Snoop-ID: LITTLEMY
Hört: The Pixies/Where Is My Mind
Snooper: 8
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Ich weiß nicht, wie lange ich dort gelegen habe, Seite an Seite mit Liz in einer matschigen Pfütze aus schnell gefrierendem Blut. Ich weiß nur, dass ich völlig unterkühlt war, als die Rettungsmannschaft sich endlich mit der Trage durch die Schlucht gearbeitet hatte, und dass ich ihre Fragen nicht beantworten konnte.
Es war Dannys Stimme in meinem Ohr, die mir in diesen langen Stunden Mut zusprach. Er redete und redete und sagte mir, dass sie unterwegs seien, beschwor mich, durchzuhalten und nicht aufzugeben. Doch als die Rettungsmannschaft endlich eintraf und mir das Handy aus dem gefrorenen, mit blutigem Eis überzogenen Handschuh nahm, konnte er ihnen auch nicht erklären, was passiert war.
Erst zwei Tage später war ich endlich in der Lage, ihnen alles zu erzählen – warum das Chalet verlassen war, was die rätselhaften SMS bedeuteten und weshalb ich mich Hals über Kopf in die trügerische Klamm gestürzt hatte. Aber selbst ich konnte nicht alles erklären. Denn wie erklärt man einen Menschen wie Liz?
Etwas zu erklären, bedeutet ja, einen Beweggrund zu erkennen, ein Verhalten sinnvoll zu deuten, es in gewisser Weise zu rechtfertigen.
Und ich kann und will nicht rechtfertigen, was Liz getan hat.
Nach einigen Tagen werde ich aus dem Krankenhaus entlassen, kann aber nicht nach Hause. Zum einen, weil ich es nicht möchte – ich bin zweiundzwanzig. Ich will nicht zurück in mein Kinderzimmer mit den Fotos und Postern längst vergessener Bands, wo Will und Alex ständig knapp außerhalb meines Blickwinkels herumgeistern.
Zum anderen aber, weil ich es buchstäblich nicht kann. Die Polizei hat die Spurensicherung am Tatort, zu dem Perce-Neige geworden ist, noch nicht beendet und alle Betroffenen gebeten, in der Gegend zu bleiben, zumindest bis die vorläufigen Ermittlungen abgeschlossen sind. Verdächtigt werden wir offenbar nicht, weshalb wir theoretisch nach Großbritannien zurückkehren könnten, ohne juristisch belangt zu werden. Aber wir wissen, dass es sich nicht gut machen würde, wenn wir die Ermittlungen behinderten.
Ich kann natürlich nicht ins Chalet zurück, solange dort noch die Spurensicherung läuft, und bin daher erleichtert, als die Polizei mir anbietet, mich in einem Hotel in Saint-Antoine-le-Lac unterzubringen. Erst als ich dort eintreffe, eine Plastiktüte mit einigen persönlichen Sachen in der Hand, wird mir klar, was das bedeutet.
Denn man hat alle dort untergebracht. Topher. Rik. Miranda. Carl. Tiger. Sogar Inigo.
Als ich an die Rezeption trete, treffe ich tatsächlich als Erstes auf Inigo, und mir bleibt der Mund offen stehen.
»Inigo!«
Er versucht gerade, mit der französischsprachigen Empfangsdame über den Internetzugang zu diskutieren, und dreht sich um. Als er mich sieht, läuft er tiefrot an, beinah violett, was ihm nicht gerade schmeichelt. Sein außergewöhnlich gutes Aussehen ist so beeinträchtigt, dass er beinahe aussieht wie ein Normalsterblicher.
»Ähm, excusez-moi, bitte«, sagt er unbeholfen zu der Empfangsdame. »Un moment. Je – ich meine – ich muss – Gott, Erin, du musst ja – komm, ich nehme deine Tasche.«
Er deutet auf meine Krücke, meinen Knöchel in der Orthese, und greift nach der Plastiktüte, die ich in der anderen Hand halte.
»Schon gut«, sage ich lachend, obwohl die Situation nicht komisch ist. »Meinem Knöchel geht es gut. Ich meine – nicht wirklich gut, er ist gebrochen, aber mit dem Ding hier kann ich wieder laufen.«
»Trotzdem«, sagt er unglücklich. Er führt mich zu einer Samtcouch im Siebziger-Jahre-Stil, die in der Ecke des Empfangsbereichs steht, und wir setzen uns und schauen uns an wie verlegene Talkshowgäste. Erst jetzt bemerke ich, dass er ein chirurgisches Pflaster an der Stirn und zwei blaue Augen hat. Ist er in eine Schlägerei geraten? »Erin, du musst gedacht haben – du musst denken – ich meine, Gott, ich war so ein Idiot. Es tut mir leid. Es tut mir so schrecklich leid.«
»Was tut dir leid?«, frage ich verblüfft.
