Snoop-ID: LITTLEMY
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»Littlemy?«, fragt Danny und schaut mir über die Schulter, als ich meinen nagelneuen User-Namen eintippe. »Was zum Teufel bedeutet das denn?«
»Das ist eine Figur aus den Mumins.«
»Den was?«
»Den Mumins! Das ist eine Serie von Kinder-… egal«, sage ich, als ich seinen ratlosen Gesichtsausdruck bemerke. »Wie heißt du denn?«
»Sag ich nicht«, erwidert er beleidigt. »Du könntest mich snoopen.«
»Du darfst also meinen Namen wissen, ich deinen aber nicht?«
»Tja, so schaut’s aus. Was hörst du denn?«
Ich klicke willkürlich auf ein Profil. NEVERMINDTHEHORLIX. Die App hat es von meiner Kontaktliste vorgeschlagen, und obwohl ich nicht genau weiß, wer sich dahinter verbirgt, tippe ich auf ein Mädchen, mit dem ich zur Schule gegangen bin. Come and Get Your Love von Redbone erfüllt den Raum. Von der Band habe ich noch nie gehört, kenne aber den Song.
»Da hat wohl jemand Guardians of the Galaxy gesehen«, murmelt Danny leicht verächtlich, doch seine Hüften zucken im Rhythmus der Musik, als er ans Fenster tritt und in den Schnee hinausschaut. Er dreht sich gleich wieder um, nimmt eine Champagnerflasche aus dem Kühler, der auf dem Beistelltisch steht, und lässt lautstark den Korken knallen.
»Sie kommen, ich kann die Bahn schon sehen.«
Ich nicke und stecke mein Handy in die Tasche. Keine Zeit zum Plaudern. Alle Mann auf Gefechtsstation.
Zehn Minuten später stehe ich in der offenen Tür des Chalet Perce-Neige, ein Tablett mit Gläsern in der Hand, und sehe zu, wie die kleine Gruppe schwankend von der Standseilbahnstation herunterschlittert. Keiner trägt geeignetes Schuhwerk, und sie haben keine Ahnung, wie man sich im Schnee bewegt – indem man kleine Schritte macht und das Gewicht nach vorn verlagert. Einer von ihnen, ein sehr gut aussehender Schwarzer, trägt etwas, das aussieht wie – ja, korrekt. Eine leere Flasche Krug. Na toll. Sie sind schon angeschickert.
Ein großer blonder Mann Anfang dreißig erreicht mich zuerst. Er ist attraktiv und weiß es auch.
»Hi. Topher. Gründer von Snoop«, sagt er und grinst aufgesetzt charmant, um mich zu umgarnen. Er riecht nach Alkohol, und seine Stimme klingt nach teurem Internat. Er kommt mir irgendwie bekannt vor, obwohl ich ihn nicht einordnen kann – vielleicht weil er genauso aussieht, wie man sich den Geschäftsführer eines hippen Internet-Start-ups vorstellt.
»Freut mich, Sie kennenzulernen. Ich bin Erin, Ihre Gastgeberin. Champagner?«
»Wenn Sie darauf bestehen …« Er nimmt ein Glas vom Tablett und kippt es in einem Zug hinunter. Ich nehme mir vor, beim nächsten Mal Prosecco in die Gläser zu gießen. So wie die trinken, schmecken sie den Unterschied ohnehin nicht.
»Danke.« Er stellt das leere Glas aufs Tablett und schaut sich um. »Tolle Location übrigens.«
»Danke, sie gefällt uns auch.« Die anderen trudeln allmählich ein. Eine hinreißend schöne Frau mit karamellbrauner Haut und weißblonden Haaren stakst vorsichtig durch den Schnee.
»Eva van den Berg«, sagt Topher, als sie uns erreicht. »Meine Komplizin.«
»Hi, Eva«, sage ich. »Freut uns sehr, Sie alle im Chalet Perce-Neige zu begrüßen. Möchten Sie Ihr Gepäck hierlassen und sich erst einmal aufwärmen?«
»Danke, das wäre toll«, sagt Eva. Sie spricht mit ganz leichtem Akzent. Hinter ihr rutscht einer der Männer im Schnee aus und beginnt leise zu fluchen, worauf sie unbekümmert über die Schulter ruft: »Halt die Fresse, Carl.«
Ich bin verblüfft, doch für Carl ist das offenbar nichts Neues, er verdreht nur die Augen, rappelt sich hoch und folgt seinen Kollegen ins Warme.
In der Lobby prasselt ein Feuer im großen Kachelofen. Die Gäste klopfen den Schnee von ihren Mänteln und reiben sich vor dem Ofen die Hände. Ich stelle das Tablett in Reichweite und rufe mir die Namen der Gäste und ihre Zimmernummern ins Gedächtnis. Ich schaue mich um, versuche Personen und Namen zu verbinden.
