterher, doch der Helm steckt im Fensterrahmen fest. Ich zerre minutenlang vergeblich daran herum, bis ich erkenne, dass es sinnlos ist. Erin hat Skier und Stöcke mitgenommen und will zweifellos nach Saint-Antoine hinunterfahren. Ich muss sie aufhalten.
Dafür brauche ich meine Skier.
Ich lasse vom Helm ab und schaue mich um. Den Skianzug habe ich schon an. Jetzt noch Schuhe, Skier und Handschuhe. Und zwar schnell, bevor Erin entkommt.
Zwei Dinge beruhigen mich – der Schnee ist weich, sie kann ihre Spuren nicht verwischen. Ich werde also genau sehen, welchen Weg sie genommen hat.
Außerdem werde ich auf den Skiern schneller unterwegs sein als sie. Mein Knie schmerzt nicht mehr sehr, während sich der Zustand ihres Knöchels stetig verschlimmert hat. Ich habe ja gesehen, wie sie mit dem Kessel aus der Küche gehumpelt ist. Sie konnte den Fuß überhaupt nicht belasten. Ich bin mir ziemlich sicher, dass etwas gebrochen ist – und mit einem gebrochenen Knöchel kann sie unmöglich draufgängerisch Ski fahren. Sie muss es langsam und vorsichtig angehen und erst einmal die Hindernisse am Anfang der blauen Piste meistern. Ich kann mir vorstellen, wie es nach der Lawine dort aussieht – ein Haufen Geröll. Erin wird eine Weile brauchen, um da durchzukommen, selbst wenn es weiter unten besser wird. Ich kann sie einholen. Aber ich muss schnell sein.
Meine Entscheidung ist gefallen. Ich ramme die Füße in die Skischuhe, schnappe mir Skier und Stöcke vom Gestell. Meine Handschuhe stecken in einer Tasche des Overalls. Aber mein Helm – wo ist mein Helm? Er liegt nicht im Schrank, und dann wird mir klar: Erin hat ihn genommen, er steckt im Fensterrahmen fest.
Ich versuche noch einmal, ihn herauszuziehen, aber es ist zwecklos. Ich suche nach einer Alternative, begreife dann aber, dass ich kostbare Zeit verschwende. Wenn Erins Vorsprung zu groß wird, kann ich sie nicht einholen, Knöchel hin oder her.
Ich stopfe Elliots Handy in die Tasche, lege mir die Skier über die Schulter und gehe klackend durch den Flur in die Lobby. Ich öffne die Haustür und quetsche mich in die Nacht hinaus.
Es ist unglaublich kalt. So ungemütlich es im Chalet inzwischen auch sein mag, es hat uns doch ziemlich gut vor der Witterung geschützt.
Ich schätze die Außentemperatur auf minus zwanzig Grad, vielleicht noch etwas darunter. Der Himmel ist klar, und der Mond hat einen seltsamen Hof, der nur bei extremer Kälte auftritt.
Ich zittere trotz des dicken Skianzugs, lasse die Schuhe in die Bindungen einrasten, richte mich auf und suche Erins Spuren.
Da sind sie – tiefe Einkerbungen im Schnee, die sich dunkel auf dem mondbeschienenen Weiß abzeichnen.
Aber sie führen nicht hoch zu der zerstörten blauen Piste. Sondern zum Wald.