Snoop-ID: LITTLEMY
Hört: offline
Snoopscriber: 160
Es ist totenstill, als Topher den Laptop zuklappt und wieder wegsteckt. Carl meldet sich als Erster zu Wort.
»Scheiße, was haben wir da gerade gesehen?«
»Ich glaube …«, sagte Miranda sehr leise, aus ihrem Gesicht ist die Farbe gewichen. »Ich glaube, wir haben gesehen, wie Liz jemanden ermordet hat.«
»Darum wurde Eva umgebracht«, sagt Topher mit rauer Stimme. »Es kann nicht anders sein, oder? Liz muss gewusst haben, dass sie es wusste.«
»Aber – das ergibt doch keinen Sinn«, erwidert Miranda verwirrt. »Warum sollte Liz Eva töten, wenn sie wusste, dass es das Video gab?«
»Vermutlich hat sie es nicht gewusst«, sagt Topher. Er sieht unglaublich erschöpft aus; Falten haben sich in sein Gesicht gegraben und lassen ihn zehn Jahre älter aussehen.
»Das stimmt«, sage ich. Meine Worte fallen in die Stille wie Steine in einen Brunnen, und alle sehen mich erstaunt an.
»Du kennst die Geschichte?«, fragt Miranda, und ich nicke zögernd.
»Liz hat es mir gestanden, bevor –« Ich halte inne, bringe es nicht über mich, auszusprechen, was passiert ist, obwohl ich mit der Polizei längst alles durchgegangen bin: die endlose Nacht, die Tabletten im Wasserkessel, die albtraumhafte Jagd in der Dunkelheit, ihr grauenhafter, einsamer Tod. »Bevor ich geflohen bin«, sage ich unbeholfen.
»Sie hat kaltblütig einen Mann getötet«, sagt Carl, und seine Stimme ist ganz ausdruckslos vor Erschütterung.
»Er hat sie sexuell belästigt«, sagt Miranda steif. Ich bekomme die anschließende Diskussion nicht mit, weil mir etwas ganz anderes durch den Kopf geht.
Wer hat das gefilmt? Und warum?
Es gibt nur eine Erklärung: Es muss Eva gewesen sein. Liz zufolge war außer ihnen dreien niemand in der Wohnung. Eva muss sich in der Wohnung versteckt und durch das geschlossene Fenster gefilmt haben. Es ist die einzige sinnvolle Erklärung, und sie passt zu Liz’ Beschreibung der Ereignisse: dass Eva sich entschuldigt hatte, um auf die Toilette zu gehen, und es unmittelbar danach zu diesem Vorfall gekommen war.
Aber … ich zähle eins und eins zusammen, während um mich herum die Diskussion tobt, Mirandas schrille Stimme Carls dröhnenden Bass übertönt. Warum hätte Eva es filmen sollen? Es sei denn, sie wusste oder ahnte, dass er Liz belästigen würde.
Und dann fällt mir ein, was Eva laut Liz einmal gesagt hatte. Außerdem ist sie Norlands Typ. Er mag sie gerne jung.
Hatte Eva Liz absichtlich dorthin gelockt, wohl wissend, dass Norland sie bedrängen würde, wohl wissend, dass Liz sich gegen ihn wehren würde und dann … was dann?
Die Puzzleteile fügen sich mit unerbittlicher Endgültigkeit zu einem Bild.
Dann besäße Eva ein Video, auf dem ein potenzieller Geschäftspartner ihre Angestellte sexuell belästigt.
Sie hätte ihn genau dort, wo sie ihn haben wollte.
Eva war eine Erpresserin gewesen – das wusste ich bereits. Aber diese grausame, berechnende Inszenierung ist bei Weitem schlimmer als alles, was ich mir ausgemalt habe.
Sie hatte Liz wie ein Lamm zur Schlachtbank geführt. Ohne allerdings zu ahnen, dass Liz kein Lamm war.
Es ist so, wie Liz gesagt hatte: Bei Snoop hatten sie alle unterschätzt.
Nun, das war ein Fehler gewesen. Und dieser Fehler hatte Eva das Leben gekostet. Und Norland. Und jetzt auch Liz.