»Dass ich einfach abgehauen bin und euch zurückgelassen habe! Ich hatte keine Ahnung, dass Liz – dass sie –«
»Inigo, das war doch nicht deine Schuld!«
»Und ob. Ich meine, nicht Liz – aber wenn ich mich am Telefon nicht so dämlich angestellt hätte, könnte Ani noch, sie könnte noch –«
Er hält inne, und ich begreife, dass er den Tränen nah ist und verzweifelt versucht, sich zu beherrschen. Ich habe keine Ahnung, wovon er redet. Was war denn mit dem Telefonat? Warum ist er weggelaufen?
»Inigo, ich habe keine Ahnung, wovon du sprichst«, sage ich behutsam. »Was ist passiert? Hast du den Anruf doch nur vorgetäuscht? Warum?«
»Was?« Jetzt wirkt er verblüfft. »Nein! Gott, nein! Wie kannst du so was denken?«
»Warum bist du denn dann weggelaufen?«
»Das habe ich euch doch gesagt! Ich habe eine Nachricht hinterlassen – weil ich einen so dummen Fehler begangen hatte.«
Ich unterdrücke einen gereizten Seufzer und frage mich nicht zum ersten Mal, ob Inigo überhaupt als persönlicher Assistent zu gebrauchen ist. Wie hat Topher das nur ausgehalten?
»Ja, aber du hast nicht geschrieben, was für ein Fehler das war«, sage ich. »Wir haben alle gedacht –« Und dann halte ich inne. Inigo errötet wieder, noch stärker als eben, fasst sich aber.
»Ich weiß. Ihr habt alle gedacht, dass ich es war. Dass ich deswegen wegmusste – um es wiedergutzumachen. Der Fehler – Gott, ich war so dämlich. Ich habe der Polizei gesagt, wir wären im Chalet Blanche-Neige.«
Einen Moment lang begreife ich nicht, was er meint. Dann steht mir plötzlich die Szene wieder vor Augen, ich höre Inigo mit der Polizei telefonieren. »Ja … okay … Chalet Blanche-Neige.«
Blanche-Neige – Schneewittchen. Perce-Neige – Schneeglöckchen. Ein Fehler, der einem durchaus unterlaufen kann, wenn man nicht Französisch spricht. Aber ein Fehler, der für Ani tödlich ausgegangen ist. Oh, Inigo, du Idiot.
»Ich kenne das Chalet Blanche-Neige«, sage ich langsam. »Es ist etwa fünfzehn Kilometer entfernt, auf der anderen Seite des Tals. Darum ist die Polizei nicht gekommen. Du hast ihnen den falschen Ort genannt.«
Inigo nickt niedergeschlagen.
»Es war so ein scheißdämlicher Fehler. Am nächsten Tag wurde mir klar, was ich angerichtet hatte. Ich habe immer wieder versucht, die Polizei zu erreichen, bekam aber keine Verbindung«, sagt er geknickt. »Da wusste ich, dass ich in den Ort runterfahren musste, um der Polizei persönlich mitzuteilen, was passiert war und wo wir uns befanden. Also bin ich los. Ich weiß, dass es blöd war, aber ich habe mich so geschämt und wollte es wiedergutmachen. Hätte ich es euch gesagt, hätte jemand mitkommen wollen. Und ich wollte niemanden in Gefahr bringen, nur weil ich einen Fehler gemacht habe. Aber stattdessen –« Er schluckt, und Tränen treten in seine Augen. Ich weiß, dass er genau wie ich an Elliot und Ani denkt, die beide noch leben könnten, wenn die Polizei an jenem Nachmittag ins Chalet gekommen wäre. »Stattdessen habe ich mich verirrt, bin gegen einen Baum gefahren und im Krankenhaus aufgewacht.« Er berührt das Pflaster an seiner Stirn. Jetzt bemerke ich auch die raue Haut an Wangen und Fingern, die Kälteschäden an seinen Ohren. »Hätte ich nur nicht –« Ihm versagt die Stimme. »Hätte ich nur nicht –«
»Inigo, du konntest das nicht wissen«, sage ich sanft. »Es war ein Versehen – einfach ein schrecklicher Fehler.« Genau das haben mir die Leute auch gesagt, monate- und jahrelang. Dass ich nicht wissen konnte, was passieren würde, als ich vorgeschlagen hatte, abseits der Piste zu fahren. Dass es nicht meine Schuld gewesen sei. Dass es ein Fehler gewesen sei – einfach ein schrecklicher Fehler.
Dieser Zuspruch war mir immer nichtssagend vorgekommen. Nun aber erscheint es mir plötzlich lebenswichtig, dass Inigo es glaubt.
»Es ist nicht deine Schuld«, sage ich so eindringlich wie möglich. Ich berühre seine Hand, spüre die rauen, mit Blasen übersäten Finger. Inigo zuckt zusammen, aber dann schaut er mich an und lächelt schwach. Ich weiß nicht, ob er mir glaubt. Vielleicht. Vielleicht auch nicht.
Ani und Elliot könnten noch am Leben sein, wenn Inigo den richtigen Namen genannt hätte. Aber das hat er nicht.
Vielleicht wird er lernen, mit dem zu leben, was geschehen ist.
Wie ich es getan habe.
Wie ich es immer noch tue.