Eva und Topher hatte ich schon. Dann Carl Foster, der im Schnee ausgerutscht ist, ein stämmiger Typ Mitte vierzig mit Stoppelfrisur und angriffslustigem Blick, der munter seinen Champagner kippt, als wäre der Vorfall im Schnee schon vergessen. Vom Nachnamen her dürfte Miranda Khan die überaus elegante asiatische Frau neben der Treppe sein. Sie trägt High Heels und unterhält sich mit dem Typen, der inzwischen die leere Flasche Krug gegen ein volles Glas getauscht hat.
»Oh, Rik«, höre ich sie sagen. Flirtet sie? »Natürlich sagst du das.«
Rik Adeyemi. Ich hake im Geist den nächsten Namen ab. Das wären also fünf. Die übrigen vier Gäste sind schwieriger. Eine schlanke Frau Mitte zwanzig, kurze Haare mit getönten Spitzen, die aus unerfindlichen Gründen eine aufgerollte Yogamatte unter dem Arm trägt. Ein Mann von Anfang zwanzig, der mich stark an den jungen Jude Law erinnert. Er scheint Amerikaner zu sein, das habe ich gehört, als ich ihm eben Champagner angeboten habe. Hinter ihm steht ein Mädchen mit aufgeplustertem gelbem Haar, dessen Farbe unmöglich echt sein kann. So stellt man sich eine butterblumengelbe Pusteblume vor. Sie trägt eine riesige runde Brille und schaut sich verwundert um, wobei sie wie ein ganz besonders niedliches Küken wirkt. Sie muss Ani oder Tiger sein. Da man kaum weniger nach Tiger aussehen kann, tippe ich auf Ani.
Der letzte Gast ist ein großer Mann, der aus dem Fenster schaut, die Hände in den Taschen vergraben, als würde er sich nicht ganz wohl fühlen. Er wahrt Distanz zu den anderen Gästen, die zwanglos plaudern wie Menschen, die seit Langem zusammenarbeiten und einander gut kennen.
Nein, ich habe jemanden übersehen. Noch ein Gast hält sich abseits. Eine Frau Ende zwanzig, die sich in eine Ecke am Ofen drückt, als hoffte sie, dass keiner mit ihr redet. Sie ist dunkel gekleidet und verschmilzt mit den Schatten, sodass ich sie erst jetzt bemerke. Sie kauert fast dort, was extrem klingen mag, aber am besten auf ihre Haltung passt. Ihr Unbehagen steht in unübersehbarem Gegensatz zum Rest der Gruppe. Die anderen lachen und füllen ihre Gläser nach, statt sich erst, wie empfohlen, an die Höhe zu gewöhnen. Aber nicht nur in der Körpersprache unterscheidet sie sich von ihnen. Ihre Kleidung stammt eher von H&M als von Dolce & Gabbana, und ihre Brille sieht nicht aus wie ein Requisit aus einem Hollywood-Studio, sondern wie ein Kassengestell. Auch sie erinnert mich an einen Vogel, aber nicht an ein kuscheliges Küken. An ihr ist nichts niedlich. Diese Frau sieht eher aus wie eine Eule – eine gehetzte, panische Eule, die im Scheinwerferlicht eines Autos erstarrt ist.
Ich will gerade zu ihr gehen, um ihr ein Glas Champagner anzubieten, als ich sehe, dass keins mehr auf dem Tablett steht. Habe ich mich etwa verzählt?
Ich sehe mich um, zähle durch. In der Lobby befinden sich zehn Personen statt der angekündigten neun.
»Ähm … Verzeihung«, sage ich leise zu Topher, »wohnt jemand aus Ihrer Gruppe woanders?«
Er sieht mich verwundert an.
»Ich habe neun Gäste auf der Liste. Sie scheinen aber zu zehnt zu sein. Nicht dass es ein Problem wäre – wir können bis zu achtzehn Personen unterbringen –, aber es gibt nur neun Zimmer, und darum frage ich mich …«
Topher schlägt sich mit der Hand an die Stirn und dreht sich zu Eva.
»Scheiße.« Er spricht sehr leise, haucht die Worte geradezu. »Wir haben Liz vergessen.«
»Was?«, fragt sie gereizt, schüttelt den seidigen Vorhang ihrer Haare zurück und löst den langen Leinenschal, den sie um den Hals trägt. »Ich habe dich nicht verstanden.«
»Wir haben Liz vergessen«, sagt er jetzt mit mehr Nachdruck.
