Snoop-ID: ANON101
Hört: offline
Snoopscriber: 0
Beim Empfang ist irgendetwas schiefgegangen. Was, weiß ich nicht, aber ich habe gesehen, wie Eva, Topher und Inigo mit dem Mädchen vom Chalet in einer Ecke die Köpfe zusammengesteckt haben. Und ich habe meinen Namen gehört, ganz sicher. Die haben über mich geredet. Geflüstert.
Ich kann nur noch daran denken, was sie wohl gesagt haben und warum sie zu mir herübergesehen und was sie ausgeheckt haben.
O Gott, wie ich das alles hasse.
Nein, das stimmt nicht. Ich hasse nicht alles. Dieser Ort – dieses unglaubliche Chalet mit dem Pool und der tollen Aussicht und den Samtsofas und Überwürfen aus Schaffell –, das ist ein wahrer Traum. Ich glaube nicht, dass ich je in einem so luxuriösen Haus gewesen bin, jedenfalls nicht, seit ich bei Snoop aufgehört habe. Wenn ich allein wäre, wäre ich absolut glücklich, mehr als glücklich sogar. Ich müsste mich kneifen.
Nein, ich hasse sie.
Als ich endlich allein in meinem Zimmer bin, lasse ich mich auf die von Hand genähte Patchworkdecke fallen, lege den Kopf aufs Daunenkissen und schließe die Augen.
Eigentlich sollte ich das Zimmer erkunden, das prachtvolle Bergpanorama bewundern, die Wellness-Features im Bad ausprobieren, mich glücklich schätzen, hier zu sein. Doch das tue ich nicht. Stattdessen liege ich hier und lasse den schrecklich peinlichen Moment da unten wieder und wieder vor meinem inneren Auge ablaufen. Dabei müsste ich daran gewöhnt sein, dass sie mich vergessen, mich als selbstverständlich betrachten, ignorieren. Das habe ich bei Snoop ein ganzes Jahr lang mitgemacht. Ein Jahr, in dem die anderen nach der Arbeit einen trinken gingen, ohne mich dazuzubitten. Zwölf Monate lang »Oh, Liz, würdest du einen Tisch für vier im Mirabelle reservieren?«, wohl wissend, dass ich nicht zu diesen vier gehörte. Ein ganzes Jahr lang unsichtbar. Und es war in Ordnung – sogar mehr als das. Ich hatte mich eigentlich ganz wohl gefühlt.
Jetzt, drei Jahre später, ist alles anders. Ich bin sehr, sehr sichtbar. Ich finde Tophers und Evas Aufmerksamkeit und ihr aufgesetztes Bemühen viel schlimmer, als ignoriert zu werden.
17:28 Uhr französischer Zeit. Mir bleiben noch etwa neunzig Minuten bis zum Abendessen. Anderthalb Stunden, in denen ich mich waschen und umziehen und versuchen kann, irgendetwas in meinem Koffer zu finden, in dem ich nicht wie ein Mauerblümchen aussehe. Vor allem neben Evas neuer Assistentin und diesem Tiger-Mädchen aus dem Marketing.
Mit Eva und der anderen Frau in den High Heels – wie heißt sie doch gleich? Miranda? – kann ich es erst recht nicht aufnehmen. Sie spielen in einer anderen Liga, auch finanziell. Eva war Model und hat schon vor dem Senkrechtstart von Snoop mehr Geld für Schuhe ausgegeben, als ich im Monat verdiene. Ich habe immer gewusst, dass wir auf unterschiedlichem Niveau leben. Aber es wäre nett, wenn ich beim Abendessen wenigstens so aussehen könnte, als wäre ich kein Fremdkörper.
Ich öffne den Reißverschluss meines verbeulten Rollkoffers und wühle in den Kleiderschichten, die ich heute früh hineingestopft habe. Mittendrin finde ich schließlich ein brauchbares Kleid. Ich ziehe es über den Kopf und stelle mich vor den Spiegel, streiche es glatt, betrachte mich. Das Kleid ist schwarz und aus Stretchstoff, und ich habe es gekauft, weil in Elle stand, dass jede Frau ein kleines Schwarzes braucht, und dieses das billigste in dem Beitrag war.
Doch irgendwie sieht es nicht aus wie auf dem Foto. Es ist zerknautscht, und obwohl ich es nur zwei- oder dreimal getragen habe, pillt das Material unter den Armen. Es sieht abgegriffen aus, wie von einem Wohltätigkeitsbasar. Am Rücken scheinen Katzenhaare zu kleben, dabei habe ich gar keine Katze. Vielleicht sind es Fusseln von meinem Schal.
Ein Mädchen wie Tiger würde das Kleid vermutlich secondhand kaufen, mit etwas Lächerlichem wie einem Kettenhemd und Bikerstiefeln kombinieren und aussehen, als hätte das Outfit eine Million gekostet.
Trüge ich hingegen ein Kettenhemd, würde ich mir die Haut unter den Armen einklemmen und beim Gehen klirren, und Fremde würden mich auslachen und sagen »Unterwegs zum Turnier, Kleine?«. Es würde rosten, wenn ich schwitze, und Flecken auf der Kleidung darunter hinterlassen, und ich würde mich noch mehr hassen, als ich es ohnehin schon tue.
Ich stehe noch da und starre mich ausdruckslos im Spiegel an. Da klopft es.
