Snoop-ID: LITTLEMY
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Es ist schwerer, als ich mir jemals hätte träumen lassen. Damals sind wir die Strecke am Tag gefahren – die Sonne glitzerte auf den bereiften Bäumen und wurde vom Schnee unter unseren Füßen reflektiert. Ich weiß noch, wie ich ausgelassen lachend rasche Schwünge gefahren bin, wie ich über halb verschneite Felsblöcke gesprungen und Buckeln ausgewichen bin.
Von alldem ist jetzt nichts zu sehen. Aus der Dunkelheit tauchen unvermittelt Hinterhalte auf – Zweige, die mir ins Gesicht peitschen, schartige Felsen, die unvermittelt vor mir aufragen, sodass ich mit kaum erträglicher Wucht ausweichen muss. Mein Knöchel kreischt bei jeder Bewegung vor Schmerz auf.
Es hat jedoch auch sein Gutes, dass die Rinne tief verschneit ist. Der Neuschnee verlangsamt die Fahrt. Das ist mühsam, und ich habe ja keine Spuren, an denen ich mich orientieren kann, muss aber auch nicht ständig abbremsen. Als ich die Strecke zuletzt gefahren bin, war der Schnee hart von den Skifahrern vor mir. Ich konnte sehen, wo sie Schwünge gefahren waren oder sich verrechnet hatten und gegen einen Baum geprallt oder in einer Schneewehe gelandet waren. Dadurch wurde die Fahrt aber auch schnell und wild, und da die Strecke viel zu schmal ist, um richtige Schwünge zu fahren, musste ich mich vor allem darauf konzentrieren, auf ein sicheres Tempo runterzubremsen.
Das erübrigt sich in diesem Tiefschnee, dafür habe ich ein anderes großes Problem. Liz kann sich an meinen Spuren orientieren. Mehr noch, sie wird in meinen Spuren fahren, und dort ist der Schnee schon platt gedrückt. Das macht sie deutlich schneller.
Ich muss an Tempo zulegen. Allerdings könnte das tödlich enden.
Ich stoße mich mit den Stöcken ab, fahre um eine enge Biegung, wobei mein Knöchel schmerzhaft protestiert, rumple über einen verschneiten Eisbuckel. Der heftige Schmerz, der durch mein Bein schießt, lässt mich aufschreien, und ich schwanke und falle, pralle gegen die Felswand. Ein paar Minuten lang liege ich keuchend da, während mir Tränen heiß übers Gesicht laufen. Ich kann gar nicht fassen, wie weh es tut. Ich wage nicht, den Skischuh zu öffnen und nachzusehen, spüre aber meinen Puls im ganzen Bein. Keine Ahnung, ob ich nach dieser Fahrt je wieder auf Skiern stehen kann. Ob ich je wieder gehen kann.
Aber Liz hat drei Menschen getötet. Ich muss weiter.
Ich hole tief Luft und will mich am Skistock hochziehen, doch es geht nicht. Meine Muskeln zittern so sehr, dass es mir nicht gelingt – ich schaffe es nicht, mich zu zwingen, mein Bein aufs Neue zu belasten. Allein bei dem Gedanken erbebt mein ganzer Körper.
Dann höre ich etwas weiter oben in der Klamm. Einen Schrei, als hätte jemand einen Zweig ins Gesicht bekommen, gefolgt vom rauen Kratzen, mit denen Skier im Schneepflug bremsen.
Liz kommt. Und sie ist schon sehr nah.
Ich muss es schaffen. Ich muss es unbedingt schaffen.
Ich bohre meinen Stock in den Schnee und stemme mich schwitzend und zitternd hoch.
Und dann fahre ich weiter.