Ihr fällt die Kinnlade herunter, und sie schaut über die Schulter zu der Frau, die am Kamin steht. Dann haucht sie ebenfalls ein lautloses Scheiße in Richtung ihres Geschäftspartners.
Topher zieht uns beide in eine Ecke und winkt den jungen Jude Law dazu. Beim Näherkommen verschwindet die Ähnlichkeit, dafür verstärkt sich sein gutes Aussehen. Olivbraune Haut, markante slawische Wangenknochen und die außergewöhnlichsten topasblauen Augen, die ich je gesehen habe.
»Inigo«, zischt Topher, als sich der Junge nähert. »Wir haben Liz vergessen.«
Inigo schaut Topher verständnislos an, begreift dann, und die Farbe weicht aus seinem Gesicht.
»O Gott!« Amerikanischer Akzent, vielleicht Kalifornien, aber ich bin nicht besonders gut darin, Amerikaner zu verorten. Entsetzt schlägt er die Hand vor den Mund. »Topher, ich bin – ich bin so ein Idiot.«
»Es ist nicht deine Schuld«, sagt Eva in ätzendem Ton. »Topher hat sie vergessen, als er die Liste aufgestellt hat. Aber ausgerechnet –«
»Wenn du so verdammt effizient bist«, knurrt Topher mit zusammengebissenen Zähnen, »hättest du vielleicht ein bisschen Arbeit an Ani delegieren sollen, anstatt Inigo alles aufzubürden.«
»Schon gut«, werfe ich rasch ein. So sollte es nicht beginnen. Am ersten Tag stehen Ruhe und Entspannung auf dem Plan – im Whirlpool relaxen, vin chaud trinken und Dannys Küche genießen. Die profane Wirklichkeit soll erst wieder zum Vorschein kommen, wenn die PowerPoint-Präsentationen gestartet werden. »Ehrlich, wir können alle Gäste unterbringen. Es geht nur um die Verteilung der Räume. Wir haben neun Gästezimmer, also müssten sich zwei Personen ein Zimmer teilen.«
»Zeigen Sie mir mal die Liste«, sagt Topher stirnrunzelnd.
»Nein, zeigen Sie mir die Liste«, schnappt Eva. »Du hast das schon einmal versaut.«
»Na schön«, erwidert Topher gereizt. Eva fährt mit dem Finger die Liste entlang. Ich bemerke Brandlöcher in ihrem Pullover – er sieht aus, als hätte sie darin geschweißt, aber mein Instinkt sagt mir, dass sie ihn so gekauft hat und das vermutlich zu einem exorbitanten Preis.
»Liz könnte sich ein Zimmer mit Ani teilen«, schlägt Inigo vor, aber Eva schüttelt den Kopf.
»Definitiv nicht. Liz muss ein Einzelzimmer bekommen, sonst wird klar, was passiert ist.«
»Was ist mit Carl?«, murmelt Topher. »Der spielt sowieso keine Rolle. Er kann sich doch ein Zimmer teilen.«
»Aber mit wem? Rik wird das nicht wollen, oder? Und was Elliot angeht –« Sie deutet ruckartig mit dem Kopf auf den Mann, der mit dem Rücken zu den anderen steht.
»Auch wieder wahr«, sagt Topher hastig. »Das funktioniert nicht.«
Ihre Blicke wandern nachdenklich zu Inigo, der besorgt auf die Liste starrt, aber hochschaut, als er es spürt.
»Hab ich was verpasst?«
»Ja. Du teilst dir ein Zimmer mit Carl. Jetzt los, überbring ihm die Neuigkeit.«
Inigo macht ein langes Gesicht.
»Ich muss die Zimmer tauschen«, sage ich und überlege schon, in welches Zimmer ein zweites Bett passt. »Liz muss Inigos Zimmer nehmen, es ist allerdings das kleinste. Dann kann Miranda Carls Zimmer haben, und Carl und Inigo teilen sich Mirandas Zimmer. Da passt ein zusätzliches Bett rein.«
»Wo ist Miranda überhaupt?« Topher schaut sich um. Ich sehe zur Treppe. Rik redet jetzt mit dem flauschigen Küken – das muss also tatsächlich Ani sein –, und die große, elegante Miranda ist verschwunden. Eva seufzt.
»Verdammt, sie ist sicher nach oben in ihr Zimmer gegangen. Sie wird nicht begeistert sein über das Downgrade, aber da muss sie durch. Los, sagen wir es ihr, bevor sie auspackt.«
»Ich komme mit«, sage ich. »Jemand muss die Koffer umräumen.«
Hinter meinen Augen machen sich Kopfschmerzen bemerkbar. Diese Woche könnte sehr lang werden.