Snoop-ID: LITTLEMY
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O Gott. Ich hatte das erste Teilstück vergessen. Ein gewaltiger Wall aus dickem, weichem Schnee, von Bäumen gesäumt, mit Felsblöcken übersät. Er verjüngt sich zu einem abschüssigen Weg, kaum breiter als ein Meter. Den ersten Schritt zu machen ist, als würde man von einer Klippe springen und darauf vertrauen, dass der Schnee einen trägt.
Mit zwei gesunden Beinen wäre das kein Problem – ich würde nicht elegant aussehen, es aber irgendwie schaffen. Ich bin früher oft genug abseits der Piste gefahren, um auf meine Technik vertrauen zu können. Ich weiß, wie ich mit dem Gleitwiderstand des Tiefschnees umgehen muss, wie ich die schwierigen Kurven zu nehmen habe, wie ich es vermeide, in Schneewehen zu stürzen, und mein Tempo halten kann.
Theoretisch weiß ich das alles. Nur bin ich seit über drei Jahren nicht mehr abseits der Piste gefahren und schon gar nicht mit einem gebrochenen Knöchel.
Das Herz schlägt mir bis zum Hals. Liz dürfte meine Spuren im Schnee entdeckt haben. Sie wird mir folgen. Ich muss das hier durchziehen.
Das Bein, das talwärts ausgerichtet ist, muss das meiste Gewicht tragen. Ich lasse die Skischuhe in die Bindungen einrasten und drehe mich so, dass mein gesunder Knöchel talwärts steht. Dann stoße ich mich mit einem flauen Gefühl im Magen ab.
Anfangs läuft es gut. Ich fahre seitwärts durch den frischen, lockeren Schnee. Es ist, als würde ich mit einer Daunendecke um die Beine schwimmen. Aber ich bewege mich dabei schnell auf die Bäume zu. Ich muss eine Kurve fahren – und dabei mein verletztes Bein belasten.
Ich bringe einen unbeholfenen Parallelschwung zustande, habe aber ganz vergessen, wie anstrengend es ist, durch Tiefschnee zu fahren. Er zieht an meinen Skiern, wirft mich beinahe um, doch das eigentliche Problem ist der Aufprall, als ich nach der Kurve auf dem verletzten Bein lande. Der Schmerz geht mir durch und durch, und ich fahre schnellstmöglich noch eine Kurve, um das gesunde Bein wieder talwärts auszurichten.
Aber es hat keinen Sinn – ich muss erneut in die Kurve gehen, um einem Baum auszuweichen, der unvermittelt aus der Dunkelheit auftaucht. Der andere Ski verfängt sich dabei in einer Schneewehe und verdreht mir so brutal den Knöchel, dass ich aufschreie. Der Schrei hallt als Echo von den steilen Wänden wider. Ich lande mit Wucht auf dem verletzten Fuß, wedele wie wild mit einem Skistock, um das Gleichgewicht zu halten, und dann – ich weiß nicht, was dann passiert. Ich weiß nur, dass mein Bein nachgibt und der Skistock versinkt und ich in den weichen Schnee stürze, die Arme um den Kopf schlinge, um mich zu schützen, falls ich auf einen der halb zugeschneiten Felsbrocken fallen sollte, die hier überall liegen.
Ich verliere einen Ski, die Stöcke zerren an meinen Handgelenken, ich komme halb auf die Beine, dann falle ich, Kopf voran, rutsche auf dem Hintern weiter, überschlage mich und pralle gegen einen Felsen.
Einen Augenblick lang liege ich nur keuchend da, ringe nach Luft, unterdrücke einen Schmerzensschrei. Aber ich muss mich bewegen.
Meine Wirbelsäule knirscht wie zerbrochenes Glas, als ich mich aufsetze, und mir ist schlecht vor Schmerzen, die von meinem Knöchel ausstrahlen – aber ich kann klar und deutlich sehen. Ich habe keine Gehirnerschütterung, glaube ich jedenfalls. Und als ich mich auf die Knie rapple, ist der Schmerz in meinem Bein zwar heftig, aber erträglich. Halbwegs.
Ich ziehe mich an einem Skistock auf die Füße und ruhe kurz aus, japsend, zitternd vor Schock und Schmerz. Ich zwinge mich zu langen, tiefen Atemzügen. Es funktioniert. Als ich mich einigermaßen beruhigt habe, schüttele ich mir den Schnee aus den Haaren und dem Kragen und mache wieder eine Bestandsaufnahme. Ich habe noch einen Ski am Fuß und einen Stock. Der andere lehnt an der Felswand. Ich humpele hin und packe ihn mit beiden Händen, die vom Adrenalin zittern. Okay. Das ist gut.
Wo aber ist der zweite Ski? Ich kann mit einem Stock fahren, nicht aber mit einem Ski. Wenn ich ihn nicht finde, bin ich am Ende.
Und dann sehe ich ihn. Die Spitze ragt etwa einen Meter über mir aus dem Schnee, der sich an der Felswand türmt. Ich seufze auf, schnalle meinen Ski ab und krieche an der weichen, rutschigen Seite der Rinne hoch, um den anderen herauszuziehen. Aber er steckt tief, die Bindung hat sich irgendwo verhakt, und ich fange an zu graben. Und plötzlich, wie aus dem Nichts, überkommt mich ein grauenhafter Flashback – der schlimmste seit jenen ersten schrecklichen Tagen, an denen ich jeden Morgen verschwitzt aus einem Albtraum aufgewacht bin.
Graben. Im Schnee graben. Wills Haare. Das Ende seines Skis. Sein kaltes, wächsernes Gesicht …
Plötzlich überkommt mich Übelkeit.
Ich zwinge sie hinunter.
Grabe weiter.
Der Schnee in seinen Wimpern, die erfrorene Nasenspitze …
Ich möchte schluchzen, darf es aber nicht. Ich kann es mir nicht leisten, noch mehr Lärm zu machen. Liz könnte ganz in der Nähe sein.
Die zerrissene Ecke seines Schals. Seine blauen Lippen –
Und dann habe ich den Ski. Die Bindung gibt nach, ich kann ihn herausziehen.
Ich zittere wie Espenlaub, als ich den Hang hinunterrutsche. Mir klappern die Zähne, und meine Hände flattern so, dass es mir nicht gelingt, sie durch die Schlaufen der Skistöcke zu stecken. Ich brauche sechs oder sieben Anläufe, bis die Schuhe endlich sicher in den Bindungen einrasten.
Als ich fertig bin, stehe ich da, stütze mich kraftlos auf die Stöcke, gönne meinen armen bebenden Muskeln eine Verschnaufpause. Ich bin mir nicht sicher, was mir am meisten zusetzt: der Schmerz, die Erschöpfung oder die Erinnerung daran, wie Will und Alex gestorben sind. Vielleicht auch alles zusammen. Aber ich darf mich nicht ausruhen. Ich darf nicht.
Ich höre ein Geräusch am Hang über mir. Es könnte ein Murmeltier sein oder herunterrieselnder Schnee, aber ich kann kein Risiko eingehen.
Also stoße ich mich mit den Stöcken ab und fahre vorsichtig in die Klamm hinein.