»Sie wusste es«, sage ich leise. Zuerst hören sie mich nicht, der Streit läuft über meinen Kopf hinweg weiter, doch dann fragt Tiger plötzlich:
»Was hast du gesagt, Erin?«
»Sie wusste es.« Als ich den Satz wiederhole, verstummen die anderen, sodass meine Worte wie kleine Bomben in die Stille hinein explodieren.
»Wer? Liz?«
»Eva. Sie wusste, dass der Typ sich an Liz heranmachen würde. Darum hat sie auch gefilmt. Sie hat es dir gesagt, Rik, erinnerst du dich? Außerdem ist sie Norlands Typ. Er mag sie jung.«
Rik sagt nichts, doch sein Gesichtsausdruck spricht Bände. Er erinnert sich nur zu genau. Und begreift, worauf ich hinauswill. Doch die anderen wissen davon ja nichts.
»Sie hat Liz aufgetakelt und mit in seine Wohnung genommen, wohl wissend, dass Norland sie bedrängen und Liz in Panik geraten würde. Und Eva hätte das alles auf Video.«
Carls Gesicht ist aschfahl. »Sie hat mal so was fallen lassen, als ich gefragt habe, warum sie die Investoren so gut breitschlagen kann. Sie sagte, jeder hätte einen Knopf, man müsste ihn nur finden und so fest wie möglich drücken, auch wenn sie quieken.«
»Das Video sollte auf Norlands Knopf drücken«, sage ich. »Nur ist es anders gelaufen als erwartet.«
»Und die ganze Zeit«, sagt Tiger leise. »Die ganze Zeit hatte sie Liz damit in der Hand. Was machen wir jetzt?«
»Was können wir denn machen?« Topher ist aufgestanden und fährt sich durch die Haare. »Scheiße, das ist furchtbar – diese verdammte Datei. Und es geht ja nicht nur um Liz. Sie hatte Zeug über alle möglichen Leute. Das ist eine tickende Zeitbombe.«
»Weiß Arnaud davon?«, fragt Rik. Topher schüttelt den Kopf.
»Nein, ich habe ihm nicht gesagt, was in dem Ordner ist. Falls es herauskommt, ist Snoop am Ende. Eine Firma, die darauf gegründet ist, dass sie ihre Investoren erpresst? Wir hätten Evas Tod überstehen können, selbst die Enthüllungen über Liz. Aber wenn das hier herauskommt, gehen wir alle unter.« Er sieht Rik an. »Das meine ich wirklich ernst. Uns beiden könnte eine Gefängnisstrafe drohen. Wie sollen wir beweisen, dass wir nichts davon gewusst haben?«
»Aber wir können es doch nicht unter den Teppich kehren!«, ruft Tiger entsetzt. »Topher, was willst du damit andeuten? Dass wir so tun, als hätten wir das alles nie gesehen?«
»Ich sage nur –« Topher klingt verzweifelt. Er rauft sich wieder die flachsblonden Haare, sieht aus, als würde er wahnsinnig werden. »Ich sage nur, was hätte es für einen Sinn, das alles ans Licht zu zerren? Eva ist tot. Liz ist tot. Norland ist tot. Niemand kann zur Rechenschaft gezogen werden. Wir würden nur Arnaud und Radisson damit wehtun.«
»Und Snoop«, sagt Tiger vorwurfsvoll. »Denn darum geht es dir in Wahrheit, oder? Nicht um Arnaud, du willst nur deinen Posten sichern.« Ihre sonst so gelassene Stimme klingt jetzt schrill vor Zorn und Bestürzung. »Was ist mit Liz?«
»Liz ist eine Mörderin!«, schreit Topher.
»Sie ist ein Opfer!«
»Sie ist eine verdammte Psychopathin«, stellt Carl nüchtern fest. »Ich meine, sie war es.«
Es herrscht tiefes Schweigen, während wir darüber nachdenken.
Denn die Sache ist die. Liz war tatsächlich ein Opfer. Und genau wie sie gesagt hatte, hatte sie nichts von alldem je gewollt. Sie war nur ein armes, verwirrtes Mädchen, das zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen war. Aber ich kann ihn nicht vergessen, jenen zweiten, zusätzlichen Stoß. Und ich kann Ani nicht vergessen, die kleine vertrauensselige Ani. Topher, Carl, Tiger – vielleicht hat jeder auf seine Weise recht. Vielleicht war Liz tatsächlich beides.