Ich fahre zusammen. Ich kann ihnen nicht gegenübertreten. Keinem von ihnen.
»Wer – wer ist da?« Meine Stimme kiekst.
»Hier ist Erin, Ihre Gastgeberin«, klingt es leise durchs Holz. »Ich wollte mich nur vergewissern, ob Sie alles haben, was Sie brauchen.«
Ich mache die Tür auf. Vor mir steht das Mädchen, das uns vorhin empfangen hat. Ich hatte vorhin keine Gelegenheit, sie genauer anzusehen, das hole ich jetzt nach. Sie ist hübsch und sonnengebräunt, mit schimmernden kastanienbraunen Haaren. Sie trägt eine ordentliche weiße Bluse, die in einer dunkelblauen Jeans steckt. Sie wirkt beherrscht und selbstsicher, ganz im Gegensatz zu mir.
Nur eins passt nicht ins Bild – die dünne rosa Narbe, die über ihren rechten Wangenknochen läuft und in den Haaren verschwindet. Sie wird gedehnt, als Erin lächelt, und ich bin, nun ja, überrascht. Eigentlich sieht sie aus wie eine Frau, die so etwas mit Make-up abdecken würde.
Am liebsten würde ich fragen, woher die Narbe stammt, aber mit so etwas kann man ja nicht einfach herausplatzen. Früher hätte ich es getan. Aber ich habe auf die harte Tour gelernt, dass man Leute vor den Kopf stößt, wenn man so direkt ist.
»Hi«, sagt sie immer noch lächelnd. »Ich bin Erin. Ich wollte nur nachsehen, ob mit Ihrem Zimmer alles in Ordnung ist. Um 18:45 Uhr gibt es in der Lobby einen Aperitif, im Anschluss eine kurze Präsentation.«
»Was für eine Präsentation?« Ich zupfe am Saum des Kleides. »Über den Skiort?«
»Nein, eine geschäftliche Präsentation, nehme ich an. Steht sie nicht in Ihrem Programm?«
Ich wühle im Koffer und hole den gefalteten Zettel heraus, den Inigo mir vor einigen Tagen gemailt hat. Ich habe ihn praktisch in jeder freien Minute studiert und mir ausgemalt, wie die Woche wohl ablaufen wird. Daher weiß ich ganz genau, dass für den ersten Abend nichts geplant ist, muss mich aber vergewissern. Vielleicht werde ich ja verrückt?
»Da steht nichts von einer Präsentation«, sage ich und kann einen vorwurfsvollen Tonfall nicht unterdrücken.
Das Mädchen zuckt mit den Schultern.
»Vielleicht wurde sie in letzter Minute hinzugefügt. Ihre Kollegin – Ani, ist das richtig? Sie hat mich gebeten, den Projektor aufzustellen.«
Es liegt mir auf der Zunge zu sagen, dass Ani nicht meine Kollegin ist. Wir haben nie zusammengearbeitet. Eigentlich kenne ich nur Rik, Elliot, Eva und Topher, das Gründungsteam. Aber ich sage nichts, weil ich darüber nachdenke, was das nun wieder zu bedeuten hat.
Ani ist Evas Assistentin. Also muss Eva die Präsentation ausgebrütet haben. Und ich kenne keinen Menschen, der strategischer an die Dinge herangeht als Eva. Sie würde niemals versehentlich einen Programmpunkt vergessen. Was wiederum bedeutet, dass sie ihn absichtlich weggelassen hat. Sie führt etwas im Schilde.
Aber was?
»Wissen Sie, worum es dabei geht? Bei der Präsentation, meine ich.«
»Leider nicht. Ich weiß nur, wann es losgehen soll. Aperitif um 18:45 Uhr, Präsentation um 19 Uhr.«
»Was soll ich bloß anziehen?« Eigentlich will ich das nicht fragen, gerate allerdings so langsam in Verzweiflung.
Das Mädchen lächelt, aber ich lese auch Verwunderung in ihren Augen.
»Hier geht es sehr zwanglos zu, niemand kleidet sich groß fürs Abendessen um. Ziehen Sie einfach an, worin Sie sich wohl fühlen.«
»Aber genau das sagen sie doch immer!«, bricht es unwillkürlich aus mir heraus. »Sie sagen, zieh an, was dir gefällt, und dann gehe ich hin, und es gibt einen geheimen Dresscode, den alle außer mir zu kennen scheinen. Entweder bin ich zu elegant, und die anderen tragen alle Jeans, und dann sehe ich aus, als hätte ich mich zu sehr bemüht. Oder ich trage was Legeres, und die kommen alle in Anzug und Kleid. Es ist, als wüssten alle Bescheid, nur ich nicht!«
Kaum sind die Worte heraus, möchte ich sie am liebsten zurücknehmen. Ich fühle mich nackt und unglaublich bloßgestellt. Doch es ist schon zu spät.
Sie lächelt wieder. Ihr Gesichtsausdruck ist freundlich, aber auch mitleidig. Mir schießt das Blut in die Wangen, mein Gesicht wird rot und heiß.
»Es geht wirklich sehr zwanglos zu. Ich bin mir sicher, die meisten ziehen sich gar nicht um. Sie werden reizend aussehen, egal was Sie tragen.«
»Danke«, sage ich unglücklich. Meine es aber nicht. Sie lügt, und das wissen wir beide.